Ur. 164 Zweites Blatt. Dimstaa den 17. Juli
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Gießener Anzeiger
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Die Wirren in China.
Wir erhielten heute Bormittag folgendes Telegramm, das wir sofort durch Aushang bekannt gaben:
London, 16. Juli. Der Berichterstatter -er „Daily Mail" in Shanghai telegraphirt: Ich lbedanere die schon gemeldete Niedermetzelung aller Fremden in Peking am 6. und 7. Juli bestätigen zu müffen. Ich bin nunmehr im Besitz -er amtlichen Bestätigung dieser Nachricht. Ich weih aus positiv sicherer Duelle, daß Prinz Tsching niemals die günstige Nachricht erhalten hat, die er durch den englischen Vertreter in Shanghai verbreiten lieh. Am 6. Juli rückten die europäischen Truppen aus der englischen Gesandtschaft vor und lieferten den Belagerern einen blutigen Kampf, in dem mehr als 115 getötet wurden. Am 7. Juli lieh der chinesische General Fusiang zwei große Geschütze vor der Gesandtschaft auffahren und eine Bresche in das befestigte Gesandtschaftsgebäude schießen. Mit Sonnenaufgang war die Munition der Belagerten erschöpft, trotzdem kämpften die Europäer Mann für Mann bis zum äußersten. Sie unterlagen schließlich und wurden auf -ie grausamste Weise um gebracht.
* * *
Auch dem Büreau Reuter wird aus Shanghai vom 15. d. Mts. gemeldet: Eine amtliche Depesche des Gouverneurs von Schantung besagt, -ie Geschütze der Chinesen legten Bresche in die Mauern der Gesandtschaften in Peking. Nach heldenmütiger Verteidigung und nachdem die Munition erschöpft war, wurden alle Ausländer getötet.
Nach den letzten Meldungen war diese Hiobspost vorauszusehen, und wir zweifeln heute nicht mehr an ihrer Richtigkeit. Es besteht auch kein Zweifel mehr, daß die ganze Bewegung mit allen ihren grausen Mordthaten vom -Thron ausgeht und von der Regierung geleitet oder begünstigt ist. Wir stehen also jetzt, da das lange befürchtete Schlimmste sich bewahrheitet, vor einem Kriege der Mächte mit dem amtlichen China, einem Kriege nicht gegen die chinesische Bevölkerung insgesamt, sondern gegen Machthaber, die überwunden, gestraft und von der Gewalt entfernt werden müssen, damit das chinesische Reich erhalten werde und unter einer vernünftigen Regierung gedeihe und mit der übrigen Welt in Verkehr trete. Auch in diesem Falle ist nichts notwendiger als die Einigkeit der Mächte und gilt für Deutschland das Wort deS Grafen Bülow: „Wir wünschen keine Aufteilung Chinas, wir erstreben keine Sondervorteile."
Im Londoner auswärtigen Amte glaubt man nicht an einen Erfolg des Versuches des Ministers des Auswärtigen Delcasso und der amerikanischen Regierung, durch die chinesischen Gesandten Nachrichten auS Peking zu erhalten.
Nach einer Depesche aus Washington sandte der chinesische Gesandte in Washington, Wutingfang, am Freitag- morgen auf HayS Verlangen eine chiffrirte Depesche an den amerikanischen Gesandten in Peking, versprechend, ein hoch- gestellter Mandarin am Pekinger Hose werde dieselbe bestellen, blieb aber ohne Antwort. — Wutingfang hält die Meldung von der Niedermetzelung der Fremden für wahr. Er erblickt nach Washingtoner Telegrammen in dev Eifersucht der Mächte die einzige Ursache dafür, daß man den Legationen in Peking und damit auch der auf ihren Schutz bedachten legitimen Regierung noch nicht zu Hilfe gekommen sei, und findet damit die Zustimmung der Londoner, dem Auswärtigen Amt nahestehenden Kreise. Der „Standard" meint, es liege manches Wahre in dieser Ansicht.
Das internationale Konzert hat sich durch das Hinzutreten Amerikas und Japans noch komplicirter gestaltet, und es ist nur zu wahrscheinlich, daß sich das FraSko der vereinigten Mächte in der Kretafrage jetzt in größerem Maßftabe und zu größerem Unheil wiederholt.
Ein Telegramm aus Kanton besagt, LbHurrg-Tschang
werde der Aufforderung, nach Peking zu reisen, keine Folge leisten, weil er hierin eine Falle des Prinzen Tuan erblickt, der ihn nur in die Hauptstadt locken wolle, um ihn um.bringen lassen zu können.
Eine Tientsiner Drahtung des „Daily Expreß" schildert die Lage in Tientsin als hochernst. Am 8. Jnli wurde die Lage nur durch die rechtzeitige Ankunft von 1500 Russen mit einer Feldbatterie und acht Geschützen gerettet. Die chinesische Artillerie sei der der Verbündeten bei weitem überlegen. Langsam, aber sicher würden die verbündeten Streitkräfte zurückgetrieben. Von den geräumten Stellungen werden Kanonen auf sie gerichtet.
Nach einer in Petersburg eingrtroffenen Privatmeldung sind sechs Kompagnien der Russen bei Tientsin beinahe aufgerieben worden. Von 800Mann sind nur 30 übrig geblieben.
Amtliche Depeschen des Admirals Seymour aus Tientsin sind in London eingegangen. Die erste, datiert vom 9. dS., besagt: Die feindliche Stellung südwestlich der Fremdenniederlassungen wurde heute früh 9 Uhr angegriffen. Die Japaner vertrieben den Feind durch einen Flankenangriff und nahmen vier Geschütze. Kavallerie verfolgte den Feind, vervolländigte die Niederlage und tötete viele Soldaten und Boxer. Die verbündeten Truppen bombardierten uud nahmen das westliche Arsenal, erbeuteten zwei Geschütze und verbrannten das Arsenal, da sie es nicht halten können. Der Feind verlor 350 Tote, die verbündeten Truppen hatten geringe Verluste. Die zweite Depesche, datiert vom 12. dS., lautet: Die Chinesen griffen gestern 3 Uhr früh energisch die Bahnstation mit großer Truppenmacht an und wurden schließlich gegen 6 Uhr zurückgeworfen. Die Verbündeten verloren aber 1 70 Tote und Verwundjete. Die Verluste der Chinesen sind unbekannt, man glaubt aber, daß sie schwer find. Nachmittags wurden die Forts von Engländern und Franzosen bombardiert. Ein Fort und eine als Signalturm gebrauchte Pagode wurden zerstört. 1500 Amerikaner sind hier eingetroffen.
Eine fühere Londoner Meldung aus Tientsin lautet folgendermaßen: In Tientsin hat sich die Lage auch durch das Eintreffen erheblicher englischer und amerikanischer Verstärkungen nicht gebessert. Die fremden Niederlassungen bilden nur noch ein großes Trümmerfeld. Der Peiho unterhalb Tientsin ist nicht mehr schiffbar, weil ihn die Chinesen oberhalb zur Herbeiführung von Ueber- schwemmungen in der Umgegend von Peking abgedämmt haben. In der Stadt selbst werden die vereinigten Kontingente mehr und mehr in die Enge getrieben. Am 8. Juli montierten die Chinesen 6 Geschütze auf dem Platze des Hauses deS früheren Zoll - Inspektors D e t r i n g und sechs weitere bei einer englischen Villa. Von da begannen sie ein höchst verderbliches Bombardement aus dieFremden. Gleichzeitig unterhielten sie von der den fremden Truppen abgenommenen Tem- perance Hall ein nur allzu wirksames Gewehrseuer. lieber dem Haupt-Quartier des Obersten Deward explodierten in wenigen Stunden 15 Granaten, die einen der Verteidiger töteten und neun verwundeten. Nach einem am 9. dS. aufgegebenen Telegramm wird für Montag ein Generalangriff auf die Chinesenstadt geplant. Hoffentlich ist er nicht wieder in elfster Stunde an einer Meinungsverschiedenheit unter den leitenden Offizieren über die Regelung des militärischen Vortritts gescheitert.
Nach einem Telegramm auS Washington verhandeln die Mächte über die Legung eines neuen internationalen Kabels, um eine schnellere Uebermittelung der Nachrichten aus China zu ermöglichen. Eventuell soll das im Bau begriffene amerikanisch philippinische Kabel nach China gelenkt werden.
In B e r l i n gehen an amtlicher Stelle die Nachrichten aus China außerordentlich spärlich! ein. Das liegt daran, daß der Verkehr sehr erschwert ist. Die Telegramme müssen entweder per Schiff von Tientsin ncxch Taku oder durch Japan gehen. Andererseits ist wohl niemand mehr da, der eine zuverlässige Nachricht senden könnte.
Die „Post" schreibt vom 14. d. M.: Gestern überreichte der hiesige Vertreter Chinas im Auswärtigen Amte eine Note der chinesischen Regierung — welcher „Regierung" wird nicht gesagt — in der sie sich gegen die Anklagen dadurch zu verteidigen sucht, daß sie die Schuld an dem Ausbruch! der Unruhen auf das Verhalten der Fremden in China schiebt.
Nach! einer Meldung aus Bremen sind als Abgangs- tage für die Transportdampfer nach, China vorläufig der 27., 30. und 31. Juli festgesetzt. Die Einschiffung der
Truppen soll in Bremerhaven erfolgen. Der Transport- dampfer „Frankfurt" ist nach), Port Said abgegangen. — Wie man aus Kiel meldet, treffen infolge etngegangener Ordre in dieser Woche je 140 Mann Freiwillige der Landarmee in Kiel und- Wilhelmshaven ein zur Verstärkung der Seebataillone, welche den Friedensstand erhalten und in der Heimat verbleiben.
Das Runds chreibendesGrafenBülow findet auch in den Bereinigten Staaten Anerkennung. „Der „Evening Star" in Washington bringt eine augenscheinlich offiziöse Auslassung, daß die dortigen Regierüngskreise über das Rundschreiben des Grafen Bülow sehr erfreut seien, weil die darin ausgesprvchenen Ansichten sich mit dem amerikanischen Standpunkt vollständig deckten.
Den zu den ostasiatischen Truppenteilen üb er getretenen, preußischen Leutnants, wird ein einmaliges Mobilmachungs- gehalt von 1000 Mark und ein monatlicher Gehalt von. 240 Mark gezahlt.
Nach einem im deutschen Reichsanzeiger veröffentlichten Erlaß des Staatssekretärs des Reichspostamts vom 13. Juli ds. I. treten für den Po st verkehr der nach Ostasien entsendeten mobilen Truppen des Landheeres und der Marine mit dem Tage der Einschiffung im inländischen Hafen folgende Aenderungen ein:
„Es werden in Privatangelegenheiten der Angehörigen dieser Truppenteile als Gegenstände der Feldpost befördert: gewöhnliche Briefe bis zum Gewicht von 250 Gramm einschließlich und gewöhnliche Postkarten. Die Beförderung der Briefe bis zum Gewicht von 50 Gramm einschließlich und der Postkarten erfolgt portofrei. Für Briefe im Gewicht von mehr als 50 Gramm, sofern sie in Ostasien mit der Feldpost zu befördern sind, wird eiw Porto von 20 Pfg. erhoben Dieses Porto muß vom Absender bezahlt werden. Unfrankierte oder unzureichend frankierte portopflichtige Sendungen werden nicht befördert. Die Aufschrift der Sendungen an die Truppen muß enthalten: 1. den Vermerk „Feldpostbrief"; 2. Name, Dienstgrad oder Dienststellung des Empfängers; 3. genaue Bezeichnung des Kriegsschiffes oder Truppenteils, zu dem der Empfänger gehört. Formulare zu Feldpostkarten vrr die Truppen werden in kurzer Zeit bei den Postanstalten und den amtlichen Verkaufsstellen für Postwertzeichen zum Preise von 5 Pfg. für je 10 Stück zum Verkauf gestellt werden. Einstweilen können die gewöhnlichen ungestempelten Postkartenformulare Verwendung finden. Die Nachsendung von im Postwege bezogenen Zeitungen erfolgt gegen Entrichtung einer Umschlaggebühr, die 30 Pfg. für nur einmal wöchentlich oder seltener erscheinende, 60 Pfg. für zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinende Blätter für das Vierteljahr beträgt. Sobald die Verhältnisse es gestatten, wird auf die Zulassung weiterer Arten von Sendungen Bedacht genommen. In der Beförderung von Postsendungen der an Bord deutscher .Kriegsschiffe befindlichen Militärpersonen durch das Marine-Postbureau in Berlin sowie in den dafür bestehenden Versendungsbedingungen; tritt im übrigen keine Aenderung ein.
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Telegramme des Gießeoer Anzeigers»
Berlin, 16. Juli. Die Morgenblätter erklären übereinstimmend, daß nach der in Shanghai eingelaufenen amtlichen Meldung des Gouverneurs von Shantung, welchje die Ermordung sämtlicher Europäer in Peking bestätigt, nunmehr an derselben nicht mehr zu zweifeln sei.
London, 16. Juli. Die Fremden-Kolonie von Wenchow, einem Vertragshafen, ist wohlbehalten in Shanghai angekommen. Der japanische Gesandte in London sagte einem Interviewer, er befürMe die Ausbreitung des Aufstandes der Boxer über ganz China und zwar trotz, des Eintreffens der Truppen der Mächte.
London, 16. Juli. Ein Telegramm aus Tientsin vom 10. ds. meldet, daß ein Vorstoß der verbündeten Truppen gegen die chinesischen Belagerungstruppen infolge des Ausbruches von Schwierigkeiten bezügliche des Oberbefehls nicht statt- finden konnte. Bis zum 10. ds. Hattep die Chinesen hundert Granaten auf die europäischen Truppen abgeschpssen.
London, 16. Juli. Nach, einem Telegramm aus Tschifu vom 13. Juli melden die Admirale in T i e n t s i n, die Hauptgefahr erscheine ab gewendet, sofern weitere Verstärkungen nicht warten lassen. Unsere Stellungen sind schwierig infolge der überlegenen Artillerie deS Feindes. Trotzdem nahmen die Japaner am Montag früh die feindlichen Stellungen zwischen der Chinesen-Stadt und der Bahnstation. Nachmittags besetzten die deutschen Truppen und die Amerikaner das Feld- Arsenal, wobei drei Angriffe des Feindes zurückge- wiesen wurden, mußten aber am Abend das Arsenal unter dem überlegenen Feuer der chinesischen Batterien wieder räumenjiund setzten es!in;B r a n d. Am Mittwoch! bei Tagesanbruch, griff die chinesische Stirn-Kolonne die wieder besetzte Bahnstation an, wurde jedoch zurückgeschlagen. Die- Chinesen haben furchtbare Verluste erlitten.


