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15.4.1900 Drittes Blatt
 
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Nr. 88 Drittes Blatt.Sonntag den 15. April

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Politische Tagesschau.

Heute, am 14. April, vollzieht sich in Paris das große Ereignis, dem ganz Frankreich seit Jahren teils mit über­schwänglicher Hoffnung, teils mit banger Sorge entgegen» sieht: Die Eröffnung der Pariser Weltaus­stellung. Die jetzige Pariser Weltausstellung ist die vierte in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum, 1867, 1878 und 1889 fanden die früheren statt; es scheint sich mithin zu einer Art feststehenden Gewohnheit in Frankreich zu entwickeln, alle elf Jahre eine Weltausstellung abzuhalten. Man muß jedenfalls den Mut der Franzosen bewundern, daß sie es wagen, in so kurzen Zeiträumen hintereinander die Völker zu diesem industriellen Weltfest einzuladen. Es ist noch nicht allzulange her, daß ein großer französischer Poet, Victor Hugo, Paris das Gehirn und das Herz der Welt nannte. Das ist die Hauptstadt der französischen Re­publik heute zweifellos nicht mehr, neidlos aber müssen auch wir Heutigen anerkennen, daß kaum eine zweite Stadt der Welt durch ihre geschichtliche Entwickelung und ihren Reichtum, durch die Mannigfaltigkeit ihrer Genüsse und durch das überkommene Privileg des Fremdenbesuches so prädestiniert sist, als internationales fliendez-vous zu dienen, wie Paris. Welche Wandlungen auch die Stadt Paris durch­gemacht hat, in einem hat sie sich nicht geändert: Paris ist und bleibt die amüsanteste Stadt der Welt, in der man sein Geld auf die bequemste und eleganteste Art loswerden kann, aber für das Geld auch etwas hat. Dieser Umstand sichert allein schon wenigstens teilweise das Gelingen der Aus­stellung, denn man darf sich darüber nicht hinwegtäuschen, daß das schmückende und Amüsement versprechende Beiwerk der Weltausstellung ganz besonders in Paris, aber auch anderswo, für einen großen Teil der Besucher die Haupt­sache bildet. Es ist deshalb ganz natürlich, wenn in Paris seit Monaten viel mehr von denClous" undTrics" der Weltausstellung, als von ihrem industriellen und künst­lerischen Inhalt die Rede ist. Aber trotz des Ueberwiegens dieses Beiwerkes wird die Bedeutung der Ausstellung nicht unterschätzt werden dürfen und man wird darauf rechnen dürfen, daß sie einen interessanten und wertvollen Ueber- blick über die technischen und künstlerischen Leistungen in dem verflossenen Jahrhundert ermöglichen wird. Der Eindruck der Ausstellung wird freilich in der ersten Zeit dadurch beeinträchtigt werden, daß sie sich, was nun einmal das Schicksal der meisten Ausstellungen ist, noch in -einem recht unfertigen Zustande befindet, wovon übrigens gerade die deutsche Abteilung eine erfreuliche Ausnahme vildet.

Auch sonst geht die Eröffnung der Weltausstellung! -unter ungünstigen und wenig Glück verheißenden Sternen vor sich. Der Parteihader, der aus Anlaß der Dreyfus- Affaire seit Jahren Frankreich zerrüttet und die Volks-, leidenschaften zu einer kaum je gekannten Stärke entfacht hatte, ist noch sheute nicht völlig verstummt. Roch immer .zittert die Dreyfus-Affaire in den Gemütern des franzö­sischen Volkes nach, und es fehlt in Paris noch völlig «n der Feststimmung, die zu dem Gelingen einer Welt-» -ausstellung nun einmal erforderlich ist. Aber auch die «äußere politische Sage ist dem Gelingen der Ausstellung wenig günstig. Als jdie Haager Friedenskonferenz unter «llzu'überschwänglichen Hoffnungen in Szene gesetzt wurde, da schmeichelte man sich in Paris damit, daß die Welt-, Ausstellung die natürliche Fortsetzung und die Krönung dieser Frieidensfeier werden würde. Diese Hoffnung Hatz ßich als eitel erwiesen. Als das Sathrspiel zur Friedens­konferenz ist unterdessen der südafrikanische Krieg gefolgt, dessen weitere Folgen noch unübersehbar sind und der die Politische Atmosphäre mit Explosivstoffen angefüllt hat. Es liegt auf der Hand, daß hierunter auch das Milieu der Pariser Weltausstellung leidet, umsomehr, als die Buren- Ifreundlichkeit der Franzosen, die im Grunde mehr eine Engländerfeindlichkeit ist, eine starke Spannung zwischen den beiden von jeder rivalisierenden Nationen erzeugtz fiat. Ihre politische Bedeutung erhält die Ausstellung durch t)ie Beteiligung Deutschlands, das sich 1878 und 1889 infolge der politischen Spannung von den Pariser Aus- f'iellungen ferngehalten hat. Inzwischen haben sich die Be- z.ieshungen zwischen Deutschland und Frantteicb, wenn sie amch keineswegs freundschaftlich geworden sind, doch unf- v«erkennbar gebessert. Die Beteiligung Deutschlands an der Pariser Ausstellung ist die naturgemäße Antwort auf die Beteiligung Frankreichs an der Feier des Nordostseekanals'. Gs wird uns aufrichtig freuen, wenn die Pariser Aus^ sckellung sich auch hier alsFriedensfest" bewähren und ei ine weitere Annäherung zwischen den beiden Nationen h'Erbeiführen sollte, die bei allen tiefgehenden nationalen Differenzen doch das eine gemein haben, daß sie denselben hiohen Zielen der kulturellen Entwickelung zustreben. Wir siiild frei, von Optimismus und wissen wohl, daß Weltaus­stellungen und Friedensfeste nicht den Gang der Politik bötsttmmen und daß den Festsiagen die Werktage folgen.

Aber wenn von der freudigen Stimmung der Feier- laoge stets etwas auf die Werktage hinüber gerettet zu

werden pflegt, weshalb sollte man es für völlig ausge­schlossen halten, daß durch die enge Berührung auf der Pariser Weltausstellung manches vou den Mißverständnissen und Mißstimmungen beseitigt wird, die zwischen den beiden benachbarten Nationen bestehen?

Astrales und Uroonyielles.

(Anonyme Einsendungen, gleichviel welche« Inhalte», werde« grundsätzlich nicht ausgenommen.)

Gießen, 14. April 1900.

* * veschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 241 Jahren, am 15. AprU 1659,tz starb als Professor in Königsberg der Lieder­dichter Simon Dach. In feinen Gedichten spricht sich die Wärme de« Gefühls und Wahrheit der Empfindung auS. Zum Volkslied geworden ist ein« seiner einfachen und doch so sinnigen Liebeslieder: Aennchm von Tharau". Der Dichter wurde am 29. Juli 1605 zu Memel geboren.

IVor 33 Jahren, am 16. April 1867, wurde die von Preußm aufgestellte Verfaffungsvorlage deS Norddeutschen Bundes mit 230 gegen 53 Stimmen angenommen. Nach dieser neuen Bundesvorlage bildeten sämtliche Staaten nordwärts des Mains ein Bundesgebiet mit gemeinsamen Bundesgesetzen unter der obersten Führung Preußens.

Dor 126 Jahrm, am 17. April 1774, wurde zu EtSleben Friedrich König geboren, berühmt durch seine Erfindung der Schnellpresse, auf der der hohe Aufschwung deS heutigen Druckereigewerbes und die außerordentliche Entwickelung des Zeitungs­wesens beruht. König starb am 17. Januar 1833 in Oberzell bet Würzburg. ___________

Von der Universität. Kirchenrat Professor Köstlin ist, wie wir bereits mitgeteilt haben, in dem kommenden Sommer - Semester aus gesundheitlichen Rücksichten ver­hindert, zu lesen. An seiner Stelle wird, denN. Hess. Bolksbl." zufolge, Herr Stadtpfarrer Eger aus Darmstadt voraussichtlich Vorlesungen halten.

Auszeichnungen. Dem Berlagsbuchhändler Jakob Di em er in Mainz ist das Ritterkreuz 2. Klasse des Ver­dienstordens Philipps des Großmütigen, dem Beigeordneten Heinrich Geibel II. zu Klein-Karben das Allgemeine Ehren­zeichen mit der Inschrift:Für langjährige treue Dienste" am Bande des Philipps-Ordens verliehen worden.

* * Aus der neuen Postordnung erwähnen wir noch folgendes: Eine Streitfrage, die die Gerichte öfter beschäftigt hat, ist dahin entschieden, daß die Packetadressen und Postanweisungen, sowie die zu deren Frankierung ver­wendeten Postwertzeichen mit der Einlieferung in das Eigen­tum der Postverwaltung übergehen. Bei Briefen mit Wert­angabe müssen die Umschläge aus einem Stück hergestellt sein und dürfen nicht farbige Ränder haben; sämtliche Klappen des Umschlags müssen durch Siegelabdrücke gefaßt werden. Bei gewöhnlichen und einzuschreibenden Packeten kann der Verschluß lediglich durch eine gut verknotete Ver­schnürung hergestellt werden. Zur Eilbestellung sind jetzt auch gewöhnliche Briefsendungen nach dem Orts- oder Landbestellbezirke des Aufgabeorts zugelassen. Bei Briefen mit Zustellungsurkunde kann der Absender sich künftig auch in privaten Angelegenheiten der vereinfachten Zustellung bedienen. Ueber die Zeit der Einlieferung ist be­stimmt, daß als Schlußzeit für gewöhnliche Drucksachen, Geschäftspapiere und Warenproben eine halbe bis eine Stunde vor dem planmäßigen Abgänge der Post gilt, daß die Einlegung gewöhnlicher Briefsendungen in die Bahn­posten bis zum Abgänge des Zuges zulässig ist und daß die Postanstalten auch befugt sind, außerhalb der Schalter­dienststunden Einschreibepackete anzunehmen. Die Kosten für die postamtliche Verpackung mangelhaft ver­schlossener Sendungen werden vom Absender eingezogen, wenn vom Empfänger keine Zahlung zu erlangen ist. Unterläßt es ein Abholer, die eingegangenen Sendungen rechtzeitig abzufordern, so werden gewöhnliche Packete, so­weit sie sich zur Bestellung eignen, am zweiten Tage nach dem Eingänge in die Wohnung bestellt, wenn sie sich aber nicht zur Bestellung eignen, ebenso wie Einschreibesendungen, Sendungen mit Wertangaben und Postanweisungsaufträge am achten Tage als unbestellbar behandelt. Bei der Rück­gabe unbestellbarer Sendungen, über die ein Einlieferungs­schein erteilt ist, braucht dieser nicht mehr zurückgegeben zu werden. Nachforderungen an Porto für Sendungen, die nach ihrer Aushändigung an den Empfänger als unzu­reichend frankiert erkannt werden, hat der Absender zu be­richtigen, wenn der Empfänger die Zahlung ablehnt.

-h- Kohden b. Nidda, 13. April. In jüngster Zeit haben hier 17 Grundbesitzer verschiedene Grundstücke an den Fiskus verkauft, der damit die Gemarkung von Bad Salzhausen vergrößert. Die Verkäufer haben in runder Summe den ansehnlichen Betrag von etwa 20 000 Mk. erlöst.

A Worms, 13. April. Die Stadtverordneten sprechen im Namen der Stadt einerseits der Bürgerschaft ihren Dank aus für die rege Beteiligung und Mitwirkung bei der Feier der Brückeneinweihung, andrerseits dem Frei­herrn Heyl zu Herrnsheim und dem Geh. Kommerzienrat Valckenberg für die Stiftung eines Prachtpokals bezw. des landesherrlichen Bildnisses für den NathauSsaal. Von all­gemeinem Interesse dürfte der Beschluß sein, daß für die für den Stadthaushalt gelieferten Schreibarbeiten eine Preiserhöhung von 20% bewilligt wurde

iu Krofdorf, 12. April. Herr Greb, der 6 Jahre die Post Gießen-Krofdorf-Rodheim gefahren und seit der Eröffnung der Bieberthalbahn hier gewohnt hat, ist auf seinen Wunsch wieder nach Rod heim versetzt worden. Die Fahrpost ist vom 1. April ab einem Herrn Eckhardt übertragen worden.

i Dutenhofen, 12. April. Für die Mannschaften der Ecsatzreserve sowie Landwehr ersten Aufgebots fand heute mittag die Frühjahrskontrollversammlung statt. Seit dem vorigen Jahre hat die Militärbehörde Duten­hofen zum Kontrollplatz der Bürgermeisterei Atzbach gewählt. Bisher wurde sie auf der breiten Straße bei Dorlar ab­gehalten. Da bis jetzt der Weg nach Dutenhofen, der Atzbach mit Dutenhofen verbinden soll, noch nicht gebaut ist, so ist für die Leute von Dorlar, Atzbach und nament­lich von Kinzenbach der Weg durch den nassen Wiesengrund höchst beschwerlich.

x Frankfurt a. M., 13. April. Seit dem 1. April sind 87 Tiere für den Zoologischen Garten angekauft worden, so zwei Fleckenuhus aus Natal, und vier prächtige Uhus aus dem Kaukasus. Ein Cocoi-Reiher aus Süd» amerika überragt unsere europäischen Reiherarten ganz be­deutend. Durch den Ankauf eines indischen Nimmersatt wurde eine zweite Art der Gattung Tantalus der Stelz- vogel Kollektion zugeteilt, in der die afrikanische Art schon seit einem Jahre vertreten ist. Eine erwachsene Säbel- Antilope wurde auf der Antwerpener großen Tierauktion zugleich mit einem Renntier angekauft. Aus Südamerika traf eine Boa constrictor ein, und eine 25 Zentimeter große Strahlenschildkröte kam aus Transvaal. Madagascar lieferte für die Tiersammlung einen Vari. Von der afri­kanischen Mittelmeerküste langte ein Gibraltaraffe an, und aus dem Kongostaat ein Nachtäffchen ober Potto, mit seinem blöden Gesicht vielleicht eine der sonderbarsten Gestalten unserer Erde. Von der Nordseeküste wurden sechs Brach­vögel geschickt. Aus dem Pfefferland (der Umgegend von Cayenne) stammt ein Leguan mit gesträubtem Zackenkamm und aufblähbarem Kehlsack, der mit giftigem Aussehen voll­kommene Harmlosigkeit verbindet. Besonders reich ist die Zahl neu angekaufter tropischer Vögel.

** Kleine Mitteilungen aus Heffen und den Nachbarstaaten. Der Fußgendarm Repp aus Ulrichstein ist zum Kriminal­schutzmann bei der Staatsanwaltschaft der Provinz Starken­burg ernannt worden. Die evangelische Lehrerstelle zu Busenborn ist neu zu besetzen. Der soeben erschienene Jahresbericht für 1899 der Handelskammer zu Worms stellt dem kommenden Jahrhundert auf dem Gebiete des Handels und der Industrie ein günstiges Prognostikon und spricht sich über die neue Steuerreform unseres Landes anerkennend aus. In Pfungstadt feierte das Georg VooS'sch Ehepaar die diamantene Hochzeit. In Vilbel hat man die Gemeindesteuern um 25 Prozent ermäßigen können. Das 8 jährige Töchterchen des Ritterguts- Inspektors Eschstruth in Nordeck, das auf einem Bau spielte, stürzte so unglücklich aus dem untersten Stock, daß es Verletzungen davontrug, die Blutvergiftung herbeiführten, der das Kind erlag. DieOberheff. Ztg." teilt aus Krofdorf mit, daß die alte Chaussee nach Gießen gerade gelegt werden soll, wodurch eine nähere Verbindung her- gestellt würde. Sie spricht auch von der Möglichkeit des Baues einer elektrischen Straßenbahn nach Krofdorf. Ein 83jähriger Privatier in Hanau wurde während des Badens vom Herzschlag getroffen, der der Tod zur un­mittelbaren Folge hatte. In Ulrichstein hat sein lOjähriges Dienstjubiläum der prakt. Arzt Schmidt gefeiert. Polizei-Kommissär Ortwein in Bad-Nauheim wurde an das Kreisamt Lauterbach versetzt; an seine Stelle tritt KreiSamtmann v. Bechtold aus Friedberg. Zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Religionsgemeinde L a u t e r b a ch für 1900/1901 ist vom Ministerium des Innern die Erhebung einer Umlage von 1015 Mk. genehmigt worden. Der Beitrag beträgt auf die Mark Steuerkapital 23,004 Pfg.