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16.11.1900 Erstes Blatt
 
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N* S6S Erstes Blatt» Freitag den 16. November 15V. Jahrgang ipoe

General-Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Volkszählung im Jahre 1900.

Wie bringen hiermit zur allgemeinen Kenntnisnahme, daß sich die für die Stadt Gießen ernannte ZählungS- Kommiffion für die am 1. Dezember lfd. IS. statthabende Volkszählung zusammensetzt, wie folgt:

Vorsitzender: Großh. Polizeiamtmann Hechler.

MÜglieder. Stadtverordneter Adami,

m h Keller,

» H Schiele,

Brück,

h h Hanau,

M Schmall,

m Jughardt,

Wallenfels,

w Helfrich.

Gießen, den 14. November 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Bekanntmachung.

Der Böget« nab Geflügelzuchtverein Gieße» »ttb Umgegend hat in seinen Zuchtstationen auf der Hardt, Birklar, Philosophenwald rc. eine größere Anzahl, etwa 30 Stück, rassereiner junger Hähne, Minorka und rebhuhnfarbige Italiener, zum Preise von 2 Mk. das Stück an zu verkaufen. Auch sind rassereine Hennen zu haben. Jntrresienten wollen sich gefl. an den Direktor des Bcr eins, Herrn August Schwan, Seltersweg Nr. 64 hier, wenden. Ich mache auf diese bequeme und billige Gelegenheit zum Bezüge vorzüglicher Zuchthähne und -Hennen der beiden am besten bewährten Hühnerrasfen aufmerksam.

Gießen, den 13. November 1900.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins.

v. Bechtold.

Die Thronrede.

Wenn von vielen Seiten erwartet wurde, die Thron­rede werde mit politischen oder stilistifch,en Schlagern glänzen, so hat man sich einer gründlichen Täuschung hin- gegeben; die Thronrede bringt keinKaiserliches Pro­gramm, nicht für die innere und uid)t für die äußere Politik, und wo sie die chinesischen Gräuel schildert, geht sie über das Maß einer in der Sache gerechtfertigten Energie des Tons nicht hinaus.

Die springenden Punkte der augenblicklichen und zu­künftigen Politik soweit sie von parlamentarischen Ein­flüssen abhängt sind die Chinafrage mit ihrem Appen­dix konstitutioneller und parlamentarischer Erörterungen und die Gestaltung unserer zukünftigen Wirtschafts- und Handelspolitik. .

Die Chinafrage wird wenig anmutig durch eine Kreditforderung von 152 Millionen und die Forni ihrer Bewilligung. Gegen die Forderung selbst wird nicht allzu viel Einwand erhoben werden. Die Majorität des Reichstages ist mit der Reichsregierung davon über­zeugt, daß Schritte in China unternommen und daß die deutsche Ehre und deutsches Interesse gleicherweise ge­wahrt' werden mußten. Es werden sich also gegen die Thatsache der Geldaufwendung selbst nicht viele Stimmen vernehmen lassen. Konservative, Nationalliberale, Frei­sinnige Vereinigung, Zentrum und ein erheblicher Brnchf- teil der Wildeno.us ist die Majorität erkennen die Bedeutung der Chinaexpedition an, und werden darum in der Sache selbst der Regierung nicht erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Tie Sozialdemokraten mit ihrem Anhängsel von Welfen, Polen rc. werden natürlich heftig opponieren, aber ohne Erfolg. Von Eugen Richter und den Seinen ist nach den vom Görlitzer Parteitag ange­nommenen Thesen für die auswärtige Politik zu erwarten, daß ihr Widerspruch, auch sachlich nicht allzu bitter wird.

Sind also die Aussichten für eine rühme Behandlung der Chinapolitik günstig, so wird hingegen die Erörterung über diekonstitutionellen Kanteten" schon etwas brenz­licher für die Regierung werden.

Die Thronrede bemüht sich zwar, dem drohenden Sturme vorzubeugen, indem sie hervorhebt,daß ohne Zögern gehandelt werden mußte", und daß man über das Maß der notwendigen Aufwendungen feine richtige d«r?sch°ftlich-Frageg-ht Thron- rede -nit der Bemerkung hinweg, daß em Z o l klar i s- aesetz im Laufe des Winters vorgelegt werde. Aus der lakonischen Kürze dieser Mitteilung sckstießen wir, daß über die Prinzipien des Zolltarifs und der Ver­

tragspolitik im Schaße der Regierung noch kein endgiltiger Beschluß herbeigesüssrt ist. Welchen Standpunkt Graf Bülow alsinnerer Politiker" einnimmt, ist immer noch nicht bekannt; ebenso wenig weiß man, ob er eine eingehenoere volkswirtschaftliche Bildung überhaupt besitzt, um in so wichtigen Fragen autoritär zu entscheiden. So viel gilt als sicher, daß er kein Agrarier im Sinne der Richtung der Kanitz rc. ist; er wird also für Prohibitiv­zölle und für den erdfeuchiten philosophischen Agrarismus des Grafen Kanitz nicht zu haben sein. Graf Bülow steht auf dem Standpunkt derWeltpolitik", die ein Abschließen des Verkehrs der Nationen unter einander ablehnt und sich bewußt ist, daß die Zukunft jedes Kulturvolkes in einem freiheitlich und weitsichtig organisierten Verkehr liegt. Aus der anderen Seite wird er ebenso anerkennen müssen, daß die bedeutsame Verschiedenheit der Pro­duktionsbedingungen in den Ländern mit ganzer und halber Kultur der Maßregel eines zollpolitischen Aus­gleichs nicht entraten kann. Auf diesem Standpunkte wird die Majorität des Reichstages ebenfalls zu finden sein.

Was die Thronrede sonst noch ankündigt, wird an die Akustik des Reichstagshauses kaum übertriebene An­forderungen stellen, ist aber immerhin bedeutend genug, um den vollen Ernst der Parlamentarier mit Beschlag zu belegen; an diesem aber wird es hoffentlich nicht so sehr fehlen, wie in der vorigen Tagung, die sich durch chronische Beschlußunfähigkeit bemerkbar machte.

Die Beziehungen zum Ausland sind gut. Auch, diese Feststellung zeichnet sich durch bemerkenswerte Kürze aus; man 'kann das in verschiedenem Sinn auslegen. Doch wollen wir annehmen, daß die Kürze der Auslassung im umgekehrten Verhältnis zum Wert der behaupteten Thatsache steht. Was sich' aus unserenenglischen" und russischen" Beziehungen . - allmählich herausdestilliert, weiß niemand; man darf indes Höffen, daß des Grafen Bülow Hand die diffizilen Fäden nicht verwirrt, sondern so knüpft, daß Deutschlands Stellung im Weltkonzert nicht verschoben wird.

Den Franzosen wird der Satz über die Melt­au s st e l l u n g nicht unangenehm in den Ohren klingen; seine Fassung beweist zu gleicher Zeit, daß der Kaiser nodj wie vor von der Bedeutung des internationalen Faktors unserer Kulturthätigkeit, dem der lebenschaffen­den Macht des Verkehrs, überzeugt ist.

Diese Argumentation wird sich keines durchschlagen­den Eindrucks zu erfreuen haben. Das verfassungsmäßige Recht: des Reichstags, die entscheidende Instanz für alle Ausgaben zu sein, besteht, 'folglich muß dieses Recht peinlich respektiert werden, denn ein erfolgreiches Zu­sammenarbeiten von Regierung und Parlament hat die strikteste Innehaltung der in der Verfassung festgelegten Rechtsgrenzen zur Voraussetzung. Konnte die Negierung nicht eine Forderung von 152 Millionen vorlegen, so war eben die Summe geringer; der Reichstag hätte die kleinere bewilligt, und sich späteren Forderungen gegen­über hätte sich die Majorität wohl nicht alsUnmensch," gezeigt. Wir sind der Meinung, daß der Thronrede auf diesem Gebiet keine überzeugende Beweiskraft beiwohnt. Bei dem fortwährenden Geschrei über Cäsaris- mus, Autokratie und persönliches Regimen! sollte eine den Frieden liebende Regierung alles vermeiden, was solchen Anschauungen eine gewisse formale Berechtigung immerhin giebt. Die Regierung wird einen scharfen Strauß zu bestehen haben, und man wird ihr mit Recht die Lektion erteilen, daß die M i t r e g i e r u n g d e r Volks­vertretung kein papierner Paragraph, sondern ein lebendiges Element ist, dessen der moderne d e u t s ch e S t a a t bedarf, wenn er g e s u n d bleiben will.

Volltische Tagesschau.

Wir lesen in der agrarischemDtsch. Tagesztg.":Man wird grundsätzlich nichts dagegen haben können, daß ge­wisse Aufwendungen des Staats und des Reichs durch Anleihen aufgebrackst werden. Ueberall, wo das Reich oder der Staat durch die Aufwendung einen dauernden, wertvollen Besitz sich erwirbt, ist die Anleihe vollkommen am Platze. Wenn beispielsweise der Staat private Bahnen ankauft oder neue anlegt, wird die Aufbringung der Mittel auf diesem Wege für durchaus zweckmäßig und sachlich begründet erachtet werden müssen. Im übrigen aber sollte jedes Staatswesen und jedes Gemeinwesen sich p e i n l i ch st d a v o r h ü t e n , in eine Pumpwirt - schäft hineinzugeraten. Insbesondere sollte das Deutsche Reich viel mehr bestrebt sein, seine Schulden zu tilgen, als immer wieder neue Anleihen aufzunehmen. Der Reick)stag war wohl einstimmig immer dieser Meinung und hat auch gewisse Anläufe gemacht, um eine mäßige Schuldentilgung zu gewährleisten. Freilich waren diese Anläufe schvn an sich recht schwach und werden voraus­sichtlich ganz aufgegeben werden müssen. Der Anleihe­bedarf des nächstjährigen Etats beträgt fast 100 Millionen. Außerdem soll der Reichskanzler er­

mächtigt werden, Schatzanweisungen in der Höhe bis zu 175 Millionen Mark auszugeben. Auch das ist nur eine andere Form einer Anleihe auf kürzere Zeit. Dazu kommen die 152MillionenMarkder China­vorlage, die ebenfalls durch Anleihe aufzubringen sind. Diese riesigen Anleihebedürfnisse eröffnen einen trüben Blick in die finanzielle Zukunft des Reiches. Wir kommen immer tiefer in die Kreide hinein; das läßt sich nicht verhüllen und nicht be­schönigen. Wohl erwarten wir, daß die Kosten für die chinesische Unternehmung uns zurück- erstattet werden; aber diese Erwartung steht auf recht unsichern Füßen und kann leicht trügerisch sein. Angesichts dieses übermäßig starken Anleihebedarfs drängt sich denn doch die Frage auf, ob es nicht möglich sein sollte, die Kosten für die chinesische Unter­nehmung auf anderem Wege aufzubringen. Wir wissen wohl, daß es allgemein üblich ist, die Kostew für kriegerische- Unternehmungen zunächst durch Anleihen sich zu verschaffen. Aber wir wüßten auch keinen Grund, der dagegen spräche, in diesem besonderen Falle von der bisherigen Gepflogenheit abzugehen. Erhalten wir die Aufwendungen zurück, dann brauchen wir uns um die Unterbringung der dem Reiche ^fließenden Geld­mittel feine grauen Haare wachsen zu lassen. Wir können dann gewisse Erleichterungen eintreten lassen, die recht wohlthätig wirken, oder auch unsere sehr notwendige Schuldentilgung einigermaßen beschleunigen. Es fragt sich nur, auf welche Weise und auf welchem Wege die China­kosten, um ps kurz so auszudrücken, beschafft werden könnten. Wir möchten uns zunächst eines Vorschlags ent­halten, glauben aber, daß, wenn man nur will, man ebenso den Weg finden wird, wie man ihn bei der Aus­bringung der Flotten kost en in diesem Frühjahre gefunden hat. Daß die einzigen greifbaren Erfolge unserer chinesischen Unternehmung -der Großhandel haben wird, hat er selbst u. a. in seinen Telegrammen an den Reichskanzler zugestanden. Diese Thatsache würde einiger­maßen den einzuschlagenden Weg andeuten. Mit dieser Anoeutung wollen wir uns für heute begnügen. Es war nur unsere Absicht, darauf aufmerksam zu machen, daß es Pflicht sei, darüber nachzudenken, wie wir verhüten können, daß wir immer tiefer in die Kreide geraten."

Der Krieg in China.

In einer besonderen Beilage desReichsanz." werden Berichte der deutschen Gesandtschaft in Pe­king vom 31. Mai bis 29. August veröffentlicht. Sie enthalten die im wesentlichen bekannten Vorgänge vor und nach der Ermordung des Freiherrn v. Ketteler und bestehen aus Briefen desselben, Uebersetzungen von Noten des Tsung-li-Mmens, sowie aus Briefen des Geschäftsträgers v. Below und des Dolmetschers Cordes. Der Bericht Belows vom 29. August schildert zunächst den Tag der Ermordung des deutschen Gesandten; er hebt hervor, wie Frhr. v. Ketteler, ein moderner E-mont, trotz der einstimmigen Warnung der andern diploma­tischen Vertreter am 20. Juni vormittags zu einer Be­sprechung mit dem Prinzen Tsching und Dan aufbrach. Gegen 2 Uhr nachmittags ging der deutschen Gesandt­schaft ein Schreiben des Tsungli-Namen über den Vorfall zu, worin vorgegeben wurde, daß man den Namen des Ermordeten nicht kenne, und das 'behauptete, der Er­mordete und sein Begleiter hätten zuerst gefeuert. Am spätem Nachmittag traf eine neue Note des Tsungli-Aa- mekis ein, worin auf die Unsicherheit der Straßen hin­gewiesen wird. Der Bericht jagt von dieser Note, da sie nach Kettelers Ermordung redigiert sei, biete sie einen weitern Beweis des schmachvollen Spiels, das die chinesische Regierung getrieben habe. v. Below schließt mit folgenden Worten:

Das männliche Wesen, die Thatkraft und Ent­schlossenheit Kettelers hatten ihm die Liebe und Acht­ung der weitesten Kreise gesichert. An jenem Tage, wo die chinesische Regierung die Aufforderung ergehen ließ, Peking innerhalb 24 Stunden zu verlassen, war Ketteler einer der ersten, die sich dagegen gesträubt hatten, ihren Posten zu verlassen, indem er ' auf die Gefahr hinwies, die ein solcher Beschluß für alle herbeiführen würde. Erst als die Kunde von dem ruchlosen Mord­anschlag eintraf, erkannte man allgemein, wie recht er gehabt, und jeder fühlte, daß er durch feinen Tod alle gerettet habe!"

Der Bericht des Dolmetschers Cordes vom 4. Juli erzählt: Auf die Note des Hamens vom 19 .ds., worin der Gesandtschaft eine 24 stündige Frist zum Verlassen der Stadt Peking gegeben wird, suchte Frhr. v. Ketteler eine Unterredung mit den Prinzen Tsching und Tuan am 20. Juni nach; er begab sich früh um 8 Uhr in die französische Gesandtschaft, wo eine'Beratung der Gesandten stattfand, und von dort um 8 einhalb Uhr mit Cordes in zwei Sänften nach der österreichischen Gesandtschaft, wo eine bewaffnete Eskorte ihn erwartete. Ketteler be-