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16.10.1900 Erstes Blatt
 
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M. 242 ErNes Blatt. Dimstaa den 16. Oktober 15». Jahrgang I»»»

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Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Betr.: Maul- und Klauenseuche.

In Großenlinden ist in einem Gehöfte infolge Perschleppung aus dem Gehöfte des Händlers Löb Rosen­baum in Hochelheim die Maul- und Klauenseuche aus­gebrochen und Gehöftsperre verfügt worden.

Gieße«, den 15. Oktober 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

Zur Kaiserrede von der Saalburg schreibt bieTimes":

Es kann nur e i n Weltreich geben, und in Anbetracht dessen, daß zwei oder drei Staaten Besitzungen haben, die mindestens ebenso ausgedehnt sind, wie jene Deutsch­lands, könnte die Rede als Bedrohung des Welt­friedens erscheinen, wenn wir sie nicht als ganzes mit Berücksichtigung der Umstände, unter denen sie ge­halten wurde, lesen. Richtig erwogen, ist der zwischen 1 den zwei Reichen angedeutete Vergleich vielleicht be­ruhigend. Man braucht kein Gelehrter wie Mommsen zu sein, um zu verstehen, daß jede Anspielung aus die Vergangenheit sorgfältig geprüft werden muß und die Vorsicht Zufriedenheit mit den bereits erzielten glor­reichen Errungenschaften empfiehlt. Das Gebäude, das Anlaß zu den Betrachtungen des Kaisers gab, ist das Denkmal eines Reiches, das, wenn nicht im Verfalle, jedenfalls auf die Verteidigung angewiesen und neuen Abenteuern abgeneigt ist. Es war nicht die Pflicht des Kaisers, den Vergleich weiterzuführen, noch war Anlaß dafür vorhanden. Aber vielen wird es einleuchten, daß auch für das Deutsche Reich mit seiner glänzenden mili­tärischen Vergangenheit die Zeit erschienen ist, das Voll­brachte zu befestigen. Die gegenwärtigen gewerblichen Verhältnisse des Landes haben Probleme geschaffen, die noch nicht gelöst sind.

Wir fügen noch einen Bericht über die Aufnahme bei, die die Kaiserredeim Italien gefunden hat. Man schreibt aus Rom:

Das Homburger Röm er fest hat im klassischen Lande viel Interesse erregt und ist überwiegend als Zeichen germanischen Strebens nach Römer­größe gedeutet worden. DasGiorno" schreibt:Ein deutscher Kaiser hat lateinisch einen großen Latinisten geehrt; der greise Gelehrte hat in gleicher Sprache dem Oberhaupte seiner Nation geantwortet, obwohl der große Geschichtsschreiber andere politische Ideale hat. Alles dies ist schön, geistvoll, ergreifend und läßt verstehen, warum Deutschland solche Jugendlichkeit, Kraft und Genialität besitzt.

Allgemach machen sich die Anzeichen bemerkbar, daß wir uns der politischen Winterzeit nähern. Auf dem Gebiet der äußeren Politik freilich ist diesmal die tote Zeit überhaupt ausgefallen. Aber auch in der inneren Politik beginnt sich regeres Leben zu entfalten. Die Par­

teien rüsten sich auf die Reichstagssitzung, und das Partei-Geplänkel, welches den Vorläufer der eigentlichen politischen Kämpfe bildet, ist bereits auf der ganzen Linie entbrannt. Im Mittelpunkt des parlamentarischen Kampfes, dem wir entgegengehen, werden naturgemäß die Han­delsverträge stehen, während der Kern desselben wiederum die Getreidezölle bilden, welche schon jetzt zum hestigeff Aufeinanderplatzen der Geister geführt haben.

Die eigentliche Schlacht wird freilich erst beginnen, nachdem der so oft angekündigte Zusammentritt des Reichstags endlich zur Thal geworden ist. Die Regierung hatte in dieser Beziehung nicht eilig. Nach den letzten Erklärungen, die freilich schon recht oft gewechselt haben, wird die neue Tagung jedenfalls nicht vor der zweiten Hälfte des November beginnen. An Arbeit und an Stoff und Gelegenheit zu heftigen Debatten wird es dem Reichs­tag nicht fehlen. Den erstengroßen Tag" dürfte es bei der zu erwartenden China-Debatte erleben, die sich allem Anschein nach zu einer parlamentarischen Schlacht ersten Ranges gestalten wird, da die Regierung sich auf mancher­lei kritische Angriffe, vor allem auf einen scharfen Vorstoß von sozialdenlokratischer Seite gefaßt machen muß. Die Hoffnung der Regierung, dem Reichstage in der China- Sache bereits mit einer abgeschlossenen Thatsache kommen zu können, hat sich als unausführbar erwiesen. So schnell sich anfänglich die militärischen Operationen in China vollzogen, so langsam ist der Gang der diplomatischen Verhandlungen, die sich nun schon seit Monaten hinziehen, ohrle vom Fleck zu kommen. Es zeigt sich hierbei nur zu deutlich, daß die meisten Mächte nur mit Widerwillen und der Not gehorchend die Eintracht nach außen hin wenigstens aufrecht erhalten.

Die Amerikaner verfolgen die Taktik, auf jede Note einer anderen Macht eine eigene Note zu setzen, sodaß hier allgemach ein recht unfruchtbares Frage- und Ant­wortspiel entstanden ist. 'Die Taktik der Engländer ist eine andere, aber nicht weniger wirksame. Sie pflegen die Noten der Mächte erst dann zu beantworten, wenn der Gegenstand, um den es sich handelt, Halbwegs erledigt ist. Die Franzosen und Russen pflegen zwar den diplomatischen Noten zuzustimmen, aber sie sind bemüht, dem glatten Fortgang der diplomatischen Verhandlungen aus demVerwaltungswege" Schwierigkeiten in den Weg zu legen.

Diese Uneinigkeit hat denn auch ihre Wirkung auf die Machthaber in China nicht verfehlt. Bei allem äußer­lichen Nachgeben haben sie sich tatsächlich auf eine Taktik des passiven Widerstandes verlegt. Die höfliche Ein­ladung der Mächte, nach Peking zu kommen, hat der Kaiser von China abgelehnt in der Erwägung, daß der Aufent­halt in Singgansu fern vom Schuß für ihn weit an­genehmer ist. Daher bieten aua) die Strafedikte des Kaisers Kwangsü nicht die geringste Garantie für seinen oder seiner Ratgeber aufrichtigen Willen, die darin ausgesprochenen Absichten auch wahr zu machen. So rückt denn die Not­wendigkeit eines Winterfeldzuges immer mehr in den Be- . reich der Wahrscheinlichkeit.

Der Wahlfeldzug in England geht seinem Ende ent­gegen und sein Ausfall ist so, wie ihn die ihres Sieges sichere Regierung ^erwartet hatte. Der imperialistische Rausch, in den die überwiegende Mehrheit des englischen Volkes verfallen ist, hat sich als stark genug erwiesen, um alle die schweren politischen Sünden zuzudecken, welche

das herrschende Kabinett auf dem Gewissen hat. Die Mehr­heit der englischen Nation hat durch seine Stimmabgabe bei den Wahlen die südafrikanische Politik Chamberlains gutgeheißen und sich dadurch zu seinem Mitschuldigen ge­macht. Ueberraschend kommt die Absicht Spaniens, für sein Heer verhältnismäßig bedeutende Aufwendungen zu machen. Daß Spanien an Eroberungen denkt oder gar an einen Rachefeldzug gegen Nordamerika, daran glaubt wohl kein Mensch. Viel wahrscheinlicher ist es, daß die verstärkte militärische Macht den stets gefährdeten inneren Friedeu des Landes kräftigen soll.

Das südafrikanische Kriegsdrama hat nun­mehr gerade ein Jahr gedauert, ein Jahr mit seltenen Erfolgen, indem es dem Besiegten unverwelkbaren Lorbeer brachte, während es hinsichtlich des Siegers der Welt die Augen öffnete und ihn tief herabsinken ließ in der Achtung der zivilisierten Welt. Es ist ein wunderliches Verhalten der europäischen Kabinetts, daß sich keine Hand erhoben hat, um diesem Massenmorde an ehrlichen, glaubenstreuen Christen, von einer christlichen Nation verübt, Einhalt zu thun. Man versetze sich einmal in die Seele der angeblich so tief unter uns stehenden Schwarzen, welche einen selt­samen Begriff von der Praxis christlicher Nächstenliebe be­kommen haben mögen. -

Sitzung des Provinzialausschuffes.

ß-r. Gieße«, 13. Oktober.

In der heutigen öffentlichen Sitzung des Provinzial­ausschuffes, die zunächst unter dem Vorsitz des RegierungS- ratS Dr. Wagner und späterhin unter dem des Provinzial­direktors v. Bechtold fiattfand, wurde als erster Paukt das Gesuch des Maurers Heinrich Reuß zu Friedberg um Erlaubnis zur Erbauung eines Ringofens in der Ge­markung Fauerbach verhandelt. Der Kreisausschuß Fried­berg hatte dieses Gesuch abgelehnt, wogegen der Gesuch­steller Rekurs verfolgt hatte. Ihm hatten sich eine größere Anzahl von Friedberger Einwohnern und auch die Stadt­verordneten von Friedberg als Reklamanten angeschloffen. Bereits in einer früheren Sitzung des Provinzialausschuffes hatte der Gegenstand aus der Tagesordnung gestanden, die Entscheidung war aber ausgesetzt worden, um eine Vervoll­ständigung des Materials über die Frage herbeizuführen, inwiefern eine Ringofenanlage schädlich aus Menschen und Vegetation in der Nachbarschaft einwirke.

Zunächst wurde nach Eintritt in die Beweisaufnahme ein Gutachten des Professors Drude-Dresden verlesen. Er erklärte, daß die Rauchgase eines Ringofens auf weite Entfernungen einen Teil der Vegetation schädlich beein­flussen, woran die Errichtung eines 40 Meter hohen Schorn­steins wenig ändern könne.

Es wurde dann Geh. Medizinalrat Prof. Dr. G afsky- Gießen als Sachverständiger vernommen. Er stellte fest, daß die Rauchgase eines Ringofens weitaus schädlicher seien als aller übrigen Feuerungsanlagen, da sie bedeutende Mengen von Schwefelsäure enthielten, auch infolge unge­wöhnlich großer Mengen von Wafferdampf die größte Neigung zur Verdichtung und zum Niederschlagen zeigten. Solche Anlagen seien, namentlich wenn sie in nächster Nähe von menschlichen Wohnungen errichtet werden sollen, mit

ö. Eh.

genommen werden.

burger Orchester, das verstärkte Vereins- orchester, beide unter Direktion des Großh. Univ.- Musikdirektors Güstav Trautmann. Unter Mitwirk­ung des Akademischen Gesangvereins kommt Händels Messias (19. Dezember) in der Stadtkirche zu Gehör. Als O r ch e st e r w e r k e sind in Aussicht ge­nommen L. v. Beethoven, Eroiten-Symphvnie, G. F. Händel, Konzert in T-dur. I. Ph. Rameau, Ballet- Suite von Felix Mottl bearbeitet. Richard Strauß, Don Juan, symph. Dichtung. P. Tschaikowsky, Sym- phonie-pathetique. Richard Wagner, Tannhäufer- Ouverture.

Unter diesen sechs Orchesterwerken befinden sich vier, die für Gießen Novitäten sind, alle sechs aber be­zeugen, mit welchem Ernst und musikalischem Können unser Universitäts-Musikdirektor Traut mann das musikalische Leben Gießens führt und emporhebt. Die Künstler haben bisher ihre Programme noch nicht eingereicht, wir werden jedoch auch diese rechtzeitig veröffentlichen. Ebenso lassen wir die nicht vom Konzert-Verein ausgehenden musika­lischen Unternehmen in Kürze folgen. An dieser Stelle machen wir gleichzeitig darauf aufmerksam, daß die Verlosung der Plätze in den allernächsten Tagen stattfindet und N e u a n m e l d u n g e n in der Musikalien­handlung des Herrn Ernst Challier entgegen-

Atteratur.

Frau Gorge. Roman von Hermann Guderrnanrr. 5 0. Auflage Preis kartoniert 4 Mk. Stuttgart, Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H. Sudermanns Erst­lingswerk, Roman von der grauen Frau, die an jedes Menschen Wiege steht, hat in den weitesten Kreisen des deutschen Volkes Eingang ge­funden Nicht leicht ist ein Menschenschicksal, das in gewissem Sinne das allgemeine Menschenschicksal ist, so eindringlich und ergreifend ge­schildert worden, wie in diesem Buche. Heiß ringt der Held der Er­zählung mit jenertreuesten Hausgenossin", Frau Sorge. Seine Waffen sind unerschütterliches Pflichtgefühl, eiserner Wille, lieber furchtbare Abgründe geht der Weg, doch endlich muß das trübe Gespenst vor dem lichten Feiertage weichen, der auch dem Gequältestenvom Himmel steigt". Jeder Zeile des Romans spürt man an, daß der Verfasser mit Herz und Seele bet feinem Stoffe war, daß er innerlich Erlebtes nieder» schrieb. Ein Blick in das ergreifende Widmungsgedicht an die alten Eltern, einfache Brauersleute in Szibben bei Heydekrug in Ostpreußen aus der Entstehungszeit des Bucheä bestätigt diesen Eindruck. Er spricht auch aus den Zügen des Jugendantlitzes, womit die gegen­wärtige mit besonderer Sorgfalt ausgestattete Jubiläums-Aus» gäbe des Buchs geschmückt ist. Es ist die fünfzigste, und so hat sich glänzend dle Voraussage erfüllt, die dem Werke schon früh von berufener Seite zu teil wurde, daß es eine Siegevbahn durch die l'ilteratur un­serer Tage durchlaufen werde. Interessant ist es übrigens, die Hono­rare kennen zu lernen, die Sudermann für seine größeren Werke bezogen hat. Er erhielt für die ersten seiner RomaneFrau Sorge" und Kahensteg" je 3000 Mk., fürEs war" 20 0 0 Mk.; von seinen Dramen brachte ihm dieEhre" allein mehr als 100 000 Mk. Tantiömen; für das bloße Uebersetzungsrecht zweier Dramen boten ihm englische Vühmn 50 000 Mk.

Gießener mustkakische Saison 1900/1901.

Dos Gießener Musikleben wird sich, in vorliegender .Saison- in quantitativer, wie qualitativer Weise außer­ordentlich reichhaltig gestalten. Aber da wirklich nur Gutes, Hervorragendes geboten wird, das Eine dem An­deren, durch weise Verteilung, kein Hindernis bereitet, so ist keine Zeit überladen, trotz des Vielen nirgends ein Z u v i e l. Beginnen wir zuerst mit dem K o n z e r t < Ver­ein, so haben wir gleich über eine Fülle hervorragender Künstler zu berichten, die neben alten bewährten, eine Reihe von Novitäten bringen werden. Der Konzert- Verein hat bereits fünf Abende vollständig fertig ge­stellt, für vier sogar die Daten festgelegt. Der 4. November, 8 Dezember, 19. Dezember 1900, 13. Januar 1901 ;für das fünfte Konzert ist der Februar vorgesehen, das sechste ist itod.) unbestimmt. Der berühmte Spanier Pablo de ,S a r a s a t e, der eminente Violinvirtuos hat für den 4. November zugesagt, mit ihm und nach ihm sind eben­falls fest verpflichtet: Klavier, Frau Marie Gold­schmidt-Berlin. Gesang, Fräulein HeleneStaege- «r a n n - Leipzig, Sopran. Fräulein Therese Behr- Berlin, Alt. Fräulein Clara Stapel feldt - Frankfurt, Alt. Herr Kammersänger D i e r i g - Berlin, Tenor. Herr Aug. Le im er - Frankfurt, Baß. Ensemble. Das Böhmische Streichquartett: Herren Hof­mann, Suck, Radball, Wihan. Orchester: Das Hom­