1900
SanMagden 17. Februar
Erstes Blatt.
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England nicht allgemein bekannt, daß bereits im August 1899 den Buren von dem britischen Agenten in Pretoria ausdrücklich betont wurde, daß England den Krieg erklären würde, wenn sie den Uitländers das Bürger-, recht nicht nach fünfjährigem Aufenthalt im Lande gewährten. _
Diese Thatsache steht verzeichnet in M. Conyngham Greens Depesche vom 15. August 1899, die sich im Blaubuch C 9521, Seite 45 vorfindet. Nach der Beschreibung der Verhandlungen über das Bürgerrecht mit dem Vertreter Transvaals fährt er wörtlich fort: „Ich sprach sehr ernst zu ihm und erklärte, daß die Situation höchst kritisch sei, und daß Ihrer Majestät Regierung, welche den Ausländern Versprechungen gemacht habe, gebunden sei, deren Forderungen zu unterstützen, und, wenn nötig, mit Gewalt durchzusetzen. Ich sagte, daß der einzige Ausweg für die Südafrikanische Republik in dem ) o - fortige n Eingehen puf hie Mindestforderung von Bloemfontein zu finden sei. , .
Somit sehen wir, daß die Transvaal-Regierung die reine Wahrheit sagt, wenn sie in ihrem Manifest erklärt; Großbritannien hat zwei Alternativen angeboten — Bürgerrecht nach fünf Jahren oder Krieg.
Ob nun die Buren oder die Engländer im Rechte waren bei dem ursprünglichen Streite, niemand kann die Thatsache bezweifeln, daß die Entsendung von Tausenden von Bewaffneten an die Grenze von Transvaal eine Kriegsdrohung in aller Form war.
Wer aber, so fügen wir hinzu, mit dem Kriege droht, muß auch auf den Krieg vorbereitet sein. Das aber waren die englischen Machthaber nicht, oder sie waren es nur in ganz ungenügendem Maße. Dieser Borwurf wird ihnen mit vollem Recht gemacht, und es ist ihnen nicht gelungen, ihn zu entkräften. Sie haben den Krieg leichtfertiger-, d. h. in diesem Falle frevelhafterweise heraufbeschworen, und sie allein sind schuldig an dem Blut, das bis jetzt vergossen ist und leider noch vergossen werden wird.
Nun, wo die Sache für England ein schlimmes Ende zu nehmen droht und es an der Zeit ist, die „Verantwortlichkeiten festzustellen", ist es eben so thöricht, wie dreist,, den Spieß umzudrehen und zu sagen: die Buren begannen den Krieg, den sie schon lange wollten, wir aber kämpfen aus Notwehr. So schreibt wörtlich der „Standard" und halb England betet es ihm nach, aber jeder redlich Denkende weiß es anders als dieses mit Blindheit geschlagene Volk, dem es als selbstverständlich gilt, daß die Selbstsucht die bessere Ueberzeugung, daß die Herrschsucht das Gewissen erwürgt.
Freilich stellten die Republiken das Ultimatum und rückten auf englisches Gebiet, in Natal, vor, aber erst dann, als es ihm so wenig, wie sonst einem mit normaler Sehkraft ausgestatteten Menschen noch zweifelhaft sein konnte, daß England den Krieg um jeden Preis wollte, und nur daraus aus war, durch weitere Verhandlungen Zeit für die Konzentrierung seiner Streitkräfte am Kap zu gewinnen. Einem Straßenräuber, der einem friedlichen Wanderer die Pistole vor die Stirn hält, den Arm wegschlagen, macht nicht zum Angreifer. In diesem Fall waren die beiden Republiken. Sie konnten nicht anders handeln, und jeder andere Staat hätte im gleichen Falle das Gleiche gethan. Die Verantwortung für das Blutvergießen ruht also auf den Schultern der englischen Diplomaten, nicht aus denen Krügers und Steijns.
Abg. Schönberger beklagt eS, daß der Bau der Bahn Reichelsheim-Fürth noch nicht zur Ausführung gekommen sei und hebt hierbei die eminente Wichtigkeit dieser Bahn hervor.
Justizminister Dittmar erklärt, daß bezüglich der Grundbuchordnung alles fertig sei, nur fehle es an dem nötigen Geld zur Durchführung. Wegen der Raumnot im Justizgebäude in Mainz seien bereits Unterhandlungen mit dem ReichSmilitärftskus wegen Abtretung einer Kaserne im Gange. Bezüglich der Anstellung der Gerichtsvollzieher könne er dem Hause mitteilen, daß die Regierung die Frage im Auge habe. Jetzt schon Aenderungen eintreten zu lassen, daran denke man vorerst nicht. — Finanzminifter Küchler bedauert ebenfalls die Verschleppung des Baues der Bahn Fürth—Reichelsheim. Die Hauptschuld liege aber an den Schwierigkeiten der Geländestellung. Er streift hierbei auch die Wohnungsfrage, mit deren Lösung ein Stück sozialer Not behoben werde. Sache des Staates sei es, hier helfend und fördernd einzugreifen.
Die Abgeordneten Braner, Korell und Horn führen Klage über die Lage der Landwirtschaft, und über den Rückgang des kleinen Landwirts. Den Bahnbau im Vogelsberg möge die Regierung in die Hand nehmen, da sich hierfür Privatunternehmer kaum finden werden. Durch das Stempelsteuergesetz seien die Gerichtsgebühren bedeutend gestiegen. Die Regierung möge den Bauernstand in Schutz nehmen und für deffen Erhaltung und Stärkung eintreten.
Abg. Noack weist auf die bedeutenden Forderungen im Nachtragsbudget hin, und fragt an, ob dieselben auch ohne eine Steuererhöhung gedeckt werden können.
Abg. Schlenger verbreitet sich noch über die Volksschule und die Fortbildungsschule, unb; drückt seine Freude über die Gehaltsaufbesserungen der Lehrer aus, womit eine Reihe von Mißständen beseitigt seien.
Justizminister Dittmar bringt noch einen Artikel aus der „Volksmacht" zur Verlesung, in welchem ihm und einer Anzahl Abgeordneten der Vorwurf der Lüge gemacht wird. Er bezeichnet den Artikel als eine bodenlose Dreistigkeit, und widerlegt die in demselben aufgestellten Behauptungen. Mit dem Artikelschreiber, Bürgermeister Mettenheimer zu Eichelsachsen, werde er fich demnächst noch zu beschäftigen haben.
Damit wird die Beratung um 12 Uhr wegen einer Sitzung abgebrochen.
Morgen früh 9 Uhr: Fortsetzung der Beratung.
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Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Landftäude.
nn. Darmstadt, 15. Februar 1900.
Die Generaldebatte über die Verlängerung des Finanz-Gesetzes wurde heute um 9 Uhr fortgesetzt. Am Ministertisch: Staatsminister Rothe, Finanzminister Küchler, Justizminister Dittmar, sowie oie Ministerialräte Deubler, Krug zu Nidda, Braun und Wil- bran dl.
Abg. Frenay kritisiert ebenfalls das Stempelsteuergesetz, dem noch verschiedene Härten anhaften. Die Beseitigung oder doch Milderung sei wünschenswert. Er bespricht den mangelhaften Zustand im Justizgebäude zu Mainz und bittet um Abstellung der Mängel. Die Anstellung der Gerichtsvollzieher wünscht er baldigst durchgeführt zu sehen und bittet um Auskunft in welcher Weise die Errichtung der Grundbuchämter gedacht sei, für welche ein Betrag von 90000 Mk. im Nachtragsbudget eingestellt sei. Er kommt noch auf die Erlasse des Kaisers zu sprechen «nb wünscht zu wissen, welche Stellung bie Regierung bei der Einbringung der Zuchthaus- Vorlage eingenommeu habe. Für die Staatsarbeiter hält er eine Arbeitszeit von 9 Stunden für genügend und wünscht daß die Regierung hier mit einem guten Beispiel vorangehe.
Meßmer Anzeiger
Heneral-^Mn^eiger
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Nr. 40
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Montag«.
Die Girßmer W«»ttte«ökätter xrbrr dem Anzeiger tan Wechsel mit „H-ss. Seabmirt* » »Blätter Mr Hess. Volkskunde- MschU. 4 mal beigelegt.
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** Ermäßigte Fahrpreise für Krankenkassen-Mitglieder. Eine bemerkenswerte Neuerung im Eisenbahn-Verkehr ist seit kurzem in Kraft getreten, bisher aber allgemein nicht bekannt geworden. Auf sämtlichen deutschen Eisenbahnen können nämlich fortan die Mitglieder von Krankenkassen, welche von den Kassen in eine Heil- anstalt oder in Erholungs- und Kurorte gesandt werden, in der dritten Wagenklasse für den Militärfahrpreis fahren und zwar unter Gewährung von 25 Kilogramm Freigepäck. Die Zugehörigkeit zur Kasse und der Zweck der Fahrt ist durch eine Bescheinigung des Kassenvorstandes und der Ortsbehörden nachzuweisen. Die Begleiter solcher Kranken genießen indessen keine Fahrpreisermäßigung.
** Die neuen d eutschen Kolonial -Briefmarken sind jetzt fertiggestellt. Sie tragen einheitlich das Bild eines Dampfers mit Volldampf voraus. Die, niederen Werte bis zu 80 Pfennig entsprechen in Größe und Farbe den gleichwertigen Germania-Marken. Das umrahmte Bild des Dampfers ist aufrecht gestellt. Der Dampfer mit zwei Schloten ist halbrechts gewendet, lieber dem Schiffe ist aus einem Bande der Name des Schutzgebietes oder der Kolonie in lateinischen Majuskeln angegeben. Das Band wird je nach der Länge der Schrift kürzer oder länger gehalten. In den beiden unteren Ecken ist der Wert der Marken in arabischen Zahlen angegeben. Eine andere Inschrift enthalten die Marken nicht. Die Kolonialbriefmarken zu 1 und 2 Mark sind wie die für das Inland bestimmten Wertzeichen dieser Werte größer und mehr breit als hoch. Der Dampfer, der auf ihnen abgebildet ist, ist mehr nach rechts gewendet und zeigt fast seine volle Breitseite. Im .Hintergründe rechts ist ein Segler sichtbar. Ein etwas größeres Band trägt den Namen des betreffenden Schutzgebietes. Rechts und links unten ist der Wert der Marke „1 Mark" und „2 Mark" angegeben. Die Farbe der Marke zu einer Mark ist rot, der
♦ Wer trägt die Verantwortung, England oder Transvaal?
Gießen, den 16. Februar 1900.
Die liberale Opposition im englischen Unterhause hat in der Adreßdebatte anläßlich der Verlesung der Thron-- rede eine unendlich klägliche Rolle gespielt, weil sie tagelang die überlaut donnernden Batterien ihrer anscheinend ex pectore kommenden Beredsamkeit gegen das konser- vätive Kabinett Salisbury und den Minister für Kolonien Joseph Chamberlain ins Feld geführt, weil sie in dem Borwurf sich nicht erschöpfen konnte, daß der Krieg gegen" die südafrikanischen Republiken, der bei Geduld und gutem Willen vermeidbar gewesen, doch nicht vermieden worden wäre, um dann, fast in demselben Atemzuge wieder einzugestehen, daß der Krieg ein gerechter gewesen, daß England ihn nicht provoziert habe, und daß er bedingungslos dis zum siegreichen Ende durchgekämpft werden müsse. Wollte die Opposition schließlich so charakterlos zusammenklappen wie ein Taschenmesser, dann hätte sie, das wird ihr mit Recht ins Gesicht gesagt, lieber von vornherein schweigen und sich bescheiden sollen.
Ein Verdienst hat sie sich aber doch erworben. Sie hat coram mundo den unwiderlegbaren Beweis geführt, daß die Regierung Ihrer Majestät den Kriea gegen die Buren begonnen hat, ohne auch nur annähernd genügende Vorbereitungen getroffen zu haben, die einen siegreichen Ausgang für England gewährleisteten. Es ist damit fest- gestellt,, daß das Kabinett Salisbury im höchsten Grade nicht nur leichtfertig, sondern frevelhaft gehandelt hat, weil das Gegenteil der Kriegsbereitschaft, der himmelschreiende Mangel an Vorsorge und Voraussicht die Schlag auf Schlag folgenden Niederlagen Englands und damit den unabsehbares Unglück im Gefolge habenden Verlust ungezählter Menschenleben verschuldete und noch immer verschuldet.
Es war vorauszusehen, daß die verantwortlichen stellen, und die ihnen ergebene Presse diesen Vorwurf als absolut unbegründet zurückweisen würden. Aber wie ist dies geschehen! Das konnte man natürlich nicht Wort haben, daß der britische Dünkel und der insulare Hochmut der Londoner Machthaber die Intelligenz, die nationale Kraft und das militärische Können des verachteten Burenvolkes gründlichst nnterschätzt hatten. Deshalb suchte und sucht man Zuflucht hinter der unehrlichen jesuitischen Ausrede, daß die englischen Staatsmänner mitsamt der Heeresverwaltung von dem Kriege — überrascht worden seien, daß Salisbury und Chamberlain, in dem guten Glauben, mit einem redlichen Gegner zu unterhandeln, der Absicht gewesen seien, die Differenzen auf dem Wege freundschaftlichen Vergleichs aus der Welt zu schaffen, daß aber Paul Krüger plötzlich wider alles Erwarten das verhängnisvolle Ultimatum gestellt und England den Krieg aufgedrungen habe, Iren es nicht gewollt, ja, an den es nicht einmal gedacht habe.
Es ist gut, daß ein Engländer selbst es ist, der diese Legende von dem englischen Lamm und dem burischen Wolf unbarmherzig zerstört. Einer der angesehensten Londoner Publizisten, der Herausgeber der „Review of Reviews", W. T. Stead, reißt in seiner klassischen Flugschrift „Sind wir im Recht?", von der in England in wenigen Wochen über 30 000 Exemplare verkauft wurden, den offiziellen und offiziösen Heuchlern die Maske vom Gesicht.
Er schreibt u. a.: Die Buren glauben, und sind bereit, eher zu sterben, als diesen Glauben aufzugeben, daß dev Vertrag von 1884, bestätigt durch die Worte der englischen Staatsmänner von Lord Derby bis zu Chamberlain — dieser sagte am 8. Mai 1896 im Unterhause: Mit Präsident Krüger Krieg anzufangen, um ihn zu Reformen im Innern seines Lanoes zu zwingen, war eine That, ebenso unmoralisch, wie unklug —, daß dieser Vertrag ihnen das absolute Recht einer Selbstverwaltung gewährte und jede Einmischung Englands in ihre Angelegenheiten verbot.
Die englische Regierung glaubt, daß trotz Herrn Chamberlains ausdrücklicher Verwerfung des Einmischungsrechtes, Transvaal Reformen in seinen inneren Angelegenheiten aufzudrängen, die Zeit gekommen ist, wo sie zum Schutze für ihre Unterthanen direkt in die inneren Angelegenheiten Transvaals eingreifen muß; und da sie gegen diese Einmischung Widerstand findet, schickt sie sich an, ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen durch Entsendung von Infanterie, Kavallerie und Artillerie zu dem ein- gestandenen Zwecke, die Buren zur Unterwerfung zu zwingen.
Jeder Soldat mehr, der feit der Konferenz von Bloemfontein — in der Krüger, soweit wie nur irgend möglich, nachgegeben, — nach Südafrika abgesandt worden ist, wurde offenkundig und eingestandenermaßen als eine Drohung für Präsident Krüger geschickt. Er sollte durch diese Entfaltung zu dem Zugeständnis gezwungen werden, daß England seine eigenen Bedingungen für die Verwaltung seines Landes ihm vorschreiben dürste. Es ist in
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