Ausgabe 
15.8.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch den 15. August

Ur. 189 Zweites Blatt

iooe

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren

n

W. lUÄtOTto-

Äk 8üij«gCTi-8mnitrtuxfl#Brflai H In- «atz IttAoM «-men Lazeigea für den Gießener Anzeiger ZeNenpreit: lokal 12 Pfg., anZwSrt» 20 Pf>.

Gratisbeilage«: Gießener Familienblütter, Der hegisthe Landwirt, Kälter für hessische Dsürstmndr.

RotzaGio«, G«pebition und Druckerot: ,ch«,ßr«te Nr. 7.

Ldrefse für Depeschen: Anzeiger frUf*» Fernsprecher Nr. 5L

Die Gtch-er »««ttion-tülter Wood in do« Anzeiger

Ang «scheinenden Nummer bi» Mr». 10 Stzr. MOoGMnngen spätesten» **M oorHer.

N »g p ei- vterieljäbrl. Mk. KM monatlich Ist Pjg. mit vringerlo-ng durch bk «bholefteAo, vtrrteNLHrl. Mk. KM mooailtch 65 Pßg.

Bei Postbezug RI. 2,40 DfcrttlHK mit Vestel,el».

Die Streitkräfte der Mächte.

ImMilitär-Wochenblatt" wird eine neue Uebersicht über die Streitkräfte der Mächte in China veröffentlicht

Bei Tientsin belaufen sich danach die vereinigten Streitkräfte auf 38000 mit 114 Geschützen.

Deutschland ist dort immer nur noch mit 300 Mann Schiffsbesatzung und mit 4 Geschützen vertreten, ebenso Italien und Oesterreich mit je 140 Mann. Frank­reich verfügt dort über das 16. Marine-Jnfanterie-Re- giment und 3. Batterien aus Tongking sowie über Lan­dungstruppen, insgesamt über 2600 Mann und 18 Ge­schützen. England hat die Hälfte einer Division aus Indien in Taku gelandet: 6 Bataillone, 4 Eskadrons, 3 Batterien sowie Schiffsbesatzungen, zusammen 6000 Mann mit 18 Geschützen. Amerika: 6 Bataillone und eine Batterie, gleich 2900 Mann und 6 Geschütze. Japan: eine Division, wahrscheinlich die 5. aus Hiroschima, mit 12 Bataillonen, 3 Eskadrons und zunächst 4 Batterien, gleich 16 000 Mann und 24 Geschütze. Rußland hat augenblicklich verwendungsbereit: 8 Schützenbataillone, 4 Eskadrons, 7 Batterien, etwa 10000 Mann, und 44 Ge­schütze. , . ,

Bei Berechnung der Zahl von 38000 Kämpfern bei Tientsin sind volle Kriegsstärken angenommen. Nimmt man am, daß diese nicht überall erreicht sind, und zieht man außerdem einen Prozentsatz an Verlusten usw. ab, so wird man doch insgesamt etwa 30000 Mann als zurzeit fürdenMarschaufPeking verfüg bar «nnehmen dürfen.

Diese Zahl wird sich bis Mitte August, wie folgt, er­höhen:

Auf deutscher Seite: um 2 Bataillone, 1 Batterie (Generalmajor v. Hopfner), gleich 2500 Mann, 6 Geschütze, auf französischer Seite: um das 17. Marine-Jnfan- terie-Regiment, 3 Bataillone und 2 Batterien, gleich 2080 Mann und 12 Geschütze, aus Japan: um 5 Bataillone und 5 Batterien, gleich 6000 Mann und 30 Geschütze, ins­gesamt um 10 Bataillone, 8 Batterien, sodaß Mitte August bei Tientsin eine Gesamtstärke von 40 500 Mann mit 162 Geschützen erreicht sein wird.

Im weiteren Verlauf des August bezw. Anfang Sep­tember werden dann in Taku noch eintreffen: aus Frank­reich das 18. Marine-Jnfanterie-Regiment, drei Ba­taillone, eine Batterie mit zusammen 4000 Mann und 14 Geschützen. Auf eine Vermehrung des britischen Kon­tingents in Petschili dürfte nicht zu rechnen sein, da 2800 Mann der iudisck>en zweiten Brigade schon in Hongkong gelandet sind, während über den Bestimmungsort der üb­rigen Truppen dieser Brigade noch nichts bekannt ist. Wahrscheinlich werden sie, ebenso wie die neuerdings be­orderte dritte und vierte indische Brigade, auch in Hong­kong oder in Shanghai verbleiben, so daß England wrt über etwa 12 000 Mann verfügen wird.

Eine wesentliche Verstärkung ihrer Truppen ^Petschili haben dagegen im Laufe des September Ter. HWanb, Frankreich und Rußland zu erwarten.

'Das deutsche ostasiatische Expediti ons- ^.ps unter Generalleutnant v. Lessel, 8 Bataillone,

-kadrons, 6 Batterien, gleich 11300 Mann mit 34 Ge- ___ en, wird Mitte September gelandet werden können;

gemischte französische Brigade, 7 Bataillone, -- Eskadrons, 5 Batterien, gleich 10000 Mann mit 20 Ge­schützen, -unter General Voyron, dürfte um dieselbe Zeit fe intreffen, ebenso wie die russische vierte Schützenbrigade, k . Bataillone, 3 Batterien, gleich 8700 Mann, 24 Geschütze, > -'eren Einschiffung in Odessa am 25. Juli begonnen hat. Dies würde bis Ende September einen weiteren Zu- 10 achs von 28 Bataillonen, 5 Eskadrons, 16 Batterien -der von 34 000 Mann mit 92 Geschützen bedeuten. Daß Aapan jederzeit in der Lage ist, innerhalb weniger Tage

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 3 der Verordnung vom 2. Sep­tember 1893 haben wir mit Rücksicht auf den Stand der Ernte und der Weinberge das Ende der Hegezeit der Feldhühner und der Wachteln für die Provinzen Starken- bürg, Rheinhesien und Oberheflen mit Ausnahme der Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten auf den 19. August l. I. festgesetzt.

Für die Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten behält es bei der allgemeinen Bestimmung, wonach die Hegezeit der genannten Wildarten am 31. August endigt, sein Bewenden.

Darmstadt, den 11. August 1900.

Großherzogliches Ministerium des Innern.

I. V.: Emmerling.

Pfeiffer.

erhebliche Verstärkungen nach dem Kriegsschauplätze zu schaffen, ist bekannt, doch verlautet nichts bestimmtes über die Absichten der dortigen Regierung. Zu erwähnen blei­ben noch der Vervollständigung halber 800 Mann Marine- Infanterie, 12 Mteilungen Kavallerie und 4 Batterien, zusammen 2000 Mann mit 24 Geschützen, welche aus San Francisco abgegangen sein sollen, ferner 860 Ma­trosen und Marinesoldaten aus England, 250 Mairn aus Australien und 350 Mann mit schweren Geschützen vom Kap.

Hiernach dürften bis Mitte September in Petschili rund 78000 Mann mit 280 Geschützen vorhanden sein.

Auf eine Mitwirkung der deutschen Truppen in Kiaut- schou gegen Peking, so heißt es imMilitär-Wochenblatt", kann zunächst wohl nicht gerechnet werden, da diese für eine etwaige Verteidigung des Schutzgebietes gegen die in Schantung stehenden Truppen des dortigen Gouverneurs Yuanschikai bereit gehalten werden müssen.

Für die Operationen in der Mandschurei bezw. gegen den Norden Chinas hat Rußland außerdem noch eine Armee in Bereitschaft gesetzt. Die russischen Truppen in einer Gesamtstärke von etwa 37 000 Mann mit 104 Geschützen bringen konzentrisch gegen die wich­tigsten Punkte au den Eisenbahnlinien Mulden, Charbin, Zizikar, Chailar vor. Außerdem sind in der Kriegsvor­bereitung bezw. schon int Aufmarsch begriffen: im Ussuri- Gebiet 16 000 Mann, im Transbaikal-Gebiet 5600 Mann, im Militärbezirk Sibirien 40000 Mann, int Gebiete Ssemir- jätsche 9000 Mann, endlich im europäischen Rußland die 1., 2., 3. und 5. Schützenbrigade mit 35 000 Mann, ins­gesamt also noch 105 000 ManU mit 138 Geschützen.

Rußland hat somit bis jetzt bereits die Verwendung von etwa 160000 Manu vorgesehen, während die gesamten gegen China besttmmten Streitkräfte oller Mächte zu­sammen sich heute schion auf rund 230 000 Mann mit über 500 Geschützen beziffern werden.

Wie Rußland zu Lande, so hat zur See England die größte Machtentfaltung aufzuweisen. Es verfügt in den chinesischen Gewässern über 36 Schiffe und 10 Torpedo­boote, während Rußland 19 Kriegsschiffe und 11 Torpedo­boote, Japan 20, Amerika 11, Deutschland 9, Italien, Oesterreich und Holland zusammen 8 Schiffe dort schwimmen haben, so daß im ganzen 117 Kriegsschiffe und 21 Torpedo­boote die chinesischen Küsten überwachen. Davon befinden sich im Golf von Petschili 70 Schiffe und 12 Torpedoboote, in Tsingtau 2 deutsche Schiffe, im Yangtse-Gebiet 21 Schiffe, 1 Torpedoboot, bei Kanton 18 Schiffe, 8 Torpedoboote. Während die Chinesen im Norden feine Schiffe mehr be­sitzen, liegen int Yangtse zurzeit noch 8 chinesische kleine Kreuzer und 6 Torpedoboote, bei Kanton 7 Kanonenboote und 11 Torpedoboote.

Die Wirre« in China.

In dem Gefechte bei Peitsang beliefen sich die Verluste der Japaner auf 300 Tote und Verwundete, der Engländer auf 24 Verwundete, die übrigen Kon­tingente sind unversehrt geblieben. Die Chinesen sollen unbedeutende Verluste haben. Deutsche, Oesterreicher und Italiener sind nach Tientsin zurückgekehrt, während die übrigen Kontingente die Chinesen verfolgen und gestern Yangtsun genommen haben. lieber die Einnahme von Yangtsun berichtet der amerikanische Admiral Remey äms Taku vom 6. d. M.: Der an der Front komman­dierende englische General telegraphiert, er sei, nachdem er von Peitsang aus 14 Kilometer in der Richtung auf Yangt­sun vorgegangen war, zur Attacke übergegangen mit den Amerikanern auf dem rechten und den Russen auf dem linken Flügel. Nachdem sie 5 Kilometer unter heißem Ge­schütz- und Gewehrfeuer vorgerückt waren, nahmen die Truppen die erste Verteidigungslinie der Chinesen. Die Verluste belaufen sich auf ungefähr 50 Mann, die fielen oder am Sonnenstich starben. Nach japanischen Meldungen wurde der Angriff auf Yangtsun durch englische, arnert- kanische, russische, französische und japanische Truppen-Ab- tethmgen vorn linken Ufer des Peiho ausgeführt, während eine getrennte japanische Abteilung mtt einer englischen vereint auf dem rechten Ufer vorrückte, aber wegen der schlechten Wege nicht mehr rechtzettig in Yangtsun em- treffen konnte, um in das Gefecht etnzugreifen. Japantsche Geschütze beschossen den zurückgehenden Feind. Zwet Ba­taillone japanischer Infanterie, eine Schwadron Kavallerie, eine Batterie Gebirgsartillerie und eine Kompagnie Genie­truppen sollten am 7. August den Verbündeten voraus­rücken, um Tsaitsnn zu besetzen. Dieser Ort liegt etwa 15 Kilometer nördlich von Yangtsun am Peiho, es scheint also, daß die Verbündeten am Flusse entlang auf Tungt- schou, den Flußhafen von Peking, vormarschieren wollen.

Ueber den Vormarsch auf Peking liegen in London nur alte Nachrichten vor; mittlerweile erregt die Meldung, daß der Zar seine Zustimmung zu der Abreise der russischen Gesandtschaft erteilt hat, lebhaftes Aufsehen und einige Verwirrung. Der hiesige chinesische Gesandte,

Rußland nab die Mandschurei.

DemRegierungsboten" in Petersburg sind nach» folgende Meldungen zugegangen: General Gromkow be­richtet aus Chabarowsk vom 10. ds. MtS.: General Rennenkampf hat den Ort Santschar eingenommen, ist an den Pässen des ChingangebirgeS angelangt und hat die telegraphische Verbindung bis Aigun hergestellt. Eine Meldung des Ingenieurs Botscharow vom 9. ds. besagt, daß die telegraphische Verbindung mit Chailar, ZuruchaituS und Atagritu wieder hergestellt ist. Der Finanzminister erhielt einen Bericht über die Einnahme CharbinS durch ein russisches Detachement. Von Saufin bis Charbi» räumten die Chinesen alle Poften und flohen. Nachträglich wird noch über ernste Angriffe der Chinesen vom 26. Juli bei Charbin gemeldet. Die Chinesen wurden zurückgeschlagen und drei Geschütze erbeutet, auS denen dann auf die Chinesen geschaffen wurde. Unsere Verluste betragen 50 Tote und Verwundete, ei« Teil von Charbin wurde niedergebrannt.

einer von Lihirngtschangs treuesten und geschicktesten Schützlingen, benutzt die Gelegenheit, um für seines, Meisters neue Sendung zu wirken, empfängt Bericht­erstatter hiesiger Blätter, spielt die Interviews in ameri­kanische Zeitungen hinüber, hätt aller Welt vor, daß er von Anfang an die Ermordung der Gesandten für unwahr erklärt habe, und sucht die kaiserlichen Erlasse wieder zu Ehren zu bringen, nebenbei aber die Gemüter wegen be$ Schicksals der in Peking befindlichen Europäer zu ängsti­gen, falls die gebotene Gelegenheit zur allgemeinen Ab­reise nicht benutzt werde. Augenscheinlich ist sein und Li- hungtschangs erste Hauptsorge, die Fortsetzung des Vor­marsches auf Peking zu verhindern. Nebenher rät er aber den Mächten dringend, keine Geldentschädigung zu for­dern !und Verhandlungen nickst mit der Absicht zu be­ginnen, Rache zu nehmen. Sicherheiten für künftige Re­formen sollten nach seiner Ansicht eine genügende Ent­schädigung für das von den Aufständischen angerichtete Unheil sein. Um aber ähnliche Vorkommnisse zu verhüten, werde es notwendig sein, die Führer der Aufständischen, zu entdecken und der Macht zur Bekämpfung des Thrones, und der Ausländer zu berauben. Die Mächte sollten einen erleuchteten ausländerfreundlichen Chinesen wie Lihung- tschang als Premier einsetzen, bann auf Reformen im Ge­richts-, Finanz- unb Unterrichtswesen bringen. Man müßte zuerst bie Konsulargerichtsbarkeit abschasfen unb bie Zölle für Lebensbebürfnisse von 5 auf 15, für Luxusartikel auf 25 Prozent vom Werte festsetzen. Im ganzen madjen biefe Darlegungen über bie schwebenbe Hauptfrage wenig Ein- bruck. Man hält bem Gesanbten ziemlich allgemein vor, wenn, wie er anbeute, bie chinesische Regierung bie Frem- ben in Peking nicht schützen könne, würbe sie erst recht nicht für ihre Sicherheit während ihres Marsches nach Tientsin einstehen können.Daily Graph ic" wieder­holt die schon früher gegebene Erklärung, bie erste Unter­lage für bie Möglichkeit, in Friebensverhanblungen ein­zutreten, sei bie Ucbergabe Pekings, ba es militärischer Grunbsatz sei, baß burch Unterverhanblungen bie militä­rische Lage nicht verschoben werden dürfe. Nur bie Time s" verbreitet sich über ben Text, Rache würbe bie .Hauptschuldigen ungeschäbigt lassen, unb es sei nicht rat­sam, auf Gebiets- ober Gelbentschäbigung zu bringen. Was aber verlangt werde, jnüffe auch scharf durchgeführt Werbern Die Hauptsache für bie Zukunft bleibe, baß bie Mächte sich jebes Eingreifens in Gestalt von militärischen Angriffen ober von politischen Ränken enthielten unb sich auf ben, Schutz ber Hanbelsinteressen unb ber persönlichen Rechte beschränkten.

Das Reutersch^Bureanmelbet vom 6. ds. aus Tientsin: Zwei glaubwürbige Kuriere, bie Peking am 1. August ver­lassen haben, berichten, bie Kaiserin-Witwe habe die Gesanbtschaften mit Lebensmitteln für einige Tage ver­sehen, Lipingheng jeboch habe nach seiner Ankunft zwei Batterieen auf der Stabtmauer in ber Nähe ber Ge­sanbtschaften auffahren lassen unb bie Gesanbtschaften zwei Tage lang unter heftiges Geschütz- unb Gewehrfeuer ge­nommen. Ein Missionar, ber mit einer Abteilung bem Versuch machte, Lebensmittel zu besorgen, würbe getötet

Deir stellvertretende Staatssekretär Adee ließ bem Washingtoner Gesanbten Wutingfang bie Antwort ber amerikanischen Regierung auf bas Ebikt ber chinesischen Regierung zugehen, woburch Li-Huna-Tschcmg, zu Friebensunterhanblungen ermächtigt wirb, unb ersuchte ben Gesandten, diese Antwort nach China zu übermitteln. In ber Antwort werben bie bereits in ber Denkschrift vom 8. ds. erhobenen Forderungen wieberholt (Einstellung ber Angriffe auf bie Gesanbtschaften unb Zusammenwirken ber chinesischen Regierung mit ber Entsatzkolonne ber Ver­bündeten) und es wirb außerbem entschieden betont, baß s» lange keine Verhanblungen möglich sinb, als China sich biefen Forderungen nicht gefügt hat. >