M. 816 Zweites Blatt
Samstag den 15. September 150. Jahrgang 1900
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Die Wirren in China.
Aus Shanghai liegt folgendes Telegramm der ostasiatischen Nachrichten-Expedition des deutschen Flotten. Vereins vor: Li-Hung-Tschang hat heute morgen nachstehendes Telegramm der russischen Regierung erhalten: Die russische Regierung stellt folgendes Ultimatum: Der Kaiser von China soll die Regierung wieder selbst übernehmen, soll seinerseits sofort für Verhaftung und Bestrafung des Prinzen Tuan und der übrigen Boxerführer Sorge tragen und den Einfluß der Kaiserin auf die Regierung ausschließen. Li-Hung-Tschang hat außer der ersten Bedingung diese Vorschläge als unannehmbar erklärt, und seine Abreise von Shanghai nach dem Norden aufgegeben. Nach einer Kabelmeldung der „Paris-Nouvelleö- bannen erklärte Li-Hung-Tschang am 12. d. M. in einer Unterredung, er werde am 14. September nach Tientsin abreisen. Er sei bereit die Unterhandlungen einzuleiten. Der Prinz Tsching werde ihm allein zuge- 4eilt werden. Befragt über die widersprechenden Edikte, welche die Kaiserin während der Belagerungen der Gesandtschaften veröffentlicht hatte, antwortete er, daß die Kaiserin das Opfer böswilliger Ratgeber geworden fei. Man habe ihr eingeredet, daß die Boxer unbesiegbar seien, und die Fremden in einer unerträglichen Lage wären. Als sie aber einsah, daß dies falsch war, änderte sie sofort ihr Verhalten. — Anderweitigen Telegrammen aus Shanghai zufolge stellte Li-Hung-Tschang die Friedensverhandlungen ein, weil Prinz Tuan Einspruch -dagegen erhob.
Aus Schanghai wird telegraphiert: Aus Nanking rvird gemeldet, daß der vom Kaiser Wilhelm kund« gegebene Entschluß, Vergeltung zu üben, unter den Bizekönigen der Aangtse-Provinzen große Panik verursacht. Man fürchtet dort Operationen seitens Deutschlands und anderer Mächte gegen die Aangtse-FortS. Der Deutsche Vertreter stellt sich unfreundlich zu den Vizekönigen, sodaß es ihnen geraten erschien, KriegS- vorbereitungen zu treffen. Die chinesischen Kanonenboote werden dementsprechend mit Munition und Lebensmitteln versehen. Täglich treffen große Mengen von ReiS -ein. Die Garnison von Kangajie und von Wuhu wurden um einige tausend Mann verstärkt. Der Taotai von Nanking gab Befehl zur Aushebung von 3000 Mann. Eine gleiche Zahl wird unter den Salzschmugglern rekrutiert, deren Chef zum Kommandeur von 30 Kriegsdschunken ernannt wurde. Unter den Europäern herrscht die Meinung vor, daß, solange die Aangtse-Forts nicht zerstört sind, an Frieden nicht zu denken sei. Das Kriegsschiff „Seeadlerpassierte, klar zum Gefecht, Nanking. Die Mandarinen erkennen nur TuanS Autorität an, weil sie seine Rache fürchten. Prinz Tsching befindet fich zurzeit in Peking, General Aangln ist im Gefolge der Kaiserin in Tatungsu in der Provinz Schansi. Die Kaiserin lehnte es .ab, Tatungfu zu verlassen.
Aus Schanghai wird unterm 12. ds. M. der Berliner «Allg. Marine-Korresp." gemeldet: 7000 Mann regulärer chinesischer Truppen stehen 16 Km. nördlich von Schanghai. Die telegraphische Verbindung von Tschisu nach Tsingtau aus dem Landwege ist wieder hergestellt und in Betrieb genommen worden.
In den letzten Tagen mehren sich auch die Nachrichten, daß in der Umgegend von Peking, zum Teil dicht vor den Thoren der Hauptstadt, aufs neue Boxerbanden auf- treten und sengend und brennend ihr Unwesen treiben. So meldete Laffan vom 29. August aus Peking, in Tungtschou, der Hafenstadt Pekings am Peiho, hätten Boxer Häuser in Brand gesteckt, die männlichen Insassen ermordet und den Telegraphendraht zwischen Tungtschou und Matou durchschnitten. Flüchtlinge, die nach Peking zurückkehrten, erzählten, die Dörfer um Peking wimmelten von Boxern. Daß somit „die Umstände noch nicht gestatten", die Truppen zurückzuziehen, beweist ferner die folgende Reutermeldung aus Peking von 5. September: „Eine amerikanische Kavallerie-Abteilung, die zur Deckung eines Vieh- tranSports ausgesandt war, überraschte in einem Tempel bei Schaho 300 chinesische Soldaten. 30 wurden getötet und 125 Gewehre erbeutet. Der Feind floh nach Nordosten. Etwa 500 Boxer griffen zwei Kompagnieen Russen an, welche einer beim Bahnbau beschäftigten Truppenabteilung 11 Kilometer südlich von Machiapu (dem Endpunkt der Bahn von Tientsin vor den Thoren Pekings) zur Bedeckung dienten. Sobald Verstärkungen eingetroffen waren, wurden -die Boxer zerstreut, wobei zwei Russen verwundet wurden.
Die Boxer waren mit Schwertern und Speeren bewaffnet. Die russische Kavallerie drang sodann in die Getreidefelder ein, in denen sich die Boxer versteckt hatten, und tötete viele Boxer mit Säbelhieben. Auch der Führer der Boxer wurde getötet, die letzteren verloren allein an Toten 200 Mann. Ein russischer Offizier wurde verwundet und zwei Kosaken getötet. Da dies nicht der erste derartige Ueber- fall ist, so ist unter dem russischen Obersten Tretiakow eine Strafexpedition abgesandt worden, welche die in der Umgegend von Machiapu liegenden Städte zerstören soll. Admiral Alexejew ist zu einer Inspektion der Truppen hier eingetroffen.
Angesichts dieser Lage der Dinge werden die Ruffen es wohl mit der Räumung Pekings nicht allzu eilig haben. Nach einer Meldung aus Shanghai machten die Russen zwei vergebliche Angriffe auf Peitang (nördlich von Taku). Zwei russische Kolonnen operieren in der Mandschurei von Süden und Norden gegen Mukden und Kirin. Sie nahmen Kaitscheng und umringten die chinesische Garnison in Liaryang.
DaS Bureau Laffan meldet aus Peking vom 3. September: Franzosen und Russen begingen furchtbare Grausamkeiten in Tungtan. Der japanische General Fokushinea erhob dagegen persönlich beim russischen und französischen General Beschwerde und ersuchte den General Chaffee, das Gleiche zn thun.
Rach einer Meldung aus Peking verhafteten die Japaner den Mörder des Gesandten v. Kettele r. Er gestand die That und wurde dem deutschen Kommandeur übergeben. Seine Verhaftung erfolgte, als er eine Taschenuhr mit Initialen verkaufte. Er erklärte zuerst, er habe nur die Leiche weggenommen, gestand aber später den Mord, ’b'en die kaiserlichen Behörden befohlen haben.
Feldmarschalt Graf Waldersee ist am 12. d. M. Nachmittag auf der „Sachsen" in Singapore eingetroffen. Man darf annehmen, daß die Reise tzesteru fortgesetzt wurde und .er demnach am. 20. in Hongkong und am 24. oder am 25. ds. in Shanghai eintrifft.
In Peking ist der Hauptmann von Rheinbaben, Kompagnie-Chef des 1. See-Bataillons am Typhus gestorben.
Wie man aus Kiel meldet, entsendet die dortige Werft vier im Hafenbau erfahrene Verwaltungsbeamte nach K i a u t s ch o u.
Gerüchtweise verlautet, Frankreich beabsichtige trotz der Erklärung des Präsidenten Loubet weitere Verstärkungen nachChina zu entsenden. Diese Truppen sollen jedoch dem Landheere entnommen werden, da die Marine keine weiteren Truppen entbehren kann. Die «französische Regierung wird zur Deckung der durch Has Expeditionskorps nach China entstandenen Ausgaben weitere 30 Millionen Franken verlangen, 20 Millionen hat die Kammer wie erinnerlich bereits vor Schluß ihrer Tagung bewilligt. Die Transportausgaben belaufen sich allein auf 10 Millionen Franken. -
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Telegramme des Gieheuer Anzeigers.
Berlin, 14. September. Die Nachrichten-Expedition des deutschen F l o t t e n - V e r e i n s bringt folgende Meldung aus Shanghai: Tie Abendblätter verbreiten,die Rach? richt, daß eine starke Boxer-Abteilung Kiautschou angegriffen hat und nach heftigem Kampfe zurückgeschlagen worden ist. Die Boxer hatten 14 Tote. — Li -Hung-Tschang wird,wenn irgend möglich,nächsten Montag nach Tientsin abreisen. Die Ausländer und Einheimischen in Shanghai leben in bestem Einvernehmen mit einander. Prinz Tsching ist in Peking pngekom- men, um mit den Vertretern der Mächte zu verhandeln.
Petersburg, 14. September. Aus Tobolsk kam gestern abend die Nachricht, daß laut allerhöchsten Blffehls angeordnet worden sei, die vier sibirischen Brigaden, alle Tobolski'schen und anskischen Infanterie- Regimenter und alle 7 Reserve-Bataillone des sibirischen Militärbezirks zu demobilisieren. Diese Truppenteile waren sämtlich dazu bestimmt, nach China zu gehen. — Aus Saratow ist auch die Nachricht gekommen, die A r t i l l e r i e - D i v i s i o n e n sämtlich an - z u h a l t e n, obgleich sie zum Ausmarsch fertig sind. Außerdem wurde befohlen, sämtliche Pferdeankäufe für militärische Zwecke zu i n h i b i e r e n.
Shanghai, 14. September. Die Chinesen haben große Truppenmassen in den östlichen Provinzen aufgeboten. Der Tataren-General Chang-keng wurde zum Oberbefehlshaber dieser und der Streitkräfte in Pekschili ernannt. Er soll die Truppen zusammenziehen, weil man einen Angriff der Russen erwartet. Der Befehlshaber der Yangtse-Truppen Cheng-ren-ping ist mit der Streitmacht aus Fühlen in Ching-kiang eingetroffen.
Der Krieg iu Südafrika.
Trotz der Flucht des Präsidenten Krüger^ die eine unheimliche Ähnlichkeit hat mit den. französischen Ereignissen im August des Jahres 1870, sieht e£ nicht danach aus, als ob der Krieg nunmehr schnell zu Ende ginge. Der Berichterstatter des „Standard" meldet freilich, daß Bürger von Lydenburg gewaltsam zur Heeres- folge gezwungen seien und daß die auf Vorposten gestellten Buren desertierten. In der That mag das Vordringen Bullers nach Lydenburg und von da in östlicher Richtung, vorübergehend entmutigend auf einen Teil der Burenkämpfer gewirkt haben, aber von einem durchschlagend demoralisierenden Erfolge Bullers wird man bisher nicht sprechen können. Er hat bisher nicht ein einziges Geschütz, erbeutet: alles, was ihm in die Hände fiel, und zwar erst am 10. Mai bei seinem Marsche vom Mauchberge nach Klipgat, ist die Lafette eines schweren Geschützes und einige dazu gehörige Munition, während die Buren trotz ihrer harten Bedrängnis noch so viel Ueberlegung hatten, 13 Wagen mit Munition von der Höhe eines Berges hinabzustürzen, um sie der Wegnahme durch die Engländer zu entziehen, lieber den Weitermarsch Bullers fehlen bis jetzt neue Nachrichten. Dagegen zeigen die Meldungen über den Vormarsch gegen Barberton, daß die Buren hartnäckig Widerstand leisten. Nach einem Reutertelegramm aus No oit ged acht vom 12. ds. rückte General Pole-Carew längs des Elandsflusses nach diesem Orte vor, während General Fr euch auf dem rechten (südlichen )Flügel der Engländer in einen schweren Kampf verwickelt ist, sodaß General Hutton zu seiner Unterstützung hat vorgehen müssen. Hutton operierte bisher etwas weiter nördlich bei Weltevreden mit Henry zusammen, von dem man auch nicht hört, daß er Fortschritte macht. Man kann also von Verzagtheit der Buren nicht sprechen; auf dem linken Flügel hat Pole-Carew erst jetzt Noitgedacht erreicht, das nur wenige Kilometer von Watervalonder entfernt ist, und Frerich ist gar so ernstlich engagiert, daß er Unterstützung bedarf. Damit hängt denn offenbar auch zusammen, daß Roberts, wie Reuter tgus Pretoria vom 12. ds. meldet, sich am 12. wieder nach dem östlichen Transvaal begeben hat.
Lord Roberts hat das Standrecht übe r Transvaal verhängt. Das ganze Land befindet sich im Belagerungszustand.
Es geht das Gerücht, Präsident Krüger habe an die amerikanische Regierung die Anfrage gestellt, welcher Schutz ihm gewährt würde, wenn er nach Amerika flüchte. Ob nun dieses Gerücht wahr oder falsch ist, jedenfalls ist an der Thatsache, daß Krüger Transvaal verlassen hat, wohl auf Nimmerwiedersehen. Der siebzigjährige, nach allen neuesten Schilderungen völlig gebrochene Greis hat keine Hoffnung mehr. Man wird sich eines tiefen Mitleids nicht erwehren können. Es ist ein tragisches Schicksal, wenn ein Mann, der ein hohes Alfer im Dienste seines Volkes erreicht und, solange er glücklich war, sich großen Ansehens erfreut hat, auf seine alten Tage seine" Hoffnungen zu nichte werden und den ganzen Bau zusammenbrechen sieht, an dessen Errichtung er so emsig und auf der Grundlage eines warmen Patriotismus gearbeitet hat. — Staatssekretär Dr. L e y d s telegraphiert : Die Gerüchte von einer bevorstehenden Europareise des Präsidenten ftrüger sind mir zwar bisher nicht bestätigt, ich halte jedoch diese Reise für nicht unmöglich.
Deutsches Reich
Berlin, 13. September. Aus Stettin wird gemeldet: Der Kaiser und die Fürstlichkeiten begaben sich morgens ins Manövergelände. Die 42. Division und die Gardekavallerie waren heute am Manöver nicht beteiligt. Die Gardekavallerie sollte nördlich vorgehen, das- 2. Armeekorps in einer Verteidigungsstellung sich bereit halten. Soweit ersichtlich, änderte das 2. Korps den Plan und ging selbst vor. — Eine spätere Meldung lautet: Das Kaiserpaar und die Fürstlichkeiten kehrten nachmittags nach Stettin zurück. Im Manövergelände ging das Gardekorps heute in der beabsichtigten Weise vor. Einzelne Teile des 2. Armeekorps mußten zeitweise zurückgehen. Andererseits bekämpfte die Artillerie der 3. und 4. Division (rot) die Garde-Artillerie bei Schwochow. Das- Ergebnis des Tages war daher, daß sich das 2. Armeekorps in seinen Stellungen hielt. '
— Ter Herzog der Abbruzzen traf heute früh halb sechs Uhr in Kiel mit einem dänischen Postdampfer von Korfoer kommend ein. Er wurde im Auftrage des Kaisers von dem stellvertretenden Stationschef, Kontre- admiral Fritze, empfangen. Nach einem kurzen Spaziergange im Hasen setzte der Herzog um halb sieben Uhr seine Fahrt nach Altona fort. Dort traf er um halb neun Uhr ein, frühstückte im Fürstenzimmer des dortigen Bahnhofs und setzte mit dem Schnellzug um neun Uhr die Reise über Basel nach Mailand fort.


