Ausgabe 
17.8.1900 Zweites Blatt
 
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Kunst und Wissenschaft.

Pari-, 15. August. Folgende deutsche Künstler erhielten auf der Weltausstellung bronzene Medaillen: Bantzer, BloS, Bracht, Bruett, Bredt, Exter, Frenzel, Grethe, Herrmanns, Hoch, Janssen, Graf Kalckreuth, Kallmorgen, Max Mühlig, Plühr, Röckling, Schramm, Skarbina, Stremel, Willig, Vogel, Volkmann, Wendling.

Eisenach, 15. August. Das Wasserheilverfahren, das in Thüringen seit etwa 70 Jahren mit bestem Erfolge geübt wird, hat in letzter Zeit endlich insofern in seinem vollen Umfange auch offizielle Anerkennung erhalten, als in Berlin derer st e deutscheLehrstuhlfürphysi- kalisch-diätetische Therapie errichtet worden ist und im nächsten Wintersemester die Vorlesungen und praktischen Hebungen in diesem Fache beginnen werden. Der .Hochschullehrer, der aus diesen Lehrstuhl berufen ist, Geh. Medizinalrat Professor Dr. Brieger, besuchte in den letzten Tagen Thüringen, um sich einige der bekann­testen Wasserheilanstalten anzusehen. Vor kurzem war er in Elgersburg, dem wasserberühmten, wald- und berg­umrahmten thüringischen Kurorte, der am längsten in Thüringen, ja in Deutschland unter dem Zeichen der Hydro­therapie steht, um Einsichten nehmen in dieWasserkunst". Gr hatte in der Wasserheilanstalt von Sanitätsrat Dr. Barwinski und Dr. Wiedeburg Quartier genommen und unterrichtete sich über die Einrichtungen der umfang­reichen Anstalt und deren Praxis auf das eingehendste. Beides fand den vollen Beifall des bekannten Klinikers und Therapeuthen, der nunmehr eine dreimonatige Orien­tierungsreise auf dem Gebiete der physikalisch-diätetischen Therapie hinter sich hat. Die praktischen Hydrolherapisten knüpfen an die neue Tätigkeit Briegers große Hoffnungen, da Brieger nicht nur als Kliniker und Therapeut einen Namen von ausgezeichnetem Rufe hat, sondern auch ein

unterstützt, halb getragen, halb gehend, barfuß, naß wie eine Katze, die man aus dem Wasser gezogen hat, werde ich zwischen einer doppelten Reihe von Gaffern in eine herbeigerufene Droschke verpackt. Der freundliche Schutz« mann führt mich am Arm und trägt meine Stiefel und meinen Kragen. Am folgenden Tage bringt derIn« transigeant" die Erzählung von einem deutschen Raubmörder, der in einem Friseurladen des Boulevard de Strasbourg eingebrochen sei und den Meister sowie zwei friedliche Bürger tot gestochen habe, während dasPetit Journal" behauptet, es handle sich um einen aus dem Jrrenhause entsprungenen Wahnsinnigen . . . Mein Name war beides Mal gesperrt gedruckt. Heute morgen war der Spezialphotograph der Woche" bei mir, um mich zu photographieren.

* Kurzes Glück. Das Tagesgespräch in den ultra fashionablen Kreisen von Paris bildet gegenwärtig das unvermutete Wieberauftauchen der vor zwei Jahren spurlos verschwundenen schonen Erbin Maria Ferrand. Als Witwe mir einem vier Monate alten Kinde ist die Verschollene jetzt in ihr Vaterhaus, wo man sie längst als eine Tote betrauerte, zurückgekchrt. Die Geschichte der jungen Frau, die als Mädchen ein Liebling der vornehmen Gesellschaft war und ebenso ihrer Reize wie ihres Geldes wegen von zahlreichen Freiern umschwärmt wurde, ist höchst roman­tisch. Im Sommer 1898 befand sich Maria mit ihren Eltern in deren Billa auf dem Lande. Sie verliebte sich dort in einen Maschinenarbeiter, der Reparaturen an einer I ihrem Vater gehörenden Gaslokomobile auszuführen hatte. : Nachdem die Arbeit beendet und der junge Mann fort» gegangen war, ohne eine Ahnung davon zu haben, welche Gefühle er in dem Herzen der schönen Millionärstoch-ter entfacht hatte, faßte diese den Entschluß, um jeden Preis die Gegenliebe des heimlich Angebeteten zu erringen. Um diesen Zweck zu erreichen, verließ das exzentrische Mädchen eines Tages das Haus ihrer Eltern, die sie in einem zurück­gelassenen. Schreiben bat, nicht nach ihr zu ivrschen, sie werde, wenn sie das Glück, nach dem sie suche gefunden habe, aus eigenem Antriebe wieder Mrückkehren. Die Ferrands setzten jedoch alle Hebel in Bewegung, um die verschwundene Tochter auszufinden; alle Bemühungen blieben aber erfolglos und man gewann schließlich die Ueberzeugung, daß Maria nicht mehr am Leben weile. Die junge Dame hatte Erkundigungen über den Gegenstand ihrer Leidenschaft eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß er in einem billigen Hotel garni in Paris wohne. Es gelang ihr, in dem Gasthaus eine Stelle als Stuben­mädchen zu erhalten, und nachdem sie diesen Posten vier Monate hindurch geduldig ausgefüllt hatte, machte ihr der fleißige, solide Maschinist den ersehnten Heiratsantrag. Er wußte nicht, wen er in dem bildhübschen, nur zu häufig einen merkwürdig hohen Bildungsgrad verratenden Dienst­mädchen vor sich hatte. Als er erfuhr, welcher Sphäre seine junge Frau angehörte und was sie seinetwegen auf­gegeben hatte, schwor er ihr, sie sein Leben lang au: Händen tragen zu wollen, wenn sie auch fernerhin für ihre Familie eine Verschollene bleiben würde. Maria versprach es und führte trotz der bescheidenen Existenzmittel des Gatten em sehr glückliches Dasein. Vor zwei Wochen starb der Mann am Typhus und die junge Witwe sucht nun Trost bei ihren Eltern, die ihr freudig verziehen haben.

* Das verhängnisvolle Nein! Vor einigen Tagen betrat ein Hockizeitszug feierlich das Standesamt von Gentilly, einer Gemeinde in der Umgebung von Paris. Die Braut sah unter dem langen Schleier sehr reizend aus, und alles war eitel Freude, bis die Zeremonie begann, Der Standesbeamte mit seiner Schärpe stellte zuerst an den Bräutigam die übliche Frage:Wollen Sie nehmen'?" usw. Der junge Mann antwortete mit einem kräftigen Ja". Darauf richtete der Beamte dieselbe Frage an das junge Mädchen, das in seiner Bewegung und Aufregung seiner Sprache nicht mächtig war und einNein" hören ließ. Alles war verblüfft.Lieber Gott", rief sie und brach in heiße Thräneu aus,ich habe mich geirrt, ich wollteJa" sagen." Es war aber schon zu spät. Der Beamte handelte mitleidslos nur nach dem Buchstaben des Gesetzes, und dieses bestimmt in solchem Fall, daß die Zeremonie auf einen späteren Tag verschoben werden muß. Das Aufgebot wird daher noch einmal stattfinden, und das unglückliche Pärchen muß warten.

* Wien, 15. August Auf der Station Mödling stieß in der vergangenen Nacht ein Personenzug mit einem Lastzüge zusammen, wobei die beiden Ma­schinen und einige Wagen entgleisten. Verletzungen von Passagieren sind nicht vorgekommen.

Nach dem Gebrauche wurde ein Ventil geöffnet, damit das Gas aussttömte, wodurch der Ring derartig zusammen­schrumpfte, daß er, nachdem in seinem Innern wiederum eine Glashülse zu weiterem Gebrauch geborgen worden war, bequem in die Tasche gesteckt werden konnte. Natür­lich ist der Ring noch in einer Wurflinie verwendbar und zwar benutzte der Erfinder hierzu ein Seil, das durch Witterungseinflüsse nicht brüchig wird und auch keine Bogenformen annimmt, wenn es längere Zeit zusammen­gewunden war. Noch größeres Interesse als der Ring erregte ein Rettungsfloß, das aus gleichem Material her- gestellt ist. Das Floß, das vor dem Gebrauche ein Packet von einem viertel Meter Länge, 30 Zentimeter Breite und 20 Zentimeter Dicke bildete, dehnte sich im Wasser auf 2 einhalb Meter Länge und 1 Meter Breite aus. Tie Oberfläche des Flosses ist derartig genarbt, daß darauf befindliche Personen bei gehöriger Vorsicht vor dem Aus­gleiten oewahrt bleiben. Während vom Kahne aus drei Personen das Rettungsfahrzeug bestiegen, fanden auf ihm noch zwei Schwimmer, die es leicht erklommen, Raum. In praktischer Weise sind auf dem Flosse haltbare Bänder zum Festschnallen geretteter Personen oder Gegenstände (Nah- vmrgsmittelvorräte) angebracht. An einem Ende des Fahr­zeuges befindet sich ein zusammengeschalteter Schaufel­apparat, der zur Fortbewegung und Steuerung des Flosses bienen soll.

Eine kräftige Abbitte leistet intPforz­heimer Anzeiger" die Frau eines Angestellten in Pforz­heim. Sie schreibt: Ich erkläre Hiermit, daß alle von mir gemachten Schulden ohne Wissen und Willen meines Mannes durch mein leichtfertiges, verschwenderisches Wirt­schaften entstanden sind. Ich werde stets seitens meines Mannes Reichlich mit Geldmitteln versehen und hätte bei häuslicher Bewirtschaftung noch Geld erübrigen können. Es thut mir sehr leid, meinem Ehemanne gegenüber so gehandelt zu haben, und bedauere sehr, daß oessen ehr­barer Name durch mein leichtfertiges Verschulden so be­lastet wurde. Karoline N., geb. D. » >

Ein empfindlicher Herr ist der Rentamtsoffiziant a. D. Brandl in Greding i. Bayern, der imHilpoltsteiner Wochenblatt" vom 4. d. M. folgendesEingesandt" ver­öffentlicht:Oeffentliche Erklärung. Seit Juni 1898 be­findet sich der Unterzeichnete wegen Erkrankung außer Dienst. Während meiner 17jährigen Thäligkeit als Oberschreiber und Ossiziant war ich bei meinen Amtsangehörigen beliebt und geachtet. Wenn ich nun hierfür meinen Dank aus­spreche, so muß ich gleichzeitig Klage darüber führen, daß man mich größtenteils als Herr Brandl unter Hinweg- laffung des Titels Offiziant anspricht. Nachdem man gegen­wärtig in einem Zeitalter lebt, wo jeder Kuhhirt tituliert wird, glaubt auch der Unterzeichnete sich berechtigt, seinen Titel als Rentamtsoffiziant aufrechtzuerhalten, und werde ich daher künftig gegen jeden, der mich absichtlich nicht als Offiziant tituliert, Strafantrag wegen Beleidigung stellen. Greding, im Juli 1900. Karl Brandl, Rentamtsoffiziant a. D."

* Das Abenteuer im Barbierladen. Folgende ergötzliche Schilderung der Fährlichkeiten, denen Weltausstellungsbe­sucher ausgesetzt sind, wenn sie das Französische, zumal das Pariser Französisch nicht genügend beherrschen, giebt ein Leser derD. Ztg.":Ich laß mir jetzt", so schreibt er, den Bart stehen und die Haare wachsen wie Simson. Wenn ich einen Barbierladen sehe, mache ich einen großen Bogen .... Gleich am ersten Tage will ich mich frisieren laffen. Frisieren? Was braucht man da ein Wörter­buch! Natürlich doch friser. Ich zeige dem verbindlich lächelnden Barbierjüngling auf meinen Schopf, sage friser mit obligatem monsieur und eil vous plait und lasse mich ahnungslos in den bequemsten Sessel nieder. Damit ist mein Schicksal besiegelt! Was hilft mein teutonischer Widerstand und meine Fluchtversuche mit affenartiger Geschwindigkeit brennt, kräuselt und parfümiert der lächelnde Jüngling mir einen Lockenaufbau zurecht, dessen sich Apollo von BelvedSre nicht zu schämen brauchte. Abends beginne ich zerknirscht meine Sprachstudien nach Grammatik und Wörterbuch und schlafe die Nacht mitSachS-Dillatte" j unter dem Kopfkissen. Als ich mich beim Frühstück über- I höre, klappt eS schon ganz gut: veuillez me donner un ooup de peigne bitte frisieren Sie mich, veuillez me raser bitte, rasieren Sie mich, veuillez me donner une friction bitte, waschen Sie mir den Kops u. s. w. Getrost glaube ich mich den lächelnden Jünglingen heute anvertrauen zu können. Zur Fürsorge nehme ich aber das Wörterbuch mit und I trete stolz in die Rasierstube ein d. h. ich will eintreten, I benn auf der Schwelle rutsche ich aus, gleite, stolpere und I patbanj. schlage der Länge nach hin. Verschiedenen Kunden I fägrt vor Schreck das Rasiermesser in die Kehle ob des I ®etofc«, ba« mein 5aa verursacht (ein Ertrinkender I greift bekanntllch nach einem Strohhalm, warum ich nicht I nach Stuhlbeinen?) Die anderen Gehilfen, die nicht dadurch verhindert waren, daß ihnen das Messer in der Keble (sc. ihrer Kunden) stecken blieb, und dir Meister stürzen sich auf mich: Es-ce que les pieds vous font mal? Statt pieds verstehe ich parqu.et und antworte im Hinblick auf de« verdammt glatten Fußboden: Trös mal bien mal trös bien mal! Erfolg: die guten Leute versuchen, mir die Stiefel auszuziehen, obwohl ich in der Eile noch nicht ein­mal wußte, ob ich bottes, souliers oder bottines an hatte. I Mein großes Lexikon war bei dem Sturze so weü geflogen' I daß ich es nicht erreichen konnte, und während ich trotzdem I verzweifelte Versuche mache, mich in seinen in diesem Augen- I blick unbezahlbaren Besitz zu setzen, denken die Leute, ich I hatte Krämpfe. Alles schreit durcheinander; einer knöpft mir Schlips und Kragen auf, ein anderer die Hosenträger I wan legt mich auf den Rücken, kitzelt mich an den Fuß- I Wen, versucht mich zu massieren und schüttet mir in der I ®1Ic statt Essig eine Flasche Odol auf den Kops. Inzwischen I sammelt sich im Laden und auf der Straße eine immer I ?t^?n^toc®cn^)c Menschenmenge; endlich erscheint noch I beugt sich liebevoll zu mir herab und fragt I AMä Wohnung. Ich japse Hotel und Straße. I faße Fäuste stellen mich aus die Beine; von allen Seite» I

bewährter Mann her Praxis ist, und da die preußische Staatsregierung ihn ui die Lage gesetzt ljat, durch Errich­tung der in sein Fach einsckftagenden Institut und fiabora- tonen für Wasserheilverfahren, Massage und Elektrizität eine intensive Lehrthätigkeit üben zu können. In der Eharitee, dein großen Berliner Krankenhausc, wird Ge Heimrat Brieger Gelegenheit finden, die Bedeutung des Wasserheilverfahrens und der verwandten Fächer den ftu diercnden Medizinern und den jungen Aerzten praktisch vorzuführen. Sicher wird sein neue? Lehrstuhl eine große Anzahl Hörer und Schüler um sich scharen; der neue Samen, den Geheimrat Brieger in die zukünftigen praktisck)en Aerzte verpflanzen wird, wird gewiß nicht nur seine reick)eil Früchte tragen zum Wohle der leidenden Menschheit, son­dern er wird auch zu einem neuen und gewichtigen Kampf­mittel gegen die .Kurpfuscher werben, bereu viele so thun, als hätten sie bas Wasserheilverfahren allein gepackstet. Wie dieStraßb. P " hört, soll die offizielle Besitzergreifung der Hydrotherapie durch die Wissenschaft noch dahin er­weitert werden, daß mit der bevorstehenden Reform bc$ medizinischen Studiums auch die Prüfung über Hydro- therapie u. s. w. im Staatsexamen vorgesehen werden soll.

Sport, Spiel, Jagd.

.Warum Nicht deutsch?" Unter dieser Spitzmarke schreibt die ZeitschriftSt. Geora" vom Lawn-TenniS in Homburg u. o. folgendes: Man betritt Den Spielplatz und da schallt eS einem ent­gegen:Ihres games to one, Otto v Müller IcebB*,advantage lo ftnker",fifteen all",thirty love",fourty our ftfteen",change over' usw. Aha, denkt man, die Leute auf den Stühlen find Engländer, die können nicht deutsch, und als Richteingeweihter erkundigt man sich, wer der Mann auf dem Stuhl ist, und erhält »ur Antwort:der umvire". Also doch ein Engländer"! Später belauscht man zufällig einen Dieser Herren, nachdem er feinen Stuhl verlassen hat, und siehe da, er spricht deutsch, ganz geläufig und ohne fremde Aussprache. Bei näherer Er­kundigung erfährt man dann weiter, daß dieseumpires" junge deutsche Herren find, die aus Liebenswürdigkeit das Amt eines Unparteiischen übernommen haben. Ja aber, meine Herren, warum sprechen Sie denn als Deutsche, auf deutschem Grund und Boden, bei einem deutschen Tournier immerfort englisch?! Ich dächte doch, »drei Parteien gegen eine für Otto v. Müller",Vorteil für Rachhand",fünfzehn für nichts", dreißig für beide",vierzig zu minus fünfzehn",Plätze weckseln" wäre nicht schwieriger auszusprechen und nicht weniger verständlich, all die vorher angeführten englischen Bezeichnungen.

DaS »Gespenst der Landstraße".Heidi, ist das eine Freud', durch die Welt zu fliegen Keiner kann an Schnelligkeit Radlers Kunst besiegen!"Jawohl, lieber Freund, alle- recht schön, aber bitte etwas langsamer oder besser gesagt etwas rücksichtsvoller, wenn Sie im Rücken friedlich dahinwandelnder, in die Unterhaltung vertiefter Spaziergänger, für diese unhörbar, herangesaust kommen!" Wieso? Hab' ich nicht meine Schuldigkeit gethan, indem ich tüchtig klingelte?"Mit Nichten, junger Mann! Haben Sie sich schon ein­mal Zeit genommen, zu beobachten oder darüber nachzudenken, welch« Wirkung der 30 bis 50 Meter hinter einer ahnungslosen Fußgänger­gruppe urplötzlich einsetzende schrille Ton Ihrer Glocke auf diese auSübt? AlS ob eine Bombe zwischen sie geschlagen, fährt die Gesellschaft er­schreckt auseinander, und es sind wahrlich keine Segenswünsche, die sie Ihnen nachsendet. ES ist etwa dasselbe Blld, das in die Erscheinung treten würde, wenn jemand in einem Lesezirkel, während jeder in daS Studium seines Lesestoffes vertieft ist, urplötzlich einen wuchtigen Faust­schlag auf die Tischplatte niederführte. Wie man unter gebildeten Menschen ein derartiges Betragen beurteilt, fönnen Sie sich lebhaft denken. Und ich kann Sie versichern, junger Herr, daß man den Rad­fahrer, der infolge zu späten, plötzlichen Klingelns eine Fußgängergruppe rücksichtslos auSeinanderjagt, auf dieselbe Bildungsstufe stellt wie den brutalen Faustschläger. Und daS mit Recht! Wenn Sie Ihre Glocke 100 oder 200 Meter früher und dann in kurzer Aufeinanderfolge in Bewegung setzen, sind Sie dieses Vorwurfs überhoben und die Passanten vor Ihnen machen, rechtzeitig gewarnt, bereitwilligst Platz." Der hier geschilderte Vorgang passiert, wenigstens in ähnlicher Form, alle Tage. Richt immer geht es dabei glatt ab. Schon öfter sind ängstliche oder ältere Personen, die, infolge des in unheimlicher Nähe auftauchenden jähen Glockenzeichens durch das plötzliche Bewußt­sein drohender Gefahr aufs heftigste erschreckt, überhaupt nicht auszu­weichen vermochten, angerannt ober überfahren worden. In begreif­licher Entrüstung nannte unlängst in einem Prozeß, in dem wegen Ueber- fahrens von Kindern durch einen Radfahrer verhandelt wurde, ein älterer Herr, der als Zeuge des Leichtsinns eines Radfahrers fungierte, das Fahrrad dasGespenst der Landstraße". In der That wird es zu einem solchen in der Hand rücksichtsloser Menschen. Marschierendes und fahrendes Publikum haben, da die Verkehrszustände und VerkehrS- bestimmungen einer FrankfurterZeil" auf unsere Landstraßen in ab­sehbarer Zeit keine Anwendung finden dürften, gleiche Ansprüche und gleiche Rechte bezüglich der Benutzung des mittleren breiten Teils der letzteren. Der Fußgänger hat dem Reiter oder dem Fahrenden natür­lich stets auszuweichen, da diesen beiden nur der mittlere Strabenteil zur Verfügung steht. Das marschierende Publikum macht aber von seinem Recht gerne Gebrauch, da es naturgemäß den gangbarsten Teil d-r Straße stch aussucht und die Banketts mitunter, besonders bei feuchtem Wetter, schlecht passierbar find und dann mehr als Mittel zum Ausweichen in Betracht kommen. Mit dem Retter oder dem Fuhrmann kommt es selten, fast nie In Konflikt, häufiger find die Kollisionen mit Radfahrern. Die Rechte bi8 Radfahrers auf der Landstraße wird, nachdem des Fahrrads Bedeutung als DerkehrS- mtttel allgtmetn anerkannt ist, niemand beeinträchtigen wollen, auch müssen wir mit in Kauf nehmen, daß unsere sonntäglichen Spazier­gänge auf den Landstraßen durch die mit dem Radsport etngejogene Unruhe an Behaglichkeit und Genußsreude schwerlich gewonnen Haden. Für alle dem Radfahrwesen gemachten Zugeständnisse solltm fich beffen Vertreter aber auch erkenntlich zeigen und angesichts der Thatsache, daß die Entfaltung desselben die Ruhe und Sicherheit auf unseren Landstraßen in gewissem Mße beeinträchtigt Hai und wahrschrinlich noch mehr beeinträchtigen wird, erwächst allen Rad­fahrern die unabweisbare Pflicht, dem zu Fuß wandernden, als dem weitaus größten Telle drS Publikums gegenüber die w.ttgehendfie Rücksichtnahme an bm Tag zu legen. Fälle, wie der oben geschil­derte. können, wenn der Radfahrer feine fünf Sinne beisammen hat und d»S muß er auf dem Rade allerdings zu jeder TageS- und Nachtzeit nicht Vorkommen. Wer aber vom Rade hrrab sich mutwilliger Ehikane dem Publikum gegenüber schuldig macht, dem ollte für sein flegelhaftes Betragen die Erlaubnis zum Radfahren e nach den Umständen auf geraume Zeit ober für immer entzogen werden. (AlSf. Obb. Ztg.)

Arbeiterbewegung.

Hamburg, 15. August. Wie dasHamb. Fremdenblatt" er- Lhtt, haben heute auf der Werft von Blohm & Voß weitere 15 Kefsel- heizer" und 30 Holzarbeiter die Arbeit niedergelegt. Die Gesamtzahl der außer Arbeit befindlichen Werftarbeiter wird auf 5400 Mann geschätzt.

Hamburg, 15. August. Infolge des Ausstandes der Metalls Werftarbeiter haben Blohm & Voß ihre Werft, auf der nur noch Holz­arbeiter thätig sind, für zwei Tage in der Woche geschloffen. Hiermit tnb die noch arbeitenden Leute nicht einverstanden und wollen, falls eS dabei bleibt, ebenfalls streiken.

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Leipzig, 16. August. Gestern gegen abend wurde in einem Restaurant in der Emilievstraße ein junger etwa