Ausgabe 
17.6.1900 Viertes Blatt
 
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1900

Gießener Anzeiger

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Nr. 139 Viertes Blatt.

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WhweXn .^»OEier aMch. Bei *®HauabiU Parnigge, r°9efl«eHliitten

Mein.

1 P^ösehe^ WM5en autiig,! I aufmerksam geM. sbeaond.dievonri Q erwähnen sind. QacbenFabnh o. Güte unübertro^' W für elfcfr^, ^ch, als hochfta j listige U ?er Wäsche forti olut keinen Sch«, bleiben stets elastüd mit an y ziehen Bändchen - chtes nnd festes k; es nnd Kragenfnt>>-

Ktreihüge durch die Pariser Weltausstellung.

Von PaulLindenberg.

(Nachdruck verboten.)

X.

Deutschland. Dekorative Gestaltung der deutschen Abteilung. Die Möbel deS Kaisers. Das deutsche Kuustgewerbe im ganzen und einzelnen. Rußland. Russische Kostbarkeiten.

Das Gebiet des Sternenbanners verlassend, leuchte- uns plötzlich goldig das WortDeutschland" entgegen: über einem die obere Wandfläche eines Art Ehrenhofes; einnehmenden großen Mosaikgemäldes von Max Koch, die Beschützung des Kunstgewerbes durch den Frieden dar­stellend. Zwei breite Treppen, die flankiert werden vorn den auf hohen Postamenten stehenden Reiter-Hevolderr Maisons, führen zu den Räumen des ersten Stockwerkes, unten wölbt sich ein in reichster dekorativer Weise ausge­statteter Durchgang, der den Blick ermöglicht auf die farben­fröhliche Ausstellung der Berliner Königl. Porzellanmanu­faktur, während rechts und links sowie seitlich des Durch­ganges Zimmereinrichtungen sich befinden. In der Mitte des Saales erhebt sich auf einem Felseüaufbau eine ebenso! kunstfertige wie ausdrucksvolle von Professor Fritz Hans-- mann stammende und von Gebrüder Armbruster in Frank­furt a. M. in Eisen geschmiedete Gruppe: em stolzer Adler einen Lindwurm bezwingend, vier aus dem deutschen Reichs- tagsbau stammende erzgegossene Kaiser-Standbilder (Ru- . dolf von Habsburg, Maximilian, Otto I. und ^emrid) L), | Palmen- und Lorbeerbüsche, Ruhesitze re. vervollständigen die Ausschmückung des Raumes, der von großem und ho­heitsvollem Eindruck ist und dem reichen Können Professor Hoffackers, der ihn entworfen, ein neues, glänzendes Zeug­nis ausstellt.

Was das deutsche Kunstgewerbe zu leisten weis;, er» sehen wir sofort aus zwei im Lichthofe aufgestellten, nach den Entwürfen des Professors Götz in Karlsruhe ausge- I führten prächtigen Kunstschreinen, von denen der eine von! | den badischen Städten und Gemeinden zum Regievungs- jubiläum des Großherzogs gewidmet, der andere Rudolf von Bennigsen zum 70. Geburtstage von seinen Partei- I freunden dargebracht wurde, beides Werke von künstleri­scher, meisterhafter Arbeit, die vielbewundert werden. In I der Mitte des Raumes erhebt sich die schöne Bronzegruppe I von Professor h. Volz in Karlsruhe, die Großherzog Frred- I rich von Baden als Lenker seines Staatsschiffes zum Aus- I drucke bringt. .

Links und rechts erhalten wir mustergiltige Proben der! deutschen Kunsttischlerei, die mit diesen Stücken sich ben, I besten französischen Leistungen aller Zeiten auf dem I gleichen Gebiet ebenbürtig erweist. Es sind Möbel aus I dem Besitze des deutschen Kaisers und aus An- | regung desselben entstanden, um diesem Industriezweige, I hohe und würdige Aufgaben zu stellen, bestimmt, einige I Zimmer des Berliner Schlosses zu füllen. Ein in Flo- I rida-Zedernholz ausgeführtes Kabinett, dessen Holzbeklei- I düng allein 40 000 Mark Auslagen verursachte, enthalt I u. a. ein großes Bett mit vom Berliner Lette-Berein her- I gestellter reichgestickter Seidendecke, Toilettenschrank, Stutz^ I uhr, Kommode rc., in enger Nachbarschaft gesellen sich dazu Schreibtisch, Bibliothekschrank, Marmor-Kamm mit I Bronze-Vorsätzen und Bronze-Armleuchtern sowie Spiegel, I Salon-Garnitur rc. Meist gelangte Zedernholz mit reich- I ster Gold-Bronze-Verzierung zur Verwendung, stets m I glücklicher, harmonischer Vereinigung, bei allem Prunk I immer erlesenen Geschmack und nirgends ein störendess I Uebermaß des Reichtums zeigend. Julius Zwiener irr I Berlin entwarf und führte die Möbel aus unter thätlger I Mithilfe des Ziseleurs O. Rohloff und des Bildhauers I C. Taubert, nicht nur in derselben kunstfertigen Weise, I wie sie bisher nur in Paris für möglich gehalten wurde, I sondern auch zu den gleichen französischen Preisen. Mit liebevoller Teilnahme verfolgte der Kaiser den Fortschritt I der Arbeiten, die er vor ihrer Absendung nach Paris em» I gehend besichtigte, wobei alle, die mitgeholfen, Künstler?, I Meister, Gesellen und Lehrlinge zugegen sein mußten und | den wärmsten Kaiserlichen Dank ernteten; hierbei I äußerte der Herrscher aus vollem Herzen:Wenn doch I nur mein Vater die Freude erlebt hätte, da ft I diese Sachen jetzt auch bei uns so vollendet I gemacht werden !" Nicht minder verdienen lebhafte I Hervorhebung ein von O. B. Friedrich in Dresden stam- I mender, mit reichen Intarsien in Elfenbein und S?albebel» I steinen geschmückter Kunstschrank in Ebenholz und em Coen- I holz-Salontisch mit gravierten Elfenbeineinlagen im öttl I der italienischen Renaissance. 3 .

Wie erwähnt, liegen seitlich des Lichthofes unter dew I oberen Gallerten verschiedene Zimmer, die die deutsch« I öbeltiickilerei und Dekorationskunst vertreten. Ocht I putsch und anheünelnd wirkt das in der kiinstgewerblichew

worden sein, daß kriegerische Verwickelungen, die diesem I Gebiet Mtspringen könnten, vor der Hand nicht zu be- I fürchten sind. Indessen ist zu berücksichtigen, daß die bri- I tischen Interessen auf diesem Gebiete, sowohl was die I Ausdehnung des Handels als die Zahl der in China au- I sässigen Staatsangehörigen angeht, so sehr die der andern I Mächte überwiegen, daß der Anspruch Englands, daraus I auch eine politische Sonderstellung abzuleiten, nicht un- I berechtigt erscheint. In Bezug auf die unmittelbaren Land- I iineressen sind alle Mächte, die sich Stützpunkte in China I gesichert haben, mehr oder weniger dort politisch gebunden, I in erster Linie aber die unmittelbaren Nachbarn des Reiches I der Mitte, im Norden und Osten Rußland und Japan und I im Süden mit ihren Kolonialgebieten Frankreich und Eng- I land. Da die jetzigen Wirren hauptsächlich den Norden I berühren, so ist nicht zu bestreiten, daß nach diesen vor- I nehmlich politischen Rücksichten Rußland und Japan I von ihnen zunächst berührt werden. Rußland und Japan I aber.sind natürliche Widersacher in Ostasien. Japan, I das kleine Jnselreich, sucht nicht nur für seine aufstrebende I Industrie, sondern auch für seinen Menschenüberschuß ge- I eignete Absatzgebiete. Ein solches glauben die Japaner! I seit Jahrhunderten in dem benachbarten Korea gefunden« zu haben, und kaum haben sie mit China erfolgreich um die Vorherrschaft auf dieser Halbinsel gerungen, so tritt ihnen dort Rußland in den Weg. Der Schwerpunkt Ruß­lands aber ist in den letzten Jahren, seit es sich in Liao­tung den Zugang zur See erzwungen hat, erheblich nach Osten verschoben worden, und wenn erst in einigen Jahren der gewaltigste Schienenweg der Erde, die Bahn Peters- | burg-Wladiwostock, den Einfluß seines Betriebes offen- ' baren wird, so wird Rußland politisch der mächtigste Staat in Ostasien sein. Auch in dieser Gegnerschaft zwischen Ruß­land und Japan liegt eine unheimliche Masse o ft»

I asiatischen Zündstoffes angehäuft, aber die Masse ist fio groß, und wenn sie Feuer singe, würde die Wirkung so furchtbar fein, daß eben darin eine gewisse Gewähr liegt, daß beide Mächte ihr mit der Brandfackel fern bleiben.

Der Widerstreit zwischen Rußland und Japan spiegelt sich auch in ihrer verschiedenartigen Anschauung von der Entwickelung der Dinge in China wider. Rußland möchte, einmal weil ihm sein Teil der Beute wegen der unmittel­baren Nachbarschaft nicht entgehen kann und weil er um so ergiebiger ausfallen muß, je breiter ferne Berührungs­flächen mit der Zeit werden, dann aber auch, weil nach

I Ansicht genauer Kenner überstürzte Reformen alles ge» I fährden können, das bestehende System in China beibe- I halten, während Japan in noch von der eigenen'Arbeit I warmem Kultureifer und weil es sich davon großem Anteil und Einfluß verspricht, China baldigst von Grund aus

I iiad} feinem Muster umgestalten und mit den Segnungen I der westlichen Kultur beglücken möchte. Vielleicht spielt I dabei auch die politische Spekulation eine Rolle, daß ein I ähnlich wie Japan militärisch und wirtschaftlich erstarktes I China Schulter an Schulter mit dem Jnselreich ganz Eu­ropa die Spitze bieten könnte. Es ist die schon auf dem

I Schlachtfelde von Königgrätz besiegelte Idee Bismarcks von I einem Bunde zwischen Preußen und Oesterreich auf afia» I tischen Boden übertragen. Während England in der Frage I der chinesischen Reformen, wohl mehr, weil auch seine politischen, gegen Rußland gerichteten Interessen ihm | diesen Platz anweisen, als aus Ueberzeugung dazu neigt, I sich auf die Seite Japans zu stellen, scheinen die übrigen I Mächte der Ansicht zu sein, daß sowohl behufs Wahrung I ihrer eigenen wie der Interessen Chinas an das Reform- I werk nur mit größter Vorsicht und Besonnenheit heran- I getreten werden darf.

Bekanntlich ist der Kaiser Kuangsü ein eifriger Be- I fürroorter des schnellen und gründlichen Reformwerks. I Unter dem Einflüsse seines Freundes und Beraters Kan- I gyuwei folgte vom Mai bis September 1898 ein kaiser- I lick)er Erlaß dem andern, sodaß nicht nur den verknöcherten I Mandarinen, sondern auch einsichtsvollen Chinesen und I Fremden sich ob solches Reformeifers die Haare sträubten. I Da sollte in den Schulen und bei den Staatsprüfungen I plötzlich das Wissen des Westens eingeführt, die Armee I nach abendländischem Muster reorganisiert werden u. s. w. I u. s. w. Da kam aber die alte Kaiserin und knebelte nut I ihrem 'eisernen Willen den jungen Reformator. Ihr ist es, I wie wir bereits mehrfach ausgeführt haben, darum zu I thun, diefremden Teufel", die ihr in der letzten Zeit I wieder einmal lästig geworden sind, außer Landes zu I treiben. Am liebsten hätte sie schon längst die Gesandten I der Mächte zu sich beschieden, um mit ihnen ein ernstes I Wort zu reden. Da es aber den chinesischen Frauen nicht I gestattet ist, sich nichtchinesischen Männern zu zeigen, so I soll sie deren Gattinnen gezwungen haben, vor ihr den

Kotau izu machen, d. h. sich in den Staub zu werfen! Zum I Beweise dessen, was alles im Bereiche chinesischer Möglich- I feiten liegt, diene die Mitteilung der Thatsache, daß die I chinesische Regierung nach Beendigung des Krieges mit I Japan ausstreuen ließ, der Kaiser habe seine V a - ! fallen Rußland, Deutschland und Frankreich

Zur Lage in China.

Die Wirren in China sind an einem Punkte anaelangt, I rvo ein Rückblick auf die Lage das Verständnis Der Er- I <ignisse «erleichtern dürfte. Das gemeinsame Ziel, das jetzt I gin Wahrung ihrer Interessen die Mächte in China zu I »erfolgen haben, ist vorderhand lediglich, die Ruhe im I dritte wieder herzustellen. Zu dem Ende soll, wie der I -stonzösische Minister Delcasse mitgeteilt hat, gestützt auf | Sie fremdländischen Truppen, die jetzt in Peking stehen, I «in letzter Versuch gemacht werden, die chinesische Regierung I jii veranlassen, selbst diese polizeiliche Aufgabe, zu der I Sie Verträge sie verpflichten, zu erfüllen. Gelingt dieser I Nrstlch nicht, so sind die Mächte gezwungen, sie in die I seigere Hand zu nehmen, und dazu wäre eine so große I Entfaltung militärischer Machtmittel und zugleich eine so I gründliche politische Säuberung in Peking erforderlich, I das; wahrscheinlich eine Umwälzung in China die I Dlg« wäre. Gelingt aber der Versuch, so werden die I -Mächte 'sich diesmal schwerlich an einer oberflächlichen I Orklebung der immer wieder aufbrechenden Wunden ge» I nilgert lassen, sondern Bürgschaften dafür fordern, daß die I Ah? nicht nur wiederhergestellt, sondern auch in Zukunft I mchi mehr unter Bedrohung des abendländischen Kultur- I mrkc's und seiner Förderer gestört wird. Die einzige sichere I Mascha ft dafür ist, daß die chinesische Regierung sich selbst I und rhre Verwaltung fortan unter die Aufsicht und Kon- I -trollü? der Mächte stellt, d. h. daß sie die Zweige dieser I Verwaltung, vor allem die Finanzen, etwa nach dem Bei» I sflelc her mustergültigen Einrichtung der Seezölle refor» I mient. Eine solche Reform aber würde wiederum so tief I in den von Korruption durchsetzten und von Erpressung I IcBcmben Beamtenkörper einschneiden, auf den Regierung I und Dynastie in Peking sich stützen, daß auch sie eine I Umgestaltung des gesamten Staatswesens! zur Folge haben müßte. Sind mithin diese Annahmen und die daraus gezogenen Folgerungen richtig, so durften die Tunesische Frage und ihre Lösung sich fortan im Vorder- flrunibe der politischen Betrachtung behaupten und die Ein- iiütiafeit der Mächte noch auf manche harte Probe stellen.

Das gemeinsame Eingreifen der Mächte in die jetzigen fcen ist für die Zukunft der Kultur und des Handels, Me sie vertreten, geradezu eine Lebensfrage, und habet fcjlrn sich politische Rücksichten vorläufig um so leichter N>seiden als die Unruhen Peking selbst und Petschili Mit oben, die einzige Küstenprovinz, die bis setzt von tiner Macht in ihren Interessenbereich embezogen worben' t -Dieser Jnteresjenkreis, dieInteressensphäre , ist eins itt vielgebrauchten Schlagwörter der mobernen Politik in China, aber das Wort ist leichter gesprochen als der HMiff definiert. Die sogenannten ^nteressen- 18l, är cn die die einzelnen Mächte sich mit einem kühnen »nreUun auf der Landkarte aus dem Koloß der Mitte irausgeschuitteu haben, werden von der chinesisch-n Re- «ikriuna nicht anerkannt und haben vorderhand nur die k-doutung von Fingerzeigen, die angebeu, daß diein- Mfierte" Macht Eingriffe einer andern in das von ihr kieirfmete Gebiet Übel vermerken wurde Als solche ^u- ineifensphären sind bis jetzt, von Norden nach. Süden lilÄnet die folgenden Gebiete bezeichnet worden, Irrsten Norden in der Mandschurei, mit dem Stutzpunkt i fflaotung und Port Arthur, liegt Rußlands Juteressen- -Mra.ee Daran reiht sich nach Süden die noch nnbean, suchte hauptstädtische Provinz Tschili; eS folgt Deut ch- liiids Interessenbereich auf der weit nach Offen bor- tliimenben Halbinsel Schantuug. England das sich, dort T Weihaiwei festgesetzt hat, hat Deutschland die ausdruck-

Erklärung abgegeben, daß es tn dessen ltnieressen. rheidi in Schantung nicht übergreisen werde. Das Yaugtse- irf?.nr n(fem die Provinz Kiangsu, betrachtet England seine Jntereffenfphäre; auf die südlich daran schließende 1ov7nz Tschekiang hat Italien ein Ange geworfen Das japanischen Insel Fornwsa gegenüber gelegene Fokien «kort mm Interessenbereich der Japaner und die Sud- Ävin;en Kwantung, Kwangsi und die Binnenprovinz Annan beansprmht Frankreich, dem jedoch England sowohl -svantuna als bas »interlanb von Hongkong wie auch -Mna^ als bas Grenzland von Birma streitig mach

Größere praktische Bedeutung als die ^.nteres)en- -ivbä^i die gewissermaßen nur Zukunftsver)cherungen j f volitischet, Brandschaden darstellen, haben die realem ? tischen und politischen Inter-

Usrn der^Mächte. Die ersteren, auf wirtschaftlichem Ge- : *'* eiLiL^MPn^ntereh'eiL bei denen Deutschland an Dick geleg L und deren Entwickelungsmöglich-

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bieler Richtung Nordamerika vor einiger Zeit ge- »chh^t soll zwar bek Rußland auf Bedenken und Aus- MHte^ gestoßen, im allgemeinen aber derart beantwortet

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