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16.8.1900 Zweites Blatt
 
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M. 190 Zweites Blatt. Donnerst«« den 16. August

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Meßmer Anzeiger

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Heneral-Un^eiger

Amts« und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

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Fernsprecher Nr. 5L

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Wegen vorzunehmender Arbeiten wird die Westanlage zwischen SelterSweg und Bahnhofstraße am 16. l. MtS. von 6 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags für den Fuhr- werksverkehr gesperrt.

Gießen, den 15. August 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Beanstandung der Steuererklärungen.

Zu dec vielerörterten Frage der allgemeinen Zuverlässig­keit der abgegebenen Einkommen st euererklärungen nnd der Notwendigkeit ihrer sorgfältigen Prüfung durch die Deranlagungsbehörden findet fich in dem jüngst erschienenen Heft 40 derMitteilungen aus der Verwaltung der direkten Steuern im preußischen Staate" ein bisher nicht veröffent­lichtes beachtenswertes Material, welchem nachstehende An­gaben entnommen sind, die auch für Hessen gerade jetzt beachtenswert sein dürfen.

Von den im ganzen Staate 1899 abgegebenen 482 526 Steuererklärungen sind 120 894 oder 25,1 v. H. förmlich beanstandet worden. Außerdem find noch vor der förm­lichen Beanstandung 29 727 oder 6,2 v. H. der Steuer­erklärungen infolge der von den Steuerbehörden erhobenen Bedenken von den Steuerpflichtigen berichtigt worden. Bon den förmlichen Beanstandungen haben 96 358 oder 79,7 v. H. zu einer Abänderung der Steuerangaben ge­führt, während nur 24 536 oder 51,1 v. H. derselben trotz erfolgter Anfechtung bei der Veranlagung unver- ändert geblieben sind. Im Berichtigungsverfahren sind 509 811 000 Mk. oder 28 v. H. mehr an steuerpflichtigen Einkommen und 7 160 000 Mk. oder 34,1 v. H. mehr an Einkommensteuer festgestellt worden.

Die weiteren statistischen Nachweisungen bestätigen die bekannte Thatsache, daß die Zahl der Berufungen und Be­schwerden gegen die Einkommen- und ErgänzungSsteuer zurückgeht, obgleich die Zahl der Censiten anwächft. Wegen Zuwiderhandlungen gegen die Einkommensteuergesetze sind in dem dreijährigen Zeiträume vom 1. Oktober 1896 bis zum 30. September 1899 3986 Straffälle anhängig gemacht worden, bei denen an Strafen 1191 161 Mk. und an Nachsteuern 443 659 Mk., zusammen also 1 634 820 Mk. festgesetzt worden sind. Welche Vorgänge zur Straf- verfolgnng Anlaß geben können und mit welchen Schwierig- ckeiten die Prüfung der Steuererklärungen unter Umständen zu kämpfen hat, ergiebt sich aus einer Zusammenstellung von Beispielen, die in der obenerwähnten amtlichen Quelle mitgeteilt werden. Einige Fälle seien hier aufgeführt:

Ein Gewerbetreibender, welcher sein Einkommen für zwei Steuer­jahre auf 13 041 Mark angegeben halt-, während dasselbe in Wirklich­keit 66 264 Mark betrug, führte neben den eigentlichen Geschäftsbüchern drei kleinere Bücher mit unrichtigen Angaben, lediglich zur Begründung der von ihm alljährlich erhobenen Einkommensteuer-Berufungen. Er ist zu 11 984 Mark Strafe verurteilt worden. Aehnliche Buchführungs­manöver find wiederholt aufgedeckt worden.

Zwei Viehhändler wurden mit je 4000 Mark Strafe belegt, weil fie in vier Steuerjahren 30 000 Mark Einkommen zu wenig deklariert hatten.

Gegen zwei Bierbrauereien wurden Strafen von 30 000 und 25 000 Mark verhängt, weil ihre Steuerangaben entsprechend hinter der Mirklichkeit zurückgeblieben waren.

6in höherer Kommunalbeamter halte sein Einkommen aus Kapital­vermögen auf 600 Mark angegeben; thatsächlich war das Einkommen sechsmal so groß. Nach seinem Tode ist die Nachsteuer eingezogen Morden.

Ein Rentier, welcher sein Einkommen aus Kapitalvermögen auf 14 200 bezw. 19 500 Mark angegeben hatte, während es fich auf 65 314 bezw. 75 905 Mark bezifferte, wurde zu einer Geldstrafe von 17 250 Mark verurteilt.

Einem hochangesehenen Fabrikanten, welcher sich zuerstmit Ent­rüstung" gegen jede Beanstandung seiner Steuerdeklaration gewehrt hatte, wurde nachgewiesen, daß er in drei Steuerjahren nicht, wie von ihm angegeben, 142 000, sondern 197 000 Mark Einkommen gehabt hatte. Gr zahlte 20 800 Mark Strafe.

Ein hochangesehener Weinhändler, welcher voller Enttüftung gegen die Anzweiflung seiner Steuerangaben protestiert hatte, hat letztere mit Bewußtsein und Vorbedacht abweichend von den Bilanzen gemacht. Er hatte für 6 Jahre zusammen 590 000 Mark deklariert, während sein wirkliches Einkommen über eine Million bettagen hatte. Gegen den Kontravenienten sind zusammen 130 000 Mark an Strafen festgesetzt worden.

Ein Rentier, der seine Einnahmen aus Spekulationsgewinnen völlig verschwiegen, und dadurch 447 099 Mark der Besteuerung ent­zogen hatte, muhte 18 966 Mark Nachsteuer und außerdem 14000 Mark Strafe zahlen.

Ein Kommis hatte die alljährlich erhaltenen Provisionen verschwiegen, auch sein Gehalt zu niedrig angegeben, und mußte gegen 5000 Mark Nachsteuer und Strafe zahlen.

Die Erben eines Bankdirektors, welcher mehrere Jahre hindurch je 140 000 Mark zu wenig deklariert hatte, mußten 33 035 Mark Nach­steuer zahlen.

Zur Zahlung von Nachsteuern und beträchtlichen ©trafen wurden u. A. verurteilt: ein Kaufmann, der sein steuerpflichtiges Reineinkommen willkürlich gekürzt hatte, ein Arzt, der das ihm durch Beerbung seines Schwiegervaters zugefallene Vermögen verschwiegen hatte, zwei Kaufleute, die alljährlich die gesamten Kosten ihres Haushalts von ihrem steuer- vflichtigen Änkommen abgerechnet hatten, em Rechtsanwalt, der die seiner Ehefrau alljährlich zufließenden Kapitalzinsen nicht angegeben hatte, ein Fabrikdirektor, der den Staat um 23 060 Mark Einkommensteuer verkürzt hatte, rc. rc.

Die angeführten Beispiele mögen genügen zum Nach­weis, daß eine gründliche Prüfung und Erörterung der Steuererklärungen nicht nur zur Erreichung einer gerechten und gleichmäßigen Veranlagung unerläßlich ist, sondern auch im wohlverstandenen Jntereffe der Steuerpflichtigen selbst liegt, da dadurch in zahlreichen Fällen das Strafverfahren und die Erhebung einer Nachsteuer vermieden wird. In welchem Umfange das Berichtigungsverfahren der Steuer­behörden den Censiten gegenüber unter Umständen platz - greifen muß, ergiebt sich aus der Thatsache, daß für das Steuerjahr 1900 bei einer einzigen Unterkommission einer Veranlagungskommission 22 Censiten ihr Einkommen um 1 882 291 Mark zu gering angegeben hatten.

Die Wirren in China.

Während die chinesische Regierung oder das, was sich chinesische Regierung nennt, noch immer Anstrengungen macht, um durch diplomatische Winkelzüge die militärische Aktion der Mächte zu Hintertreiben, kommt aus Washington die Meldung des amerikanischen Gene­rals Chaffee, daß die Verbündeten b e r e i t s a m 10. d. in*Hohsiwueingetro,fen sind. Hohsiwu liegt Halbwegs zwischen Tientsin und Peking am rechten Ufer des Peiho. Es geht aus dieser Nachricht her­vor, daß die Verbündeten sofort nach dem Siege bei Yangtsun den Vormarsch angetreten haben, wobei sie die Eisenbahn verließen und dem Laufe des Peiho folgten, der für kleine flache Boote bis in die Nähe von Peking schiffbar ist. Schon früher war von Kennern des Landes auf diese alte Straße hingewiesen worden, die fich nad). der Zerstörung der Eisenbahn namentlich dadurch em­pfiehlt, daß auf ihr der Transport von Kriegsmaterial, Kranken und Verwundeten erheblich leichter ist. Tie Chi­nesen sollen zwar den Lauf des Peiho stellenweise durch Versenkung beladener Dschunken gesperrt haben: doch steht zu hoffen, daß man diese Hindernisse wird überwinden können. Der Umweg, den man auf der Peiho-Route machen muß, wird ausgeglichen durch die größere Leichtigkeit des Transports. So erfreulich es ist, wenn jetzt alle Mächte die Verzögerungsversuche der chinesischen Diplomatie zu­rückgewiesen haben, so glauben wir doch, daß die Thatsache des rücksichtslosen Vorgehens auf die chinesischen Macht­haber einen noch weit größeren Ändruck ausüben wird. Im Laufe des Dienstags werden auch die Llohddampser Frankfurt und Wittekind mit der Brigade des Generals v. Hopfner vor Taku Anker geworfen haben. General v. Höpffner wird seine Abteilung dem Befehl des ältesten russischen Generals wahrscheinlich des Generals Line- witsch unterstellen, von dem es alsdann abhängen wird, ob die deutschen Truppen sofort mit möglichster Beschleu­nigung an d ie Front gebracht werden.

Der Umstand, daß Lord Salisbury, dem Rate seines Arztes folgend, gestern abend nach der Schlucht (f. Ausland) abgereist ist, wird in Londoner politischen Kreisen als ein Anzeichen dafür aufgefaßt, daß das Ein­verständnis der Mächte in der chinesischen Frage vollständig fortdauert, und die Ankunft europäischer Truppen zu Hoh- siwu, Halbwegs Peking, erweckt die Hoffnung, daß der Ent­satz der Gesandtschaften nahe bevorsteht. Bon Kanton wird gemeldet, daß der dortige englische Konsul eine vom 6. ds. datierte chiffrierte Depesche Macdonalds aus Pe­king erhalten hat, worin es heißt:Unsere Lage ist verzweifelt, inzehn TagenistunserLebens- mittelvorratznEnde. Falls wir nicht entsetzt wer­den, ist ein Allgemeines Gemetzel wahrscheinlich. Die Chi­nesen erbieten sich, uns nach Tientsin zu eskortieren, aber an Cawnpore denkend, verweigern wir die Annahme des Angebots." Der amerikanische Konsul hat eine chiffrierte Depesche Congers von demselben Da­tum erhalten, worin der Absender sagt, daß die Gesandten von kaiserlichen Truppen gelagert werden und die Lage verzweifelt sei. Er setzt hinzu:Wir halten auf unbe­stimmte Zeit hin aus, was immer die Folgen sein mögen." DerTimes" wird aus Shanghai vom 12. August berichtet, die englische Regierung habe dem Vicekönig Tschantschitung 75 000 L. zu viereinhalb Prozent geliehen, der Betrag sei zur Bezahlung der Provinzialtruppen er­forderlich Dies Vorgehen, meint dieTimes", kann nicht versehlen, einen guten Einfluß zu üben.". Nach einer Meldung derCentral News" aus Newyork vom 13. ds.

sandte Kaiser Wilhelm dem Präsidenten Mac Stinte ty eine Dankdepesche für die Zustimmung zur Ernennung: WalderseeS als Befehlshaber der verbündeten Truppen in China. Die Depesche spiele darauf an, daß die Gr äs iw Waldersee eine geborene Amerikanerin sei.

Aus Tientsin wird gemeldet: Bei 9 a n g t f u n hatten die Chinesen nur den (Äsenbahndamrn besetzt Nach kurzem Widerstande traten sie den Rückzug nach Hohsiwu an. Dorthin war direkt von Peitsang die chinesisch Haupt macht geflohen mit General Ma und dem Generalgouver neur von Tschili. Aus Peking ging dem russischen Obersten Woyczak eine Meldung zu, wonach in der Nach vom 31. Juli auf den 1. August die Beschießung der Ge­sandtschaften von den Chinesen wieder aufgenommen wurde. Der europäisch Kirchhof wurde geschndet. Die Fremden haben nur noch bis zum 8. August Lebensmittel. (Nach Meldung des britischn Gesandten bis zum 16. August.)

Aus Tokio wird bezüglich der Einnahme und Zer­störung der Eingeborenenstadt von N i u t s ch w a n g durch die Russen am 5. ds. gemeldet, daß die russische Flagge an demselben Abend im Zollgebäude gehißt wurde. Admiral Alexejew teilte den Konsularbehörden mit, daß die vorläufige russisch Verwaltung eingesetzt würde im Interesse der Russen, der Fremden und der Chi­nesen, und daß die Reche und Privilegien, die alle bisher genossen, ihnen auch für die Zukunft unverkürzt verbleiben würden. In einem chinesischen Pulvermagazin hat in Shanghai eine Explosion stattgefunden; es ist bis jetzt nicht bekannt, wie groß der angerichtete Schaden ist. Ausländer werden zu dem Pulvermagazin nicht zu- gelassen.

Central News meldet aus Kanton vom 12. August: Die chinesischen Generäle nahmen gestern eine eingehende Besichtigung der die Stadt umgebenden Forts vor. 8000 Schwarzflaggen haben Befehl erhalten, von hier abzurücken, angeblich um die Kaiserin zu beschützen.

In dem in Paris im Elysee abgehaltenen Mi­tt i st e r r a t e machte der Minister des Auswärtigen Del» casse, folgende Mitteilungen: Der französische Konsul in Shanghai hat neuerdings seiner Besorgnis wegen Aufrechterhaltung der Ruhe in der Stadt und ihrer Um­gebung Ausdruck gegeben, und hinzugefügt, daß Maßregeln getroffen würden, um nötigenfalls die französische Nieder- utffung zu schützen. Eine aus Taku eingetroffene Depesche vom 8. August besagt: In. einer nach den letzten militärischen Operationen abgehaltenen Beratung der Truppenbefehlshaber wurde beschlossen, den Vormarsch auf Peking fortzusetzen. Der Gouverneur von Jn- dochina schließlich telegraphiert, daß nach einer Meldung aus englischer Quelle das Entsatzkorps sich jetzt (?) 25 Ki­lometer von Peking befinden solle.

Dem Standard wird aus Tschungking gemeldet, der Vizekönig aus Szetschuan habe Befehl aus Peking, alle Fremden zu zwingen, die Provinz ohne Verzug zu verlassen. Daily Telegraph berichtet aus Washington vom 13. ds., Admiral Remey meldet bei der Besetzung von Hohsiwu seien die Chinesen nach einigen Schüssen ge- geflohen. Verluste seien nicht zu verzeichnen.

Rüstungen.

Wie der Chef des deutschen Kreuzergeschwaders nach Berlin meldet, befindet sich S. M. S. Gefion seit dem 14. Juli zum Schutz der deutschen Interessen in Shang­hai, I l t i s ist unterwegs dorthin, Schwalbe und See­adler haben ebenfalls Befehl erhalten, nach Shanghai zu gehen.

Ueber die Einschiffung der 7000 Mann n ach Oftasien wird folgendes bekannt: Tie Abfertigung er­folgt in drei Gruppen am 31. August, 4. und 7. September von Bremerhaven aus. Bei der Organisation wird man' sich in allem an das Muster der ersten Einschiffung halten, die sich durchaus bewährt hat.

Aus Brüssel wird gemeldet: Die Zahl der Per­sonen aus dem bürgerlichen Stande und dem Heere, die sich für das Freiwilligen-Bataillon gemeldet haben, war bis gestern auf 3000 gestiegen. In erster Linie sollen die Bewerber aus der Infanterie berücksichtigt wer­den. Diese sind 10 Feldwebel, 161 Sergeanten, 131 Ge­freite, 31 Spielleute und 355 Gemeine. Der ausführende Ausschuß für das Bataillon hat mit Genehmigung des Kriegsministers im Armeedepot zu Antwerpen große Vor­räte an Lebensmitteln für die Reise und den ersten Auf-- enthalt in China bestellt.

Kaiserliche Auszeichnungen für Offiziere ««d Mannschaften in China.

Nachdem die Vorschlagsliste für die zu deko­rierenden Offiziere und Mannschaften, rmlche sich in den Kämpfen in China besonders ^"Melchuek, hier eingelaufen und vom Kaiser eingehend geprüft ist, hat derselbe durch Ordre vom 10. August eine größere Anzahl Ordensverleihungen augeordnet. Kapitän-Leutnant Kühne