Ausgabe 
16.12.1900 Sechstes Blatt
 
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150. Jahrgang

onntag den 10 Dezember

§!r. 295 Sechstes Blatt

Amts- unb Zlnzeis-blatt für den Ureis Gieren

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nicht durchGefühle der Ethik" leiten lassen dürfe, hat kummervoll sein interessantes Haupt geschüttelt. Ungünstige Finanzen, deren rückläufige Bewegung allmählich sich m einen Tauerlauf verwandelt, wirtschaftlicher Niedergang, große Anleihen, das sind Flammenzeichen, unter denen das alte Jahrhundert - die obrigkeitliche Genehmigung vorausgesetzt - in dem Abgrund ber Geschichte ver­schwindet. Aber so unerquicklich hier die Lage ist, so trifft doch die Regierung nur ein kleiner Teil der Schuld: Hätte die größte Partei des Reichstages sich nicht Mit Händen und Füßen gegen die Finanzreform gesträubt, so würden wenigstens die übelsten Folgen vermieden wer- deii so würden die Einzelstaaten nicht in dem Maße, wie es jetzt der Fall ist, in Mitleidenschaft gezogen werden.

flbrefie für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.

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Gratisbeilage«: Gießener Familien blätter, Der hessische Landwirt, Matter für hessische Volkskunde.

Beiträge zur Erziehung der deutschen Jugend mit besonderer Berücksichtigung der Pflege der Liebe zu Fürst und Vaterland, Kaiser und Reich, für Schule und Haus bearbeitet von Ed. H a r tm a n n, G Y m - nasiallehrer zu Gießen.Preis drosch. 1.80 Mk., eleg. geb. 2.50 Mk. Auf dieses sehr gesunde Anschauungen und beherzigenswerte Ratschläge enthaltende Buch sei hier­auf aufmerksam gemacht. Es ist fürwahr ein Merkchen, das Geist und Herz in gleicher Weise erfrischt und erhebt. Ein Mann der Praxis und langjährigen Erfahrung, der mit dem ganzen Wesen der Kinder nach) Körper und Geist vertraut ist, spricht hierin mit leichtverständlich^r und doch inhaltsreicher Sprache zu uns. In ansprechen­der und glatter Form führt uns der auf pädagogischem Felde vorteilhaft bekannte Verfasser die wichtigsten Fak- , toren der Kindererziehung vor Augen. Mit Recht bespricht der Verfasser die Wichtigkeit der Gesundheitspflege, die religiös-sittliche, die Charakter- und Gemütsbildung der Jugend in erster Linie und ausführlich, denn sie bilden die sichersten Stützpunkte in allen Lagen des Lebens. Sehr schön zeigt der Verfasser die vielfach verkehrte Er­ziehungsweise mancher Eltern, welche die Thätigkeit dtt Schule hemmen und in hohem Maße schädlich auf die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder wirken. Strenge fordert er eine sorgfältige Ueberwachung der Haus­aufgaben und giebt interessante Belehrungen über Körper­haltung, Reinlichkeit, Beleuchtung, Schonung von Auge und Ohr, sowie über Haushaltung, Familienleben, Mädchenerziehung und andere. Wenn das Vorwort mit dem Wunsche schließt:Möge das Merkchen gute Auf­nahme finden", so können wir uns dem nur anschließen und die mit Fleiß und sachverständigem Urteil zusammen­gestellten Beiträge für Schule und Haus als nützliches, brauchbares Weihnachtsgeschenk sehr empfehlen, weil wir überzeugt sind, daß es in den Händen von Eltern und Lehrern nicht ohne wohlthuenden Einfluß auf die Er­ziehung der Kinder sein wird. k-

Vermischtes.

* Als Heiratsschwindler gefährlichster Sorte hat sich in B e r l i n ein gewisser G r a v e n h o r st entpuppt. Gravenhorst wird wegen vieler Schwindeleien und wegen 'Bigamie von der Kriminalpolizei verfolgt. Er verließ seine erste Frau nad} 15 jähriger Ehe, auv der eine jetzt 14 Jahre alte Tochter hervorging, tm Jahre 1896 und ging nach Amerika. Dort lernte er seine zweite Frau Johanne, geborene Dressel, die Tochter eines Bauerngutsbesitzers aus Gemünden in Oberfranken, kennen. Die Bekanntschaft führte nach kurzer Zeit zur Ehe, der ein jetzt 17 Monate altes Kind entsproß. Die erste Frau, von deren Vorhandensein die zweite keine Kenntnis hatte, liegt augenblicklich im Charlottenburger Krankenhause. Sie hat einen Beinbruch erlitten und ver­liert das Bein. Gravenhorst kam im September d. I. nach Deutschland und wohnte mit seiner Frau in deren Heimat. Am 19. v. Mts. fuhr er angeblich nach Braun­schweig, um eine Erbschaft von 40 000 Mark zu erheben, die ihm von seinem Vater zugefallen sein sollte. Diese Erb­schaft war jedoch, wie sich jetzt herausstellt, Schwindel. Gravenhorst fuhr in Wirklichkeit nach Berlin und ver­legte sich hier auf den Heiratsschwindel. Durch ein sehr sicheres und gewandtes Auftreten gelang es ihm, Zu­tritt zu einem adeligen Klub zu bekommen, in dem er u. a. die Herren v. S., v. A. und v. B. kennen lernte, v. S. vermittelte seine Bekanntschaft mit einem Fräulein T. in Schöneberg, die früher Gesellschafterin und Reisebegleiterin hochstehender adeliger Damen war und ebenfalls dem Klub angehört, in dem schon wieder­holt Heiraten zu stände gebracht wurden. Gravenhorst ging unmittelbar auf sein Ziel los, die Dame durch ein Heiratsversprech^n zu beschwindeln. Ohne einen Pfennig Geld zu besitzen, mietete er bei einem Fräulein H., bei dem auch Fräulein v. D. wohnt, ein möbliertes Zimmer.

Volitifche Tagesschau.

!Bei der jetzt im Gange befindlichen ersten Lesung des | iieiäshaushaltsetais für daS Jahr 1901/1902 hört man so manches harte Wort über den Stand der Reichsfiaauzeu; i- ist daher sehr der Mühe wert, einmal einen genaueren blick darauf zu werfen. Wir legen dabei den Golhatschen hsskalender für 1901 zu Grunde, und ziehen zur Ber- olrichung die Jahrgänge von 1895 und 1898 heran, also fitittäume von je 3 Jahren. Zunächst für 1901. Da sind em wir, daß der Etat des Deutschen Reiches tn Cm nähme und Ausgabe balanciert mit dem Betrage von etwas öder zwei Milliarden, nämlich 2 066 644 012 Mk. Don tm Einnahmen in dieser Höhe werden nur 85 868 411 Mk au6 außerordentlichen Deckungsmitteln bestritten, d. h. aus ^leihen oder durch die Ausgabe von solchen Schatzan «eisvngen, die nur kurze Frist laufen. Zu ihrer Ausgabe ist der Reichskanzler für den Bedarfsfall ermächtigt, aber nur Ibis zum Betrage von 175 Mill. Mk. Man kann solchen 6taib der Einnahmen als günstig bezeichnen; denn rund 86 Mill, sind von 2066 Mill, nur wenig über 4 Prozent. F eil ich wird diese Höhe der laufenden Einnahmen mit durch {aite Heranziehung der Bundesstaaten zu Matrikularbei trägrn erreicht; andrerseits ist aber auch das nicht be- benÖid), denn der größte Teil davon wird wieder zurück gezahlt. Im ganzen ist dieses Bild also nicht ungünstig.

Weniger freundlich wird daS Bild, wenn wir die Zahllen früherer Jahre daneben stellen. Im Jahre 1895 dckrmgen die Einnahmen und Ausgaben nur 1286546460 Mavk, im Jahre 1898 aber 1372852493 Mk. Während ol(o der Gesamtbetrag des Etats in den Jahren 1895 bis 1898 nur um 86 Millionen und 300000 Mk. gestiegen ist, tag die Steuerung in dem nächsten dreijährigen Zeit- in fast 694 Millionen Mark. In etwas gleichmäßigerer Beige stiegen die Matrikularbeiträge; beliefen sie sich 'm Sahire 1895 auf 397V8 Millionen, so waren sie 1898 ichom auf 485V, Millionen (also um 38 Millionen) ge Lieg en, nach abermals 3 Jahren aber auf 527*/8 Millionen (h. |. um 92 Millionen in 3 Jahren).

Außerordentliche Dcckungsmittel wurden 1895 gebraucht 1301/4 Millionen, 1898 aber 913/4 Millionen und 1901, nie oben angegeben, 853/t Millionen. Diese Zahlen ge itzchren indessen kein ausreichendes Bild über den außer nrdentlichen Bedarf des Reichs; daS erhalten wir erst durch 'Hedineinanderstellen der Summen, die die Reichsschulden an ,-be n. Im Jahre 1895 betrug die Reichsschuld 1860 Millionen, m Jahre 1898 schon 2246»/* Millionen (Zunahme für drei

IM flageigen zu der nachmittag« für bt» Keg erscheinenden Nummer bi« norm. 10 UV Wbkfttaungen spätesten« ebeoM vorher.

Jahre 386Va Millionen) und im Jahre 1901 gar 2468 Millionen (also weiteren Zuwachs während dreier Jahre um rund 222 Millionen).

Eine Schuldenlast von 2468 Millionen gegenüber einem JahreSetat von 2066 M llioaen ist n cht viel; ja wir können getrost sagen, daß das Deutsche Reich unter den Staaten mit vollständigem Budget noch unerreicht günstig dasteht. Nehmen wir z. B. Preußen, so finden wir neben dem letzten JahreSetat von 2472 Millionen in Einnahme und Ausgabe eine Schuldenmenge von fast drei- facher Höhe, nämlich 6592 Millionen Mark. Hessen hat, wie der Finanzminister Gnauth am Donnerstag ausführte, eine Schuldenlast von 313 049 959 Millionen Mark. Belgien: Etat 453, Staatsschuld 2607 Millionen. Frank­reich: Etat 3548, Staatsschuld 30 055 Miüirnen. Die Höhe unserer Reichsschuld ist es nicht, die zu Bedenken Anlaß gibt, sondern nur ihre rapide Steigerung. Werden doch im neuen Etat allein 400 Millionen Mark gefordert, die durch Anleihe gedeckt werden müssen. In dieser Hinsicht ist, wie wir schon auSführten, größte Vorsicht geboten.

Nun ist die Etatsdebatte beendet und Stille wird für kurze Zeit wieder einziehen in die heiligen Hallen des Reichstages. Der Weihnachtsmann mit Aepfeln und Nüssen steht vor der Pforte. Wenn es erlaubt ist, gegen die obrigkeitliche Genehmigung den Anfang Des zwanzigsten Jahrhunderts auf den ersten Tag des kommen­den Eismonats zu verlegen und sich, dem alten ehrlichen Adam Riese folgend, noch immer als einen Sohn des neunzehnten Jahrhunderts zu fühlen, so wird man, auch ohne zu den politischen Gourmanos des Herrn v. Bollmar zu gehören, doch nicht umhin können, das Facit zu ziehen: Das alte Jahrhundert hat fein abgeschnitten!

Schon die Einleitung zu den großen Debatten der jüngsten Tage, die im natürlichen Laufe der Dinge den Kernpunkt hätte bilden müssen, wenn nicht doch die Ge­fühle zuweilen stärker wären, als die nüchterne Erwägung, schon die Kritik unserer Finanzverhältnisse bot ein wenig erfreuliches Bild. Selbst der säuselndste Offiztosus konnte es nicht über sich gewinnen, aus dem Bilde, das Herr v. Thielmann zeichnete, Erfreuliches herauszulesen, und die Kritik, die von den einzelnen Parteirednern gefallt wurde, bot bei dem gemeinsamen stark pessimistischen Grundton wahrlich keinen Anlaß, fortan der Zukunft mit sattem Behagen entgegenzublicken. Der Vertreter des Zen­trums hat die Finanzlage des Reiches als äußerst uner­freulich hingestellt, und auch Dr. Sattler, der den schönen Satz aussprach, daß die Regierung in ihrer Politik sich

Weiynachts-Litteralur.

Ludwig Büchner, Kaleidoskop. Skizzen und Wätze aus Natur- und Menschenleben. Mit einem Vor­wort:Zur Geschichte der volkstümlichen Naturforschung" .ton Wilhelm Bölsche. Verlag von Emil Roth in Hießen. geb. 7 Mk. Ludwig Büchners naturphilo- Icphische Hauptwerke sind in aller Welt Händen. Aber "nie große Lebensarbeit des rastlosen Meisters ist mit ihnen nodti) längst nicht erschöpft. In unerschöpflicher Fülle Huden sich in seinem Nachlaß noch meisterhafte kleinere kliays und Skizzen über die verschiedensten Gegenstände Himmels und der Erden. Alle sind, so schwierig der Stoff sein möge, im edelsten Sinne an das Volk gerichtet und beim Verständnis des schlichten Mannes aus der Menge m j ener unnachahmlichen Art, wie sie eben Büchner eigen har:, angepaßt. Der noch rechtzeitig zu Weihnachten er­scheinende Band vereinigt einen bunten Strauß solcher Geiistesgaben des verstorbenen Freidenkers und Volks- slemndes, die kein Verehrer seiner bekannten älteren Lchviften entbehren kann. Neben dem Naturphilosophen kommt hier auch der Mediziner in Büchner zu Wort, her geistvolle Reiseschilderer, der Biograph, der fein ge­zeichnete Porträts von Zeitgenossen giebt. Es fehlt nicht an politischen Streiflichtern, wie denn kaum eme große ckbuelle Frage der Gegenwart unberührt bleibt. Buchners knaare Freunde erhalten unschätzbare neue Beiträge zum MQMtbilde seiner kühnen, erfolgreichen Persönlichkeit. Ser: aber Büchner bisher nicht kannte, dem bietet das Bucht eineen unerschöpflichen Reichtum sachlicher Aufklärung über die eigene Beit und ihre treibenden Ideen. Der Wert des kamides ist erhöht durch eine in Form eines Vorwortes bWefügte längere Studie aus der Feder des bekannten fopoularisators moderner Naturwissenschaft, Wilhelm kölsche, die eine Entwickelungsgeschichte des Begriffs .Lixolkstümliche Naturgeschichte" giebt.

Napoleon I. Revolution und Kaiserreich. Herausgegeben von Dr. I. v. Pflugk-Harttung, Kgl. Archivar am Geh. Staatsarchiv und ordentl. Universitäts- Professor a. D., unter Mitwirkung von General v. Barde- lebcn, Oberst Keim, Oberst v. Lettow-Borbeck, Professor Du Moulin-Eckart, Kapitän z. S. Stenzel. Berlin. I. M. Spaeth. Mit Recht sagt der Herausgeber in der Einleitung:Es giebt nur wenige Gegenstände von solcher Großartigkeit und Wirkung, wie die Geschichte des gewaltigsten Sohnes der Revolution. Viele Verhält­nisse, in denen wir heute leben, sind durch seine Willens­kraft, durch sein Genie, durch seine erbarmungslose Eisen­faust eröffnet, stehen noch jetzt unter seinem Sterne." Zu der Wichtigkeit des Gegenstandes, der von hervorragenden Kennern bearbeitet ist, gesellt sich eine geradezu glänzende Ausstattung durch nahezu 500 Bilder, unter denen sich eigens für das Werk angefertigte Holzschnitte befinden. Unter diesen nehmen die zahlreichen, scharf gearbeiteten Porträts eine wichtige Stellung ein, sodaß man hier fast alle namhaften Männer und Frauen der Zeit vereinigt findet: ein reicher und dauernder Schatz für den Besitzer. Auch das ist rühmend zu erwähnen, daß sich das Werk ebenso fern vom Vergötterungsstandpunkte hält, als es die Bedeutung seines Helden auch nicht zu verkleinern sucht, sondern daß überall nach geschichtlicher Wahrheit in schöner Form gestrebt ist. Nach alledem können wir das Werk nur empfehlen.

Hmnarilttsches.

* I» Farbladen. CommiS:Sie wünschen, mein

Backfisch: ^Rate F.rbe"

CommiS:Welche giOa ce, bitte." Backfisch (ve l gen):Scham t!" (Mst 'chen-r Jugend.")

* Tröstlich. Kranker:Ich had* so'che Angst, Herr P o» fesior. Was fehlt mir b nn ria" ", ?"

Professor:Nur keine Aufregung; die Krankheit wird schon der Totenschein ergeben."

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