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16.5.1900 Erstes Blatt
 
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Mittwoch den 16 Mai

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durchgesetzt habe, daß die Rue des Nations am Tage der Einweihung des deutschen Palastes für den Wagen- verkehr geöffnet werde. Man macht also dem deutschen Unternehmen trotz oder vielleicht wegen der von Berlin aus ausgewandten Höflichkeit in der kleinlichsten Waise chicanöse Schwierigkeiten.

bot, trat Levi damit in die bedeutendste Epoche seines Lebens ein. Einer der feinsinnigsten Kenner der Wagner'schen Meisterwerke wurde er 1882 ausersehen, zum ersten mal in Bayreuth das Bühnenweihfestspiel, den Parsival, zu diri­gieren. Der ungeheure Erfolg dieser ersten Parsivalauf- führung gehört der Musikgeschichte an. Fortan blieben Richard Wagner und Hermann Levi in innigster Freund­schaft mit einander verbunden. Wagner, wohl wissend, was er dem genialen Kapellmeister verdankte, hat ihn oft vor versammelter Künstlerschaar als seinalter ego* gefeiert.

Alle Triumphe, die Hermann Levi erlebte, alle Ehrungen, die ihm die Großen der Erde boten, nahmen ihm nicht die Bescheidenheit, die uns als eine der sympathischsten Seiten seiner Wesenheit entgegentritt. Levi hatte, um ein Wort deS alten Fontane zu gebrauchen,keinen Sinn für Feierlichkeit". Jede Ovation, die seiner Person galt, bedrückte ihn. In­mitten seiner Künstler war sein Platz, hier war er allen ein väterlicher Freund, ein wahrer Wohlthäter, wenn es Sorgen und Schmerzen zu lindern galt. Der Ruf des großen Dirigenten war auch in das Ausland gedrungen. Levi der 1870 als Krankenpfleger die deutschen Truppen begleitete war einer der ersten deutschen Künstler, die nach dem Krieg in Paris den Dirigentenstab schwangen und der Kunst Richard Wagners in Frankreich die Wege bahnten. Auch in Madrid dirigierte er vor einer begeisterten Menge. Damals geschah es, daß ihn die Königin im engsten Fa- milienkreise empfing und ihn aufs liebenswürdigste unter­hielt. Levi, im Begriff aufzubrechen, wird von der Re­gentin zum Bleiben genötigt. Da öffnet sich eine Seiten- thür, der kleine König springt herein, gibt Levi die Hand und fragt:Wie geht es in München der Tante Paz?" Levi war im Palais der Prinzessin Paz in München ein oft und gern gesehener Gast.

Mit begeisterten Worten hatte einst Meister Lenbach dem Fürsten Bismarck von seinem Freunde Hermann Levi

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staate. Bevor Roberts seinen Vormarsch von Bloemfontein begann, standen in Natal etwa 7000 Buren; 4000 wurden davon zur Verstärkung der Hauptarmee im Freistaate de­tachiert, sodaß nur noch 3000 zur Verteidigung der Passe jbrig blieben. Aber auch von dieser Schwächung hat Buller einen Nutzen gezogen, sondern in Ruhe weiter gewartet. Erst jetzt, nach der Befetzung von Kroonstad Hat er seine Operationen wieder begonnen. Ueber die Einzelheiten seines Vorgehens spricht sich Buller nicht aus. Ein Reutertele­gramm aus Stonehill Farm vom 14. ist dagegen ausführ­licher Es lautet: Nach viertägigem Marsche in östlicher Richtung bis zum Fuße der Helpmakaarshöhen, auf denen der linke Flügel des Feindes stand, griff die zweite Brigade (Hildyard) am Sonntag (13.) den Feind auf der linken Flanke an. DundonaldS 3. Kavalleriebrigade bedrängte die Buren im Centrum, während Bethunes berittene Infanterie auf den äußersten rechten Flügel gegen Pomery vorgmg. Der Feind wartete jedoch den Angriff nicht ab." Danach ist also auch hier eine Umgehung des linken feindlichen Flügels gemacht worden und entgegen den bisherigen trüben Erfahrungen Bullers gelungen, weil sie geheim gehalten und schnell ausgeführt wurde. Ob damit die ganze Stellung der Buren auf den Biggarsbergen unhaltbar geworden ist, läßt sich noch nicht sagen. Buller stellt die Besetzung von Dundee in nahe Aussicht. Indessen erinnert man sich, daß seine Prophezeihungen nicht immer eingetroffen sind.

Aus Kroonstad wird dem Reuter'schen Bureau vom 12. gemeldet: Präsident Steijn hat sich nach Heilbron begeben, nicht nach Lindley, und hat Heilbron zur neuen Hauptstadt erklärt. Ueber 400 Bürger haben ihre Waffen ausgeliefert. 8000 Buren mit 20 Geschützen flohen aus Kroonstadt. Sie rannten aus den Schützen- gräben und ließen die Befestigungswerkzeuge im Stich. Präsident Steijn geriet in solche Erregung, daß er die Fliehenden mit Faustschlägen und Fußtritten zurückzuhalten snchte. Der Landdrost schickte einen Vertreter an Roberts; dieser forderte den Landdrost auf, persönlich zu kommen und Kroonstad zu übergeben. Hieraus fand ein festlicher Einzug der Truppen unter den Klängen der Nationalhymne statt, während Roberts mit seinem Stabe auf dem Marktplatze hielt und eine amerikanische Dame die britische Flagge auf dem Rathhaus hißte. Die wenigen englischen Einwohner riefen Hurrah, während die Holländer schweigend zuschauten. Roberts machte eine Anzahl Gefangene, darunter auch Ausländer. Man glaubt, daß die geflohenen TranSvaalen unter Botha und Dewet den Uebergang über den Vaalfluß verteidigen werden.

Der Krieg iu Südafrika.

Während Lord Roberts nach den großen Anstreng­ungen der letzten beiden Wochen feinem Heere irt Kroonstad einige Tage Pause gönnen muß und auf den übrigen Kriegsschauplätzen wenn nicht Ruhe, so doch nur geringe Thätigkeit herrscht, was namentlich dem ausgehungerten Mafeking verhängnisvoll werden kann, ist General Buller endlich aus langem Schlummer erwacht. Eine Reuter- Depesche aus Pietermaritzburg vom 14. mittags besagt: General Buller meldet amtlich, es sei ihm gelungen, die Biggarsbergpässe zu forcieren. Die Besetzung von Dundee wird heute erwartet." ES hat lange ge­dauert, bis Buller wieder dazu übergegangen ist, den eigentlichen Zweck seiner Anwesenheit in Natal der Ver­wirklichung näher zu bringen. Die Thätigkeit dieses Generals ist nicht geeignet, in den Herzen der Engländer viel angenehme Gefühle zu erwecken. General White, der die belagerte Stadt vier Monate lang verteidigt hat, wurde wie ein Triumphator in seiner Heimat empfangen und als Held von Ladysmith in überschwänglicher Werse gefeiert. Ob General Buller wohl ein ähnlicher Empfang bereitet werden wird? Man sollte meinen, daß die Reihe der von ihm begangenen Fehler zu groß ist. Er hat beinahe zwei Monate unter schweren Verlusten vergeblich versucht, das Burenheer vom Tugela zurückzudrängen, und dieses Ziel schließlich nicht aus eigner Kraft erreicht, sondern dadurch, daß das siegreiche Vordringen Lord Roberts im Freistaate die Buren zwang, ihre Truppen in Natal zu schwächen. Seit dem Entsatz von Ladysmith aber am 28. Februar hat er in vollkommener Unthätigkeit verharrt. Wenn aus Natal etwas zu berichten war, so hatte nicht Buller, sondern die Buren dazu Anlaß gegeben, die verschiedene Versuche gemacht haben, die Engländer zu umgehen und abzuschneiden. Jeden­falls haben die offensiven Versuche der Buren gezeigt, daß ein Angriff auf die besetzten Bergpässe große Opfer er- forden und wahrscheinlich keinen Erfolg haben würde. Wie dem auch sei, der jüngste Erfolg der Engländer in Nata ist gleichfalls nicht das eigene Verdienst Bullers, sondern abermals eine Wirkung von Roberts Vorgehen im Frei-

Nr. 113 Erstes Blatt.

Meßmer Anzeiger

Heneral-Anzeiger

gesprochen. Den Kanzler lockte es, den seltenen Mann kennen zu lernen, und er lud ihn sogleich nach FriedrichS- ruh ein. Levi verbrachte dort die anregendsten Stunden, mußte seinen Besuch wiederholen, und unterhielt auch nach Bismarcks Tod mit dem Fürsten Herbert und dem Grafen Rantzau die freundlichsten Beziehungen.

1896 schied Levi aus seiner Stellung und genoß nun das otium cum dignitate. An der Seite einer hochgesinnten Frau, die er erst vor wenigen Jahren zum Altar geführt hatte, waren ihm in seiner herrlichen Villa zu Parten- kirchen, in seinem Heim zu Florenz und München Tage reinster Freude beschieden. In seiner Muße nie müßig, machte er sich ans Werk, die Libretti der Mozart'schen Meisteropern zu bearbeiten und ausländische Operntexte zu übersetzen. Levi war auch als feiner Litteraturkenner ge­schätzt. Hier in seiner Vaterstadt reifte in ihm der Ge­danke, die in Goethes Werken zerstreuten Novellen zu sam­meln und in einem Band unter dem TitelGoethes No­vellen" herauszugeben. Das Buch, dessen Erscheinen er nicht mehr erleben sollte, wird demnächst der Oeffent- lichkeit übergeben werden. So ließen sich noch immer neue Züge finden, das Bild des vortrefflichen Mannes zu vervollständigen. Zum Schluß sei seiner Thätigkeit als Komponist gedacht. Mit Recht hat er oft über dieKapell­meistermusik" seiner Kollegen gescherzt. Levi hat darauf verzichtet. Epigonenhaftes zu schaffen. Was er uns als Unvergängliches gegeben hat, sind seine tiefempfundenen, tn ihrer Art bedeutenden Liedkompositionen. Hier wandelt er feine eigenen Wege und behauptet seinen Platz neben den besten Meistern. Wer kennt nicht seinenLetzten Grup , der von Tausenden gesungen über Länder und Meere

letzte Gruß ist es, den di- «a.-rstM ihrem großem Sohn- hiermit darbringt. Eh-- simem Andenken.

Kermann Levi t-

Aus München kommt die Trauerkunde, daß unser be­rühmter Landsmann, Generalmusikdirektor Hermann Lem, »erschieden ist. Während es seinem Vater, dem Ober­rabbiner Dr. Benedikt Levi, vergönnt war, über das neunzigste Lebensjahr hinaus sich körperlicher und geistiger Frisch- zu -rsreuen, ist sein Sohn Hermann im 61. Jahre einem tückischen Herzleiden zum Ops-r gefallen.

Hermann Levi wurde 1839 zu Gießen geboren. Schon aus dem Gymnasium erregte gelegentlich eines Akius lein musikalisches Talent di- allgemeine Bewunderung. In den sünsziaer Jahren begab er sich zu Bincenz Lachner und vollendete 185961 seine Studien aus de« Konservatorium zu Leipzig. Als Dirigent bethätigte er sich zuerst IN Saar­brücken, ging dann als Leiter der Oper nach Rotterdam, von dort nach Karlsruhe, um 1872 einem Ruse an die Hosoper in München zu folgen. Der Kunststadt an der Isar blieb er bis zum Beschluß seiner künstlerischen Thätig- leit, ja bis an sein Lebensende treu.

Hermann Levi gehört zu den berühmtesten Dirigenten der Neuzeit. Werk ihn je am Dirigentenpult stehen sah, dem bleibt seine ünstlerische Eigenart unvergessen. Den «örver vollkommen in der Gewalt habend hielt er mit scharfem Auge den mächtigen Apparat des Orchesters und der Bühne in seinem Bann. Dre Künstlerschar vor ihm ,nd über ihm floß in einen harmonischen Strom zusammen, »em sein Genius Ziel und Richtung gab. Orchester und Sänger blickten mit größter B-r-hrung zu ihm empor. Es ist bezeichnend sür die Schlichtheit des Mannes, daß er bei I-inem Scheiden aus dem Amt vor die Frage gestellt, ob er »inen hohen Orden oder die Ehrenmttgliedschaft der Münchener Hoskapelle annehmen solle, sich für di- Zugehörigkeit zu seinen Künstlern entschied.

Als König Ludwig Richard Wagner die Frenndeshand

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Politische Tagesschau.

Daß die Eröffnung eines deutschen Hauses auf btt französischen Weltausstellung kein EreigmS ge­wöhnlicher Art, sondern auch ein p olitisches Ereignis ist, unterliegt keinem Zweifel. Die französischen Zeitungen be­schäftigen sich eingehender damit, als mit der Eröffnung der übrigen Nationalhäuser, wie sie jetzt jeder Tag mit sich bringt. Hierzu kommt, daß am Mittwoch eine kleine Vo^ eröffnung stattgefunden hat, zu der fast ausschließlich Franzosen eingeladen waren. Man wollte diesen das erste Urteil über das innere des deutschen Hauses lassen und ihnen damit einen neuen Beweis der Höflichkeit geben. Der politische Wert dieses Höflichkeitsbeweises soll noch durch besondere Umstände erhöht worden sein, die man jetzt von französischer Seite erfährt. Die Pariser ZeitungMatm" macht sich zum Sprachrohr dieser Umstände. Sie nennt jenen Empfang am Mittwoch, zu dem von den Vertretern der Preffe nur die französischen eingeladen worden waren, eineR6ception Imperiale und schreibt dann darüber u. A. folgendes: .

eine charakteristische Einzelheit, in der man gleichzeitig die Liebenswürdigkeit wiederfindet, die Kaiser Wilhelm seinen rem ge­sellschaftlichen Kundgebungen beilegt, und die auch von einem beständigen Wunsche Zeugnis giebt, jeder seiner Handlungen einen persönlichen Stempel aufzuprägen, ist der Umstand, daß die Liste der vom deutschen Botschafter, Fürsten von Münster, im Einvernehmen mit dem Reichs- kommifsar, Dr. Richter, zur Teilnahme an jenem Empfang bestimmten Personen dem Kaiser nach Berlin übermittelt wurde, und daß die Ein­ladungen dann an jede dieser Personen durch Telegramme erfolgten, die mit dem Namen des Kaisers unterzeichnet waren. Es war also der deutsche Kaiser selber, der am Mittwoch m seinem Hause an der Seine empfing. Ist es nach dem Gesagten noch nötig, besonders zu erwähnen, daß dieser Empfang glänzend und wohlorgamstert war? Lakaien in kaiserlicher Livree durcheilten beständig die verschiedenen Räume und boten den Besuchern champagnergefullte Gläser und alle erdenklichen Erfrischungen dar. Der allgemeine Ton des Empfanges «ar der einer Causerie de ealon. Man kam und ging unter den üb­lichen gesellschaftlichen Formen. Es ist klar, daß Kaiser Wilhelm gleich- »eitig mit der schönen Ausstellung seines Landes einigen bevorzugten Parisern ein Muster seiner Liebenswürdigkeit (un

plus aimables mauiSres) zeigen wollte. Man faucht einen Herrscher nicht zu lieben und kann doch anerkennen, <p ü ß vraiment bonne ^°Das arntlicheParis scheint indessen von der Liebens­würdigkeit des deutschen Kaisers keine Notiz genommen zu haben; wenigstens berichten Pariser Blatter, und dieNordd. Allaern Zta." druckt es nach, daß bie feierliche Einweihung des deutschen Palastes in der Rue des Nations, bie ur» iprünalich auf den 12. Mai anberaumt war, um emtge Tage verschoben worden sei, weil der deutsche Reichskomnnffar, Geh. Ober-Regierungsrat Richter, bisher noch nicht

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