Nr. 163 Zweites Blatt
Sonntag -en 15. Juli
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Die Hochzeit in Gmuudeu.
Vermählungen in fürstlichen Häusern haben heutzutage bei weitem nicht mebr die gleiche Bedeutung für die Geschicke der Länder und Völker wie in früheren Zeiten. Daß die Hand einer Fürste ntochter dem Sieger als Preis des Friedens geboten oder von diesem gefordert wurde, ist ein für Europa seit nahezu einem Jahrhundert überwundener Standpunkt; Napoleon L hat den Beschluß damit gemacht, als er im Frieden von Schönbrunn die Erzherzogin Marie Luise zur Gemahlin begehrte und erhielt, nachdem schon jahrelang die süddeutschen Fürstenhäuser Gemahlinnen für die Prinzen aus dem Hause Bonaparte hatten liefern müssen. Seitdem die Entscheidung über Krieg und Frieden nichit mehr ausschließlich in den Kabinetten der Herrscher gefällt wird, ist auch die Eheschließung zwischen fürstlichen Personen insofern menschlicher geworden, als nicht mehr ausschließlich die Forderungen der hohen Politik, sondern ebenso sehr und ebenso häufig die Forderungen des Herzens in die Wagschale gelegt werden. Daß deshalb nun aber allen fürstlichen Eheschließungen jede politische Bedeutung abgesprochen werden müsse, wollen wir nicht behaupten.
Der Dienstag dieser Woche hat bekanntlich, zwei Vermählungen an deutschen Höfen mit sich gebracht. In München vermählte sich der künftige Thronfolger Prinz Rupprecht von Bayern mit der Herzogin Gabriele in Bayern; es war ein durchaus häusliche bayrisches Fest ohne allen und jeden politischen Beigeschmack. Die zweite Hochzeit aber ist eher geeignet, auch in politischen Kreisen Beachtung zu beanspruchen. Gleichfalls ein künftiger deutscher Thronfolger, Prinz Max von,Baden, führte die älteste Tochter eines mit dem Deutschen Reiche, besonders mit dem deutschen Kaiserhause noch, bitter verfeindeten, weil entthronten deutschen Fürstenhauses heim: Prinzessin Marie Luise, des Herzogs Ernst August von Cumberland und der Prinzessin Thyra aus dem dänischen Königshause ältestes Kind. Es ist eine sonderbare Fügung, daß schon ein anderer der wenigen Sprossen des badischen Hauses sich mit der Tochter eines infolge des Krieges von 186G entthronten deutschen Fürsten vermählte: der Erbgroßherzog Friedrich von Baden im Jahre 1885 mit der Prinzessin Hilda von Nassau. Aber deren Vater hatte seinen Frieden mit Preußen geschlossen, indem er sich! in das Unabänderliche fügte und den durch den Krieg geschaffenen Zustand anerkannte.
Anders in Gmunden. Der König Georg V. von Hannover, der im Juni 1866 in beklagenswerter Starrheit seine Unterschrift zuni Anschluß an Preußen verweigerte, ist ebenso starr geblieben bis zu seinem Tode im Juni 1878. Ja, seine Gegnerschaft gegen Preußen verschärfte sich nach, 1866 noch in sehr bedenklicher Weise durch die verblendeten politischen Umtriebe im Auslande zur Wiedererlangung der Königlichen Macht. Sein Sohn, der den Titel, den sein gleichnamiger Großvater vor der Thronbesteigung in Hannover getragen hatte, den eines Herzogs
von Cumberland, annahm, beharrte in der feindlichen Haltung und notifizierte diesen Entschluß ausdrücklich den europäischen Höfen durch sein Rundschreiben vom 11. Juli 1878, in dem er feierlich seine Ansprüche auf Hannover und sein Erbrecht auf Braunschweig betonte, daneben aber im übrigen die Verfassung des Deutschen Reiches anerkannte. Ain 21. Dezember desselben Jahres vermählte er sich mit der Prinzessin Thyra von Dänemark. Es lag die Vermutung nahe, daß der gemeinsame Haß gegen Preußens Politik den Weg zu dieser Ehe geebnet hatte; ist doch auch heute noch in Kopenhagen die Wunde, die der Krieg von 1864 geschlagen hat, nicht verharscht.
Was Wunder, daß unter solchen Umständen die Verlobung des Prinzen Max von Baden mit dem welfischen Fürstenkinde lebhaftes Erstaunen erregte. Es gab Leute genug, die in diesem Heiratsprojekt des dem preußischen Königshause nahe verwandten Prinzen die Anbahnung einer endlichen Aussöhnung der beiden fürstlichen Häuser vermuteten: das Erstaunen über die Einwilligung der Eltern der Braut zu dem Herzensbunde gab ja auch, unleugbar solchen Kombinationen reichliche Nahrung. In unmißverständlicher Weise wurde dagegen erklärt, daß die Heirat keinerlei politische Folgen haben werde; es handle sich eben nur um ein Herzensbündnis, dem hätten beide Teile kein Hindernis in den Weg legen wollen. So gaben denn, wie der Herzog von Cumberland für seine Tochter, so auch der Großherzog von Baden für seinen Neffen und der Kaiser für den deutschen Prinzen und Offizier und den persönlichen Freund ihre Zustimmung.
Wie bei der Verlobung, so wurden auch jetzt bei der Vermählung die Verwahrungen gegen politische Folgen wenigstens offiziös als etwas selbstverständliches wiederholt. Trotzdem ist es nicht ohne mancherlei politische Anspielungen geblieben. Den unversöhnlichen Anhängern des Welfenhauses in Hannover und Braunschweig, der sogenannten deutschen Rechtspartei» erschien die Gelegenheit allzu günstig, als daß sie sie ungenützt hätten vorübergehen lassen mögen. In beiden Landesteilen wurden Sammlungen veranstaltet, in Hannover zwar verboten, aber im Geheimen fortgesetzt. Die Getreuen, unter denen die Adelsfamilien Bernstorff, Wedel, Schulenburg, Grote, Eulenburg, Hodenberg, Wangenheim, Goetz, Klencke, Schele und Reden genannt werden, überreichten als Widmung des welfischen Adels auf silbernem Sockel das hannoversche Sachsenroß. Die braunschweigische Rechtspartei widmete eine silberne Jardiniere; Graf Schulenburg überreichte sie mit dem Wunsche, daß die Braut die „Heimat", die ihr leider nie bekannt geworden sei, nicht vergessen möge. Es wird erzählt, die Prinzessin habe thränenden Auges gedankt für „diesen neuen Beweis der Treue und Anhänglichkeit der Braunschweiger." Das klingt zwar unwahrscheinliche aber nicht übel ist die Antwort des Prinzen Max an den rührseligen Bürgermeister von Gmunden: er hoffe, daß seine Braut sich in der neuen Heimat eben so wohl fühlen werde, wie unter der Obhut der Stadt Gmunden!
Wir erwähnten schon, daß der Herzog von Cumberland den Wunsch ausgesprochen habe, es möcksten in den Ansprachen alle politischen Anspielungen vermieden werden. Merkwürdig paßt dazu die von dem hannoverschen Welfen- blatte, der „Deutschen Volkszeitung", triumphierend verbreitete und von uns auch bereits wiedergegebene Nachricht, Prinz Max habe das ihm vom Vater seiner Braut verliehene „Großkreuz des hannoverschen Georgsordens^ zum ersten Male getragen. Solche Verleihung würde un- giltig sein, weil dieses Recht nur Landesfürsten zusteht; sie würde aber auch direkt eine Herausforderung bedeuten, weil der Herzog Ernst August sich damit die Würde eines Souverains unberechtigterweise angemaßt hätte. Endlich würde er sich, damit aber auch! einer ganz unerhörten Taktlosigkeit schuldig gemacht haben, sowohl dem Prinzen gegenüber, der für das Anlegen sofort strenge militärische Bestrafung gewärtigen müßte, wie auch gegenüber bett zahlreichen Hochzeitsgästen aus fürstlichen Häusern.
Solcher Gäste wurden an 40 gezählt, und wie gern möchten die Welfen daraus Kapital schlagen! Und doch ist der Anwesenheit aller dieser fürstlichen Personen keinerlei politische Bedeutung beizumessen, sie beweist nur die Zarteste Teilnahme für die Braut und für den Freudentax oes herzoglichen Hauses. Ihre Anwesenheit bekundet im Gegenteil den privaten Charakter der Feier ganz ausdrückliche Man vergegenwärtige sich! einmal, das Fest hätte politische Bedeutung haben sollen. Diese hätte sich notwendig gegen das preußische Königshaus wenden müssen, das zugleich deutsches Kaiserhaus ist. Würden da der Kaiser von Oesterreich, der Großherzog und die Großherzogin von Baden, Prinz Friedrich Karl von Hessen und Gemahlin (d. h. Schwager und Schwester Kaiser Wilhelms) haben teilnehmen können, üm nur die greifbarsten Beispiele herauszugreifen? Nimmermehr!
Zum Glück des jungen fürstlichen Paares würde es unzweifelhaft beitragen, wenn der Herzog von Cumberland seinen Widerstand aufgäbe und eine Versöhnung mit dem Kaiser anbahnte; es wäre erfreulich- wenn das die Folge dieses Ehebündnisses sein würde. Das aber steht fest, daß die Welfen sich auf dem Holzwege befinden, wenn sie auf die Gmundener Familienfeier und ihre Begleiterscheinungen politische Hoffnungen gründen. Der Standpunkt Preußens und damit Deutschlands in der welfischen Frage hat sich um keines Haares Breite dadurch geändert.
Die Gerichtsferien.
Wieder stehen wir jetzt vor den Gerichtsferien. Zwei Monate lang ruht fast die gesamte Thätigkeit unserer Gerichte in Zivilsachen. Allerdings kennt das! Gesetz: eine Reihe von Sachen, die Feriensachen sind und auch während der Ferien von Ferienkammern und Feriensenaten erledigt werden, aber sie bilden nur einen ganz geringen Teil aller Zivilprozesse. Und wenn unser Gerichtsverfassungs- gesetz die Bestimmung enthält, daß das Gericht auf Antrag
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nackdruck verboten.)
Berliner Sommerschmerzeu. — Eine Geige vom Himmel. — Die Gigerlkönigin von 1900.
, Allsommerlich, spätestens wenn die großen Schulferien beginnen, packt ganz Berlin seine Koffer, große und Heine, leoerrte und hölzerne, elegante und beinahe ausgediente, und dampft in die Welt der Bäder und Sommerfrischen hinaus. Dieses „Ganz Berlin" ist leider nicht einmal halb. Nicht emmal ein Zehntel Berlin. Die große, ^,.-Obn gebundene Mehrzahl, die mit weitaus größerer Berechtigung „Ganz Berlin" heißen könnte, muß baherm bleiben und weiter schaffen in der großen Tretmühle des "Alltags, ganz gleich, ob nach den Aussprüchen der Anderen dre Hitze mehr als unerträglich, die „Luft zum Ersticken", die Ausdünstungen von Menschen und Tieren „direkt beleidigend" find'. Run ist die rührige Stadtverwaltung seit Jahrzehnten bemüht gewesen für diese armen Zurückbleibenden nach Kräften zu sorgen und hat durch Erhaltung und Neuanlage großer Plätze mit parkartigen Bepflanzungen Lungen für den Riesenkörper geschaffen, die ihre Wirkung überall fühlbar werden lassen- sie hat durch ein Heer von Sprengwagen Sorge dafür getragen, daß der Dunst und Staub, der überall aufwirbelt, immer wieder fortgespült oder an den Erdboden gefesselt wird; sie läßt es sich angelegen sein, durch Einrichtung neuer Badeanstalten auch für die ärmeren Klassen, die keine Bade-Einrichtungen in der Wohnung haben, Gelegenheit zu gründlicher, erfrischender Körperreinigung zu schaffen, sodaß beispielsweise in den heißen Tagen täglich über 30 000 Menschen in den städtischen Anstalten baden können und gebadet haben; und dennoch ist der Berliner m-och lange nicht zufrieden! Und er hat auch Ursache dazu!
Alle Sprengvorrichtungen sind nicht imstande, die Ausdünstungen, die sich namentlich an Droschkenhalteplätzen wie große Giftwolken über die ganze Umgebung perbreiten, aber auch von den Fahrdämmen der großen Verkehrsstraßen aufsteigen, zu beseitigen, und es wäre wohl keine üble Idee, einen Preis darauf auszusetzen, wie diesen in den heißen Monaten so gefährlichen Luftverpestungen ein Ende gesetzt werden könnte! Noch schlimmer sind die unentbehrlichen BeförderüNIgsmittel, die der Staat der Reichs- Hauptstadt stellt. Jch^rede von den Lokomotiven derStadt- und Ringbahn, der Wannseebahn re. Welch unglaubliche Mengen von übelriechendem Qualm und Rauch aus den kurzen, fortwährend schnaubenden Schornsteinen dieser eisernen Bestien in alle Stadtteile geschleudert werden, läßt sich gar nicht schildern. Die Strecke vom Potsdamer Bahnhof durch Berlin W. und Schöneberg, auf der tagtäglich viele hundert Züge verkehren, erweckt zu Zeiten den Ändruck eines großen, von Dampfgewölk überwogten Brandherdes. Man glaubt, ein ganzer Stadtteil sei vom Feuer ergriffen und jeden Augenblick müßten Riesenflammen gen Himmel lodern! Ob das alles sein muß, ob die keuchenden Maschinen diesen ganzen Ozean von Dunst über Die Stadt ausschütten müssen oder ob ein Teil nicht doch unterwegs, auf unbewohnten Strecken, abgegeben werden könnte, entzieht sich meiner Beurteilung. Jedenfalls wäre es zu wünschten, daß die Versuche, die auf der Wannseebahn mit dem elektrischen Betriebe nun schon seit Monaten ohne Resultat vorgenommen werden, endlich zu einem für die Zukunft Berlins erfreulichen Abschluß gelangten. Erst wenn alle Züge rund um Berlin und nach den Vororten mit Stromkraft geführt werden, kann man wieder von erträglicher Luft in der Stadt reden, die in sanitärer Beziehung an der Spitze sämtlicher Weltstädte marschieren soll. Es ist nicht nötig, daß beim elektrischen Betrieb 16 Prozent gegen früher erspart werden; es ist aber dringend erforderlich, der Unsumme von Schornsteinen
auf den Luftverderbern, den Lokomotiven, den Mund endlich zu stopfen! Schade, daß Herr v. Thielen in den heißen Monaten nicht auch in Berlin bleibt! . . .
Daß manch einem jungen Idealisten der Himmel voller Geigen hängt, ist eine bekannte Sache. Weniger oft soll es sich ereignen, daß eine von diesen himmlischen Musik- Instrumenten plötzlich jemandem, der sich lange danach gesehnt, aber nie an ein solches Wunder geglaubt hat, einfach in den Schoß fällt. Und doch ist die Geschichte jüngst in Berlin einem Jünger der lieblichen Frau Musika begegnet. Es ist eine echte Stradivarius im Werte vow ca. 36 000 Mark. Der verstorbene Hofbankier unseres altens Wilhelm hat sie in seinem Besitz gehabt und einem Geiger des Königl. Opernorchesters ist fie von der Tochter und Erbin des reichen Dessauers, Frau v. Cohn-Oppenheim, in großmütiger Weise geschenkt worden. Es giebt trotz aller Schwarzseher und Weltverächter doch noch gute Menschen?
Ja, sogar die große Ueberzahl ist gut, wenigstens! gutmütig und nachsichtig, sonst würden die allerdings erst ganz vereinzelt auftauchenden, die Linden und die Friedrichstraße passierenden Gigerlköniginnen des neuem Säkulums nicht blos mit einem heiteren Auftachen oder ärgerlichem Kopfschütteln davon kommen. Wie sie aus- sehen? Eigentlich wie ihr männliches Gegenspiel, nur daß sie sich noch! nicht zu den kanalröhrenartigen Hosen mit den handbreiten Krempen aufgeschwungen haben. Aber das lange Jaquet, die steife Hemdbrust mit dem Kragen, der tief in den Unterkiefer hineinbohrt, die leuchtende Kravatte, das schwindsüchtig kleine Hütchen tragen sie. In den Händen drehen sie einen zierlichen, mitunter auch kolossalen Spazierstock und int linken Auge glänzt, an breiter Schnur befestigt, ein Monoele! — Und das alles mitten im Juli — zur Hundstagszeit! . . . Hol' sie der — August — September! ... A. R.


