N«. 243 Zweites Blatt. Mittwoch den 17 October 15». Jahrgang 1OOO
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die zu veranstaltenden Erhebungen für die Jahresberichte der Gewerbeinspektionen.
Die rubrizierten Erhebungen sollen, wie bereits in früheren Jahren, in der Weise bewirkt werden, daß für jeden der Aufsicht unterliegenden Gewerbebetrieb von dem Gewerbeuuteruehmer selbst ein besonderer Fragebogen auSgefüllt wird. Diese Fragebogen werden in den nächsten Tagen den Gewerbeunternehmern von den Ortspolizeibehörden zur Ausfüllung übermittelt werden. Wir weisen die Gewerbeunternehmer hierdurch darauf hin, daß sie nach § 139 b Abs. 5 der Gewerbeordnung verpflichtet sind, die gewünschten statistischen Angaben innerhalb der vorgeschriebenen Frist und in der vorgeschriebenen Form zu machen, widrigenfalls sie im Unterlassungsfall nach § 149 Abs. 1 Nr. 7 der Gewerbeordnung sich strafbar machen würden. Da die Ortspolizeibehörden von uns angewiesen sind, bis zum 1. November d. I. die auSgesüllten Fragebogen wieder einzusenden, so wird rechtzeitige Ausfüllung seitens der Unternehmer erwartet.
Soweit Fragebogen für Betriebe auszufüllen sind, welche nur zu gewissen Zeiten des JahreS betrieben werden, find die für die Zeit des Betriebe- solcher Anlagen im Jahre 1900 gütigen Arbeiterzahlen in dieselben cinzu- tragen. Gewerbeunternehmer, deren Betrieb der Aufsicht des Gewerbeinspektors unterstellt ist, und die keine Fragebogen zugestellt erhalten, wollen solche bei der Polizeibehörde reklamieren.
Gießen, den 11. Oktober 1900.
Großherzögliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Gießen, den 11. Oktober 1900.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofih. Polizeibehörden und die Grotzh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des KreifeS.
Unter Bezugnahme auf unser heutiges Ihnen besonders zugehendes Amtsblatt ohne Nummer machen wir Sie auf vorstehende Bekanntmachung noch ausdrücklich aufmerksam.
v. Bechtold.
Der Krieg in China.
Die Mandarinen in Shanghai behaupten, das A t t e n t a t auf den Kaiser von China wäre nicht von einem Boxer, sondern von einem Mandschu begangen worden, und man gebe nur vor, daß es ein Boxer gewesen sei, um die Ansicht aufrecht zu erhalten, daß die Boxer dem Hofe feindlich seien, und daß dieser bei den Verbrechen in Peking der leidende Teil gewesen sei.
Der englische Konsul in Shanghai riet allen europäischen Frauen ab, sich zu ihren Männern nach Hongkong zu begeben, da die Lage im Aangtsethale sehr bedenklich sei.
Die Lage der deutschenChinapolitik kann man z. Z. im allgemeinen als günstig ansehen, namentlich infolge der Verschiebung, die das Rundschreiben Del- cass 6s in der Stellung der Mächte zu einander bewirken muß. Deutschland ist dadurch ganz unverhofft und wider Erwarten von der selbstgewählten Aufgabe befreit worden, bei der Lösung der chinesischen Wirren die Leitung in der Hand zu halten. Wir erwarten, daß unsere Regierung mit Freuden diese Gelegenheit ergreifen wird, diese undankbare Rolle anderen zuzuschieben.
Wir können Herrn Delcasss garnicht dankbar genug sein, daß er es uns ermöglicht, in die Stellung zurückzu- treten, die wir in der Chinapolitik von anfang an nicht hätten verlassen sollen. Zum Lohn dafür können wir ohne Bedenken allen seinen Vorschläge» rundweg zustimmen — natürlich „im Prinzip", wie ja auch die andern Mächte der Bülow'schen Note nur „im Prinzip" zugestimmt haben. Damit legen wir uns noch lange nicht auf irgendwelche Einzelheiten fest. Die Chinesen werden keine ernstlichen Zugeständnisse machen, so lange ihre Widerstandskraft noch nicht erschöpft ist. Ist sie aber erst gebrochen, dann vermag man auch alle anderen Forderungen gleichzeitig durchzusetzen. Die Voraussetzung ist allerdings, daß alle Mächte sich darüber einigen, was von China zu verlangen ist, und diese Einigung herbeizuführen, dürfte vielleicht eine schwierigere und langwierigere Arbeit werden, als die Unterwerfung der chinesischen Machthaber unter den Willen der Mächte.
Doch darum braucht Deutschland sich nicht zu sorgen, in keinem Falle mehr als andere Mächte. Deutschland kann warten. Es ist darin in glücklicherer Lage als z. B. Rußland, Japan und Amerika, deren politische Interessen in China unter einem längeren Andauern deS KriegS- zustandeS leiden würden. Verzichten wir fortan darauf, uns wie bisher zu Vertretern der Interessen sämtlicher Mächte zu machen, und behalten wir allein die unsrigen im Auge, so werden gerade diejenigen Mächte, die um ihre« Verhältnisses zu China willen dem Kriege gern ein Ende machen möchten, gezwungen sein, eS den Chinesen deutlich zu machen, daß ihr Widerstand aufhörcn muß. Dann wird sich auch eine Mittellinie finden, auf der sich die Forderungen aller beteiligten Mächte vereinigen lassen werden.
Durch den Schritt der französischen Regierung sind wir wieder in die günstige Lage gebracht worden, uns aus den Standpunkt deS Abwartens — natürlich unter Förderung jedes Bemühens von anderer Seite zur Lösung der Wirren — zurückziehen zu können. Unser „Prestige" wird dadurch nicht im geringsten leiden. Denn Abwarten ist auch eine That, zu der nicht jeder die nötige Kraft und Festigkeit besitzt. Zeigen wir der Welt einmal, daß uns diese ruhige Kraft nicht fehlt!
Der „N.-Ztg." zufolge hat die deutsche Regierung die Delcassö'sche Note bereits beantwortet und zwar in freundlichem Sinne. Auch die Zustimmung Japans zu der Note Delcaffö's ist in Paris eingetroffen. Japan macht nur einen unwesentlichen Vorbehalt bezüglich der' Ausführung eines der Punkte deS Rundschreibens'.
Der Vorschlag Rußlands, der dahin geht, alle Streitfragen, betreffend die von China zu verlangenden Entfchädignngen, dem Haager Schiedsgerichtshof zu unterbreiten, wird in der französischen Presse ganz verschieden beurteilt. Die „Paris Nouvelles" hat aus zuverlässiger Quelle in Erfahrung gebracht, daß Rußland den Vorschlag hauptsächlich deshalb gemacht hat, um den verbündeten Mächten nahezulegen und zu ermöglichen, sich im Voraus über die von China zu verlangende Entschädigung zu einigen. Es liege keineswegs in der Absicht Rußlands, einen schiedsrichterlichen Spruch bei einer etwaigen Differenz zwischen den Mächten und China herbeiführen zu wollen. Man habe niemals auf russischer Seite daran gedacht, China zugleich mit den Mächten vor das Haager Gericht zu stellen. Letzterem würde eher die Rolle eines Experten zufallen als die eines Schiedsrichters. — Nach einer Londoner Meldung der Wiener „Polit. Korrefp." findet der russische Vorschlag, die Ersatzansprüche an China durch das Haager Schiedsgericht entscheiden zu lassen, bei den Mächten wenig Anklang, da die Ersatz-Ansprüche der Mächte zu verschieden seien. Cs könne daher diese Angelegenheit auch nur direkt zwischen den Mächten und China geregelt werden.
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Eine Erklärung des Generalfeldmarschalls Grafen v. Waldersee, welche die militärischen Ereignisse seit der Uebernahme des Oberkommandos durch ihn zusammenfaßt, bezeichnet als Grund der Verzögerung die Ausschiffung der Transportmittel und die Schwierigkeit eines Zusammenwirkens der verschiedenen Trupp enteile. Jetzt sei die Lage zufriedenstellender, die aktiven Operationen seien mit der Expedition nach Paotingfu ausgenommen worden. Er sei der Ansicht, daß die Unthätigkeit der Chinesen eine Kriegslist sei, um weitere offensive Maßnahmen thunlichst zu verdecken.
Man meldet aus Peking vom 6. Oktober vormittags: Gestern fand die U e b e r g a b e einer zehn Kilometer langen Bahnstrecke der P e k i n g - T i e n t s i n - B a h n, welche die jetzt abrückenden Russen besetzt hatten und renovierten, an den Stabschef des deutschen Expeditionskorps, Major von Glasenapp, statt. Die nächsten zehn Kilometer haben die Engländer in Arbeit, wiederum die nächsten die Ja-- Paner. Von Pangtsun arbeiteten die Russen ein bedeu tendes Stück an der Bahn hier entgegen. Man hofft, daß das dazwischen liegende unfertige Stück bis Anfang November von den deutschen Eisenbabnkompagnien vollendet werden wird. In Peking bleibt jetzt nur eine Kompagnie Russen zurück, welche die (Gesandtschaft besetzt hält. Die für den eventuellen Aufenthalt des Grafen Waldersee im hiesigen Kaiserpalast eingerichtete Wohnung ist nunmehr fertiggestellt. Das hiesige große Arsenal, >vo die Chinesen kolossale Mengen Kriegsmaterial zurückließen, darunter 50 Geschütze, alte bronzene, aber auch ganz moderne Kanonen, Munition u. f. s. übernahmen unb besetzten d i e deutschen Truppen. Angeblich legten die Chinesen vor ihrem Abzug im Arsenal 78 Minen. Die Russen suchten vergeblich danach Das
T s u n g - l i 'Damen ist nach Abzug der Russen ebenfalls von den Deutschen besetzt worden. Wahrscheinlich kommt Feldmarschall Graf Waldersee in der nächsten Woche nach Peking, lieber die Dauer seines hiesigen Aufenthaltes verlautet einstweilen noch nichts.
In Peking sind nach Meldung des Generalmajors von Hoepfuer b;ie Seefoldaten Hubert vom ersten nnd Riesler vom zweiten. Seebataillon gestorben.
Ans Peking wird telegraphiert: Der amerikanische Gesandte Cong er und die Generale Chaffee und Wilsen empfingen mit ihrem Stabe traf der amerkanischen Gesandtschaft Li H un g -T s cha n g. Dieser drückte fein Bedauern über die Vorkommnisse der letzten Zeit aus und dankte den Amerikanern für die gute Behandlung der Chinesen. Er loerbc in zwei Tagen um den Beginn der Verhandlungen bitten. Dung-lu werde nicht als Bevoll mächtigter fungieren. Li Hung Tschang wird auch die anderen Legationen besuchen. Er konferierte mit dem Prinzen Tsching.
Die Expedition nach P a o t i n g f u ist bis L u - kaotschao vorgerückt. Nach offiziellen chiucfischxn Berichten brachten die ch i n e s i s ch e u Truppen den Boxern bei Paotingfu schwere Niederla g e n (?) bei, doch verlautet von anderer Seite, die chinesischen Soldaten seien von den Boxern schwer geschlagen worden. Die Boxer sollen in starker Anzahl östlich und westlich von Paotingfu stehen. Nach einem Brief aus Paotingfu warten die lieber - lebenden dort nur auf eine Abteilung Geretteter aus Tschingtungfu, um unter Eskorte nach Peking zu gehen. Sie werden von den chinesischen Beamten freundlich be-- handelth •
Der „Standard" veröffentlicht Dokumente, die im Namen des VizekönigS von Tschili nach der Einnahme von Tientsin von einem Zivilisten vor Ankunft der Militärbehörden gesunden wurden. Es g-cht daraus hervor: Die chinesis ch c R e gier u n g versah die Boxer in verschwenderischer Meise in i f Geld für alles, was sie brauchten. Die Behörden führten darüber genaue Buchhaltung bis zum 12. August. Ohne an die Box'er gezahlten Belohnungen lvürde eS diesen gar nicht ein gefallen sein, etwas gegen die Fremden zn unternehmen. Unter den Ausgaben des VizekönigS befinden sich Belohnungen für verschiedene Generale, für verwundete ober getötete Boxer, an deren Familien, sowie endlich CKld für Naturalien und solche selber. Keine Heldeuthat bleibt unbelohnt, und für die Witwen und Waisen wird reichlich gesorgt. Aus den Doknmenteu geht ferner hervor, daß eine Frauenboxerliga existierte.
Die Nachricht, nach der die Reise des chiue- s i s ch en Hofes na ch Si n g a n f n angeblich wegen eines A u f st a n d e S dortiger M u h a m e d a n e r verschoben sein soll, wird in Berliner unterrichteten Kreisen nicht der geringste Glanben beigemessen. Sollte die Meldung sich thatsächlich bestätigen, so wird als Grund jedenfalls nicht der angebliche Aufstand von Mnhamedanern anzuseheu sein, sondern vielmehr der Wunsch der chinesischen Regierung, dem Hofe zu einer glücklichen Fahrt nach Singanfu Zeit zu lassen.
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Nach einem Telegramm aus Tsingtau an der Kiau- T s ch o n B u ch t brach am 14. d. M. ein Tornado (heftiger Wirbelsturm) über die Stadt herein. 16 Gebäude wurden zerstört, ein Manu getötet und 8 Personen verwundet. -4\
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Telegramme deS Gießener Anzeigers.
Loudon, 16. Oktober. „Central News" melden ans Berlin: Die Antwort Deutschlands auf die s)l o t e Delcasse's s?i in freundlichen Worte n gehalten nnd v o l l st ä n d i g z u st i m m e n d ausgefallen. Dasselbe Blatt meldet ans Rom, daß Italien, den Vorschlag Rußlands betreffs der Frage, eventuelle Streitigkeiten zwischen beit Mächten und China über die von letzterem zu leistende Kriegs-Entschädigung dem Schiedsgericht in Haag ztr unterbreiten, n n g e n o m - m e n! hat.
New Bork, 16. Oktober. Aus Tientsin wirb ge meldet, baß ber Aufenthalt des Generalfelbmarschalls Grafen Waldersee in dieser Stabt nur noch von kurzer Dauer fein werbe. Gras Waldersee wirb in nächster Zeit nach Shanghai abreifen, da, wie es heißt, die Verbündeten nicket Willens seien, die militärischen Operationen während des Winters f o r t z n f ü h r e n. Infolge des schnellen Sinkens des Peiho Flusses bemühe« sich die verbündeten Truppen sehr schnell wieder nach Peking zu kommen.______________
(Südafrikanisches.
KrügerS Enkel El off erklärte in Lourcnzo MargueS dem Korrespondenten deS „Daily Telegraph", er, der Polizeikommissar Bredell nnd Dr. HeymamiS würden den Präsidenten begleiten; er glaube nicht, daß Krüger die


