150. Jahrgang
Sonntag den 16. Dezember
Ameral-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren
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des Volks habe man nichts übrig.
Abg. Euler ist ein Anhänger der Fortbildungsschule. Er billigt nicht, daß man sich in so wichtiger Frage nicht mit den Interessenten ins Benehmen gesetzt habe. Wenn er die Ausdehnung der Anordnung auf ganz Deutschland unterstelle, so gingen 270 Millionen Arbeitsstunden und diese zu 10 Pfennig an Lohnwert angesetzt 27 Millionen Mark verloren. Die Schädigungen auf allen Gebieten seien berührt worden. Er wünsche, daß man im nächsten Jahre sich mit den Interessenten ins Be-
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Grattsbrilagr«: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Ktstter für hessische DolKsKunde.__________________
M 295 Zweites Blatt.
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ahrungen leiten lassen. Die Regierung I habe sich,"von einer absoluten Zweckmäßigkeit ihrer Maßregel für alle Fälle nicht überzeugt, Vorbehalten, Abhilfe zu schaffen, wo sie aus Grund weiterer Erfahrungen sich als notwendig erweisen würde. Eine grundsätzliche Aender- ung eintreten zu lassen, könne sie sich nicht entschließen. Wenn Abg. Schönberger die Schläfrigkeit in der Schule auf den oft trockenen Ton des Lehrers zurückführe, so sei dies marrchmal richtig, aber die Regierung könne daran durch Verfügungen nichts ändern. Sage der Abg. Schönberger: „Wer mit will raten, der soll auch mit thaten" unter Anspielung auf die Nichtübernahme der Fortbildungsschullasten auf den Staat, so erwidere er, daß die Regierung doch etwas gethan habe, insofern sie bereits in diesem Jahre 15 000 Mk. zur Unterstützung solcher Gemeinden eingestellt habe, denen die Aufbringung der Lasten schwer falle. Seines Wissens sei auch die Summe bis auf den letzten Heller verbraucht.
Abg. Erk klagt über den Arbeitermangel auf dem Lande. Jedes weitere Mittel, diese Not zu beseitigen, sei zu begrüßen. Man möge die Zeit von 6—8 Uhr für den Unterricht wählen.
Abg. Ulrich freut sich, aus der Regierungserklärung zu ersehen, daß an ein Rückwärtsschreiten im Sinne der Wünsche vom Lande nicht zu denken sei. Er könne als Kreisschulkommissionsmitglied Offenbachs die von der Regierung dargelegten Erfahrungen voll und ganz bestätigen. In Offenbach sei längst eingeführt, was man jetzt angeordnet habe. Die Schüler seien wie umgewechselt und Erfolge in jeder Hinsicht zu verzeichnen. Die Fortbildungsschule sei die notwendige Ergänzung der Volksschule. Man habe materielle Schädigung des Arbeiters behauptet. Er stelle fest, daß gemäß § 616 B. G. B. der Arbeitgeber kein Recht habe, wegen de-s Besuchs der Fortbildungsschule Abzüge Hulmachen. Die. Möglichkeit, die Jungen zu anderer Stunde in die Schule zu schicken, liege vor. Von einem Mangel an Bildung aus dem Lande habe' der Abg. Erk wohl noch nichts gehört. Der junge Mensch müsse in der heutigen Zeit etwas gelernt haben, wenn er vorwärts kommen wolle. Für ihre eigenen Kinder sorgten die Herren vom Lande durch Schulen aller Art, für die Kinder
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Ministerialrat Dr. Eisenhuth weist den Vorwurf, daß die Negierung sich nicht genug informiert habe, zurück und erklärt, daß sämtliche Kreisschulkommissronen bis auf eine sich zustimmend geäußert hätten. Man lasse bei allen Ausführungen außer acht, daß eine große Bewegungsfreiheit gelassen sei. Dem Wunsche, daß die Lokalbehörden neue Erkundigungen und Erwägungen ern- treten lassen sollten, stimme er zu. Dieser Weg sei schon beschritten, insofern die Kreisschulkommissionen, nicht wie ursprünglich angeordnet, erst Ostern, sondern schon im Januar 1901 ihre Erfahrungen berichten sollten. Er werde veranlassen, daß sie sich über alle Lokalverhältnisse genau unterrichteten.
Abg. Dr. Seelinger weist auf die Zustände rn Lampertheim hin, die wenigstens für diesen Ort eine Ausnahme rechtfertigen möchten.
Abg. Pitthan sieht die Sache durch die Erklärung der Regierung gemildert und schildert die rheinhessischen Zustände, soweit sie durch die Maßregel betroffen wurden.
Abg. Kramer bedauert, daß eine Serie des vauses stets Gegnerin aller sozialen Maßnahmen sei. Er spricht sich gegen die Sonntagsschule aus. Der Mangel an Arbeitskräften werde bei ordentlicher Bezahlung auch auf dem Lande nicht vorhanden sein.
Abg. Schönberger erklärt, die Landwirtschaft könne die notwendigen Kräfte bei ihrem diotstande nicht bezahlen. Gegen den Hohn, den man ihr ins Gesicht schleudere, lege er Verwahrung ein.
Abg. Backes weist die Unrichtigkeit der Behauptung nach, daß das ganze Land in Erregung geraten sei.
Abg. Weidner wendet sich gegen die Ausführungen der Sozialdemokraten. Nicht der Arbeiter werde ausgebeutet; eher könne man von einer Ausbeutung durch die Arbeitermasse sprechen. Die Arbeiter würden in die Stadt gelockt und man könne sie auch auf dem Lande, selbst wenn man das Geld hätte, nicht erhalten. Für ländliche Bezirke paßten die heutigen Maßnahmen nicht. Man müsse nach Anhören der Schulvorstände die Verhältnisse anders! regeln. Die Kreisschulkommissionen hätten nicht eine einzige Gemeinde angehört. Er könne sich unter keinen Umständen einverstanden damit erklären, daß man mit Rücksicht auf das körperliche und geistige Wohl und die Ausbeutung der Kraft von den Anordnungen nicht abgehen könne.
Bedürfnissen und Erfahrungen leiten lassen. Die Regierung I nehmen setze und eine bessere Regelung als die bis- ' 1, v . ic.....i herige unhaltbare dann erfolgen möge. Vielleicht könne
man einen Sonntag wählen, einen Abend beibehaltert und auch für einen Tag die Arbeitszeit in Beschlag
Ue,rrgsprets »iertcljährl. Ml 2,29 monatlich 75 Pfg mit Bringerlohn: durch die Abholcstellei» viertetiährl. Mk. 1,98 monatlich 65 Psg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahr!, mit Bestellgeld.
Amtlicher Teil.
BekauntmachuuL
Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird die Abhaltung des auf den 19. Dezember ds. IS. in Wetzlar anstehenden DiehmarkteS an die Bedingungen geknüpft, welche durch meine, den Markt in Leun betreffende Bekanntmachung in Nr. 168 des diesjährigen Kreisblattes veröffentlicht worden sind.
Der Auftrieb beginnt um 9 Uhr vormittags.
Aus der Provinz Oberheffen des Großherzogtums Hessen, dem preußischen Kreise Marburg und den Orten Mendorf der Bürgermeisterei Greifenstein und Hörnsheim d»er Bürgermeisterei Rechtenbach des diesseitigen Kreises dürfen Rindvieh, Schweine und Schafe nicht aufgelrieben werden.
Ferner ist da« Durchtreiben von Tieren dieser Arten d»urch Mendorf der Bürgermeisterei Greifenstein und HöruS- heim der Bürgermeisterei Rechtenbach des diesseitigen Kreises verboten.
Wetzlar, den 10. Dezember 1900.
____________Der LandratSamtSverwalter.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
M.G. Darmstadt, 14. Dezember.
Das Haus erklärt die Wahl des Abg. Koch-Oppenheim fsür gütig und führt in der Besprechung der Interpellation Schillund Diehl, die Fortbildungsschule betr., fort. Wesentlich neues bringt die Debatte micht mehr.
Abg. Schönberger wünscht den Unterricht auf die Zeit von 7—8 Uhr verlegt zu sehen, da diese Verlegung win eine Stunde unmöglich so viele Nachteile zur Folge Ihaben solle, wie die Regierung vermute. Für die Widerspenstigkeit der Schüler sei oft die Schuld bei den Eltern su suchen, die ihnen sagten, daß die Fortbildungsschule leinen Wert habe. Weiteres Vorbringen des Redners lberührt
Ministerialrat Dr. E i s e n h u t, der sich freut, in dem Abg. Schönberger einen warmen Freund der Fortbildungsschule gefunden zu haben: Er müsse aber dem neuen Freunde darin widersprechen, daß jener glaube, die Regierung sei bei ihrer Maßnahme nur von theoretischen Erwägungen ausgegangen. Wenn jemals in einer wichtigen Sache, so habe sich in dieser die Regierung von praktischen
größere Emanzipation, wie wenn die Frau wäscht, während der Mann mauert. Das Fräulein Doktor müßte' aber gleich in den ersten Stunden ihrer Rückkehr von Zürich sich sagen, daß es für sie das gescheiteste wäre, den Staub des undankbaren Heimatortes umgehend wieder von den Füßen zu schütteln. Doch sie trotzt auf ihre Energie, ihre Kenntnisse und ihren Freimut und will sogleich durch Beharrlichkeit, die nicht weit vom Eigensinn ist, die Philister- gesellschast ihres Heimatsnestes erzieherisch „in Behandlung" nehmen. Dieses Vorhaben fällt ebenso ins Wasser der nahen Ostsee, wie ihre Sehnsucht nach Patienten, weil alle durch den Gevatterklatsch alarmierten honnetten Leute des Städtchens eine praktizierende Aerztin für die leibhaftige Unanständigkeit halten! Sie wird also boykottiert, ihr Wartezimmer ist ständig so leer wie manches Portemonnaie am Letzten des Monats und sie muß es sogar ruhig hinnehmen, daß ihre eigene Aufwärterin, statt ihre Herrin zu konsultieren, ihren gichtischen Arm zum alten schwachköpfigen Sanitätsrat trägt, weil's alle im Städtchen so machen und der Herdentrieb unausrottbar ist.
In ähnlicher Lage befindet sich ihre Jugendgespiele Dr. mcd. Berthold Wiesener, der sich ebenfalls im Städtchen niedergelassen hat. Er ist Spezialist für Frauenkrankheiten, also in den Augen der guten Ostermünder ebenso unanständig, wie das Frl. prakt. Arzt. Aber er ist ein Schlauberger; nicht momentane Erleuchtung ist es, sondern ein wohl überdachter Plan, wenn er diesem Mädchen mit dem Doktorhut, das er in der Stille liebt, den Vorschlag macht, mit ihm zusammenzugehen, zusammen zu praktizieren, wofür es nur eine nicht anstößige Form giebt, die Ehe . . Sie beseitigt im Handumdrehen den pommerschen Stein des öffentlichen Anstoßes, und beide finden alsbald so viele Patienten, daß uns um die gesundheitlichen Verhältniffe jener Gegend ordentlich angst und bange wird. Nur sie selbst haben sich noch nicht gefunden. Wie früher nach Patienten, sehnt sich die Doktorin nun nach den Zärtlichkeit ihres Scheingatten. Die peinlichste Diät,
mit der der Herr Doktor seine Frau „in Behandlung" genommen hatte, verfehlt ihre natürliche'Wirkung nicht, und am Abend des Geburtstages liegen sie sich in den Armen. Dazu Zitterspiel und womöglich noch Wellenrauschen, also melodramatische Rührseligkeit nach ältester Schablone.
Dreyers feine Menschenbeobachtung läßt sich nirgends verkennen, nur giebt er uns ihre Resultate gewissermaßen im Vexierspiegel verzerrt, und übertreibt die Absonderlichkeiten und Beschränktheiten der süßen Kleinstädter ä la Kotzebue und Sudermann. Für die allzubreite Anlage entschädigen ein Paar köstlich erfundene Szenen. Auch ist anzuerkennen, daß in dem Stücke niemals doziert wird, wozu ja das Thema leicht verleiten konnte, sondern daß alle Gedanken in echt künstlericher Anschaulichkeit in Erscheinung gesetzt werden. Man vermißt aber doch, trotz der wirksamen Motive und Verkettungen, im szenischen Aufbau Feinheit und Akkuratesse, auch sind die beiden ersten Akte zu wenig lustspielhaft, es fehlt ihnen der dramatische Schwung und die Steigerung der Effekte, der eigentliche lustige Kernschuß. Der frische, natürliche Zug, der durch das Stück geht, läßt jedoch die Dünnflüssigkeit der Handlung zeitweise völlig vergessend. Mit einer gewissen Unverfrorenheit nennt der Autor die Dinge stets beim rechten Namen. Ueberhaupt ist der Grundton des Ganzen von unverschleierter Derbheit, und die glücklichen Einfälle steigen wie Raketen aus diesem Milieu eines burschikosen Dialogs empor.
Die Hauptperson des Stückes wurde von Frl. Schoeler- mann, diesem zweisellos bedeutendsten Mitgliede unseres Theaters, mit gesunder Intelligenz in durchaus von jeder Uebertreibung sich fernhaltender Auffassung mit echter, erfreulichster Lebenswahrheit gegeben. Sie hatte ihre Rolle erheblich wattiert. Der weibliche Arzt nahm in ihrer Person nicht nur Leben, sondern auch Begriff, Würde, Verständnis und Daseinsberechtigung an, und auch das Hervorbrechen der so ganz weiblichen Gefühle brachte die tteffliche
Hießener Stadttheater.
I« Behandlung.
Komödie In drei Akten von Max Dreyer.
Max Dreyer hat in seinen Stücken „Drei", „Winterschlaf", „Die Eine", „Haus", „Der Probekandidat" ein Talent gezeigt, das die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Auch sein Lustspiel „In Behandlung" zeigt, daß er die Gabe besitzt, mit Humor ins Leben zu schauen, und was er gesehen, auch mit Humor wiederzugeben. Er gehört nicht zu denen, die ein Lustspiel geschrieben zu haben glauben, wenn sie eine Anzahl mehr oder weniger plumper Spässe in Dialogform mit Requisitenscherzen gebracht haben. Zum Unterschiede davon nennt er sein Stück „Komödie", obwohl er damit zu viel sagte. Wohl wächst der Humor OllS der Idee des Stückes und ist organisch mit der Handlung verbunden, aber das Stück macht doch nur den Eindruck einer Skizze, die in übergroßen Dimensionen ent- toorfcn ist. Es mangelt ihm neben der ausreichenden Fülle des Stoffes die scharfe Konturierung, die mau von einer Komödie beansprucht. Der Verfasser führt uns eine Reihe flott gezeichneter Typen vor, aber er benutzt sie nur zn Episoden, um die Lücken der Handlung zu verdecken und die Situation der Heldin zu beleuchten. Der lustige und geschmackvolle Sarkasmus des Dichters richtet sich auf eine der wichtigsten Fragen der Gegenwart: das Recht der Frau mif Selbständigkeit, auf wissenschaftliche Arbeit, ferner Kegen alles Uebermaß philiströs beschränkter Kleinstädterei arno zum andern gegen alles Uebermaß moderner Mann- vveiblichkeit. Ein junges Mädchen aus einer kleinen «Hommerschen Hafenstadt hat Medizin studiert, obwohl ihre Wanze Sippe darob aus den wenigen Häuschen des Städtchens Wertet. Frl. Dr. med. Lisbeth Weigel aber ist so frisch Mab keck, sich jn ihrem heimatlichen Ostermüude sogar als «tzrakt. Aerztin niederzulaffen. Im Grunde ist das keine
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