zurückbrachte. Am Samstag sollte sie dort wieder ange- meldet werden. Am Abend ging sie mit dem Bemerken «eg, sie wolle einen Augenblick zu „Vater Schirmer", einer „Kaschemme" in der Ruheplatzstraße, gehen. Hier war sie als „Soff-Juste" bekannt. Sie blieb bis zum Schluß des Geschäfts um 11 Uhr abends. Später, nach 2 Uhr, wurde sie noch von zwei anderen unter der Kontrolle der Sittenpolizei stehenden Frauenspersonen mit einem Zimmermann aus der Antonstraße^ mit dem sie in der Ka- ßchemme gekneipt hatte, in der Lindower Straße gesehen. Tie Verstorbene ist 1852 zu Kaubitz i. Schl, geboren. Die Nachforschungen der Polizei sind jetzt zunächst auf die Ermittelung Les Zimmergesellen gerichtet.
* Zum Konitzer Mord. Mit dem Konitzer Morde wird eine Verhaftung in Verbindung gebracht, die in Tilsit soeben bewirkt worden ist. Die Polizei nahm dort den Fleischergesellen Fritz Georg Falk fest, der unrichtige Legitimationspapiere führte und als seine Heimat fälschlich Schleswig-Holstein angab. Als er während des Verhörs gefragt wurde, ob er die Stadt Könitz kenne, erklärte er, dieser Ort sei ihm völlig unbekannt. Bei längerer Vernehmung wurde jedoch ermittelt, daß Falk zur Zeit der Winterschen Mordthat in Könitz bei dem Fleischermeister Hoffmann gearbeitet hat. Auch seine Angabe, daß er aus Schleswig-Holstein stumme, erwies sich als eine Lüge. Falk ist von Geburt Ostpreuße und in der Gegend von Stallupönen zu Hause. Er wurde als Untersuchungsgefangener in das Gerichtsgefängnis zu Tilsit eingeliefert. Die dortige Polizei hat dann die Behörde in Könitz sofort von der Verhaftung des Falk telegraphisch in Kenntnis gesetzt, um weitere Vernehmungen in dieser Angelegenheit herbeizuführen.
* Breslau, 15. Oktober. Am Sonntag Abend 10 Uhr fand ein Zusammenstoß eines nach der Stadt zurückfahrenden Zuges der BreSlau-Prausnitzer Zweigbahn mit einem Omnibus, der mit Fahrgästen voll besetzt war, statt. Der Omnibus wurde umgeworfen und sämtliche Insassen mehr oder minder schwer verletzt. Einer der Verletzten, ein Bahnarbeiter, ist auf dem Transporte nach dem Kcankenhause gestorben. Die Ursache des Unfalles ist darin zu suchen, daß der Kutscher des Omnibus ein Signal des Zuges irrtümlich auf andere in der Nähe verkehrende Maschinen bezogen hatte.
* Münchener Appetitt und Münchener Durst haben sich bei dem eben beendigten etwa vierzehntägigen Oktoberfeste wieder auf achtbarer Höhe gezeigt. Nach einer Umfrage stellen die „M. N. Nachr." folgende imposante Zahlen zusammen: „An Bier verschänkte Lang etwa 1450 Hektoliter, das Wintzerer Fähndl gegen 1200 Hektoliter; ;ber frühere langjährige Wiesenbierkönig Schottenhamel dürfte auf 1100 Hektoliter zu schätzen sein (Genaues war nicht zu erfahren), die 25 andern Buden mit einer täglichen Durchschnittszifser von 50 Hektoliter, zusammen täglich 1250 Hektoliter und die ganze Feftzeit hindurch 17 500 Hektoliter. Rechnet man die Ochsenbraterei ebenfalls mit 500 Hektoliter, so ergiebt sich ein Konsum von rund 22 000 Hektoliter oder 2200 000
Liter Bier ä 35 Psg., was einem Betrag von 770000 Mk. entspricht; da aber effektiv mindestens ein Drittel mehr aus- geschänkt wurde, weil man selten mehr als einen halben Liter bekam, so erhöht sich diese Summe auf über eine halbe Million Mark, die auf der Wiese für Bier — also thatsächlich aus der „Bierbank" — angelegt wurde. Auch die vier Weinhallen, vor Allem die Bodega, erzielten großen Umsatz. — Der Appetit war übrigens auch kein schlechter. Beim Ochsenmörder Rößler wurden 11 Ochsen im Gesamt Fleischgewicht von etwa 75 Centnern, außerdem 8 Schweine, 80 Gänse, 120 Enten und 160 Hühner verzehrt. Die Hühnerbraterei von Josef Ammer hat in ihrem praktischen Apparat nicht weniger als nahezu 10,000 Hühner zart knusperig gebraten, ferner 70 Spanferkel und eine große Anzahl Gänse und Enten. Die Schottenhamel'sche Wurstküche hatte etwa 150,000 Schweinswürstl fabriziert, während Sieber auf die Wiese genau 175,690 Stück lieferte. „Sepp der Mayer" hat etwa 55,000 Paar Bratwürste verabreicht und 320 gebackene Spanferkel von liebreizenden Schützenmädln zur Küche tragen lassen. Dazu kommt der enorme Verbrauch von Schweinswürsteln anderer Firmen, eine Legion gebratener Fische von Frau Lochner und Konkurrenten, eine Menge eingeschmuggelter Bratheringe und so und so vieler Centner Käse und Obst. Da die Schaubuden ebenfalls nach eiugezogener Erkundigung gute Geschäfte machten, braucht man da noch zu fragen, wohin das Geld gekommen ist? Vielleicht rechnet jemand die Kosten für diese diversen „Viktualien" auS! Uns mangelt die Zeit dazu. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß Herr Lang nicht weniger als 60,000 Liederbücher, sowie 12,000 Anstecknadeln und 3000 Broschen mit seinem Bildnis in Zwanzigmarkstückfatzvn gratis verteilen ließ."
Humoristisches.
Das Ladenfränlein.
Den sllerschrecklichsten Verdruß
Bringt das Gesetz unS ein:
Herz, mit dem Neunuhrladenschluß Schlägt auch dein Stündelein!
Wie wars bisher so wunderschön, Man ward nicht kontrolliert;
Ich könnt mit meinem Alfred geh'n Und hab' mich amüsiert.
Ob elf die Uhr, ob zwölf, je nun, — DaS war ganz einerlei!
„Man hatte im Geschäft zu thun
Und war nicht früher frei!"
Es nimmt die Mutter jetzt — o Not! — Des HauSthors Schlüssel mir;
Futsch ist das warme Abendbrot, Futsch ist bas echte Bier!
Mir bringt — dahin ist mein Humor! Der Schluß das grimmste Weh.
Was red' ich jetzt der Muttir vor, Wenn ich mit Alfred geh?
(AuS dem „Ult" )
Kaiser KwavgsüS Reiselied.
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute,
Klinge, kleines Retselied, Kling hinaus tnS Weite.
Kling, bis du durch Schutt und Graus
Stehst den Petbo stützen,
Wenn du Waldersee dort schaust, Sag', ich lass' ihn grüßen!
(Kladderadatsch.)
Handel und Verkehr. Uotkswirtschast.
Frankfurter Börne vom 15. Oktober.
Wechsel auf New-York zu 0.00-00.
Prämien auf Kredit per ult Oki. 1.40%, do. per alt. Novbr. 2.90%, Diskonto-Kommandit per ult. Okt. 1.30%, do. per ult. Novbr. 2.90%, Lombarden per ult Okt. 0.00%, do. per ult. Novbr. 0.90%. Deutsche Bank 0.00%.
Notierungen: Kreditaktien 201.30-200.70-000, Diskonto- Kommandit 169.80-20-000-00, Staatsbahn 137.10-136.20, Lombarden 24.60-00, Italiener 93 80, Spanier 71.20-00, Sproz. Mexikaner 15.30, Bochumer 169.30-167 60 bz., Laara 189.80-40-000.00 bz., Harpener 172.10-2-2.10-170.70 bz., Gelsenkirchen 181-180.00 bz. G., Privat- Diskont 4%%.
1% bü 2% Uhr: Kreditaktien 200.70-60-80.00 bz., Dü- koctr'-Kommandit 169.20-168.90-169.10 bz., Sfaatehahu 136 40-000 bz. Lombarden 24 60-00.(0 b., Laura 000.00, Berliner Handelsgesellschaft 000.00 bz., 3proz. Mexikaner 00.00 bz , 3proz. Portugiesen 00.00-00 bz., Ottomanbank 000.00 bz , Bochumer 000 00 bz, Deutsche Bank 000.00-000 bz., Harpener 000.000 00 bz.
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— Da die wohlthätigen und heilkräftigen Eigenschaften des Leber- thrans, seines unangenehmen Geschmackes wegen, seither noch nicht allen zu gute kommen konnte, ist es mit Freuden zu begrüßen, daß es der chem. Fabrik von Reitmeister u. Mäusert in Leipzig gelungen ist, denselben in eine Form zu bringen (sogen. Emulsionsform, Milchform), die einen lieblichen und angenehmen Geschmack besitzt. Dieselbe läßt sich mit allen Medikamenten verarbeiten und bietet denn auch mit dem ebenfalls schwer einzunehmenden Creosotal zu einer Milch vereinigt, ein vorzügliches Mittel gegen Schwindsucht und chronische Halsleiden, eine Thatsache, die durch die überraschend günstigen Erfolge hervorragender Professoren des In- und Auslandes bestätigt wird. Gegen Skrophulose und englische Krankheit wird diese Leberlhranmilch mit Jod- und Kalksalzen mit vorzüglichem Erfolg angewandt. Diese Form der Darreichung des Leberthrans kommt unter dem Namen „Gadol" (Patentamt!, geschützt) in den Handel und ist durch ihre hervorragend günstigen Eigenschaften ein sehr gesuchtes und gern genommenes Lebrthranpräparat. Obige Fabrik versendet aufklärende Broschüren hierüber gratis und franko.
Bekanntmachung.
Der die Stadtarmen behandelnde Arzt, Herr Dr. Heichelheim, wohnt Alieeftrafte 19.
Bestellungen für Stadtbesuche Armer werden von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr mittags in der medizinischen Klinik und außerhalb dieser Zeit in der Wohnung des Herrn Dr. Heichelheim entgegen genommen.
Gießen, den 9. Oktober 1900. 6694
Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.
Wolff.
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sollen auf dem hiesigen Ortsgerickt die der Friedrich Führer Wwe. und Kinder in Gießen gehörigen Immobilien:
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Flur 1 Nr. 266%0 — 6 qm Stallgrund daselbst
erbverteilungshalber freiwillig unter den b« der Versteigerung bekannt gemacht werdenden Bedingungen versteigert werden.
Gießen, 10. Oktober 1900. Großh. Ortsgericht Gießen.
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