Ausgabe 
16.3.1900 Zweites Blatt
 
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Freitag den 16 März

Zweites Matt

1800

Nr. 63

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Amts« tmb Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

BeHDto*. »kpedNian und Druckerei:

A4«tAr«sse Nr. 7.

Gratisbeilage«: Gießener ZamMenblätter, Der hesfißche Landwirt, Ktätter für hessische UotKsKnnde.

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Adresse für Depeschen: Anzeiger Hiess-»»

Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Geil.

Bekanntmachung,

betreffend: Schießübungen.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß das Inf Regt.Kaiser Wilhelm" Nr. 116 am 19., 20., 21, 22., 23. und 24. l. Mts, täglich von 7 Uhr vormittags bis 61/» Uhr nachmittags, im Gelände des Wißmar-Bachthals, nordöstlich Wißmar, in der allgemeinen Richtung Wißmar BachthalSchmelz, nördlich Salzböden, Schießübungen mit scharfer Munition abhalten wird.

Gefährdet würde sein das Gelände innerhalb der Wege: Chaussee WißmarKrumbach bis zum Schnittpunkt mit Chaussee KrofdorfForsthaus Waldhaus, Chaussee KrofdorfForsthaus Waldhaus von diesem Schnittpunkt bis zum Schnittpunkt der Chaussee nordöstlich Forsthaus Waldhaus, Weg von diesem Schnittpunkt nach Odenhausen, Chaussee Odenhauseu Wißmar.

Alle Wege, die in den vorgenannten gefährdeten Rayon sichren, find während des Schießens gesperrt, auch können im Wald keine Arbeiten wahrend dieser Zeit ausgeführt werden. Das Regiment wird durch Posten das gefährdete Gelände ab- sperren lassen.

Die Chaussee KrofdorfForsthaus WaldhausSchmelz ist für den Verkehr frei, ebenso die Chauffee WißmarOden- Hausen.

Gesperrt find für den Verkehr insbesondere die Wege WißmarKrumbach und OdenhauseuKirchverS, sowie alle Wege, welche von Ruttershausen und Wißmar in den Wald fuhren.

Gießen, den 13. März 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Daubringen.

Donnerstag, 29. März d. I. vormittags 9 bis 10 Uhr findet im Bürgermeistereibureau zu Daubringen die Entgegennahme der Wünsche bezüglich der Zuteilung des 1. Feldes statt. Die Wünsche sind schriftlich mindestens auf y2 Bogen einzureichen, vom Grundstückseigentümer zu unterzeichnen und müssen genau augeben, welche alten

(nach Flur und Nummer zu bezeichnenden) Grundstücke zusammengelegt werden sollen und in welche Gewann das neue Grundstück gelegt werden soll. Die Beteiligten werden ferner aufgefordert, in ihren Wunschzetteln sich auch darüber zu erklären, falls sie anstatt Gelände den Bonitätswert ihrer in die Bahnlinie fallenden Grundstücksabschnitte in bar beanspruchen.

Wünsche, welche nicht in dem oben genannten Termin vorgebracht werden, finden keine Berücksichtigung.

Zur Orientierung der Beteiligten liegt eine UebersichtS- karte über das 1. Feld sowie ein Verzeichnis der in die Bahnlinie fallenden Grundstücke auf dem Bürgermeisterei­bureau zu Daubringen offen.

Friedberg, 12. März 1900.

Der Großherzogliche Bereinigungskommissär. Süffert, Regierungsrat.

Zum Transvaal-Krieg.

Bom Rote» Kreuz.

Die Berichte des Marinestabsarztes Dr. Matthio- lus, Leiter der auf den südafrikanischen Kriegsschauplatz entsandten Sanitäts-Abordnungen der deutschen Ver­eine vom Roten Kreuz, vom 26. und 29. Dezember liegen uns vor, und wenn sie auch neues nicht gerade viel enthalten, so geht doch daraus hervor, daß die Ab­ordnungen von den Buren in der denkbar herzlichsten Weise empfangen worden sind. Das Lazarett befindet sich bekanntlich in Jacobsdaal, am 12. Dezember 1899 sind die drei Aerzte vom Präsidenten Steijn empfangen worden, am 16. Dezember ist die Abordnung in Jacobsdaal ein­getroffen und hat das bisher von den freistaatlichen Aerzten versorgte Lazarett übernommen. Die Haupt­fronten der vier Lazarett Häuser sind jetzt direkt nach S.-S.-O. gerichtet. Vor denselben stehen einzelne, kaum Schatten spendende Bäume. Die Häuser stehen alle vollkommen frei und sind meist von einem mit einer niedrigen Steinmauer umfriedigten Hofe umgeben. Un­mittelbar an die Hinterseite derselben schließt sich die weite Grassteppe an. Es ist somit für genügend frische Luft in der Umgebung der Lazarettgebäude gesorgt, die durch keinerlei gewerbliche Anlagen oder sonstwie verunreinigt wird. Es ist dies sehr vorteilhaft, da die Ventilation in allen Häusern nur die natürliche durch Fenster und Thüren ist. Letztere können aber bei der hier jetzt herr­schenden schönen Sonnenwärme (bis 41 Grad im Schatten) fast dauernd offen gehalten werden. An gutem Trink- und

Gebrauchswasser hat Jacobsdaal keinen Mangel: da die Arbeit sich an beit Feiertagen etwas cinschränken ließ, jo benutzte Dr. Küttner und ich (Matthiolus) den ersten, Dr. Hildebrandt den zweiten Feiertag Nachmittag, um uns über die Verhältnisse im Felde zu orientieren. In zwei­stündiger Wagenfahrt erreichten wir die Stellungen der Buren, die wir dann ebenso wie das davor nach dem 6,5 Kilometer entfernten englischen Lager zu gelegene Schlacht­feld und die Berge dahinter teils zu Pferde, teils zu Fuß durchstreiften. Zahlreiche überall zerstreut herum­liegende Gewehrgeschosse, Shrapnell- und L y d d i t-Gra- natenteile zeugten von dem großen Ernst der letzten Schlacht, zahlreiche Pferdekadaver die Menschen waren bereits begraben von der intensiven Wirkung der Ge­schosse. Beim Annähern an die Stellungen und dem Durch­reiten des Vorgeländes mußten wir einige Vorsicht walten lassen, da die Engländer beim Sichtbarwerden einer Staub­wolke ihre bereitgehaltenen Geschosse auf dieselbe zu richten pflegen. Jedenfalls war es uns sehr wichtig, uns zur besseren Beurteilung der später in unsere Behandlung kommenden Wunden so genau über die einschlägigen äußeren Verhältnisse durch eigenen Augenschein unter­richten zu können, und wir erreichten diesen Zweck recht gut. Wenn es auch vor der Hand noch zahlreiche, in den eigenartigen Verhältnissen des hiesigen Landes begründete Schwierigkeiten für uns zu bewältigen giebt, so dürfen wir doch hoffen, bei dem uns vielfach entgegen­gebrachten Vertrauen und der willfährigen Unter­stützung von feiten der Regierung und der Annahme von Jacobsdaal mit der Zeit ersprießliches leisten zu können. Als Beispiel des geschenkten Vertrauens will ich nur er­wähnen, daß, wie man uns.erzählt, Buren im Lager, nach­dem sie hörten, wir deutschen Aerzte hätten jetzt das Lazarett übernommen, sich erhoben haben sollen, um ein dreifaches Hoch auszubringen. Der Gesundheitszustand der Mitglieder der (Spedition ist bisher im allgemeinen gut, abgesehen von bei einzelnen auftretenden Verdauungs­störungen. Dieselben werden unvermeidlich bei der An­passung an die hiesigen klimatischen Verhältnisse durch das bei der großen Hitze und Trockenheit der Luft durch­aus notwendige Trinken von größeren Quantitäten Wasser hervorgerufen. An anderen Getränken ist großer Mangel im Ort, und sind käuflich solche überhaupt hier nicht zu erhalten.

Ein Rundschreiben Krügers.

Im verlassenen Burenlager vor Ladysmith wurde in einer dem Kommandanten Potgieter gehörenden Tasche ein Zirkular des Präsidenten Krüger vom 17. Januar

Feuilleton.

Undankbarkeit.

(Aus dem Englischen)

(Nachdruck verboten.^

Es war in einem dichtgefüllten Pferdebahnwagen in Berlin, ungefähr um V26 an einem Winternachmittag. Mir gegenüber saß eine stämmige Frau mit weißer Schürze, neben ihr ein hageres Mädchen, das die Aale nur mit Mühe im Netz zu halten vermochte.

Plötzlich ließ das hagere Mädchen seine Stimme ver­nehmen :

Wie geht's denn Ihrer Tochter, Frau Schmidt?"

Die dicke Frau wandte sich nach ihm um, und sah sie neugierig an.

Fragen Sie nach meiner Tochter?" fragte sie.

Ja, wie geht's ihr denn?"

Die Andere zuckte die Achseln.Sie wissen wie krank sie war?" Das hagere Mädchen nickte. Ihre Gefährtin schien das Nicken nicht bemerkt zu haben, und wiederholte die Frage:Sie wissen wie krank sie war?"

Ja, gewiß."

Ach, wir hatten den Doktor" .... Sie saß da, die Hände über ihre breiten Knie gespreizt, die runden, schwarzen Augen, ohne etwas zu sehen, aus's Fenster gerichtet.Er sagte: kräftige Nahrung. Wie meinen Sie? sagte ich. Er sagte: frisches Fleisch jeden Tag, Brühe, Eier, Milch." Unb sie zählte die verschiedenen Nahrungsmittel mit der linken Hand an der rechten ab, beim kleinen Finger be­ginnend.

Sie machte eine Pause.

Und ?" dabei zerrte sie das Wort, bis es wie ein ganzer Satz klang.

Als es ihr nicht besser wurde, sagt' ich zum Doktor: Sie scheint sich nicht viel aus dem Zeug zu machen. Er sargte ?"

Sie brach ab und sah langsam und gespannt nach einer aufgeputzten Judenfrau, die in diesem Augenblick einstieg; ihre seidenen Röcke raschelten, und die Diamanten in den Ohrringen glitzerten, als sie sich setzte. Die dicke Frau stieß ihre Nachbarin an, und beide starrten den Ankömm« ling an, indem sie sich vorbeugten, um sie besser zu sehen.

Und was sagte der Doktor, Frau Schmidt?" fragte das hagere Mädchen.

Der Doktor sagte:Geben Sie Ihrer Tochter, was sie will: Hühnchen, Reis, Fisch, Obst, Kalbfleisch, Rotwein. Und sie bekam alles, was sie wollte: Hühnchen, Reis, Fisch, Kalbfleisch, Obst, Rotwein und Champagner." Ihre Stimme wurde lauter, nachdrücklicher und zuletzt fast vor­wurfsvoll.Und was thut meine Tochter?" Dabei drehte sie sich ganz herum und blickte ihre Nachbarin an, die Hände noch erhoben, an denen sie die Speisen wieder be­rechnete, während sie das hagere Mädchen mit offenem Munde erwartungsvoll ansah.Was thut sie?" wieder­holte die stämmige Frau, und sie beantwortete ihre eigene Frage, indem sie sich auf den Schenkel schlug:Sie stirbt."

Anrecht Hut.

Neulich abends, als ich gegen 11 Uhr nach Hause fuhr, es goß wieder zuberweise, und jeder war froh, wenn er sich seinen Platz im Pferdebahnwagen erstritten hatte siel mir ein kleiner, blonder Junge auf, der sich forsch und keck hinsetzte. Er war recht ärmlich angezogen, nicht schmutzig, aber doch zerlumpt. Die dunkle Hose trug einen helleren Flicklappen, die ehemals schwarze Mütze schimmerte jetzt gräulich, und das hellbraune Jäckchen hatten die Ellenbogen durchgerieben.

Aber der Kleine konnte einem wohl gefallen: ein Pausebackengesicht, regelmäßig, doch nicht langweilig, wenig edel, doch keineswegs grob, darin ein Paar matter, blauer Augen, und eine schnippisch aufgeworfene Oberlippe, unter der die Elfenbeinhauerchen hervorglänzten. Dazu ein reiches, blondes Lockengewirr, das sich fast kranzarttg um die Mütze herumlegte.

Er saß mir gegenüber und spielte mit einem Groschen, den er in den Händen hin- und hergleiten ließ. Merk« würdig feste, verarbeitete Hände für einen zehnjährigen Knaben älter war er nicht. Die Hände mußten sicher schon mitschaffen im Kampfe des Lebens, mußten schon selbst einen Teil zum lieben täglichen Brot miterwerben.

Ich sah mich im Wagen um, zu wem der Junge ge­höre. Er war allein. Das ist in der Großstadt nichts seltenes.

Vielleicht war es ein Kegeljunge . . . dann hatte er seinen.Posten heute sogar früh verlassen.

Noch jemand ohne Fahrschein hier?" rief jetzt der Schaffner.

Ich hatte bemerkt, wie der Schaffner an dem Kleinen vorbeigegangen war. Der hatte, am Ende noch mit seinen Kegeln in Gedanken beschäftigt, so vor sich hingeträumt.

Jetzt bei dem Zuruf horchte er auf. Ein Blick nach dem Schaffner wie ein Blitz huschte es ihm über'- Ge­sicht er kniff die Augen etwas ein er preßte die Lippen zusammen die Hände hörten auf zu spielen. Und dann that er, als ob nichts geschehen sei.

Keine seiner Bewegungen war mir entgangen.

Ob er noch nachträglich zahlen wird? . . .

Warum hat er den Groschen unterschlagen? Natürlich um ihn morgen zu vernaschen, sich Süßigkeiten beim Bäcker dafür zu kaufen. Wer weiß? Vielleicht stand ihm der Sinn schon lang auf eine Schachtel Bleisoldaten, die ihm die Mutter nicht schenken konnte. Vielleicht lag ihm zu Hause ein Schwesterchen krank, dem er morgen Aepfel heim­bringen wollte.

Inzwischen war ich an meinem Bestimmungsort ange­langt. Auch der Kleine stieg aus. Als ich eben meinen Regenschirm aufspannte, lief er an mir vorbei, so rasch er nur laufen konnte. Mit einem Mal hielt er an ich sah, wie er etwas eifrig im Laternenschein suchte.

Kein Zweifel, der Groschen war ihm entfallen.

Doch als ich herankam, stürzte er davon um die nächste Ecke, und verschwand im Dunkel der Nacht.