stützten Wormser Bemühungen hatten bekanntermaßen nur den Erfolg, daß die Stadt Mannheim gezwungen wurde, eine intensivere Klärung der Abwässer vorzunehmen. Die mit dieser Entscheidung damals notgedrungen verstummte Agitation gegen die Einführung der Fäkalien in den Rhein ist in den allerletzten Tagen wieder neu aufgelebt, und zwar dadurch, daß vor kurzem die Zuleitung von Fäkalien in Flußläufe mehreren Stadtverwaltungen von der preußischen Regierung verboten worden ist. AuS diesen Entscheidungen schöpft man in Worms die Hoffnung, daß man in Regierungskreisen anderen Sinnes geworden, und hat darum eiligst wieder eine Petition gegen die Flußverunreinigung in Zirkulation gesetzt, die an erster Stelle die Unterschrift des vielvermögenden Freiherrn Heyl von Herrnsheim trägt.
□ Maiur, 14. Januar. In einer am verflossenen Freitag in Anwesenheit des Ministerialrats Braun statt- gehabten Ausschußsitzung deS landwirtschaftlichen Provinzialvereins der Provinz Rheinhessen nahm man endgültig Stellung zu dem neuen Weingesetzentwurf. Die wesentlichsten Abänderungen an dem Entwurf wurden bei den §§ 8 und 10 vorgenommen, denen man folgende Fassung zu geben vorschlägt: „§ 8. Innerhalb der in § 104 der Strafprozeßordnung bestimmten Zeit sind von der oberen Verwaltungsbehörde zu beauftragende Sachverständige befugt, in die Räume, in denen Wein, weinhaltige oder weinähnliche Getränke hergestellt, aufbewahrt, feilgeboten oder verpackt werden, einzutreten und daselbst Besichtigungen vorzunehmen." „§ 10. Mit Gefängnis bis zu 6 Monaten und mit Geldstrafen bis zu Mk. 3000 wird bestraft, wer vorsätzlich den §§ 5 oder 7 Absatz 2 zuwiderhandelt."
△ Aus Rheinhessen, 14. Januar. Dem Baufonds der Rochuskapelle ist letzter Tage ein reicher Betrag zugewendet worden, indem ein in Ellwangen verstorbenes Fräulein Fischer, geboren zu Bingen, der Rochuskapelle 50000 Mk. testamentarisch vermacht hat.
Rodheim a. d. B., 12. Januar. Dem Vernehmen nach plant die Jnstizbehörde, ein Amtsgericht mit dem Sitze Hierselbst neu zu errichten. Der südliche Teil des Kreises Biedenkopf, der bis vor die Thore vor Wetzlar reicht, gehörte bisher zum Amtsgericht Gladenbach, ein recht weiter Weg für viele dazu gehörige Gemeinden. (H. Anz.)
O Rodheim a. d. B., 14.Januar. Bürgermeisterwahl. Auch für unsere Gemeinde steht demnächst die Wahl eines Bürgermeisters bevor. Unser großes Dorf hat zwölf Gemeinderatsmitglieder und daneben drei Schöffen. Herr Philipp Bender, erster Schöffe, wurde bereits in den ersten Tagen des neuen Jahres telegraphisch von Seiten des König!. LandratSamtes zu Biedenkopf mit der einstweiligen Uebernahme der Bürgermeistereigeschäfte betraut. Inzwischen ist dem bisherigen Bürgermeister Schlierbach seine Entlastung bewilligt worden und hat er am vorigen Freitag von der Gemeindevertretung Abschied genommen. Bei dem raschen Aufschwung, welcher unser Dorf in den letzten Jahren genommen hat, ist auch die Aufgabe der Gemeindeverwaltung keine leichte Arbeit zu nennen und erfordert dieselbe eine tüchtige Persönlichkeit.
— Bieber bei Rodheim, 14. Januar. In den hiesigen Kalksteinbrüchen und Gruben hat sich schon mancher Unfall ereignet, und gar mancher Arbeiter hat daselbst sein Leben eingebüßt. Auch am verflossenen Samstag geschah wieder ein Unfall, indem der Arbeiter Philipp Ger- lach von Rodheim von einer sich loslösenden Gesteinsmaste derartig betroffen wurde, daß er sofort in die Klinik zu Gießen gebracht werden mußte.
):( Atzbach, 14. Januar. Herr Kreisobstbaulehrer K i l b von Wetzlar hält vom 15. bis 17. Januar für Atzbach und die umliegenden Orte Hierselbst praktische Unterweisungen in der Obstbaumpflege ab. Am Tage wird praktisch gearbeitet «erden und in den Abendstunden werden theoretische Belehrungen gegeben. Alle Obstbaumbesitzer, sowie Freunde der Sache sind hierzu freundlichst eingeladen.
Wiedergabe der Tänze verblüffen mochte. Aber was will eine solche kleine Einschränkung gegenüber dem Urteil befugen, das man, wie ich glaube, mit voller Sicherheit Pillen darf, daß Herr Redner grade die Eigenschaften besitzt, die wir Herrn Meyers Spiel absprechen zu müssen glaubten. Er spielt fein, er spielt geschmackvoll und hat Ginn für Stil. An seiner Technik hebe ich als besonders rühmenswert die ungemein zarte und dabei sichere Bogenführung hervor. Das weiche Crescendo zumal beim Aufstrick) war meisterhaft. Die Rauhheiten und Gewaltsamkeiten, die bei Herrn Meyer erschreckten, fehlten ganz. Ueberall spürte man warme Empfindung, bescheidene Zurückhaltung bei vollkommener Versenkung in den Geist des vortragenden Kunstwerkes, was um so mehr anzuerkennen ist, als es Geistern von ganz verschiedener Art gerecht zu werden galt. Das aber sind die Eigenschaften die der vortragende Künstler in erster Linie besitzen muß. Wer sie nicht hat, mag als Virtuose glänzen können, die Siegespalme, die nur den Auserwählten beschieden ist, wird er nie erringen. Der rauschende Beifall, der Herrn Redner gespendet wurde und der von Herzen kam,* war wohlverdient.
Dem einen oder anderen Enthusiasten erscheint dieses
Urteil vielleicht noch zu reserviert. Wir sind so leicht be
reit, wenn uns etwas gefällt, es in den höchsten Tönen zu
preisen. Ist aber nicht uns Allen im Gedächtnis, daß
wir erst vor wenigen Monaten einen Meister der Geige hörten, vor dessen Größe für den vergleichenden Blick doch Euch zurücktritt, was wir am Freitag genossen? Kritik Rben heißt, schon das Wort leht es uns, unterscheiden' können. Kritikloses Lob ist schädlicher noch als kritikloser Tadel. Uebrigens ist es jedem unbenommen, auch dem Kritiker gegenüber seine eigene Meinung festzuhalten, vorausgesetzt, daß er sie begründen kann. Ich aber glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich von Herrn R e b n e r erwarte, daß er in nimmer ermüdender Arbeit und mit immer reifer werdenden Verständnis dem großen Beispiel Heermanns nacheifern wird, um sich ihm in nicht ferner Zeit ebenbürtig an die Seite zu stellen.
Raunhei«, 11. Januar. Dem Bürgermeister a. D. Kern von hier wurde von Sr. Mas. dem König das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen. Herr Bürgermeister Kern hat über 30 Jahre lang die Verwaltung der hiesigen Gemeinde in treuer und uneigennütziger Weise zum besten der Gemeinde geführt, und wünschen wir ihm zu dieser Auszeichnung von Herzen Glück.
Frankfurt, 13. Januar. Volkslehrgänge. Die von dem Ausschuß für Volksvorlesungen veranstalteten diesjährigen Lehrgänge wurden gestern abend im Saal des Technischen Vereins eröffnet. Sie sind damit in den dritten Jahrgang ihres Bestehens getreten. In seiner Eröffnungsrede gab Prof. Dr. Mannheimer einen kurzen Rückblick auf die nunmehr zehnjährige Thätigkeit des Ausschuffes und behandelte dann die Frage der Volkshochschule. Dem Gedanken einer Volksuniversität nach Muster der bestehenden Universitäten stehe der Ausschuß nicht sympathisch gegenüber, die uairorsitS librs, univorkit^ exteneion enthalte viel Ueberschwängliches und Irreführendes. Wohl aber sei eine Volkshochschule anzustreben, wenn diese eine Reihe von Veranstaltungen bedeute, die den beanlagten und geistig weiterstrebenden Leuten aus den brestesten Volksschichten Gelegenheit geben wollen, ihr Streben nach Wiffen in methodischer und gründlicher Weise zu befriedigen. Diese Volkshochschule müsse der Abschluß einer zu erstrebenden einheitlichen Organisation der Volksbildung sein. Eine solche einheitliche Organisation werde auch die Schule entlasten, der man mit Forderungen der sozialen Erziehung, der Erziehung zum modernen Menschen, der Herstellung eines ästhetischen Empfindens, der technischen Ausbildung sonst leicht zuviel zumuten werde. Wohl solle die Schule sich diesen Dingen nicht ganz verschließen, aber die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit seien durch den Zustand des Gemüts- und Phantasielebens des Schülers und jdurch die Lehraufgaben eng gezogen. Vieles, was man jetzt von der Schule verlange, sei erst einem späteren Lebensalter, der obligatorischen Fortbildungsschule, den Volksvorlesungen und den Volkslehrgängen zuzuweisen. Der Redner ging sodann auf die volkstümliche Verbreitung des Verständnisses und Interesses für Kunst über. Die Oeffnung der Museen an allen Sonntagnachmittagen sei überaus wichtig, aber damit müffe Hand in Hand die geistige Erschließung der Sammlungen gehen. Vielleicht müßten auch die Sammlungen selbst — abgesehen von ihren Hauptaufgaben, bedeutende Kunstwerke anzuschaffen — in einer Weise ergänzt werden, daß sie einen Ueber- blick über die künstlerische Entwicklung einer ganzen Epoche ermöglichten, was Prof. Mannheimer an einer Parallele zwischen den Wandgemälden von Veit und Overbeck und den Lessing'schen Bildern im Städel'schen Museum erörterte, worauf er zu seinem eigentlichen Thema überging: die Einführung in die neuere Kunstgeschichte. Es sprechen ferner in den Volkslehrgängen und zwar sämtlich im Lessing-Gymnasium: Prof. Dr Mannheimer über Litteraturgeschichte vom 15 Januar ab. Prediger Hans Zettelmann über Philosophie vom 16. Januar ab, Musikschriftsteller Pochhammer üb-r Musikgeschichte vom 17. Januar ab, Dr. Schnapper-Arndt, Dr. Wertheimer, Stadtrat Dr. Flesch, Prof. Dr. Flesch und Dr. Kl umker über soziale Wissenschaften, Dr. H bring über Chemie, Dr. Deutsch über Krankenpflege.
m. Homberg (Bez. Cassel), 12. Januar. Der diesjährige Unterverbandstag der Darlehnskassen- vereine Rai ff eisen'scher Organisation im Kreise Homberg wird Mittwoch den 17. d. Mts. nachmittags 3 Uhr im „Hess. Hof" Hierselbst abgehalten werden. Der Vorsitzende wird den Jahresbericht erstatten. Alsdann wird Herr Pfarrer Altmüller-Geismar einen Vortrag halten über: „Woher mag es kommen, daß die Raiffeisensache sich so rasch in unserem Hessenlande ausbreitet? Außerdem soll auch die Wahl des Unterverbandsdirektors pro 1900 vorgenommen werden.— Zum Besten des Roten Kreuzes und der Hinterbliebenen der gefallenen deutschen Kämpfer in Südafrika wird kommenden Sonntagabend Herr Dr. Winterftein-Cassel einen Vortrag über: „Die Buren in Südafrika" nebst Vorführung von Lichtbildern im Bock'schen Saale Hierselbst halten. Unter gütiger Mitwirkung von Frl. Bertha Willig-Homberg, Herrn Kgl. Direktor Hülsberg-Wabern und vom Seminarchor unter Leitung des Seminarlehrers Herrn Meister gelangen auch mehrere musikalische Vorträge zur Aufführung.
A Aus dem Gersprenzthale, 14 Januar. Neuerdings herrscht in unserer weiteren Umgebung unter den Gastwirten eine Strömung, welche die Gründung von Brauereigenossenschaften der Gastwirte bezweckt. Diese Bewegung nahm ihren Ausgangspunkt vornehmlich in Babenhausen, von wo aus in den allerletzten Tagen durch Versendung eines „Aufrufs" für das Projekt Stimmung zu machen versucht wird. Der „Aufruf" wendet sich gegen das Bestreben der „ungeheuer kapitalkräftige« Aktiengesellschaften", Brauereivereinigungen und Brauereiringe, die Gastwirte aufzusaugen, zu Handlangern und willenlosen Werkzeugen herabzudrücken und Abertausende von Gewinn ihrer Teilhaber zu sichern. Die Gastwirte müßten deshalb durch Gründung von Genossenschaftsbrauereien der drohenden Gefahr gänzlichen Ruins zu entrinnen sich bemühen. Durch vielfache Vergleichsmomente mit den Aktienbrauereien hebt der Aufruf die Vorteile der angestrebten Genossenschafts- brauereien hervor und kommt zu der Schlußfolgerung, daß letztere Brauereien den Gastwirten einen „ungeheuren Vorsprung" geben, und das Unternehmen im Voraus als ^segensreich und lebensfähig garantieren" würden. Die Gastwirte werden dann ermuntert, dem Projekte ohne Voreingenommenheit näher zu treten und sich nicht durch die m «ihrer Existenz sich bedroht glaubenden Bierbrauer" irre ^bn. Je mehr gegen die Idee gekämpft werde, desto lohnender müsse das Bierbrauergeschäft sein. Zur näheren Erläuterung wird in nächster Zeit eine Versammlung emberufen werden, um zur Gründung einer Brauerei- genossenschaft für Babenhausen und Umgegend zu schreiten. — Soweit wäre also die Sache abgemacht: es fehlt jetzt /Y — Ausführung. Diese aber dürfte wenig Schwierigkeiten bieten. In einem Anfluge mitleidsvoller Nächstenliebe braucht man ja nur die vorhandenen Groß- ;w™n um stetige Summen aufzukaufen, womöglich noch die bisherigen Besitzer zu reichdotierten Direktoren zu erheben, und die „Abertausende" fließen in die Taschen der 3niyen ^ird wohl das bescheidene Ger. sprenzflüßchen noch gewaltige Wassermengen dem Mainstrom zusUyren können. 1 * * * *
Theater.
schreiben darüber: So erfolgreich auch die Produktion auf dramatischem Gebiete der letzten zwei Jahrzehnte in Deutschland gewesen ist: eine Seite des Dramas ist völlig vernachlässigt worden, nämlich das Lustspiel. Wohl haben wir in den letzten Jahren geradezu eine Unmasse von „Lustspielen" auf der Bühne an uns vorüber wandeln lassen müssen, aber was die Moser, Blumenthal und Konsorten als Lustspiel verzapften, erfüllte doch zum weitaus größten Teile in keiner Weise die Bedingungen, welche man an ein regelrechtes Lustspiel stellen darf. Es waren vielmehr nur harmlose Komödien, die lediglich der Unterhaltung dienten, jedes tieferen Sinnes aber baar waren. Seit Gustav Freytags humorerfüllten „Journalisten" fehlt noch immer ein deutsches Lustspiel, das Lefsingschen Geist atmet, und erst Max Dreyer, der Verfasser vom „Probekandidat", scheint berufen zu sein, das Erbe Freytags anzutreten. Inzwischen meldet sich noch em anderer, der ebenfalls diese Berufung in sich fühlt: Alfred Bock, mit dessen Lustspiel „Die Prinzessin von Sestrie" wir Donnerstagabend Bekanntschaft machten. Auch er hat den Versuch gewagt, das Lustspiel wieder auf eine höhere Stufe zu hebe«, nachdem die Blumenthal damit Schindluder getrieben haben, und sein Versuch ist, wie wir jetzt nach der Aufführung konstatieren rönnen, sogar ziemlich glücklich ausgefallen. Was bietet denn nun Bock in seiner „Prinzessin von Sestri"? Hier ist die Fabel des Lustspiels : Der Herzog von Sestri, einer jener kleinen Potentaten, wie sie vor der Einigung Italiens (die Handlung spielt in den sechziger Jahren) int Lande der Apenninen sehr zahlreich waren, ist aus dem Lande vertrieben worden, weil das Volk seiner überdrüssig war und das allgemeine Bestreben dahin ging — die wirtschaftlichen Verhältnisse drängten dazu —, an Stelle der vielen kleinen Staaten ein großes Italien unter der Dynastie Savoyen zu schaffen. Der Herzog lebt in Frankreich in der Verbannung. Hier setzt nun Bocks Lustspiel ein. Der Herzog empfindet die Verbannung überaus schmerzlich. Sein Sinnen und Trachten ist einzig und allein auf die Wiedererlangung des Herzogtums gerichtet. Es ist sein Geburtstag, und alle jene Geschäftspatrioten in Sestri, die mit der neuen Ordnung der Dinge in Sestri unzufrieden sind, weil ihnen der Hof mit seinem Drum und Dran fehlt, erscheinen als Gratulanten. Der Herzog belohnt ihre Ergebenheit damit, daß er sie dekoriert, ein billiges und zugleich harmloses Vergnügen, für die ordenshungrigen Patrioten aber eine große Genugthuung. Der Herzog hat 'zwei Kinder, Sohn und Tochter/ Prinzessin Theresa-«ist ganz die Tochter ihres Vaters. Seine Wünsche sind auch die ihrigen, seine Ziele die ihrigen. Der Erbprinz Enrico dagegen ist vernünftig genug, um einzusehen, daß das Herzogtum für immer verloren ist. Er bildet sich daher zum Arzte aus, um wenigstens auf diese Weise ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Dieser Entschluß gefällt zwar seinem Vater nicht, aber der ist machtlos dagegen. Da scheint es, als sollten die Träume des Herzogs auf Wieder - Erlangung seines Landes greifbare Gestalt gewinnen. Napoleon III. bahnt eine Heirat der Prinzessin Theresa mit seinem Neffen Canino an, um einen gelegenen Vorwand zu haben, in den Besitz Sestri's zu kommen. Die Diplomaten haben die Sache fein eingefädelt. Auf dem Landsitze des Grafen Sovino in Fontenatz sollen sich die jungen Leute ganz „zufällig" treffen, und Canino um Theresa warben. Alles geht soweit glücklich von statten. Als aber Canino seine Werbung in ziemlich plumper Manier anbringt, wodurch Theresa einsieht, daß die ganze Geschichte ein abgekartet Spiel ist, daß sie an Canino verkuppelt werden und als Kaufpreis für Sestri dienen soll: da giebt sie dem Napoleoniden einen Korb. Die Folgen machen sich bald bemerkbar. Napoleon^ächt die seinem Hause widerfahrene Beleidigung dadurch, daß er den Herzog aus Frankreich a.usweist. Der Herzog, der eben noch davon „mit offenen Augen geträumt" hatte, wie er in dem durch Napoleon wieder zu erwerbenden Herzogtum eine Regierung a la Ludwig dem XV. einrichten wolle, wird durch die Ausweisung zwar unangenehm überrascht, aber zuletzt kommt auch bei ihm die bessere Einsicht zum Durchbruch: er verzichtet auf die WiedererlanKxcU seines Landes, still will er als Privatmann leben, und um Rücknahme der Ausweisung bei Napoleon nachsuchen. Bei der Prinzessin Theresa ist die Wirkung eine andere. Sie will zunächst je leichten Kaufs den Kampf um das „angestammte Land" nicht aufgeben. Als ihr aber von dem Freunde ihres Bruders, Doktor Palmi, klar gemacht wird, daß fie feinen Windmühlenkampf führe, daß die Verhältnisse stärker sind, als sie denkt, da bricht auch bei ihr das Eis. Sie folgt Palmi, um mit ihm für die Interessen der Menschheit zu kämpfen. So in dürren Worten die Fabel des Lustspiels. Das Milieu ist gut getroffen. Die einzelnen Kreise der Personen, wie auch die Personen, selbst sind außerordentlich glücklich charakterisiert. Der Dialog ist geistvoll. Die Wirkung des Lustspiels steigerte sich von Akt zu Akt. Am Schlüsse wurde der Autor nicht weniger als viermal vor die Rampe gerufen. Die Aufführung war so gut, wie wir sie selten hier gesehen haben. Die Ausstattung war vorzüglich. So vereinte sich alles, um dem Autor zu einem vollen Erfolge zu verhelfen.
Ein Intermezzo auf der Bühne des Magdeburger Stadttheaters. Kürzlich wurde am Stadttheater in Magdeburg der „Zigeunerbaron" gegeben. Im letzten Akte hatte der Heldendarsteller, Herr Zickncr, zu Pferde zu erscheinen. Um sich die Last dieses Statierens einigermaßen zu würzen, entschloß er sich, wie die „Magdeb. Ztg." berichtet, zu einer Improvisation, die er bis zu ihrer thatsächlichen Jnszenesetzung vor den Augen des Regisseurs geschickt zu verbergen wußte. Herr Zickner erschien, als der Moment gekommen war, wo er hinter der Szene das Pferd besteigen sollte, in kostüm- und portrait- getreuer Maske des Ohm Krüger. Trotz des mehrfachen Verbotes des Oberregisseurs Treptow, der noch im letzten Augenblicke dem Pferde in die Zügel zu fallen versuchte, sprengte Herr Zickner auf die Bühne, von dem Publikum, wie begreiflich, mit besonderem und nicht endenwollenden demonstrativen Beifall begrüßt, der den Darsteller veranlaßte, es mit der einen Reverenz in der Krüger-Maske nicht bewenden zu lassen. So gestaltete sich der kleine Streich Zickner's zu einem außerordentlichen theatralischen, aber auch etwas theaterskandalös anmutenden Ereignis. Das böse Ende für unfern krügerfreundlichen Heldendarsteller kam freilich nach, und zwar in Gestalt sofortiger Entlassung. Nominell ist die Direktion zu diesem Schritte berechtigt, da Herr Zickner sich eine Uebertrelung des Theatergesetzes und eine Gehorsamaufkündigung dem dienstthuenden Regisseur gegenüber hat zu Schulden kommen lassen. Immerhin möchten wir an dieser Stelle die Direktion ersuchen, diesmal Gnade für Recht ergehen und es mit einer für die Künstlerlaufbahn Zickner's weniger verhängnisvollen Disziplinarstrafe bewenden zu lassen. Wir fragen, bemerkt die „Magdeb. Ztg.", mit Egmont: „Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Wenn Ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran?" Herr Zickner hat einmal in der tollen Laune eines Augenblicks, den er für einen besonders glorreichen hielt, über die Schnur gehauen — wer thäth dasJiicht einmal, noch dazu, wenn er ein Künstler ist. Und das ist Herr Zickner, trotz des peinlichen Zwischenfalls, nach wie vor für uns, ein Künstler, den wir doppelt schmerzlich vermissen würden, wenn wir uns sagen müßten, daß ein harmlos gedachter, bezüglich seiner Folgen nicht berechneter Scherz, der Wunsch, auf eine aparte Art aktuell zu fein, die Ursache seines Wegganges gewesen ist.
Jagd und Sport.
8 AusdemVogelsberg, 12. Januar. Zu Beginn der großen Herbstjagden wiesen wir in einer Mitteilung über die diesjährigen Jagdergebnisse auf den Wildreichtum unseres Bogeslbergs hin. Diese Mitteilung erhält jetzt eine Bestätigung durch die Aushebung der Schonzeit des weiblichen Rotwildes für das Jahr 1900 durch eine Verfügung Großh. Ministeriums des Innern. Man kann sich wohl einen Begriff vom Stande des
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