Ausgabe 
16.9.1900 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 16. September 150. Jahrgang 1900

Drittes Blatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.

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Die Sich«« 9ramt«l(iH(t Sterte« tee Anzeiger

Btrtlira, AtzteteNo« und DruAevet: Nr. 7.

Graüsdeüsgm: Gießener FamAendtütter, Ker hrWchr Landwirt, _______ KStter Mr tzeMche ValkÄmnde.

Ldre-e für Depesche«: £«sei«et -teßtete Fernsprecher Nr. 5L

Die Wirre« in China.

Unser Berliner Mitarbeiter schreibt uns:Entgegen der Meldung derDaily Mail", nach der Rußland keine Anstalten zur Räumung Pekings treffen werde, weil nur Frankreich als einzige Großmacht dem russischen Vorschlag ohne Vorbehalt zugestimmt habe, können wir aus Grund unserer hier eingezogenen Erkundigungen berichten, daß nach Ansicht hiesiger Kreise Rußland an seiner Räum- ungSidee genau so bestimmt festhält, wie Deutschland und England sich gegen die Zurückziehung der Truppen aus Peking erklärt haben. Auch der aufrichtige Wunsch Ruß­lands, die Einigkeit unter den Mächten zu erhalten, wird hieran nichts ändern. Man nimmt an, daß auch Rußland, ebenso wie Amerika, Lihungtschang als offiziellen chinesischen Friedensunterhändler anerkennen und daß Frankreich sich auch hierin Rußlands Ansichten anschließen werde. Wenn nun auch Rußland, Frankreich und vielleicht sogar Amerika die Truppen aus Peking zurückziehen und die kriegerischen Maßnahmen in China einstellen sollten, während England, Japan und Deutschland auf der militärischen Besetzung Pekings bestehen würden, so wäre die Sicherheit des europäischen Friedens noch lange nicht gefährdet. Deutschland wird gerade jetzt, nachdem festgestellt ist, daß Freiherr von Ketteler auf höheren chinesischen Befehl ermordet worden ist, die volle Strenge walten lassen und sich nur mit einem Frieden einverstanden erklären, der eine volle Sühne für das scheußliche Ver­brechen und die weitestgehende Garantie dafür bietet, daß die Deutschen in China genau so unbehelligt leben können, wie die Chinesen in Deutschland. Daß diese Prinzipien von allen beteiligten Mächten als unbedingt erforderlich anerkannt werden, steht außer allem Zweifel. Jede Macht hat das größte Interesse daran, daß ihre Unterthunen auch nn fremden Lande geschützt sind. Wenn auch die Ansichten über die Wege, die zu diesem Ziele führen, verschieden sein mögen, das Endziel des Vorgehens in China ist bei allen Mächten das gleiche und es ist deshalb geradezu thöricht, von einer Gefährdung des europäischen Friedens zu reden, die angeblich durch die chinesischen Wirren herbeigeführt werden könnte."

DiePost" schreibt: Welche Folgerungen sich für die. deutsche Politik aus der Pekinger Meldung ergeben, daß der Mörder des deutschen Gesandten sich in der Gewalt der deutschen Truppen befinde und erklärt habe,auf höheren Befehl" gehandelt zu haben, läßt sich zurzeit noch nicht sagen, da zuvor nähere Mitteilungen abgewartet und namentlich der Mörder auch mit jenen Personen konfrontiert werden muß, die sich während des Mordes in der Nähe des Freiherrn v. Kettler befunden haben.

In Berliner politischen Kreisen schenkt man, derKreuz­zeitung" zufolge, der Nachricht von einem russischen Ultimatum an China keinen rechten Glauben und möchte sie lieber als eine unbegründete Ausstreuung Li- Hung-Tschangs betrachten. Auch die WienerPol. Korresp." konstatiert, daß an amtlichen Stellen, die unbedingt Kennt­nis davon haben müßten, von einem Ultimatum Rußlands an Li-Hung-Tschang absolut nichts bekannt ist.

Ein Telegramm aus Schanghai berichtet, daß Li- D^^ll^Tschang nach Peking abgereist ist.

Em Telegramm aus Tientsin meldet, daß dieFriedens- der Vertreter der Großmächte that- sachlich mrt dem Prinzen Tsching begonnen haben. Der Prinz unterbreitete den Gesandten ein Programm über die ven Großmächten zu machenden Konzessionen. Die chine- srsche Regierung schlage vor, mehrere Provinzen in Pufferstaaten umzuwandeln, die Führer der Borer zu be­strafen und außerdem Rußland Zugeständnisse im Norden zu wachen. Wie verlautet, weigert sich der deutsche Vertreter, mit dem PrinzenTsching in Unter­handlungen zu treten.

DerTimes" (wohlgemerkt: einem Blatte, das spezi­fisch englische Anschauungen vertritt!) wird aus Peking vom 4. September gemeldet: Rußland beschloß, die Gesandtschaft ausPeking zurückzuziehen und nur Militär dort zu lassen. Die anderen Mächte dürften diesem Vorgänge folgen und Peking nur unter gemein­samer Militärkontrolle der Verbündeten belaffen. Bei der letzten Konferenz erklärte der russische Kommandeur, Rußland werde 15000 Mann dort überwintern: der deutsche Kommandeur erklärte, Deutschland sei bereit, ebensoviel dort zu lassen; der japanische General stellte die Belassung von 22 000 Mann in Aussicht. Prinz Tsching traf in Peking ein nach einer Audienz beim Kaiser lenseits der großen Mauer. Die Kaiserin behielt seinen Sohn als Geisel.

Nach Meldungen aus Taku vom 13. d. MtS. herrscht in Peking vollständige Ruhe; die geflüchteten Einwohner kehren zurück. Die Russen sangen an, die Gesandt­schaften zu räumen, und wegen angeblicher Ver­pflegungsschwierigkeiten den Abzug der Truppen vorzubereiten. Der Kaiser von China habe Partingfu zu seiner provisorischen Residenz gemacht, der Hof sei aber bereit, nach Shanghai zu flüchten, wenn die Umstände dies möglich machen sollten.

Ueberraschend ist demgegenüber folgende Meldung aus Konstantinopel vom 14. September: Das russische SchiffHarbain" hat als viertes Schiff innerhalb drei Tagen mit 1000 Mann und 24 Geschützen an Bord den Bosporus auf der Fahrt nach China passiert.

Eigentümlich berührt auch angesichts der Haltung Deutschlands und des vollständig der deutschen Politik zu­stimmenden Verhaltens Oesterreichs folgende Meldung aus Rom: Admiral Candiani befahl den italienischen Truppen in Nan-Tsai-TsinQuartier zu nehmen, um eineAnhäustmg von Truppen in Peking wegen der dort herrschenden Teuerung zu vermeiden".

In derNorth China Daily News" liegt die seinerzeit kurz mitgeteilte Angabe des Reitknechts des Herrn v. Ketteler über den Verlauf der Dinge in Peking und die Ermordung des deutschen Gesandten vor. Dieser Reit­knecht hatte Peking am 9. Juli verlassen und erzählt, Dunglu sei anfangs den Boxern entgegengetreten, am 23. Juni aber habe er mit Tungfuhsiang gemeinsame Sache gemacht und sich an dem Angriff auf die Gesandtschaften beteiligt, Tung habe vom Tschienthore und Dunglu vom Haitethore aus angegriffen. Der Reitknecht begleitete die Herren v. Ketteler und Cordes am 20. Juni auf dem Wege zum Tsungli-Darnen. Der Gesandte habe eine Büchse in der Hand gehalten und sich in einer Sänfte tragen lassen. Als sie sich dem Damen näherten, sahen sie chinesische Sol­daten mit Gewehren. Der Reitknecht, der vorausgeritten war, hörte einen Schuh und als er sich umdrehte, sah er, wie der Gesandte verwundet war, die Büchse aber noch in der Hand hielt. Der Reitknecht galoppierte dann voraus zu dem Damen und machte den dort versammelten Mi­nistern von dem Vorgefallenen Mitteilung. Als er mit den Kulis zurückkehrte, traf er eine Abteilung deutscher Seesoldaten, die gerade angekommen waren. Von dem Gesandten fand er keine Spur mehr; der Dolmetscher Cordes wurde in der belgischen Gesandtschaft verwundet aufgefunden.

Nach Meldungen aus Kiating und Siufu int Westen der Provinz Szetschuan wurde dort Ausländern gehöriges Besitztum ausgeplündert und niedergebrannt. In Siufu wurden alle Ausländer aufgefordert, sich unter behördlichen Schutz zu stellen.

Aus Taku wird gemeldet: Bald nach der Einnahme von Peking hatten sich die in Peking und in der Nähe von Peking befindlichen chinesischen kaiserlichen Truppen zurückgezogen, die Boxer blieben aber um Tientsin herum. Die Einwohner von Tschenghai südlich von Tientsin haben nun die provisorische Verwaltung gebeten, 1000 Mann japanischer Truppen zur Unterdrückung der Boxer zu schicken. Darauf verliehen am 8. September die Alliierten in der Stärke von 3000 Mann Tientsin, um gegen die Boxer vorzugehen.

Gerüchtweise verlautet, der Generalgouverneur von Tsitsikat habe sich vergiftet. Nach Aussage von Gefangenen soll der chinesische General Pao im Kampfe mit den Russen bei Jackschi getötet sein.

Ein Brief desTemps" aus Tientsin stellt fest, daß nach der Einnahme der Chinesenstadt die deutschen Truppen die einzigen waren, die sich streng der Plünderung enthielten, wie sie denn überhaupt während der ganzen kritischen Zeit sich nicht allein durch ihre Tapferkeit, sondern auch durch ihre Manneszucht hervorthaten.

Aus Taku wird telegraphiert: Der Typhus fall, dem der Hauptmann Frhr. v. Rheinbaben am 3. Sep­tember erlag, steht völlig vereinzelt da. Der ver­storbene Offizier war schon auf der Ausreise krank.

Das deutsche Truppentransportschiff Valdivia hat am 13. September Gibraltar passiert.

Die in Marokko ansässigen Franzosen haben bem' französischen Gesandten in Tanger 5000 Pesetas für ver­wundete und kranke Soldaten in China übergeben.

Nach den jetzt in Paris eingegangenen Berichten des Obersten Pelacot über die Kämpfe um Tientsin am 11. und 13. Juli betrugen die französischen Verluste 30 Mann tot, 142 verwundet.

* * *

Telegramme des Gieherrer Anzeigers.

Berlin, 15. September. Der österreichisch-ungarische Geschäftsträger Dr. v. Rosthorn in Peking erklärte in einem Interview, die chinesische Regierung habe

am 49. Juni den Gesandten eine formelle Kriegs­erklärung überreicht mit dem Bemerken, die Einnahme der Taku-Forts sei Europas Kriegserklärung gewesen und werde als solche von China acceptiert. Daher müßten die Gesandten binnen 24 Stunden abreisen. Zwei Noten an das Tsung li Damen blieben unbeantwortet. Am 20. Juni sagte Freiherr v. Ketteler:Ich muß ins Tsung li Damen gehen, weil die deutsche Regierung eine schnelle Erwiderung verlangt." Die andern Gesandten blieben zurück. Eine Viertelstunde später meldeten fliehende Diener Kettelers Ermordung. Cordes sah ihn von Soldaten Tung- fuh-siangs erschießen. Darnach hielten die Gesandten den Kriegszustand für perfekt. Am selben Tage wurde die österreichische Gesandtschaft niedergebrannt. Zuweilen herrschte Waffenstillstand, wobei die Chinesen ihre Toten begruben. Dr. v. Rosthorn erklärte, durch den Tod Kette­lers wurden die andern Gesandten gerettet.

Berlin, 15. September. Wie mehrere Blätter mel­den, hat das Reichspostamt die Zulassung von Privat- Päckereien an unsere Truppen in Ostasien beschlossen. Die amtliche Bekanntmachung soll baldigst erfolgen. Von vorzüglich unterrichteter Seite wird die Nachricht als durchaus unzutreffend bezeichnet, daß die Entsendung eines neuenTruppen-TransportesnachiChina ihrer Verwirklichung immer näher rücke, daß von allen tropendienstfähigen Offizieren sämtlicher Waffengattungen, auch denen des Beurlaubtenstandes bis zum 15. Oktober ein genaues Verzeichnis einzureichen sei und daß jeden Tag eine bezügliche Ordre des Kaisers zu erwarten stehe. Thatsächlich handle es sich nur um Vorbereitungen, damit der Nachschub bereit gestellt werden könne, der entweder durch Okkupation Petschilis oder durch kriegerische Begebenheiten erforderlich werden könnte. Von der Bild­ung neuer Cadres verlaute nichts. Die Ziffer der über­zählig gebliebenen Mannschaften, die sich bisher freiwillig gemeldet, soll sich auf mehr als 100 000 belaufen.

Kiel, 15. September. Nach den neuesten Bestimm­ungen gelangt der in der vorigen Woche sistierte große Munitionstransport nach China nun dennoch zur Ausführung. 48 Waggons sollen von Kiel nach Bremer­haven abgehen. Man hat sogleich mit der Verladung begonnen. General-Major von Höpfner meldet: Am 28. August ist der S e e s o l d a t B r a u n s von der zweiten Kompagnie des 1. See-Bataillons an Disenterie ge­storben. Am 27. August ist der Seesoldat Sand- kühler von der ersten Kompagnie desselben Bataillons im Peiho ertrunken.

D anzig, 15. September. Heute früh ging bet zweite Munitionstransport für China mittels Extra­zuges von hier ab.

London, 15. September. Die heutigen Morgen­blätter Drücken ihre Unzufriedenheit über die Haltung Englands in der chinesischen Ange­legenheit aus und sind der Ansicht, daß England eine allzu kleine Rolle im europäischen Konzert spiele. Sie verlangen eine Vermehrung der englischen Flotte in den chinesischen Gewässern.Morning Poft" bemerkt, daß Salisburys Politik in der chinesischen Frage niemals sehr hervorragend gewesen sei.Daily Mail" erklärt, daß man in England nicht ohne Besorgnis sei über die Fortdauer der Landung fremder Truppen im Dangt- se-Gebiete, das bisher ausschließlich als unter eng­lischem Einfluß stehend betrachtet wurde. Die Großmächte wollten durch die Landung beweisen, daß der europäische Einfluß und nicht der englische in dieser Gegend vor­herrschen müsse. Frankreich und England hätten dagegen keine Truppen in Sch an tun g gelandet, um die deutsche Empfindlichkeit in dieser Gegend nicht zu verletzen. Das Blatt schließt mit der Aufforderung, die Regierung möge in kürzester Zeit eine unzweideutige Erklärung ihrer Politik veröffentlichen.

London, 15. September. DerDaily Mail" zufolge ist die Antwort Englands auf die russischen Vorschläge gestern nach Petersburg gesandt worden. Dieselbe soll in höflichen Worten gehalten sein, jedoch absolut negativ lauten.

Shanghai, 15. September. Li-Hung-Tschg>ng besuchte ftente borgen den deutschen Gesandten Dr. Mumm von Schwarzenstein. Die Unterredung dauerte 35 Minuten. Zugegen war nur der Dolmetscher Legationsrat Freiherr von der Goltz. Die Unterredung wurde durch russische Vermittelung zu Stande gebracht.

Der Krieg in Südafrika.

Aus dem jetzt vorliegenden Berichte Roberts' vom 12., dem ersten nach seiner Rückkehr aus Pretoria zur Front, ergiebt sich mit Klarheit, daß der Widerstand der östlichen burischen Abteilungen nicht schwächer geworden ist. Allerdings ist ihnen das Gelände außerordentlich günstig. Pole-Carew war am 12. erst bei der Station Nooitgedacht und beabsrchtrgt am 13. ds. nach Station Goodman vorzurucken'.