150. Jahrgang
Mittwoch den 14 November
1900
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
Hmerat-AnMer
Amts- unb Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
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v. Bechtold.
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Namen der Gemeinden
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v. Bechtold.
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Alle Anzeigen-LermittluagSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen, ZeilenprciS: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
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RedaNisn, Expedition und Druckerei:
Kch»tstraß- Ar. 7.
Gießen, den 12. November 1900.
Betr.: Die Viehzählung am 1. Dezember 1900.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien deS KreiseS.
Wir bringen die Erledigung unseres Ausschreibens vom 25. Oktober l. I. in Nr. 253 des Kreisblattes mit Frist von drei Tagen in Erinnerung.
v. Bechtold.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Blätter für hesiische Volkskunde.
Uezugspreis
Vierteljährl. Mk. 2,26 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn;
durch die Abholcstelle« vierteljährl. Mk. 1,96 monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. .mit Bestellgeld.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Kietze*.
Fernsprecher Nr. 51.
Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätesten- abend- vorher.
Gießen, 9. November 1900, Betr.: Unterrichtszeit in der Fortbildungsschule.
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an die Schulvorstände des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom r. November 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 258) noch nicht «achgekommen sind, werden an deren sofortige Erledigung «innert.
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Emil Fischbach.
Der Krieg in China.
Hebet die Flucht des kaiserlichen Hofes hat Wangwentschao, der frühere Vizekönig von Tschili, der auch jetzt noch am Hoflager des Kaisers weilen soll, an Freunde in Shanghai berichtet. Nachdem am 5. und 6. August der Vizekönig Yulu von Tschili bei Pait-
Summa 1471 80 196 24 1275 56
Gießen, am 8. November 1900.
Der Kreiskafserechner: Kauß.
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sang geschlagen war, und nachher bei Hangtsun Selbstmord begangen hatte, traf uns das Schicksal am 8. desselben Monats mit noch stärkeren Keulenschlägen. An diesem Tage wurde Lipingheng bei Hoshiwu von seinen Untergenerälen Tschang und Tscheng im Stiche gelassen, worauf auch dieser tüchtige Heerführer, enttäuscht und verzweifelt, Selbstmord beging, indem er sich vergiftete. So kam es, daß die fremden Truppen ungehindert zum Angriff auf Tungtfchou anrücken konnten. Als die Majestäten endlich eingesehen hatten, daß ihre Generäle und Truppen absolut unzuverlässig! waren, wurde den Mitgliedern des Hofes am 10. August befohlen, sich zur Flucht bereit zu halten. Leider war es jedoch unmöglich passende Transportmittel, wie Kutschen und andere Wagen, aufzutreiben, sodaß sich die Abreise der Majestäten verzögerte. Am Abend des 13. August drang der Donner einer fürchterlichen Kanonade bis nach meinem versteckten Hause in Shichautung; jeden Augenblick schien das Gefecht näher zu kommen und bald glich das Prasseln der Geschosse dem Geräusche, das ein heftiger Regen, macht. Am Nachmittage jenes Tages schienen die Kugeln des Feindes über unsere Köpfe wegzufliegen. Am Morgen des 14. nahm die Kanonade nod) an Heftigkeit zu. An diesem Tage wurde ich fünfmal zu den Majestäten, der Kaiserin sowohl als dem Kaiser, beschieden, das letztemal um 10 Uhr abends. Um diese Zeit waren anwesend Kangyi und Tschaotschi- tschiao. Die Kaiserin sagte im Tone tiefster Trauer: „Du Kangyi, Tfchaotschitschiao und Wangwentschao sollt mit uns nach dem Westen gehen". Dann wandte sie sich zu mir im besonderen und bemerkte: „Mit tiefem Bedauern sehe ich, daß Tu so alt bist, Du wirst schwer auf dieser Reise voller Strapazen zu leiden Haber.. Deshalb mögest Tu noch in der Staot verweilen, bis wir den schwierigsten Weg hinter uns haben". Um 6 Uhr morgens (am 16.) brach ich durch das Sichithor auf und fand mich bald in der Mitte zahlloser Flüchtlinge, die alle meines Weges zogen. Es war mir im letzten Augenblick gelungen, doch noch eine Karre zu mieten. Tiefe wurde, kaum wenige Stunden unterwegs, von marodierenden kaiserlichen Truppen ausgeplündert; auch die Pferde nahm man mir weg. Alle Restaurants und Läden entlang des Weges waren geschlossen, sodaß wir, ohne etwas genossen zu haben, einen 60Li weiten Weg zurücklegen mußten, ehe wir Herberge fanden. Am 18. erreichten wir Hwailaihsien, wo ich die Majestäten zu treffen hoffte. Ter Kaiser und die Kaiserin waren in der That tags vorher eingetroffen. Tie Begleitung der Reisegesellschaft glich jedoch mehr einer Räuberbande als Soldaten der Armee des Sohnes des Himmels. Räubernd zogen sie vor, neben und hinter der engern kaiserlichen Reisegesellschaft her. In Kwanshi verließen der Kaiser und die Kaiserin die Karren, in denen sie bisher gereist waren und bestiegen Kamelstühle, welche die Verwaltung der Kwangjuställe unentgeltlich geliefert hatte. Der Kaiser befand sich mit Prinz Pulun (von der 4. Klasse) in einem Stuhle. Die Kaiserin teilte den ihrigen mit dem Thronerben. Tie übrige Reisegesellschaft mußte den Weg zu Fuß oder zu Pferde machen. Sowohl die Kaiserin-Witwe, als der Kaiser waren in äußerst einfache Gewänder gekleidet; sie trug ein hellblaues leinenes Sommerkleid und eine Frisur, die in ihrer Bescheidenheit stark von dem gewöhnlichen Kopfschmuck ihrer Majestät abstach. Der Kaiser war in einen Anzug von schwarzer Seide gekleidet. All ihr Gepäck war bei der hastigen Flucht zurückgeblieben oder unterwegs geraubt worden. Seit der Hof den Palast verlassen, hatten die Mitglieder desselben keine Betten mehr gesehen. Ihre Speise bestand in Reis, Reis und nochmals Reis. Erst als wir in Hueilan und Shienhua anlangten, verbesserten sich unsere Verhältnisse. Die Beamten kämen uns auf dem Wege entgegen und brachten der Kaiserin-Witwe und dem Kaiser ihre .Huldigungen dar, und sorgten in jeder Weise, so gut sie es konnten, für den Komfort der hohen Reisegesellschaft. Weder die kaiserlichen Konkubinen noch die Eunuchen hatten uns anfangs begleitet; sie waren in der Stadt zurückgeblieben, aber später gesellten sich uns einige zu. Prinz Li Mngtu und der Tschichas waren gleichfalls zurückgeblieben, aber Prinz Tuan, Prinz Tsching, Prinz Na, Prinz Sü, der vierte Prinz Puhing und Mhsu, sowie andere Prinzen geringeren Grades befanden sich im Gefolge ihrer Majestäten; so auch die Mandarine Kangyi, Tschaotschitschiao, Wutingfen und Wengwenchao (der Schreiber), Prinz Pusching, der Thronerbe, und zwölf andere hohe Hofbeamte. Etwa 1000 Mann, die aus der Pekinger Feldarmee, Prinz Tuans Tigertruppen und General Mayukungs Truppen, ausgewählt waren, bildete die Garde der kaiserlichen Reisegesellschaft. Am 21. trafen wir in Shenhuafu ein, wo eine dreitägige Rast gehalten wurde. Heute (am 23.) geht die Reise: nach Tatungfu in Schaust weiter Hm das Mittherbstfest (8. September) dürften wir Taiyuenfu erreichen.
Verzeichnis
der Gemeinden des Kreises Gießen, die der Haftpflicht Versicherung beigetreten sind.
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Amtlicher Feil.
Gießen, den 8. November 1900. Betr.: HaftpflichtVerficherung der Gemeinden.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Gemeinden Allendorf a. d. Lahn n. f. in.
(wie das Verzeichnis).
Nachdem sich auf unser Ausschreiben vom 3. August 1900 alle beteiligten Gemeindevorstände außer Großen- Buseck und Garbenteich für sofortige Zahlung der Prämien für die ganze 10jährige Vertragsdauer erklärt haben, um den Vorteil von 2»/, Freijahren zu erlangen, teilen wir Ihnen nachstehend ein Verzeichnis des von den einzelnen Gemeinden noch zu zahlenden Betrages mit. Sie wollen alsbald dem Gemeinderechner Anweisung zur Auszahlung an die Kreiskasse geben.
Bei allen Gemeinden ist die Prämie fürs erste Jahr bereits bezahlt, ausgenommen bei Annerod, Hausen, Lollar, Ruttershausen, Treis a. d. Lda., Trohe, sodaß diese den vollen Betrag in der 1. Spalte des Verzeichnisses zu zahlen haben.
Politische Tagesschau.
Mit der Sozialpolitik des deutschen Reiches beschäftigte sich der Tübinger Professor und Hniversitäts- kanzler Dr. v. Schönberg in einer Rede, die er bei der jüngsten akademischen Preisverteilung hielt. Was auf den Gebieten des Arbeiterschutzes und der Arbeiterversicherung erreicht worden sei, gehöre zu den größten Errungenschaften des Reiches. In welcher großartigen Weise die Arbeiterversicherung fortgeschritten ist, zeigte der Redner durch folgende Angaben: die Krankenversicherung, deren Beiträge bekanntlich zu zwei Dritteln von den Arbeitern, zu einem Drittel von den Arbeitgebern bezahlt werden müssen, hat von 1885 bis 1900 etwa 1500 Millionen Mark, die Hnfallversicherung, deren Kosten von den Arbeitgebern allein aufgebracht werden müssen, 17 000 000 Mark an Entschädigung ausbezahlt, die Jnvaliditäts- und Altersversicherung seit ihrem Bestehen 500 000 000 Mk., wovon je 126 Millionen durch die Arbeiter und die Arbeitgeber, der Rest durch den Staat getragen wurden. Insgesamt haben die Arbeiter bis jetzt rund 750 Millionen Mark mehr an Entschädigungen herausbeikvm.^n, -als sie Beiträge gezahlt haben. Daraus ergebe sich, so schloß Professor v. Schönberg, daß die arbeitenden Klassen mehr als' irgend ein anderer Stand Ursache haben, für die Entstehung des deutschen Reiches dankbar zu sein.
Ein hübscher Beitrag zur Geschichte des Kampfes gegen die Lex Heinze wurde beim Festmahl des Goethebundes in Weimar am Sonntag von dem württembergischen Rechtsanwalt Dr. Elsaß mitmitgeteilt. Ein Schutzmann entdeckt in dem Schaufenster eines Kunsthändlers Lucas Cranachs „Adam und. Eva" und ersucht ihn, dieses unzüchtige Bild zu entfernen. Der Kunsthändler weigert sich, sagt, daß es sich um ein klassisches Werk handle, und giebt anheim, die vorgesetzte Behörde zu befragen. ' Das geschieht, und der hohe Vorgesetzte entscheidet: „Ach was, Cranach, Adam und Eva, es ist halt a Schweinerei!" Hnd das Bild mußte entfernt werden. Bald darauf stehen in demselben Schaufenster zwei sehr nackte, sehr moderne Nixen, die eine grau, die andere grün, beide ohne künstlerischen Wert. Wieder betrachtet der Schutzmann die Bilder, wieder geht er zum Vorgesetzten, und es erfolgt die salomonische Entscheidung: „Nixen? Dann ist es klassisch! Klassisches kann im Fenster bleiben." In weiteren Kreisen verdient auch bekannt zu werden, was in Düsseldorf geschehen ist. Der Vertreter des Düsseldorfer Goethe-Bundes trug in Weimar aus seinem Aufruf vor, daß dem Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen das Mißgeschick passierte, durch seine Nietenblätter in gewissen Kreisen den heftigsten Anstoß zu erregen:
„Infolge der Wahl des Bildes von L. Knaus „Das widerspenstige Modell" als Kunstblatt zur Verteilung an die Mitglieder meldeten in entrüstetem Protest gegen die unzulängliche Bekleidung des kleinen Knaben zahlreicheMitgliederihren Austritt aus dem Kun st verein an, und um nicht unter so fatalen Hmständen sein Bestehen ernstlich in Frage zu stellen, mußte der Verwaltungsrat sich entschließen, das schon fertiggestellte Blatt „Frücht e- k r a n z" v o n R u b e n s zurückzustellen, da ja auf ihm sogar mehrere Knaben vollständig unbekleidet sichtbar waren und somit jedenfalls in noch erhöhtem Maße das keusche Auge der Tugendwächter gröblich verletzten. Aus dem gleichen Grunde verfielen verschiedene Nachbildungen nach Raphaels und Holbeins Madonnen einer ähnlichen Abweisung, weil auch sie in Gesellschaft eines vollständig unbekleideten Knäbleins sich blicken ließen. Erst kürzlich sollte eine Düsseldorfer Kunsthandlung durch Denunziation dazu gezwungen werden, aus ihrem Schaufenster eine Nachbildung von Böck lins Meisterwerk „Ein Spiel der Wellen" iuegen Erregung öffentlichen Aergernisses zu entfernen.
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Erscheint täglich mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener Pamilienvkätter Werden dem Anzeiger tat Wechsel mit „Hess. Landwirt- e. „Blätter Dr Hess. Volkskunde- » ichtl. 4 mal beigelegt.
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1 Alten Buseck
59 85
7 98
51 87
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3 32
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5 Bellersheim
30 —
4 —
26 —
6 Bettenhausen
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2 66
17 29
7 Beuern
49 87
6 65
43 22
8 Daubringen
34 88
4 65
30 23
9 Dorf Gill
19 95
2 66
17 29
10 Eberstadt (ohne ArnSburg)
24 90
3 32
21 58
11 Geilshausen
24 90
3 32
21 58
12 Göbelnrod
9 97
1 33
8 64
13 Grüningen
34 88
4 65
30 23
14 Hausen
19 95
2 66
17 29
15 Hungen
69 75
9 30
60 45
16 KleimLinden
f-4 87
8 65
56 22
17 Lang'Göns
74 78
9 97
64 81
13 Langsdorf
45 —
6 —
39 —
19 Lauter
19 95
2 66
17 29
20 Leihgestern
59 85
7 98
51 87
21 Lich
119 70
15 96
103 74
22 Lollar
74 77
9 97
64 80
23 Londorf
39 90
5 32
34 58
24 Muschenheim
30 —
4 —
26 —
25 Obbornhofen
30 —
4 —
26 —
2t Ober Hörgern
15 —
2 —
13 —
27 Queckborn
30 —
4 —
26 —
28 Rödgen
24 90
3 32
21 58
29 Ruttershausen mit Kirchberg
19 95
2 66
17 29
39 Saasen mit Bollbach, BeitSberg
und Wirberg
24 90
3 32
21 58
Bl Stangenrod
15 —
2 —
13 —
83 Staufenberg
30 —
4 —
. 26 —
83 Steinbach
49 87
6 65
43 22
34 Stockhausen
5 03
— 67
4 36
15 Trais a. Lda.
54 90
7 32
47 58
36 Trohe
9 98
1 33
8 65
37 Billingen
45 —
6 —
39 —
88 Watzenborn-Steinberg
79 80
10 64
69 16


