Ausgabe 
14.12.1900 Viertes Blatt
 
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1900

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Aittt«- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gießen

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Bei Postl'ezng Mk. 2,40 tnerlelsährl. mit Bestellgeld.

Hessischer Landtag.

Zweite Kammer der Stände.

M.G. Darmstadt, 13. Dezember.

Nach Eröffnung der heutigen Sibung gab Ftnar-Minister Gnauth den Budgetentwurf für 1901/1902 durch Verlesung kund. Die Form deS neuen Hauptvoranschlags ist gegen bisher völlig verändert. Es ist zunächst eine Trennung zwischen Einnahmen und Ausgaben der laufenden Verwaltung und denen deS Vermögens scharf durchgeführt. Der bisher wenig übersichtlichen Anordnung von Einnahmen und Ausgaben ist abgeholfen.

Einnahmen. Als Ueberschüsse der Domänen des Gr Hause« find 843000 Mk., der Domänen deS Staates 11752302 Dik. veran­schlagt, als Retnüberschüsse aus Eisenbahnen 1926306 Mk.

Die Vereinigung der Badeanstalt in Bad-Rauhei!m mit der Saline ist vorgefeben. 880000 Mk werden wohl für daS Bad zu verwenden sein ( Einnahmen deS Bades).

bischoss Stablewski

wird die Debatte geschlossen und der Etat Budgetkommission überwiesen/ Darauf vertagt sich Haus bis zum 8. Januar 2 Uhr. Tagesordnung erste ratuug des Entwurfs über das Urheberrecht.

Präsident Graf Ballestrem wünscht unter haftem Beifall allen ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. Dezember.

Die Etatsberatung wird fortgesetzt.

Abg. Hug (Benti-.) wünscht größeren Zollschutz für die Landwirtschaft, hält die Finanzlage für verbesserungs­fähig und stellt dem Grafen Posadowsky das Zeugnis eines arbeitssamen Mannes aus.

Abg. Frhr. v. Hodenberg (Welfe) bezeugt seine Sympathie für die Buren. Die Unterlassung des Em­pfanges des Präsidenten Krüger habe unzweifelhaft dem deutschen Ansehen mehr geschadet, als der Empfang hätte thun können. Die letzte Oranierin, die jetzige Königin von Holland, sei thatschchlich der einzige Mann auf einem europäischen Throne, der den Mut seiner Meinung gehabt habe. (Zustimmung und Heiterkeit.) Ich habe mit In­teresse bemerkt, daß der Reichskanzler sich ärgern kann. Auck) das Murren im Hause bei einigen seiner Ausführ­ungen beweist, daß sein Auftreten nicht in jeder Beziehung das war, was man fair nennt. Gewiß weht vom Bundes­ratstische ein anderer Wind, es wird uns liebenswürdiger und ^offener begegnet; aber thatsächlich werden von dort in rhetorisch schöner Form macchiavellistische Grundsätze proklamiert, und wunderbarerweise jubeln die Parteien ihnen zu. Eine Politik ohne Herz ist auck) eine Politik ohne Treue und ohne richtiges Ehrgefühl und darum ohne Vertrauen.

Abg. Dr. Hahn (Bündler) sieht in unseren Bezieh­ungen zum Ausland Gefahren für die Zukunft, warnt vor

Kehener Anzeiger

Heneral-Anzeiger

Samstag den 15. Dezember 150. Jahrgang

Bekanntmachung.

Aetr.: Schafräude in Grimberg. t.

Nachdem die sämtlichen Schafe der beiden rn Grün- becg an Räude erkrankten Herden verkauft und geschlachtet sind, heben wir nunmehr die für die verseuchten Herden verfügte Sperre wieder auf.

Gießen, den 12. Dezember 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Betr.: Maul- und Klauenseuche.

Da die Maul- und Klauenseuche im Kreise Gießen und in den angrenzenden Kreisen nahezu erloschen ist, und somit eine allgemeine Seuchengefahr zurzeit nicht besteht, setzen wir unsere Quarantäneoerordnung oom 28. Sep­tember l. I. Gieß. Anzeiger Nr. 229 mit Wirkung vom 15. l. M. an außer Krast.

Ferner heben wir aus dem nämlichen Grunde unser am 3. Oktober l. I. erlassenes Verbot des Handels mit Kleinvieh im Umhecziehen mit Wirkung vom 19. l. MtS. an auf.

Gießen, den 13. Dezember 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Tie Erhöhung des Zolles auf ausländische Tabake Hürbe also nur einer Prämie gleuhkommen, die aus MQngelhafte Produkte gezahlt werden soll.

Es empfiehlt sich deshalb auch, über dre Rentabilität des Tabakbaues das Urteil derjenigen Kreise zu Horen, bi* ihre Sachkenntnis nicht nur aus Gelegenheitsunter- Ntuuqen schöpfen, sondern m enger Fühlung mit den Manzern stehen und wohl wissen, was diesen not thut.

DieSüdd. Tabak-Zeitung" nimmt Veranlassting die IWiorte des Herrn von Heyl einer recht

unterziehen, und kommt dabei zu dem Schluß, daß die W iedergabe der Beobachtungen des Genannten nicht nur -be tt Sachverhalt, sondern auch den von ihm selbst em- Lecholten Informationen widersprechen, sie schreibt zu der Anmerkung des Freiherrn von Hehl, daß die Tabakpslanzer

Nachahmung des wirtschaftlichen Beispiels von England, weil bei uns die Verhältnisse anders lägen und sucht dann nachzuweisen, daß die Handelsvertrags- p o l i tik für Deutschland von Schaden gewesen ist. Wegen )er Abweisung Krügers tadelt er die Negierung. Der Empfang hätte die Buren wenigstens moralisch ge­türkt und sie ihr Unglück weniger tief empfinden lasten. Er hätte auch nicht gewisse Meinungen aufkommen lassen, als ob wir uns fürchten. . .

Abg. Werner (Antis.) bedauert ebenfalls das Ent­gegenkommen gegen England. .

Abg. Graf Roon (kons.): Bebel ist ein sehr beredter, temperamentvoller älterer Herr, der in etwas übertriebener Weise hier Anspruch! macht, angehört zu werben und der uns unsere Zeit sehr oft verschwenden macht, und bas gefällt mir an ihm. (Heiterkeit und Unruhe links.) Mit diesem Temperament und dieser Heftigkeit richtet er aber großes Unheil im Lande an. Wenn er von dieser Tribüne aus sagt:Jeder Glaube ist Aberglaube" und solche Aus­drücke fort und fort in unerhörtester Weise hier wieder­holt, dann muß sich das Herz eines jeden gerechtdenkenden Menschen aufs Tiefste empören. Bebel sollte sich schämen, daß er so ungerecht ist. (Großer Lärm bei den Sozial­demokraten ; Rufe: Unverschämt! Präsident Graf Balle- strem: Tas dürfen Sie einem Kollegen nicht sagen, daß er sich schämen soll!) Der Redner wünscht die Besser­stellung der Militärinvaliden und sieht die Krüger-An­gelegenheit als befriedigend gelöst an.

Abg. Stöcker (k.) polemisiert gegen Bebel, tadelt die zu breite Behandlung der Sensationsprozesse durch die Presse und führt die Hauptschädeu auf die Macht des Mammons zurück. (Abg. Singer: Hohe Getreidezölle!)

Präsident Graf Balle st rem: Ich Tntte, solche Zwischenrufe zu uuterlasseu. Wir stehen im vierten Tage der Etatsberatung, solckie Bemerkungen tragen aber nur dazN bei, daß immer wieder neue Punkte zur Erörterung kommen. (Heiterkeit.)

Abg. Stöcker wünscht, fortfahrend in seiner Rede, eine Wohnungsreform und verlangt größere Berücksich­tigung der Landwirtschaft gegenüber der Industrie. Er behauptet, daß der Kaiser /von China dem Christentum! zuneige und will, daß die Weltpolitik uack) christlichen Grundsätzen .betrieben werde. Gegen die armenischen Gräuel haben die Großmächte nichts gethan und es war auch davon nicht viel die Rede, von Dreyfus aber sprach man zwei Jahre laug alle Tage. In der B u r e n f r a g e hält er es für wünschenswert, wenn man trotz des vor- qefommenen Formfehlers die Sache arrangiert hätte, ober jetzt noch den alten Krüger empfangen würde. (Lachen links.) Das wäre auch, nützlich für den.Zusammenhang zwischen Regierung und Volk, zwischen Kaiser und Nation. Die Gleichgiltigkeit gegen Recht und Gerechtigkeit schädige das Ansehen dör christlichen Monarchie. Der Reichskanzler inüsse in das Konzert der Großmächte etwas von der christlichen Harnwnie hineinbringen.

Abg. Dr. Möller (ul.) schildert gegenüber Dr. Hahn die günstige Wirkung der Handelsverträge, wobei er als lehrreiches Beispiel auf die Hebung der Lage der Bergarbeiter hinweist. Es komme darauf an, den Export zu heben, sonst bewirke man nur eine Steigerung der Aus­wanderung. Zu hohe Getreidezollforderungen würden die wirtschaftliche Entwickelung stören. Man .muß Mäßigung üben.

Abg. Graf. Kl inckow ström (k.) meint, die Land­wirtschaft verlangt nuv die für die Sicherung ihrer Existenz ausreichenden Zölle und stimmt in der Krüger-Asfaire dem Reichskanzler zu.

Nach Ausführungell des

Abg. Fürst Radziwill (Pole) zu Gunsten des Erz-

seines Kreises mit großen Verlusten arbeiten und infolgedessen eine Tabakzollerhöhung unumgänglich not­wendig sei, wie folgt:

Zitiert dieNat. Korr." die Ausführungen des Abg. v. Heyl richtig, so hat dieser Herr, um den Zabat* Zöllnern zu gefallen, Tinge behauptet, die er nicht beweisen kann. Die Hauptdistrikte in seinem Wahl­kreise, Hie brennbaren und sogar gut verwendbaren Schueidetabak bauen, sind: Lampertheim, Lorsch, Viern­heim und Wimpfen, welcher letzterer Ort Zigarrentabat erzeugt. Diese sämtlichen Orte haben in den letzten Jahren für den Zentner Tabak im Durchschnitt 30 Mk. erhalten. In den letzten drei Jahren sogar stellenweise 32 und 34 Mark sonach einen Preis, der auch beim höchsten Zoll nicht überschritten werden kann, wenn man die Verwendungsfähigkeit dieser Gewächse in Betracht zieht. Viernheim erzielte sogar im letzten Oktober für verhagelten Tabak 26 Mark. Bedenkt man, daß die Produktionskosteii in diesen Orten 16 Mark als Maximalsatz betragen, wobei die Hausarbeit mit- berechnet ist, so wird auch der Urteilsloseste anerkennen müssen, daß die Behauptung des Herrn Abgeordneten, der Tabakbau im Königreich Heyl habeim Durchschnitt der letzten Jahre mit großem Verluste gearbeitet", nicht den Thatsacheu entspricht. Es ist Pflicht des Abgeord­neten v. Heyl, sich zuvor genau zu informieren, bevor er, der Volksvertreter, solche das Tabakgewerbe l^toer bedrohende Kampfrufe in seine Fraktion ausstößt. Daß Herr v. Heyl zuvor genau und objektiv berichtet wurde, ist uns in Lampertheim von Tabakpflanzern berichtet worden. Herr v. Heyl hat jedoch seine Informationen falsch wiedergegeben. In seinem und den benachbarten Wahlkreisen bauten früher auch verschiedene Orte Tabak wie Kleinhausen, Bürstadt, Biblis, Wattenheim, Heppen­heim re., die seit fast zehn Jahren unreife, grüne, gar nicht brennende Kreszenzen au den Markt brachten, die selbst für das allerbilligste Pfeifenfabrtkat unver­wendbar wurden. Diese Orte mußten den Tabakbau einslellen, weil die Böden total verpfuhlt waren, denn so viel Streichhölzer giebt es gar nicht, die man be­dürfte, um Pfeifen mit solchem Tabak in Brand zu setzen. Diese Orte aber produzieren nicht mit Verlust, sondern überhaupt nicht mehr Tabak, ebensowenig tote sie Kaffee, Reis, Zimmt, Thee unb andere Kolonial­produkte erzeugen können. Tabak wie den Bürsteiner kann man in jedem Orte Deutschlands erzeugen. Da hilft keine Zollerhöhung und keine Steuerherabsetzung. Herr v. Heyl und seine Freunde dürften aus dieser Darlegung wohl ersehen, daß mau nur mit Vorsicht tief ins Wirtschaftsleben eingreifende Behauptungen aufstellen sollte, die geeignet sind, große Industrien zu schädigen, ohne den einstmaligen Tabakbau in Biblis und Wattenheim ins Leben zurückrufen zu können".

Danach scheinen die Argumente des Freiherrn v. Heyl für die Tabaksteuer in der That auf schwachen Füßen zu stehen. Er wird kaum umhin können, auf die Ausführ­ungen derSüddtsch. Tabakzkg." zu antworten. -Ohnehin bleibt es unerfindlich, wie man aus dem Grunde, weil ein Kreis den Tabakbau mit Verlust betreibt, gleich einen Tabakzoll empfehlen kann, dessen die übrigen Tabak- bezirke nicht bedürfen, und von dem sie nur Schaden hätten. .

Ueber die Wirkungen derartiger Steuer-Beunruhig- ungen auf ein andermal.

Die jüngsten Beunruhigungen der Tabak- Industrie und ihre Erklärung.

f. r. Gießen, 14. Dezember.

Man schreibt uns aus hiesigen Interessentenkreisen: Während der Leiter der preußischen Finanzen, jene* toiie im Erfinden sonst nicht leicht erfinbbarerSteuer- objette, kein befonber^ Interesse an einer höheren Tabak- bc'iteucruiiq zur Schau trägt ba er fich wesentliche Mihr- cinuahmen davon nicht versprechen kann sind einige nm ihr Budget besorgte Kleinstaat-Minister eifrig dabei Dem preußischen Kollegen eine neue .^baksteuer-Voilage besonders mundgerecht zu machen. Vie leicht leitet sudabei die trügerische Hoffnung, andere naheliegende Ochelte dem Gesichtskreis unseres Steuererfiuderv zu entziehen und jid dadurch die Popularität zu erzwingen, bereu em berantwortlicher Minister im eigenen Laube bedarf

Mer neue Steuerobjekte, durch 'welche insbesondere die breite Masse des Volkes Belastung findet, dürfen nicht vlleiii von Regierungstischen ausgehen sondern lie miisten im Volke erstehen, und daß es noch wahrhaft ebeldenkende -Luschen giebt, die sich darum redlich bemühen, beweist uns das Vorgehen unseres Landsmannes, des Frecherrn ton Hehl. Ter rheinhessische Großindustrielle fühlt szch berufen das ministerielle Sachverständnis, das doch eiaentlich hinreichend sein sollte, durch eigenes ju r- Fnzenund die Not der Tabakpflanzer m den buntesten solcher Klage hat sich allerdings der steiherrliche Fürsprecher schlecht gewählt, denn die Preise für gut gepflanzte deutsche Tabake haben in den letzten : fahren eine Höhe erreicht, die von jedem ehrlichen Pflanzer als durchaus lohnend anerkannt wird. Taß der gleich- -ntitige oder schlechten Boden bepflanzende Besitzer hohe jlireise erzielen wird, ist wohl nicht anzunehmen, denn dec Wert richtet sich nach der Verwendbarkeit des Materials.

Ebenso wenig wie der Verkäufer minderwertiger jomftiqer Ware, die ihm nicht den erhofften Gewinn ein­bringt, berechtigt ist, nach Staatshilfe zu rufen, ebenso wenig sollte es auch der Pflanzer fein, der auf gering­wertigem, meist durch eigene Schuld entarteten Boden Gewächse produziert, die ungenießbar sind und dem deut- ' scheu Konsumenten b. i. ber Bürger unb Arbeiter, nicht Herr von Heyl unb seine Freunbe, aufgezwungen werben