Ausgabe 
16.10.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 242 Zweites Blatt. Dienstag den 16. Oktober 150. Jahrgang 1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Behufs Herstellung einer Verlängerung der Brücke in der Klinikstraße wird diese Brücke Dienstag den 16. l. MtS. für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Gießen, den 15. Oktober 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler. " "1

Die Wirren in China.

DieTimes" veröffentlichen den ersten Teil des Tage­buches^ ihres Berichterstatters Dr. Morisson in Peking. Ed heißt darin über die Ermordung des Freiherrn v. Kettel er:Am 20. Juni vormittags versammelte sich das diplomatische Korps in der französischen Gesandt­schaft, um abermals über die Sache zu beraten und Kennt­nis zu nehmen von der Antwort des Tsungliyamens aus die Forderungen des diplomatischen Korps hinsichtlich der .Schutzmaßregeln, welche die chinesische Regierung für den Rückzug nach Tientsin angedeihen lassen wollte. Es war seitens der chinesischen Regierung keine Antwort einge­troffen. Einer der Gesandten machite den Borschlag, sich in corpore nach dem Tsungliyamen zu begeben. Der An­trag fand aber keine Annahme, ein Glück, denn sonst wäre die schrecklichste Niedermetzelung erfolgt, die die Welt-Ge­schichte je zu verzeichnen gehabt hätte. Einige Augenblicke später verließen zwei Tragstühle die französische Gesandt­schaft, iu m sich nach dem Aamen zu begeben. Im ersten befand sich Frhr. v. Ketteler, der gut chinesisch sprechen konnte, im zweiten der Dolmetscher Cordes. Die Nach­richten laufen schnell in Peking, denn vier Minuten später kam mein Boy zu mir und rief:Der deutsche Gesandte ist ermordet worden!" Es war richtig, der deutsche Ge­sandte war durch einen chinesischen Offizier erschossen wor­den. Eine Patrouille von 15 Mann ging unter der Führung des Frhrn. v. Soden ab, um die Leiche aufzu­heben, mußte sich aber vor den Kugeln der chinesischen Gewehre unverrichteter Sache zurückziehen. Cordes, der später krank daniederlag, erzählte mir den Hergang fol­gendermaßen: Als wir die französische Gesandtschaft ver­lassen hatten, kamen wir zuerst an der österreichischen Ge­sandtschaft vorüber und traten dann in die Hadahman- straße ein. Bor der belgischen Gesandtschaft befanden wir uns in der Nähe eines Polizeipostens. Ich sah in diesem .Augenblick einem Fuhrwerk nach das eben an dem Trag­stuhl meines Herrn vorüberfuhr, als ich plötzlich drei Schritt vor mir ein schreckliches Schauspiel sah. Ein Mandschu in großer Uniform mit einem Mandarinenhut mit blauer Feder legte sein Gewehr auf Frhrn. v. Ketteler an. Er drückte, als er sich in einer Entfernung von einem Meter befand, ab, und der Schußstiel. Erschreckt hieß ich, meine Träger halten; ich stieg aus und bemerkte, daß v. Kettelers Stuhl verlassen in der Straße stand. Im selben Augenblick erhielt auch ich einen Schuß. 4tzch sah ein, daß das geringste Zögern verhängnisvoll wäre und lief in nördlicher Richtung davon, während hinter mir weitere Gewehrschüsse fielen. Ich wandte mich nochmals um und >ah den Sessel noch am selben Fleck stehen. Ich wurde von zwei mit Lanzen bewaffneten Männern verfolgt, dabei s 'n Weg und hörte hinter mir die Rufe:

6 4.1 wfremder, er hat nur erhalten, was er verdient zeigte mir den Weg, endlich wies mich ein Verkäufer nach der Gesandtschaftsstraße, und eine halbe Stunde nach der Ermordung meines Gesandten kam ich in der amerikanischen Gesandtschaft an, wo ich in Ohnmacht

Von da wurde ich in die deutsche Gesandtschaft gebracht Der Mörder war kein Räuber, sondern ein kaiserlicher Soldat in großer Uniform. Seine Leute hatten in der Nahe des Polizeipostens Aufstellung genommen, der unter dem Befehl des Militär - Kommandanten von Peking, Changli, stehe. Die Polizeibeamten waren Zenaen des Vorfalles. Ich bekräftige, sagte Cordes, daß der Mord an dem deutschen Gesandten vorbedacht war und durch einen kaiserlichen Soldaten auf Befehl von hohen kaiser­lichen Beamten begangen worden isbtt

Ueber die Bewegung in Südchina, insbesondere im Hinterlande des britischen Kaulungebietes, sind folgende Telegramme eingetroffen: Laut Berichten aus Samtschun, der chinesischen Grenzstadt am Kaulungebiet, ist Admiral Ho mit chinesischen Truppen zur Verfolgung der Aufständi­schen aufgebrochen, die in nordöstlicher Richtung mar- jchieren und sich in der Nachbarschaft des Marktfleckens Tamschui, etwa 32 Kilometer von der britischen Grenze befinden sollen. Eine britische Expedition, bestehend aus dem 22. Bombay-Jnfanterie-Regiment mit Artillerie, Pio­nieren und Material geht von Hongkong unter dem Befehl des Majors Kettlewell nach dem Kaulungebiet ab, ob­wohl das ganze Gebiet ruhig sein soll. Nach einem Tele­gramm desDaily Chronicle" aus Hongkong weichen die

Aufständischen, da sie einen Zusammenstoß mit den ihnen entgegengesandten chinesischen Truppen fürchten, von der Grenze des Kaulungebiets in nördlicher Richtung zurück. Es wird aper gemeldet, daß sie am vorigen Montag 30 chinesische Soldaten gefangen genommen und enthauptet hätten. Die Bewegung scheint von der Hand weniger gegen die Fremden als gegen die Mandschureidynastie gerichtet zu sein. Das geht daraus hervor, daß sie von der Drei­faltigkeitsgesellschaft ausgeht, die von jeher die Opposition der Chinesen gegen die Mandschu in sich vereinigte, und daß der Dr-. Sunjatsen, der bekannte Führer der Reform­bewegung im Süden, der schon vor einigen Jahren einen größeren Aufstand gegen die Mandschuherrschaft anzettelte, auch jetzt wieder die Führung übernommen haben soll. Aus Kanton wird nämlich gemeldet, Sunjatsen habe in Wei- tschou am Ostfluß seine Flagge entfaltet und dadurch große Aufregung in den militärischen Kreisen Kantons hervor­gerufen. Man glaubt, die Reformer bezweckten mit der Hissung ihrer Flagge in Weitschou zu veranlassen, daß Kanton von Truppen entblößt werde, worauf sie dort einen Aufstand Hervorrufen und die Stadt besetzen wollten.

Ferner wird derTimes" aus Hongkong berichtet: In sechs Bezirken der Provinz Weitschou sind die Städte inden Händen der Aufständischen. Ein beträchtlicher Teil der in Kanton stehenden Truppen ist nach den aufrührerischen Bezirken geschickt worden. Wenn der Aufstand auch in Kanton ausbräche, wäre deswegen die Unterdrückung schwierig. Es werden aufreizende Plakate in den Straßen Kantons angeschlagen." Es ist aus diesen telegraphischen Uebermittelungen nicht zu ersehen, um welche Gegend es sich handelt. Eine Provinz Weitschou giebt es nicht, und die arme und dünnbevölkerte Binnen­provinz Kweitschou ist zu weit^von Kanton entfernt, als daß eine dort ausgebrochene Bewegung in Kanton solche Bestürzung erregen könnte. Wahrscheinlich ist der Schau­platz der Thätigkeit Sunjatsens Wutschau, der Vertrags­hafen am Westflusse, von Kanton aus etwa 250 Kilometer flußaufwärts.

Tie Meldung, daß die chinesische Zoll-bank vor einigen Tagen 325 000 Taels an die Bank in Singanfu gesandt habe, wird durch eine weitere ergänzt, daß für die nächste Zeit die Sendung fernerer 300 000 Taels nach Singan bevorstehe. Sollten sich diese Mitteilungen be­wahrheiten, so würde das eine Einmischung der genann­ten Zollbank in die jetzigen chinesischen Wirren bedeuten, die unmöglich unwidersprochen bleiben kann. Die chine­sische Zollbank hat alle diejenigen Zollerträge einzuneh­men, welche für die fremden Anleihen verpfändet sind. Die Entziehung solch großer Summen aus den Zoll­einkünften für Zwecke, für die sie nicht direkt bestimmt und verpfändet find, während bisher der Zinfendienst trotz der unruhigen Zeiten keine Stockung und Unterbrechung erfahren hat. Aber neben den ausländischen Gläubigern Chinas haben auch die Großmächte als solche ein Inter­esse daran, daß der Hof der Kaiserin-Witwe in Singan nicht durch Zuweisung solcher beträchtlichen Summen' in seinem Widerstande gegen die berechtigten Sühneforder- ungen der Mächte und vor allem in der Weigerung der Rückkehr nach Peking bestärkt wird. Je mehr der kaiser­liche Hof in Die Lage gesetzt wird, sich in Singan häuslich und bequem einzurichten, um so länger werden die bevor­stehenden diplomatischen Verhandlungen verzögert und ihr Ergebnis ins Ungewisse gerückt werden. Es erscheint an­gebracht, daß die Mächte baldthunlichst ausreichende Maß­regeln treffen, um die Erneuerung solcher Geldzahlungen an den kaiserlichen Hof in Singan unmöglich zu machen.

Aus Shanghai wird vom 13. gemeldet: Liwing- hong und seine Schwarzflaggen sollen in der Pro­vinz Honan erschienen sein. Es heißt, er wolle sich zur Kaiserin nach Schansi begeben.

Nach einer Meldung aus Washington hat Admiral Remey angekündigt, daß er von China abreije. Er gehe zuerst nach Taku und Tschifu, sodann nach Nagasaki. Das amerikanische Kriegsschiff New-Orleans bleibt in Taku, der Monocacy soll auf dem Peiho überwintern.

Wie aus Tientsin vom 12. Oktober gemeldet wird, hat in einer in Peking am 8. ds. abgehaltenen Kon­ferenz der diplomatischen Vertreter der eng­lische Gesandte die drei im deutschen Rund­schreiben vom 1. Oktober angegebenen Gesichtspunkte zur Sprache gebracht. Die Konferenz erklärte: 1. zu Punkt 1, ob die im Edikt des Kaisers von China an­gegebene Liste von Rädelsführern genügend sei? daß zwei Hauptschuldige an der Liste fehlten, nämlich Tungfuhsiang und Mhsien; 2. zu Punkt 2, ob die in dem Edikt be­zeichneten ©trafen genügend seien? daß das Strafmaß ungenügend sei; und 3. zu Punkt 3, wie die Ausführung der Bestrafung zu kontrollieren sein würde? daß die Strafen vor Delegierten der Gesandtschaften vollzogen wer­den müßten. Mit dieser Entscheidung der diplomatischen Vertreter ist die Grundlage für weiter Verhandlungen mit der chinesischen Negierung gegeben. Danach werden die Mächte nunmehr zu fordern haben, daß auch Tungfuh­

siang, der freilich inzwischen bereits entwischt sein soll, und Mhsien, der vor kurzem angeblich abgesetzte Gouver­neur von Schansi, auf die Strafliste gesetzt werden. Mittler­weile ist bekanntlich ein neuer Erlaß erschienen, der die im ersten vorgesehenen Strafen beträchtlich erhöht und ankünoet, daß drei Uebelthäter zu enthaupten seien. Es bleibt abzuwarten, ob das diplomatische Korps auch diese Strafen für ungenügend hält. Jedenfalls wird auf dem dritten Punkte zu bestehen sein, daß nämlich die Strafe vor Vertretern der Gesandtschaften vollzogen wird und da die zu dieser Aufgabe ausersehenen Gesandtschafts - Mit­glieder schwerlich geneigt sein werden, nach Schansi oder gar nach Schensi zu reisen und aufs neue ihre Haut zu Markte tragen, so ergiebt sich als weitere natürliche Forderung, daß die Verurteilten nach Peking geschafft: werden und daß dort, am Schauplatze ihrer Unthaten^ auch! die Strafe zu vollstrecken ist.

Aus Shanghai wird vom 13. gemeldet: Wie em kaiserliches Dekret mitteilt, ist der Versuch gemacht worden, den Kaiser Kwangsu auf der Reise nach Singanfu zu ermorden. Der Attentäter wurde jedoch festgenommen, noch ehe er dem Kaiser ein Leid anthun konnte. Der Attentäter wurde enthauptet.

Aus Peking wird ohne Angabe des Datums über Tientsin vom 12. ds. gemeldet: Li Hung-Tschang ist heute in Peking eingetroffen. Reuter meldet aus Shanghai vom 12. ds.: Dyssenterie herrscht unter den Truppen in Tientsin. Es heißt, Graf Waldersee wird in wenigen Tagen sein Hauptquartier nach Peking verlegen.

Reuter" meldet aus Tientsin vom 12. dS: Die Expedition nach Paotingsu brach heute Morgen in zwei Kolonnen auf. Die eine, aus Deutschen, Franzosen und Italienern bestehend, marschiert direkt auf Paotingfu und wird von General Bailloud befehligt. Die andere besteht auS 2000 Engländern unter Campbell und rückt auf einem Umwege südlich des FlußlanfeS nach Paotingfu vor, wo zahlreiche Dörfer liegen, in denen, wie man glaubt, Boxer wohnen.

Aus Tientsin wird vom 12. Oktober gemeldet: Gras Waldersee besichtigte vorgestern die hiesigen englischen und gestern die russischen Truppen. Auf seine Anordnung ist mit Rücksicht auf die Stärke der hiesigen deutschen Gar­nison ein deutscher Offizier in die provisorische Regierung der Chinisenstadt, die bisher aus je einem Russen, Eng­länder und Japaner bestand, ausgenommen worden. Der österreichische Gesandte ist in Taku eingetroffen und bleibt dort, bis hier für genügende Unterkunft gesorgt ist. Der englische Gesandte kommt morgen hierher.

Wie die Londoner Abendblätter auS Shanghai melden, ist Jutschang, der Gouverneur von Honan, ein Bruder des verstorbenen Vizekönigs von Tshili, Julu, nach Wutschang versetzt worden, um sich mit dem dortigen Vize­könig in die Amtsgeschäfte zu teilen. Jutschang ist, wie die Blätter bemerken, der bekannteste Führer der Boxer­bewegung. Dieselben Blätter melden aus Peking vom 9. dS.: Hier eingetroffene Boten berichten von großen Gefechten zwischen Boxern und den kaiserlichen Truppen.

* t *

Telegramme deS Gieherrer Anzeigers.

Loudon, 15. Oktober. AuS Tientsin wird gemeldet, die Expedition nach Paotingfu seibeschloffenworden, um den Chinesen zu zeigen, daß die Europäer nicht zögern würden, bis in daS Innere Chinas vorzudringen, um die Rebellen zu bestrafen. Die kaiserlichen Truppen griffen die Rebellen bei Sanchun an und töteten 5.

Paris, 15. Oktober. DerPariS-Nouvelles" wird auS Port Said gemeldet, daß die Zahl der europäischen Truppen, welche, nach China bestimmt, bis zum 30. Sep­tember den Suez-Kanal passiert haben, folgende Zahlen ausweise: Franzosen 20,798, Russen 23,038, Deutsche 22,058, Italiener 1280, Engländer 1333. Der Korre­spondent derParis NouvelleS" bemerkt zu dieser Statistik, daß sie auf das deutlichste beweise, daß England in Bezug auf seine Streitkräfte außerordentlich geschwächt sei.

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Der Krieg in Südafrika.

AuS Aliwalnorth wird vom 12. dss. gemeldet: Gestern abend ging hier eine Patrouille ab, um für die Garnison Proviant herbeizuschaffen. Die Patrouille kehrte unverrichteter Sache zurück, da sich in der Nachbar­schaft zahlreiche kleine Buren»Abteilungen be* fanden. Nach einer Meldung aus Kapstadt vom selbe« Datum reiste Gouverneur Milner nach Pretoria.

Lord Roberts telegraphiert vom 12. ds. M.: Die