Sonntag den 18, Februar
1900
Rtirtagl.
Anrts- und Anzeigeblntt für den llrets Gieren
Alle Anzeigm-VermittlungSstellen deS In- und Äugt anbei nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen, ZeileupreiS: lokal 12 Pfg., anSwLrtS 20 Pfg.
Hebelttoe, Expedition und Druckerei: Ichnlfiraße Ar. 7.
sperre angeordnet worden.
Gießen, den 17. Februar 1900. Großh. Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Sichen" mit 19 Mitgliedern.
„OrtSgewerbeverein zu Grünberg" mit 31 Mitgliedern.
„Ortsgewerbeverein zu Hungen" mit 34 Mitgliedern.
„Ortsgewerbeverein zu Lich" mit 45 Mitgliedern.
„Ortsgewerbeverein zu Lollar" mit 44 Mitgliedern.
„Gewerbeverein Rabenau zu Londorf" mit 38 Mitgliedern.
Die festgestellten Bestandslisten liegen in der Zeit vom 20. Februar bis zum 5. März d. Jrs. in dem Geschäfts« zimmer unseres Bureauvorstehers zur Einsichtnahme offen. Beschwerden gegen die Feststellungen sind bei Meidung des klug schlaffes innerhalb der gleichen Frist bei uns anzu-
Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der heMhe Landwirt, Klätler für hegifthe Volkskunde._________________
* Deutscher und Pole.
Gießen, den 17. Februar 1900.
Zum ersten Male wohl, seitdem der deutsche Reichstag besteht, hat ein Volksvertreter einen politischen Gegner zum Zweikampf herausgefordert. So häufig auch von den fran- zösichen Abgeordneten gemeldet wird, daß sie mit Grazie inb ohne Blutdurst sich daran vergnügt haben, Löcher in die Natur zu schießen oder ihren Degen in grimmigen Ge- bfrbien und doch mit kindlich reiner Seele zu wetzen, so hat N1 der deutsche Volksvertreter einen so heiligen Respekt 3or den Landesgesetzen und eine so tiefe Abneigung gegen Las „Speetacul" des Zweikampfes, daß er statt des Degens
In Obbornhofen ist in 5 Gehöften die Maul- und Llauenseuche ausgebrochen und Gehöft- sowie Gemarkungs-
Ibrefie für Depeschen: Anzeiger Ktetzen« Fernsprecher Nr. 51.
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Herr Hahn war einst einer der Gründer >es Vereins deutscher Studenten, keine seiner Thaten oder Reden läßt einenZweifel an feiner nationalen Gesinnung zu. Herr Szmula aber hat noch niemals auf dem Gipfel des Kyff* Häuser flammende Rede auf Deutschlands Macht und Größe gehalten, wohl aber hat er allen Anträgen zugestimmt, die das nationale Empfinden der Deutschen verletzten. Und überdies hat das Polentum — wir sprechen es nicht ohne Widerstreben aus — noch nie im geschichtlichen Leben als ein sicherer Hüter der politischen Aufrichtigkeit, der Ehrlichkeit, gegolten. Wohl aber ruft sein Name die Erinnerung an ungezählte Jntriguen wach, die wohl kaum jemals gesponnen wurden, um dem Deutschen Reiche förderlich und dienlich zu sein.
Herr Szmula hat das Vertrauen eines Andern mißbraucht, das steht außer Zweifel. Schon deshalb, wenn nicht andere Gründe sprächen, würden wir der Versicherung Hahns stärkeren Glauben beimessen, als den Erklärungen seines Gegners. Was zwang ihn denn zu dem Vertrauensbruch, wenn anders er nicht einen politischen Gegner schädigen wollte? Herr Hahn ist überdies Deutscher, Herr Szmula aber Pole. Wir glauben dem Landsmann und nicht dem Feinde. Herr Hahn hat jetzt Herrn Szmula vor die Pistole gefordert, Herr Szmula hat als Katholik, wie es heißt, die Forderung abgelehnt, er hat nach dem studentischen Ausdruck, „gekniffen." Das mag ihm Bebels und der befreundeten Kapläne Bewunderung eintragen, aber andere Leute empfinden noch immer anders. Sogar Graf Badeni hat mit Wolff Pistolenschüsse gewechselt, und der Papst hat ihn von zeitlichen und ewigen Strafen freigesprochen. Ob der Papst nicht auch für Herrn Szmula einen Ablaßzettel bereit hätte, wenn er den Gang auf die grüne Haide wagte? Als Bismarck sein Duell mit Herrn v. Vincke hatte, reichte ihm der Hofprediger Büchsel das Abendmahl und sprach vor dem ersten Schuß ein Gebet mit ihm. Es ist noch gar nicht lange her, da schoß Herr v. Kiderlen-Wächter, der jetzt Gesandter ist, Herrn Polstorff eine Kugel durch die Lunge. Die Abneigung gegen den Zweikampf ist noch keineswegs Allgemeingut geworden. Indem Herr Szmula sich mit frommer Miene von ihm lossagt, bestärkt er keineswegs die Bewunderung für die Unanfechtbarkeit seiner Auffassung von Welt und Leben und Pflicht. Und indem er den lauten Beifall vieler Organe erntet, macht er den unbefangenen Zuschauer geradezu ängstlich: Von mancher Presse gelobt zu werden, sollte weher thun, als ein Tiefquart oder ein Schuß aus der gezogenen Pistole auf zehn Schritt Barriere.
Die Gießener
»erden dem Anzeiger tzn Wechsel mit .Hess, ienbretrt" ■- Mütter Mr heff. Volkskunde* »1chtl.4mal beigelegt.
Herr Alexander Meyer bot auch wohl einem Antisemiten schäkernd die Schnupftabaksdose, Das hat für den politischen Kamps sein Gutes, es nimmt ihm das Persönlich- Gehässige, es erinnert wieder an das Gesetz des alten deutschen Gastrechts, daß man nichts Böses gegen den im Schilde führen soll, mit dem man den Trinkbecher leert.
Das vertrauliche Wort gehört nicht in die Oeffentlich- keit, ob nun der Wein schon die Zungen gelöst hat oder nicht. Gilt doch gerade von solchen Privatgesprächen der Satz, daß der Ton die Musik macht. Durch falsche Betonung kann man aus einer Tragödie eine Posse machen und der heuchlerische Satz des Franz Moor: „Seid ihr auch wohl, mein Vater" wird zu einem groben Verstoß gegen die Vorschrift des Code Napoleon, daß die Frage nach der Vaterschaft verboten sein soll, sobald man das Komma wegläßt. Jetzt versichert Herr Szmula mit der Grabesstimme edelster Entrüstung, Herr Hahn habe ihn scharf machen wollen gegen die „häßliche" oder „gräßliche" Flotte, er solle versuchen, „möglichst viel Mitglieder des Zentrums gegen die Flotte zu kriegen". Es ist Herrn Szmula, der ja als Pole nicht verpflichtet ist, in die Fein- heiten der deutschen Sprache zu bringen, augenscheinlich entgangen, daß eine so saloppe Ausdrucksweise, wie er sie mit seinem Ehrenworte bezeugt, einem deutschen Manne von akademischer Bildung auch dann nicht zuzutrauen ist, wenn sich der Schwarm schon verlaufen hat zur mitternächtigen Stunde; es ist ihm aber auch entgangen, daß in dieser Form schwerlich Staatsaktionen unternommen werden und daß an sich schon die Wahrscheinlichkeit für die Behauptung seines Gegners spricht, daß er Herrn Szmula nur zugerufen habe: „Wenn Ihnen die Flotte so gräßlich ist, so stimmen Sie doch dagegen." Und Herr Szmula ist auch darüber sich nicht ganz klar geworden, daß es sich nicht schickt, private Aeußerungen politisch zu verwerten; dem Reinen ist alles rein.
Und Herr Szmula ist rein wie ein Engel. Fast die ganze „deutsche" Presse tritt für ihn ein. Er ist ja Cen- trumSmann, und er ist Pole, und wer an seiner Tugend zweifelt, dem geht es, wie einst dem Dr. Peters, als er gegen den Prinzen Arenberg auftrat. Wir freilich sind der ketzerischen Meinung, daß, wenn das Wort eines Polen und eines Deutschen sich gegenüberstehen, bis zum strikten Beweis des Gegenteils ausschließlich das Wort des deutschen Mannes Glauben verdient.
Herr Szmula ist ein eifriger, vielleicht der eifrigste polnische Agitator, die Thätigkeit des Bundes der Landwirte ist ihm in hohem Maße fatal, und der Wunsch, ihn aus seinem Wahlkreise fernzuhalten, begreiflich. Aber nicht immer heiligt der Zweck das Mittel, auch wenn Herr Szmula anderer Meinung ist.
Gießener Anzeiger
Heneral-Unzeiger
hin gen.
Gießen, den 16. Februar 1900. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
8etr.: Maul- und Klauenseuche in Obbornhofen.
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Lokales und Provinzielles.
Gießener Nudergefellfchafl. In der General-Versammlung vom 6. Februar wurden folgende Herren für das Jahr 1900 in den Vorstand gewählt: Jean Kirch, Ehren-Borsitzender, A. Scheel, 1. Vorsitzender, Georg Schminke, 2. Vorsitzender, E. Challier jr., H. Her- linger, Schriftführer, A. Wittich, Kassenwart, C. Krai- ling jr., L. Lotz jr. Ruderwarte, Rich. Wallenfels, BootSwart, E. Balser, L. Petri III., Ehr. Reiber, Beiräte, Kommerzienrat W. Gail, Zahnarzt G. W. Koch, Vertreter der unterstützenden Mitglieder. Die Kassenverhältnisse sind nach dem Bericht des Kassenwart zufriedenstellend, welches besonders der gütigen Zuwendung größerer Geldbeträge durch einige ältere Mitglieder zuzuschreiben ist, welchen auch an dieser Stelle nochmals gedankt werden soll. — Die sportliche Thätigkeit war im verflossenen Jahre eine sehr rege, doch wurde das ersehnte Ziel nicht erreicht, da durch die Abwesenheit der Instruktoren die Ausbildung der einzelnen Mannschaften keine der heutigen Technik entsprechende war und den Mannschaften, welche der Aufsicht eines Ruderlehrers nicht unterstellt gewesen waren, nicht erfolgreich gegenüber treten konnten, weshalb auch von einzelnen Mitgliedern angeregt wurde, für fommenbe Saison einen Ruberlehrer zu engagieren, wozu auch schon größere Gelbbeiträge in Aussicht gestellt würben. Zur Pflege der Geselligkeit wurde für Samstag den 24., er. im Hotel Einhorn eine karnevalistische Unterhaltung beschlossen und oft bewährte Hände mit der Ausarbeitung des Programms betraut. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß vom Vorstand eine neue, dem bürgerlichen ^esctzbuche entsprechende Satzungen au5gearbcitet_rourbc, auf Grund dessen
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I nur die Zunge wetzt und, statt mit der Pistole zu schießen, fllfftlWn C&CTL I lieber gewaltige Rede-Kanonaden erdröhnen läßt. Der AuS-
" _' ö I gang des Kampfes ist hier wie dort nicht sonderlich ver-
Bekanntmachung, N», ^Feldscher brauch, seine Wr« nW °°n
i'MTbetreffend Wahlen zur Handwerkskammer. I Jetzt hat Herr Dr. Hahn vom Bunde der Landwirte
Nachprüfung der bei uns eingereichten Bestandslisten I Qlte Sitte durchbrochen, es dürstet ihn nach dem Blute haben wir folgende Vereinigungen als wahlberechtigt an- I beg polnischen Abgeordneten Szmula. Die beiden «ktmut: . I Männer waren nicht immer Feinde. Vor fünf Jahren, als
„Ortsgewerbeverem zu Gießen" mit 190 Mitgliedern. I bie ^ier am Nord-Ostseekanal die Abgeordneten in die „Bäcker-Innung des Amtsgerichtsbezirks Gießen^n^ I meerumschlungenen Länder führte und in hochgemuter Stim- 72 Mitgliedern. I mutlg etwa zwei Dutzend Volksvertreter den Leib einem
„Fleischer-Innung zu Gießen" mit 30 Mitgliedern. I gebrechlichen Nachen anvertrauten, wollte es der Zufall, „Barbier-, Friseur- und Perückenmacher-Jnnung zu | QU$ ber Steuermann und seine Matrosen allzustark sich den Lockungen des Gottes Bacchus hingegeben hatten, so daß das Fahrzeug in arge Bedrängnis geriet und der Kanaljubel fast durch das laute Wehklagen einer trauernden Nation verdrängt worden wäre. Auch die Helden Homers pflegten zu schreien, wenn sie Schmerzen litten ober wenn Gefahr brohte. So erhoben benn auch in jener angstvollen Stunbe bie Herren Szmula unb Cegielski gar laut unb beweglich bie Stimme zur Wehklage unb ihre salzigen Thränen mischten sich mit ben salzigen Fluten beS Meeres. Damals hat Herr Hahn als Sohn ber „Wasserkante" bas Steuer ergriffen unb mit Energie bas Schifflein ber Gefahr entzogen unb beim schäumenben Sekt hat später Herr Szmula ben „Lebensretter" gepriesen. Unb er blieb ihm auch fernerhin gut, ber alte Szmula bem jungen Hahn, unb gar häufig noch sprachen sie beim mannhaften Trünke zusammen ein stillvertrauliches Wort. Politische Gegnerschaft nicht auf bas persönliche Gebiet zu übertragen, galt noch immer als vornehm. Der Kulturkämpfer Sattler war erst jüngst bes Grafen Ballestrem Gast, Herr Schmibt trank im Kaiserschloß auf beS Fürsten Bismarck Wohl und
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Bekanntmachung.
8etr.: Maul- unb Klauenseuche zu Steinheim.
In Steinheim ist bie Maul- unb Klauenseuche bis auf ein Gehöfte erloschen, unb bie Gemarkungssperre auf- zchoben worben.
Gießen, ben 17. Februar 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtolb.
Bekanntmachung.
Mr.: Die Abhaltung ber Viehmärkte.
Wegen ber herrschenben Maul- unb Klauenseuche ist He Abhaltung ber Viehmärkte zu Butzbach am 22. Febr. 1900 unb zu 'Friebberg am 27. bezw. 28. Februar l. I. Dtrboten worben. Auf ben am 27. bezw. 28. Februar I. I. p Friebberg ftattfinbenben Pferbemarkt hat vorstehenbeS kerbot keinen Einfluß.
Gießen, ben 16. Februar 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtolb.
Gesunde«: Gelb, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Kruzifix, 1 Muff, Garn, 1 Spannkette unb 1 Sturm- lüerne.
Gießen, am 17. Februar 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Muhl.


