Ausgabe 
17.8.1900 Zweites Blatt
 
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M. 191 Zweites Blatt. Freitag dm 17. August

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Die Wirren in China.

Nachdem nun auch die Antwort Frankreichs eingegangen ist, kann die Frage des Oberbefehls in China als geregelt angesehen werden, denn alle Mächte find nun darin einig, die obere Leitung der Operationen dem Grafen Waldersee zu unterstellen. Es hat in den letzten Tagen mehrfach den Anschein gehabt, als ob in dieser Angelegenheit ernste Schwierigkeiten entstanden seien, und als ob die Zustimmung der einen oder andern Macht nicht völlig gesichert wäre. Seit nun aber auch die Zusage der französischen Republik erfolgt ist, stehen wir vor einer vollendeten Thatsache. Alle Mächte haben anerkannt, daß die Operationen ohne eine einheitliche Leitung außer- ordentlich erschwert werden müßten, und daß die militä­rische Notwendigkeit darauf dringe, die obere Leitung einem General anzuvertrauen, auf dessen Befähigung man volles Vertrauen setzen könne. Wir glauben aber hinzufügen zu dürfen, daß nicht nur die Person des Generals entscheidend war, sondern auch seine Nationalität und die Politik des Staates, dem er angehörte. Diese Politik mußte Vertrauen ein- fiößen, man mußte Überzeugt sein, daß sie nicht auf abenteuerliche Unternehmungen ausgehe, und daß man es mit Leuten zu thun habe, die keineswegs gesonnen sind, die bevorzugte Stellung, die ihnen durch den Oberbefehl eingeräumt wird, zur Er­langung von Sondervorteilen zu mißbrauchen. Der vom Grasen Bülow aufgestellte Leitsatz unserer Politik, daß wir unfern Plah an der Sonne beanspruchen, aber auch keinem andern seinen Teil am Sonnenlichte wegnehmen wollen, gilt auch für China und hat noch durch die kürzlich bekannt gewordene letzte Rede des Kaisers eine Bekräftigung er­fahren. Die ausdrückliche Erklärung, daß der Kaiser sich der Aufteilung des chinesischen Reiches aufs energischste widersetzen werde, wird gewiß viele Besorgnisse zerstreuen, die zu Unrecht an manchen Stellen aufgetaucht waren, und grade die Thatsache, daß es sich hier um Aeußerungen handelt, die in vertraulicher, nicht zur Weiterverbreitung bestimmter Weise gemacht waren, zeigt aufs klarste, daß hier die innerste Meinung des Kaisers gesprochen hat. Die Veröffentlichung mag an sich indiskret sein, nach ihrer Wir­kung können wir sie aber nur willkommen heißen. Wir find im übrigen der Ansicht, daß die Besorgnisie, von denen wir sprachen, mehr in der öffentlichen Meinung bestanden haben, als bei den Mächten, die stets genau gewußt haben, woran sie sich bei der chinesischen Politik Deutschlands zu halten hatten. Nur auf dieser Grundlage konnte auch ihre Zustimmung zum deutschen Oberbefehl erfolgen. Ist diese Zustimmung für Deutschland schmeichelhaft als eine Anerkennung seiner militärischen Stellung und seines politisch-n Ansehens im allgemeinen, so wird sie doppelt schätzenswert bei denjenigen Mächten, die vielleicht selbst den Oberbefehl nicht ungern übernommen hätten oder die, wenn sie ihre Truppen deutschem Befehl unterstellten, den Schleier der Vergessenheit breiten mußten über alte schmerz­liche Erinnerungen und Wunden, die zwar vernarbt, aber doch noch unvergessen sind. Deutschland erwächst aus dieser

die Pflicht, seinen Verbündeten mit größtem Takte und sorgfältiger Rücksichtnahme entgegenzutreten. Nur die eine Faust, die auf China schlägt, soll gepanzert fein. Dann ttnto, so hoffen wir, der chinesische Feldzug auch nach der Sette hm feine gute Wirkung haben, daß Nationen, die sich bisher fremd, ablehnend und mißtrauisch gegenüberstanden, sich naher kennen und schätzen lernen, und daß Annähe­rungen erfolgen, die nirgends fester zu begründen sind, als in gemeinsamen Kämpfen, wo der eine für den andern emzustehen und ihn als feinen Kameraden zu be- trachten hat. ö

Was den Oberbefehl selbst anbelangt, so sind über ihn keine ms einzelne gehenden Vereinbarungen getroffen wor­den. Unzweifelhaft ist es als der militärische ideale Zu­stand zu betrachten, wenn eine kriegführende Armee in sich durchaus einheitlich ist, einheitlich in Befehl, Aus­bildung und Ausrüstung. Daß ein solcher Zustand bei einem internationalen Heere, dem Truppenteile von sieben Nationen angehören, praktisch nicht zu erreichen ist, liegt ohne weiteres auf der Hand und ebenso, daß die Befehls­erteilung sich nicht in jenen kategorischen, manchmal schroffen Formen vollziehen kann, wie das innerhalb eines einheitlichen nationalen Heeres möglich und üblich ist. Ueber die Einzelheiten der Befehls­führung wird sich Graf Waldersee erst nach seinem Ein­treffen in China schlüssig zu machen haben. Es ist das ja gewiß keineswegs eine leichte Aufgabe, die dem richtigen Taktgefühl des Oberfeldherrn ein weites Feld eröffnet, »der ihre Lösung ist nicht unmöglich, zumal wenn man, wie man es jetzt darf, auf den guten Witten aller beteiligten Faktoren rechnet.

Der französische Minister Delcasse hat gestern (15.) folgendes voni 9. August datiertes Telegramm des französischen Gesandten Pichou aus Peking erhalten: Das Tsungliyamen hat uns mitgeteilt, Lihungtschang fei beauftragt, auf telegraphischem Wege mit den Mächten zu unterhandeln. Wir wissen gar nichts von dem, was außer­halb der noch stehenden Gesandtschaften geschieht, denn wir sind von Barrikaden eingeschlossen und von feindlichen Schanzwerken umgeben. Wie aber könnte man sich auf Verhandlungen einlassen, ohne daß das diplomatische Korps in'seine Rechte wieder eingesetzt und ohne daß das Gebiet der Gesandtschaften von den Chinesen geräumt ist! Wenn Verhandlungen den Vormarsch der verbündeten Truppen aufhalten sollten, die unsere einzige Rettung sind, laufen wir Gefahr, in die Hände der Chinesen zu fallen. Der Stadtteil, in dem die französische Gesandtschaft liegt, wird noch immer von den chinesischen Truppen be­setzt gehalten, die das Feuer nie ganz eingestellt haben. Alle Räume der Gesandtschaft sind verbrannt mit all ihrem Inhalt. Wir sind auf Belatzerungskost gesetzt, als Nahrungsmittel haben wir Pferdefleisch, Reis und Brot für noch etwa 14 Tage." Besser als lange Leitartikel es vermöchten, beleuchtet diese kurze Meldung des franzö­sischen Gesandten die Lage. Mit der Entrüstung des Mannes, der in treuem Pflichtgefühl unter fast unerträg­lichen Beschwerden auf seinem Posten ausharrt, wendet sich Pichon gegen die Möglichkeit, daß die Mächte mit einer Regierung, welche ihre Vertreter belagern und be­schießen läßt, Unterhandlungen anknüpsen könnten, die, wie er richtig ertennt, ohne eine Ahnung von dem zir haben, was wir seit zwei Monaten vor unseren Augen haben vorüberziehen sehen, doch nur den Zweck haben, der Retturrgsexpedition nach Peking Steine in den Weg zu werfen. Das Angebot des sicheren Ge­leits durch Chinesen haben. die Gesandten, obwohl sie sicherlich jedes Mittel zu ihrer Befreiung mit 'Freuden begrüßen würden, längst als Humbug erkannt, denn sie betrachten eben jene chinesische Regierung, die es ihnen anbietet, als ihren Feind, und chinesische Truppen sind es, die sie nach wie vor belagern und beschießen. Ihre einzige Sorge ist,nicht in die Hände der Chinesen zu fallen". Ihreeinzige Rettung" setzen daher die Frem­den in Peking nach wie vor auf das Eintreffen der Errtsatz- truppen, und die Ankündigung Pichons, daß sie bei der aus Pferdefleisch, Reis und Brot bestehendenBelager­ungskost" noch bis zum 23. August auszuharren vermögen, macht es fast zur Gewißheti, daß sie in ihrer Hoffnung nicht getäuscht werden. Andererseits verweist der Bericht Pi­chons glücklicherweise die Botenmeldung in das Bereich der Fabel, daß die Gesandtschaften neuerdings abermals von den Stadtmauern aus mit Kanonen beschossen worden seien, denn jene Boten hatten am 7. August Peking ver­lassen und Pichon würde in seinem Telegramm vom 9. einen solchen, die Lage der Fremden erschwerenden Umstand sicherlich nicht unerwähnt gelassen haben. Erfreulicher­weise braucht der Notschrei des französischen Gesandten die Außenwelt nicht erst über die Bedeutung des neuesten Verhandlungs-Angebots der Chinesen aufzuklären, denn keine der Mächte ist auf diese List hineingefallen.

Ueber den Verlauf des Bo^rMarsches der Ret­tungsexpedition wird aus Tientsin vom 11. August gemeldet:Nach einem Gefecht mit den Truppen Tungs, der persönlich den Oberbefehl führte, wurde Hohsiwu von den verbündeten Streitkräften genommen. Um einer erneuten Festsetzung der Chinesen in verschanzter Stellung vorzubeugen, wurde der fliehende Feind sofort verfolgt. Die Verbündeten werden voraussichtlich heute bis auf 60 Li vor Peking gelangen. Zur Abschneidung der chinesischen Rückzugslinie auf Paotingfu stößt Kavallerie nach Süden vor. In Peking läßt der Prinz von Tu an jeden hinrichten, der Lebensmittel an die Fremden liefert oder ihnen sonst Sympathieen be­weist. Wie ferner ein Telegramm aus Tschisu vom 12. August meldet, erklären die dortigen Konsuln Rußlands und Englands übereinstimmend, die Entsatztruppen seien ohne weitere Kämpfe am 9. August bis ungefähr nach Anping gelangt, das von Peking 50 Kilometer ent­fernt ist. Standen sie also, wie jene Wolsfsche Meldung erwarten läßt, am 11. August noch 60 Li (1 Li gleich 575 Meter), also etwa 35 Kilometer von Peking, in der Nähe Tschangtschiawan, wo die Franzosen und Engländer am 18. September 1860 ein chinesisches Heer von 30 000 Mann schlugen, so müssen sie nach Maßgabe der Schnelligkeit des bisherigen Vormarsches seitdem vor Pekings eingetroffen fein. Inzwischen sind von Tientsin und von der Küste aus auch deutsche und österreichische Marine­truppen, offenbar Schiffsbesatzungen, dem Rettungs­korps nachgerückt. Darüber meldet der zweite Admiral des deutschen Kreuzergeschwaders aus Taku vom 12. August: Kapitän Pohl, Kommandant S. M. S. Hansa, ist am 9. ds. abends mit 4 Offizieren und 107 Mann von Tientsin nach Peking vorgegangen. Kapitänleutnant Hecht, 1. Offizier S. M. S. Hertha, ist am 10. ds. nachmittags, mit 2 Offi-

Aieren, 150 Mann julnb Proviant nachgerückt. Wasser und Troß folgen nach. 160 Oesterreicher find am 10. ds. früh von Tongku dem Kapitän Pohl gefolgt".

Aus Shanghai meldet man vom 13. August:Die Flucht der Eingeborenen hat seit der Mitteilung, daß eng­lische Truppen in Shanghai eintreffen, ausgehört. Die russischen Kriegsschiffe Kormloff und Gremiastchij und der französchsche Panzerkreuzer Admiral Charner sind heute hier eingetrojfen". Inzwischen teilt jedoch dasselbe Bureau aus Shanghai vom 14. August mit, die aus Hongkong in Shanghai angekommenen Truppen seien nicht gelandet worden, weil der Vizekönig sich der Landung widersetzt habe. Man erinnert sich dabei, daß Ad­miral Seymour angeblich in Nanking mit dem Vizekönige Linkunyi die Abmachung getroffen hatte, daß nur eng­lische Truppen zum Schutze Shanghais gelandet, werden dürften; ist das richtig, so müßte der Vizekönig seitdem! wieder andern Sinnes geworden fein. Aus Hongkong wird dem Reuterschen Bureau vom 13. August gemeldet: Die Chinesen entwickeln in der Ausdehnung der Ver­teidigungswerke Kantons eine erhöhte Thätig- keit. Das alte Lehmfort wird wieder armiert. Chinesische Berichte sagen, die Bogue-Forts würden zweifellos das Feuer eröffnen, falls noch weitere Kriegsschiffe nad) Kanton entsandt würden.

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DaSMilitär-Wochenbl." veröffentlicht die Stellen- besetzuug deS Armee-Oberkommandos in Oftafien. Dem Ober­befehlshaber General-Feldmarfchall Graf v. Waldersee find nicht weniger als 29 Offiziere und Sanitätso f fi- ziere der deutschen Armee und 1 Offizier der kaiserlichen Marine beigegeben, darunter 2 General­majors, 2 Obersten, 2 Oberstleutnants, 6 Majors, 7 Haupt­leute oder Rittmeister, 3 Oberleutnants, 5 Leutnants, 1 Oberstabsarzt, 1 Stabsarzt und 1 Kapitän Leutnant.

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Telegramme deS Gießener Anzeigers.

Berlin, 16. August. Graf Waldersee traf gestern abend 10y2 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Zuge hier ein. Hier hatten sich zum Empfange fein Bruder, Vize-Admiral Graf Waldersee, Generalmajor Freiherr von Gayl, Haupt­mann Wilberg und Oberstleutnant von Böhn eingefunden. Der Graf, der vom Publikum lebhaft begrüßt wurde, ent­stieg als erster dem Zuge, begrüßte die Anwesenden und dankte dem Publikum für die Kundgebungen. Mit dem Grafen traf zugleich die Gräfin und Oberleutnant Wachs ein. Auch auf der Fahrt nach dem Hotel wurde der Graf mit Hurrarufen empfangen. Wie aus Hannover ge­meldet wird, fährt Graf Waldersee auf wiederholten dringenden Wunsch König Viktor Emanuels mit einem Teile feines Stabes nun doch nach Rom.

London, 16. August. Der hiesige chinesische Ge­sandte hat eine Information erhalten, wonach alle Ge­sandten in Peking vor drei Tagen noch wohl­behalten waren. Er händigte gestern dem hiesigen Aus­wärtigen Amte ein chiffriertes Telegramm vom englischen Gesandten in Peking, Macdonald ein und befürwortete darauf ein Antwort-Telegramm in Chiffrierschrift vom Aus­wärtigen Amt an Macdonald Über die Maßregeln, die zum Entsatz der Gesandtschaften ergriffen worden sind.

Londov, 16. August. Der Unterstaatssekretär Brodrick erklärte in einer Rede in Witfield, die Regierung habe alles, waS möglich war, zur Rettung der Gesandtschaften in Peking gethan. Er freue sich, das englische und deutsche Truppen Seite an Seite kämpfen und hoffe, das Resultat werde nicht nur der Sieg in China, sondern auch eine Stärkung der Bande zwischen diesen beiden großen Nationen sein.

Der Krieg in Südafrika.

Aus Pretoria vom 14. ds. meldet dieDaily News", die Kolonne des Oberstleutnants Hoare, von der berichtet wurde, daß sie vor einigen Tagen in Elandsriver gefangen genommen worden fei, befinde sich mit dem Trans­port in Sicherheit und habe nur geringe Verluste gehabt. Ein Berichterstatter desDaily Telegraph", der sich zu den Buren begeben hat, meldet aus Middelburg vom 12. ds.: Gestern begrüßte ich die Generäle Botha und Viljoen in Belfast. Die Eisenbahn dorthin und bis zur Delagoabai ist unversehrt. In Belfast (50 Km. östlich von Middelburg) stehen ungefähr 300 Buren mit mehreren Geschützen. DaS Gelände ist offen und wellig. Die Hauptstellung deS Feindes b-findet sich auf dem BothaSberg, nördlich von Belfast. Dort stehen wahrscheinlich ungefähr 8000 Buren mit einer Anzahl von Geschützen. Alle geben zu, daß sie uns im Freien nichts