Ausgabe 
15.4.1900 Erstes Blatt
 
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Ur. 88 Erstes Blatt Sonntag den 15. April

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Hstern.

W. Gießen, 14. April 1900.

Das Fest der Auferstehung ist wieder da. Wieder steht der Mensch bewundernd, ja anbetend still vor dem wunderbaren Wirken der gigantischen Kräfte im Schoße der Natur. ES tritt ja alljährlich in die Erscheinung, dieses herrliche Werden, es kommt ja mit Naturnotwendig' Zeit, folgend einem ewigen Gesetze, auf den Winter der Frühling, aber immer erscheint dieser Wechsel dem Menschen «strich gewaltig. Der lebeuschaffende Odem, der die Ra» tur bewegt, erfaßt zur Frühlingszeit auch die Menschen- feele mit milder und doch unwiderstehlicher Kraft, er giebt «auch den Menschen Einblick in den allgemeinen Werde- qwozeß, Hoffnung fängt wieder an zu blühen undnach des Lebens Quellenbächen", wie der Dichter singt, zieht eS «auch ihn. Auferstehen beginnt in der ganzen Natur; von Auferstehen predigt in lebendiger Sprache jedes leise Keimen auf Busch und Baum, in Flur und Feld.

In diese Zeit des Frühlingsschaffens der Natur, in diese Zeit voll Auferstehung alles Lebens fällt das ^kirchliche Auferstehungsfest Ostern. Lange ehe daS 'Christentum mit seinen Lehren die Welt eroberte, beugten zwar schon die Völker ihren Scheitel demütig vor den gött­lichen Kräften, mit denen die Natur aus dem Winter den Frühling schuf, feierten sie das Auferstehen. Auch an heidnischen Altären flammten der Ostara heilige Feuer auf. Aber erst seitdem die christliche Auferstehungsidee die sinn­vollen Mysterien des Naturlebens, die seit den Tagen der grauen Vorzeit das Gemüt des Menschen tief andächtig bewegen, in sich ausgenommen und damit in eine höhere Sphäre emporgehoben hat, hat das Osterfest den doppelten Charakter gewonnen, der ihm heute eigentümlich ist und den kein anderes Fest mit ihm teilt. Osterfreude und Früh­lingsahnen find unzertrennlich.

Die Ost'.rfreuden sind auch in unsere heimische Politik eingezogen. Es ist stille in ihr geworden, und wir könnten von einem Osterfrieden reden, wenn die lex Heinze und das Vieh- und Fleischschaugesetz nicht in Aussicht stünden. Das große Flottengesetz macht der Regierung nicht mehr übergroße Kopfschmerzen, die Erörterungen drehen sich nur darum, welche Steuern im Interesse einer möglichst be­quemen Kostendeckung am besten einzuführen seien. Auch die preußische Kanalvorlage, die im Vorjahre die Gemüter so außerordentlich erhitzte, macht heute keinen Anspruch darauf, besonders beachtet zu werden, ja, es ist bereits die Rede davon, dieser Gesetzentwurf, der in der Thronrede mit unbedingter Bestimmtheit angekündigt war, werde in der laufenden Tagung die preußische^Volksvertretung überhaupt nicht mehr beschäftigen, jedenfalls erst nach der Annahme der großen Marinevorlage, und darüber kann wegen der technischen Schwierigkeiten der Kostenaufbringung die Rosen­zeit bequem herankommen.

Iw

Der Maikäfer im April.

Humoreske von Max Hirsch feld.

Als Redakteur des Schrodaer Wochenblatts saß ich einmal Anfang April in meiner Redaktionsstube uno ar­beitete an demBriefkasten" der nächsten Kummer, einer Stadt von etwa 5000 Seelen pflegt die Zeitungs­redaktion nur selten Zuschriften zu erhalten. Hie und da fragt einmal ein Abonnent, ob seine Kummer in derPro- Vinzial-Gewerbe-Lotterie" herausgekommen sei, oder ein Gymnasiast schickt anonym ein Liebesgedicht ein, mit dem Versprechen, seinen Namen zu nennen, sobald das Gedicht im Publikum begeisterte Aufnahme finde aber diese Zuschriften sind eben nur zur Zeit einer LotterieziehunK oder im Frühling gäng und gäbe. Jedoch das Publikum liest gern imBriefkasten" Antworten, die es nicht versteht, aus Fragen, die niemand etwas angehen. Diesem Geschmack mußte ich Rechnung tragen. Ich erdichtete aber ohne Ge­wissensbisse Fragen und Antworten:

A. B in & 1) Ja. 2) Vielleicht. 3) Erhalten Sie

beim Apotheker.

R. in G. Wir werden darauf zurückkommen.

Bmstr. S. L. Beachten Sie freundlichst unseren In­seratenteil. r

N. N. Sie haben die Wette gewonnen. Die Infanterie 'hat nur weißes oder schwarzes Lederzeug, niemals rotes i»ber grünes. . , ,

Soweit war ich gekommen, als Mir ein eigentümlicher 'Brief gebracht wurde, umfangreich und dick, aber leicht; -das Couvert war mit Nadeln zerspickt und trug die Auf-

DaS Gesetz zur Bekämpfung der Unfittlichkeit, die lex Heinze soll angeblich auf sich beruhen bleiben. Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, bleibt abzuwarten; immer­hin ist zu hoffen, daß der Sturm, der nach Jahren über Nacht wiederkam und alles finstere Gewölk, das hier und dort am Horizont zerstreut lag, ansammelte und zu einer schwarzen Wolkenmaffe über unseren Häuptern zusammen­ballte, vorübergehen wird, nach dem er sich in jenen au Erhabenem und Lächerlichem so reichen Reichstagsdebatten ein für allemal ausgetobt hat. Die Verwirklichung der lex Heinze würde das Anschwellen einer reaktionären Hoch­flut bedeuten, die geeignet wäre, namentlich die deutsche Kunst und das deutsche Ansehen im Auslande um viele Jahrzehnte in der Entwickelung zurückzuschleudern. Es würde der Anfang sein einer Regierung nach den Rezepten der Inquisition. ' Hier ist noch immer ein machtvoller Osterruf, ein kräftiges Klingen der Osterglocken von Nöten, ein thatkräftigesAuferstehen".

Vor das Grab des Erlösers hatte nach der religiösen Ueberlieferung irdischer Fürwitz schwere Felsblöcke gelegt, sie feierlich versiegelt und Wächter der Ordnung davorge- fteöt dennoch öffnete sich das Grab. So wird auch der Genius der Kunst die Felsen zerbrechen, die menschlicher Aberwitz vor die Thür seines Grabes wälzt. Das ist unser zuversichtlicher Glaube.

Politische Tagesschau.

Das Vieh- und Fleischfchangesetz kann bei mangeln­der Verständigung einen unerfreulichen Zwist zwischen Industrie und Landwirtschaft herbeiführen. Von feiten der ersteren kommt der Ruf: Das Verbot der fremdländischen Fleisch-Einfuhr wird die Nahrungsmittel verteuern, wir haben also Schaden! Aus der Landwirtschaft klingt es wider: Die Industrie hat in letzter Zeit so viel verdient, daß auch die gleichberechtigte Landwirtschaft wohl einmal an sich selbst denken kann. Uebrigens wird die Fleischver­teuerung uicht nennenswert sein und lange nicht so ins Gewicht fallen, wie die Preissteigerung für Kohlen. Die Befürchtung, daß namentlich die Vereinigten Staaten von Nordamerika Vergeltungsmaßregeln treffen würden, ist heute schon etwas in den Hintergrund getreten, doch darf sie keineswegs außer Acht gelassen werden. Denn, wie nun, wenn wir einmal mit der nordamerikanischen Union in Handelsstreitigkeiten kommen sollten auch dann, wenn in Sachen der Fleischfrage eine Verständigung erzielt ist? Wir müßten uns dann doch ein wenig seltsam vorkommen. Ver­gessen dürfen wir keinesfalls, daß die Vereinigten Staaten schon wiederholt uns gegenüber ihre Zölle erhöht und allerlei Schikanen eingeführt haben, ohne daß wir ihnen hierfür auch nur die geringste Veranlassung gegeben hätten. In den Erörterungen über Fleisch-Schaugesetz und Waren­haussteuer ist noch reichlich viel graue Theorie enthalten. Treiben wir keine theoretische Politik, auch keine solche, die

schrist:Muster ohne Wert". Der Brief war mit der Stadt­post aufgegeben.

Damals begannen gerade explodierende Attentatspost­sendungen eine Rolle zu spielen, weshalb auch mein erster Gedanke war, den Brief in das gefüllte Waschbecken zu werfen. Da ich aber zu eben derselben Zeit in meinet exponierten Stellung als Redakteur des Schrodaer Wachen­blattes die Welt für ein Jammerthal hielt, so schien es mir kein großes Uebel, dasselbe zu verlassen. Ja, es schien mir sogar nicht unangenehm und namentlich für meinen Beruf vorteilhaft, auf diese Weise aus dem Leben zu scheiden, indem ich der kollegialen Presse sozusagen als Vermächtnis eine Riesen-Sensations-Nachricht hinterließ. Das Opfer eines ruchlosen Attentats, dessen Urheberschaft sich in geheimes Dunkel hüllt, wurde unser Kollege usw."

In dieser Illusion beinahe schwelgend, schnitt ich ent­schlossen das Couvert auf, und ein Schächtelchen fiel mir in die Hände. Als ich es öffnete, bemerkte ich einen in Watte gebetteten Maikäfer, um ihn herum einige Choko- ladenstückchen. Unter der Watte aber lag ein Zettel fol­genden Inhalts:

Anbei ein Maikeffer als frülingsbohte bitte ihn mit Schukkelade zu fütern bei uns fraß er keine.

Eine treue abonendin."

Zunächst wandte ich meine Sorge dem Maikäfer zu. Er schien ohne Leben zu sein, wahrscheinlich erfroren.

Die sogenanntenFrühlingsboten" sind sowohl als Material für eine Lokalnotiz wie auch als Bindemittel zwischen Redaktion und Abonnenten eine unentbehrliche Einrichtung für große und kleine Zeitungen geworden. Die Menschheit ist durch Elend aller Art mißtrauisch geworden

mit dem Kopf durch die Wand will, wohl aber eine prak­tische, das heißt eine solche, die uns sicheren Nutzen bringt.

Kokales.

* Zum Osterfeste.

In mildem Lichte Leuchtet der Lenz; Aus lauen Lüften Lind und lieblich, Wunder webend Er sich wiegt;

Ueber Wald und Auen Weht sein Atem, Weit geöffnet Lacht fein Äug'."

Wer jemals Richard WagnersWalküre" gehört und gesehen hat, wird sich stets in leiser Entzückung jener Szene erinnern, in der Sigmund diese Verse singt. Die Thür des Saales, in dem die Uresche ragt, ist plötzlich aufge­sprungen. Draußen sieht man die sanft schlummernde, dem Erwachen nahe, herrliche Frühlingsnacht, der Vollmond leuchtet herein; der junge Lenz lacht in den Saal. Es ist ein Bild von wunderbarer Schönheit zu den Klängen herr­lichster Musik. So plötzlich, wie sich dieses zauberhafte Bild den Blicken der Zuschauer in jenem sinnbildlichen Ton­werke bietet, so plötzlich pflegt der Lenz zu kommen. Der furchtbare Drache Winter erhält den Todesstoß von dem kühnen Helden, und die jungfräuliche Erde ist aus ihrer langen Verzauberung erlöst. Sie erstrahlt in bräutlichem Schmuck, und Lenz und Erde feiern Hochzeit. In den Festjubel klingen die Oberglocken, die den Gläubigen zur Kirche rufen.

Doch rastlos melden andre, rauhe Klänge Nach andern Zielen größeres Gedränge.

Vom nahen Bahnhof eilt im Rasselflug Gefüllt hinaus ins Freie Zug um Zug."

In den Ostertagen fällt's eben vielen auf's Herz, daß unseres Gottes Hausrat viel reicher ist, als Ziegel und Schornsteine erscheinen lassen. Darum treibt's uns hinaus in das Sonnenlicht und in den sproffenden Frühling. Und es ist herrlich, in diesen Feiertagen hinauszupilgern in die Natur, zu sehen wie überall das junge Grün sich hervor­wagt, wie an allen Bäumen und Sträuchern die Knospen strotzend schwellen und die zarten Blättchen sich hervor- wagen. Und wenn dazu die Sonne golden scheint, der Himmel leuchtet in duftigem Blau, eine milde, laue Luft uns wohlig umschmeichelt, in den Bäumen die Amsel und im Aether droben die Lerche singt, dann wird es einem so froh und so leicht ums Herz. Und selbst wenn Wolken den Himmel umziehen und der Regen auf Feld und Flur nieterträuft, freut man sich dessen. Weiß man doch, daß dieser Regen nur dazu dient, die jungen Saaten schneller hervorzulocken, die frischen Blätter rascher zu entfalten.

und zweifelt in jedem Winter aufs neue, daß der Frühling kommen werde. Daher nimmt man mit dem größten Interesse alle Anzeichen wahr, welche auf ein Nahen des Frühlings schließen lassen.

Man wird nun begreifen, daß ich dem erfrorenen Maikäfer alle Sorgfalt zuwandte. In meinem Redaktions­zimmer hing eine Tafel mit der Aufschrift:Erste Hilfe bei Unglücksfällen". Es steht da geschrieben, man solle Erfrorene mit Schnee einreioen, und ich hätte dem Mai­käfer gern diesen Liebesdienst erwiesen, aber ich konnte nun nirgends anders mehr Schnee erblicken, als auf dem

Dache. Ta hinaufklettern wollte ich selbst um den Preis eines Maikäferlebens nicht. Außerdem bin ich nie ein großer Turner gewesen, und der Erfolg war somit zweifel­haft. Ich glaubte meiner Tierschutzpflicht zu genügen, wenn ich ihn in die warme Ofenröhre legte.

Dann setzte ich mich wieder an die Arbeit. Froh­lockend bemerkte ich, daß ich meinenBriefkasten" jetzt um einige Zeilen bereichern durfte, welche an einen wirk­lichen Abonnenten gerichtet waren. Ich schrieb also:

Treue Abonnentin. Wir danken Dir--"

Ich hielt inne. Eine Kinderhandschrift und -Ortho­graphie war es ja, aber durfte ich eine treue Abonnentin ohne weiteres duzen?

Diese wichtige Angelegenheit durfte nicht übers Knie gebrochen werden, und so that ich, was ich immer thue, wenn ich über ein ernstes Problem nachdenke, ich stand aus, und ging im Zimmer auf und ab. Natürlich führte mein Weg mich an der Ofenröhre vorbei, und wer beschreibt meine Freude, als ich bemerkte, daß der Markafer lebend' g geworden und in der Röhre, die er offenbar für seine