Nr. 270 Zweites Blatt
Samstag den 17. November
150. Jahrgang
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Einbach.
Der Krieg itt China.
Eine größere Truppenabteilung, bestehend aus Deutschen, Italienern und Oesterreichern unter dem Befehl deS Grafen Aork v. Wartenburg, ist nach Kal» gan, etwa 240 Kilometer nordwestlich von Peking, hart an der chinesischen Mauer gelegen, abmarschiert, um auf Wunsch deS Bischofs Favier die französische Mission zu schützen, die sich in großer Not befindet. Dort soll sich auch die ehemalige chinesische Garnison von Peking befinden.
Nach amtlicher Feststellung hat sich der gemeldete sensationelle Ueberfall deutscher Soldaten durch eine englische Patrouille in Schanghaifolgendermaßen zugetragen: In einem Theehause hatten zwei Soldaten der in Schanghai befindlichen deutschen Truppen Streit mit dem Wirt und wurden verhaftet. Auf der Polizeiwache kam es zu Tätlichkeiten; der Polizeiwachtmeister schoß einem Soldaten durch die Schulter, auch der zweite deutsche Soldat soll schwer verletzt sein. Anlaß zu dem ganzen Vorfall ist anscheinend durch die deutschen Soldaten gegeben worden, jedoch hat die Polizei ihre Befugnis zweifellos überschritten. Die eng. lischen Behörden zeigen bei Erledigung der Angelegenheit
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das größte Entgegenkommen. Der Polizeiwachtmeister ist vom Dienst suspendiert und wird nicht wieder angestellt. Das englische Gericht, das Anklage erhebt, hat 2000 Dollar Kaution verlangt, bis feststeht, daß der Soldat außer Lebensgefahr ist; letztere ist nach Erklärung des Arztes zurzeit bei keinem der beiden Verwundeten vorhanden.
Major v. Madai telegraphiert aus Taku: Der Seesoldat Max Diecke ist am Unterleibstyphus gestorben.
Aus Tientsin wird telegraphiert, die eingeborene Bevölkerung habe wieder Vertrauen gefaßt zu den Der- bündeten und sei in großen Mengen in die Stadt zurückgekehrt; es sind dies über 600,000 Personen. Die an« verbündeten Truppen gebildete Garnison wurde bedeutend verstärkt, weil man vermutet, daß sich zahlreiche Boxerbanden in die Stadt eingeschlichen haben, um dort über kurz oder lang einen Aufstand hervorzurufen.
In Peking verhandeln jetzt, wie aus London telegraphiert wird, die Gesandten über die Entschädigung der chinesischen Christen. Der französische Gesandte ist für diesen Punkt, auch der deutsche dürste Kompensationen irgendwie durchsetzen; die römischen Katholiken scheinen daher gesichert zu sein. Die britischen und amerikanischen Gesandten sollen dagegen eine ablehnende Haltung eiunehmen, ebenso Japan und Rußland. — Mau meldet aus Paris: Der chinesische Gesandte Iukeng sagte einem „Matin».Mitarbeiter, die Mächte wissen zurzeit nicht, mit wem sie verhandeln. Li-Hung-Tschang und seine Kollegen seien völlig ohnmächtig. Ihre Unterschrift unter einem Vertrage wäre eine Förmlichkeit, keine Lösung. Das Einzige, was Europa zu thun hat, ist, den Kaiser nach Peking zurückzubringen und die Kaiserin Witwe unschädlich zu machen.
Am 14. November ist ein kaiserliches Dekret veröffentlicht worden, durch das die Prinzen Tuan und Schuang ihrer Würde und ihres Ranges entkleidet und vor- läufig verhaftet werden, bis ein eudgiltiges Urteil über sie gesprochen ist. Der Herzog Lau ist verhaftet worden. Er wird an die äußerste LandeSgreuze deportiert werden, wo er mit Straßenarbeiten beschäftigt wird.
Ein Telegramm des deutschen Flottenvereins aus Schanghai vom 14. d. M. besagt: Nach Nachricht aus chinesischer Quelle ist unter der Leitung des Prinzen Tuan in der Provinz Kausu (Hauptstadt Lautschou) Revolution ausgebrochen. Der Gouverneur Tunfusiang hat sich aus Furcht vor Strafe dieser Revolution angeschlossen. — Konsul Knappe reiste nach Nanking, um mit dem Vizekönig eine Besprechung über die Lage im Yangtsethale zu pflegen. — Die Nachricht von der Rückkehr des Kaisers nach Peking bestätigt sich nicht. Dagegen soll die Flucht des chinesischen Hofes nach Tschang-tu-fu beabsichtigt sein. — Seit 8 Tagen fehlt jede Nachricht über den Verbleib des deutschen Kabeldampfers „PodbielSki". Er ist am 8. d. M. von hier nach Hongkong in See gegangen. Um schleunigst Erkundigungen über den Verbleib des Dampfers einzuholen, rst der Kreuzer ..Seeadler» zur Suche abgeschickt worden.
Die deutsche amtliche Denkschrift betreffend dre Expedition nach Ostasien teilt eine Fülle interessanter bisher nicht bekannt gewordener Einzelheiten mit. 55 7 9 Pferde befinden sich beim Expeditionskorps, sie kosten die ungeheuere Summe üon 13 457 887 Mark
Pferde in der heißesten Jahreszeit aus Deutschland durch! das Rote Meer und die Tropen nach China zu befördern, war unthunlich; in China selbst konnte auf die Beschaffung genügend zahlreicher und guter Pferde Nicht gerechnet werden. Da Südamerika nicht leistungsfähig war, der Transport von da während der Taifuns auch unverhältnismäßig hohe Verluste voraussehen ließ, kamen mur Alytralien und Nordamerika in Betracht Gutes, kriegsbrauchbares Material ist in diesen Ländern an und, sur stch teuer: dazu kam noch, daß die Charter- prege für £>d)iffe durch die Bedürfnisse aller Groß- staaten an Transportschiffen sehr in die Höhe gegangen überhaupt nur.schwer zu beschaffen waren. Waffen, Munition und Feldgerät wurden aus den neuesten Anfertigungen bereit gestellt. Da dieses Material aus oen Miegsbeständen des Heeres entnommen werden mußte, 1° y ~.rJa9 geboten und wird bis zum 1. April 1901 burchgefuhrt sein. Nur das Material für zwei Gebirgs- battenen mußte neu gekauft werden, da solches in deni Bestanden des Heeres nicht vorhanden war. Die Aus- stattilng des Expeditionskorps mit Waffen, Munition und Feldgerat wurde von Hause aus so reichlich bemessen daß ein Ersatznachschub voraussichtlich überhaupt nicht notwendig sein wird. Die schlechren Wegeverhältnisse Chinas machten die starke Zuteilung von Feldeisenbahnmaterial
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Komische Tagesschau.
Wenn irgend ein Vorkommnis die Federn in Be- n'egung setzt, das uns die Notwendigkeit steter Vervollkommnung der Einrichtungen des öffentlichen Lebens mit so eindringlicher Mahnung vor Augen stellt, wie es das Offenbacher Bahn Unglück thut, dann pflegt auch jedesmal sofort irgend ein übereifriger Offiziosus mit der Versicherung bei der Hand zu sein, es sei in dem betreffenden Fall weder dem System, noch etwaiger Neigung zur Fiskalität seitens der verantwortlichen leitenden Stelle ein Vorwurf zu machen. So auch jetzt wieder. Die „Berl. Pol. Nachr." schreiben nämlich:
„Wenn die Todesfälle der Beschaffenheit der D- Waaen zugeschrieben werden und die Anbringung von nach außen gehenden Thüren in den Abteilen gefordert wird, so erinnert man sich offenbar nicht, daß, wie Jeder, der bei einem schweren Eisenbahnunfall beteiligt war oder auch nur einen davon betroffenen Wagen gesehen hat, außer allem Zweifel ist, daß bei einem so schweren Zusammenstoß wie dem vorliegenden alle Thüren, Schlösser u. s. w. vollständig verbogen werden und demzufolge auch im Moment der Gefahr nicht zu öffnen sind. Das würde auch in dem vorliegenden Fall, wo der Unglückswagen volle vier Meter tref eingedrückt wurde, zweifellos der Fall gewesen sein. Wie solid übrigens unsere Eisenbahnwagen gebaut sind, lehrt die Thatsache, daß auch in den am schwersten beschädigten Wagen kein Eisenteil gebrochen, alles vielmehr nur verbogen ist. Nicht anders steht es mit der Forderung, die Beleuchtung der Wagen nicht mehr durch Gas, sondern durch elektrisches Licht zu bewirken. Zunächst trifft die Behauptung nicht zu, daß der Gasbehälter an dem Unglückswagen explodiert sei. Vielmehr ist in diesen Behälter von der Lokomotive des Personenzugs ein Loch gestoßen worden, durch welches das unter sechs Atmosphären Druck gehaltene Gas alsbald mit Gewalt entströmte, ficty an der Lokomotive entzündete und in wenigen Minuten den betreffenden Wagen gänzlich ausbrannte. Sodann ist die Einführung des elektrischen Lichts, namentlich für Züge, welche weite Strecken zurückzulegen haben, eine keineswegs einfache Sache. Sind doch die Amerikaner von der Beleuchtung der Eisenbahnwagen durch elektrisches Licht zurückgekommen und wenden jetzt dasselbe Gas wie wir an. Eine unserer ersten Autoritäten auf dem Gebiet der Elektrizität hat noch unlängst in einem öffentlichen Vortrag — wenn wir nicht irren in Gegenwart Seiner Majestät — die Anwendung der Elektrizität zur Beleuchtung der Eisenbahnwagen für nicht angängig erklärt, solange die Elektrizität nicht die Triebkraft der Züge selbst ist."
Was die Art betrifft, wie hier die sachlich gehaltenen Beschwerden der Presse über die Beschaffenheit der Durch- gans-, bezw. Schlafwagen abgefertigt werden, so zeugt fie einerseits von einer bedauerlichen Verkennung der ein» Mägigen Verhältnisse und andererseits von einem ebenso »edauerlichen Mangel an Takt. Denn mit solchen All- . gemeinheiten, wie sie der Artikelschreiber vorbringt, um sie für die Regelung des öffentlichen Verkehrswesens verantwortlich zeichnende Stelle von dem Vorwurf mangelnder Berücksichtigung der Zweckmäßigkeitsfrage zu befreien, mußte er die Kritik in einer Weise herausfor-
g^au das Gegenteil von dem zur Folge gehabt at' cr, feiner voreiligen Verteidigung bezweckte. Wir geben zu, daß die Fragen, wie die Uebelstände^ besten zu heben sind, technisch nicht leicht zu lösen >md. Aber l^eftnd zu losen und sie müssen gelöst werden; denn sonst wurde man nur schwer die Behauptung bet- kämpfen können daß der Staat zwar hohe Anforderungen prwate Unternehmer bezüglich der Betriebssicherlnüt pell sich selbst aber v°n der Befolgung der maßgebenden Vorschriften ansschlrcßt. Und am eifrigsten sollten die ite es angeht, sich solcher Bärendienste erwehren tvii ihnen die oben zitierte Korrespondenz einen leistet.
Tie Thatsache, daß man in Livadia sich veranlaßt gesehen hat, Bulletins über das Befinden des Zaren zu veröffentlichen, und seine ernstliche Erkrankung einräumt, läßt darauf schließen, daß man um das Leben des jungen sympathischen Herrschers nicht ohne Sorge ist, tetm am russischen Hofe scheut man sich noch weit mehr vls an anderen Höfen, durch Bulletins über eine schwere Erkrankung des Trägers der Krone Beunruhigung in fitere Kreise zu tragen. Wenn auch der Kaiser von zarter Konstitution ist, so hat doch sein Gesundheitszustand vis-her keinen Anlaß zu Klagen gegeben, und man darf
so eher auf seine Genesung hoffen, als sein Körper »iltzt durch frühere Krankheiten geschwächt ist. Für Ruß- hrab wäre es ein Unglück, wenn die Krankheit des Kaisers rni-tn ungünstigen Verlauf nähme. Aus der Ehe des -tia • ber Prinzessin Alix von Hessen sind w jetzt drei Töchter entsprossen. Sie haben keine
Ansprüche auf den Thron, der im Fall einer Katastrophe an den Bruder des Kaisers, den Großfürsten Michael über gehen würde, vorausgesetzt daß die Kaiserin, die ihrer Entbindung entgegen geht, nicht einem Sohne das Leben schenkt. In diesem Falle wäre eine langjährige Regentschaft notwendig. Die Vermutung liegt nahe, daß Kaiser Nikolaus diese Möglichkeit schon vor seiner Erkrankung in Erwägung gezogen und Bestimmungen über Vormundschaft und Regentschaft getroffen hat. Das Hausgesetz der kaiserlick>en Familie läßt dem Kaiser, als Chef der Familie, in dieser Beziehung weiten Spielraum. Daß die Krankheit des Kaisers einen günstigen Verlauf nehme, ist um so wünschenswerter, als die Stellung eines nachgeborenen Thronerben nirgends schwieriger ist, als in Rußland, wo in allen Kreisen der Bevölkerung die Tendenz zur Legendenbildung üppig entwickelt ist und aberwitzige Ausstreuungen um so leichter Glauben finden, als die Presse sich nicht mit Erörterungen der Verhältnisse der kaiserlichen Familie befassen darf. Ausstreuungen dieser Art wurden im Jahre 1825 nach dem Tode Alexanders I. von den Deka- bristen benutzt, um im Volk für den Großfürsten Wn- stantin Pawlowitsch Stimmung zu machen, der zu Gunsten seines Bruders, dies Kaisers Nikolaus L, auf den Thron verzichtet hatte; und von dem Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch, dem zweiten Sohne Nikolaus L, dem Bruder Alexander des Zweiten, erzählte man sich in Petersburg allgemein, daß er sich eigentlich als den erbberechtigten Sohn des Kaisers Nikolaus betrachtet habe, weil er der erste Sohn gewesen ist, der dem Kaiser Nikolaus nach seiner Thronbesteigung geboren worden ist, während, als Alexander II. das Licht der Welt erblickte, Kaiser Nikolaus nur Thronfolger gewesen sei. Gegensätze, die zwischen Alexander II. und seinem Bruder Konstantin bestanden haben, wurden seinerzeit in Petersburg auf diese Verschiedenartigkeit der Auffassung des Thronfolgerechtes zurückgeführt und gaben nicht nur in den Salons der vornehmen Welt, sondern auch im Volk Veranlassung zu viel widerwärtigem und überflüssigem Klatsch.
In den Kreisen der Berliner russischen Kolonie, die mit dem Petersburger Hofe Fühlung haben, ist man in lebhafter Sorge. Es habe den Anschein, als ob die Krankheit, zu welcher der Keim allerdings schon längere Zeit vorhanden gewesen zu sein scheint, ganz plötzlich! zum Ausbruch gekommen ist, denn bei der Berliner russischen Botschaft wurde man durch die Nachrichten von der ernsten Wendung völlig überrascht. — Nach einer Kopenhagener Meldung hat die Kaiserin-Witwe von Rußland auch ungünstige Nachrichten über das Befinden des Zaren erhalten. Infolgedessen trat der Thronfolger die Rückreise nach Petersburg an. In dänischen £offreifen verlautet, daß der Zar fast den ganzen Sommer über leidend war, sich jedoch keine Ruhe gönnte, er sei mit Arbeit überhäuft gewesen, und schließlich habe Ueberanstrengung die Erkrankung hervorgerufen. Die Aerzte befürchteten Komplikationen. — Nach einem Pariser Telegramm erhielt Minister Telcasse beruhigende Nachrichten über das Befinden des Zaren. — Aus London wird berichtet, daß die greise Königin Viktoria durch die Erkrankung des Zaren tief betrübt ist.
Das am 14. d. M. ausgegebene Bulletin lautet: Der Kaiser brachte den gestrigen ganzen Tag gut zu. Abends 7 Uhr war die Temperatur 39,2 Gr., der Puls 76, abends 10 Uhr die Temperatur 38,8, der Puls 68,7. Die Nacht schlief der Kaiser sehr gut. Heute morgen war die Temperatur 38,2 Gr., der Puls 72. Das Allgemeinbefinden ist gut. Der Kopf schmerzt nicht und ist vollkommen klar.
p Pünktlich, mt. Björnsoi.
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