,M. 241
CEes Blatt.
Sonntag den 14. Oktober
15V. Jahrgang
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Ausführung des Gesetzes, die Abänderung der Gewerbeordnung betr., vom 30. Juni 1900; hier: die Konzessionspflicht für das Gewerbe der Pfandleiher, Pfandvermittler, Gesindevermieter und Stellenvermittler.
Nach § 34 Absatz 1 der Gewerbe Ordnung in seiner vom 1. Oktober l. Js. ab gütigen Fassung ist außer dem Gewerbe der Pfandleiher auch noch dasjenige der Pfaudvermittler, Gesindevermieter und Stellenvermittler konzessionspflichtig geworden.
Wir bringen dies mit dem Ansügen zur öffentlichen Kenntnis, daß Gesuche um Erlaubnis zum Betriebe eines der vorgenannten, bisher der Konzessionspflicht nicht unterliegenden Gewerbes von nun ab bei uns schriftlich einzureichen und daß bezüglich des Verfahrens bei Bescheidung solcher Anträge die Vorschriften in den §§ 53 und 54 der Vollzugsordnung zur Gewerbe-Ordnung vom 22. v. MtS. (Reg.Bl. S. 845) in Anwendung kommen.
Hierbei weisen wir auf die Vorschriften in § 75a der Gewerbe-Ordnung hin, wonach Gesindevermieter und Stellenvermittler verpflichtet sind, das Verzeichnis der von ihnen für ihre gewerblichen Leistungen aufgestellten Taxen der Ortspolizeibehörde einzuretchen und in ihren Geschäftsräumen an einer in die Augen fallenden Stelle anzuschlagen. Diese Taxen dürfen zwar jederzeit abgeändert werden, bleiben aber solange in Kraft, bis die Abänderung der Polizeibehörde angezeigt und das abgeänderte Verzeichnis in den Geschäftsräumen angeschlagen ist.
Die Gesindevermieter und Stellenvermittler sind ferner verpflichtet, dem Stellesuchenden vor Abschluß des Vermittlungsgeschäfts die für ihn zur Anwendung kommende Taxe mitzuteilen.
Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmungen werden nach § 148 Abs. 1 Ziffer 8 und § 149 Abs. 1 Ziff. 7a der Gewerbe-Ordnung mit Geldstrafe und im Unvermögensfalle mit Haft bestraft.
Gießen, 12. Oktober 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Gießen, 12. Oktober 1900. Betreffend: Wie oben.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
«u das Grotzh. Polizeiarut Gieherr nub die Großh.
Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Sie wollen vorstehende Bekanntmachung ortsüblich veröffentlichen, den Befolg der in § 75a gegebenen Vorschriften überwachen und in Fällen von Zuwiderhandlungen Strafanzeigen erstatten.
_______v. Bechtold,__________________
Bekanntmachung.
Nachdem durch Händler vom letzten Viehmarkt in Gießen die Maul- und Klauenseuche in mehrere Orte unseres Kreises aufs neue eingefchleppt worden ist, sind wir im Emv-rnehm-n «itGroßh. Sreisoeterinäramt Gi-ß-n genötigf, den für ben am 23. und 24. ds. Mts. in Gießen vorgesehenen Vtehmarkt zu verbieten.
Gießen, den 11. Oktober 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen v. B e ch t o l d.
Haushaltungsschule in Nieder-Ofleiden.
Die Haushaltungsschule in Nieder-Ofleiden eröffnet am 1. November ihren 5 monatlichen Kursus, in welchem jungen Mädchen aus dem Bürger- und Bauernstände Gelegenheit geboten wird, das Kochen, Waschen, Bügeln, Stricken, Nähen, Ausbessern, Anfertigen einfacher Kleidungsstücke und alle Hausarbeit gründlich zu erlernen, um jiir den Beruf als Hausfrau tut eigenen Hause vorgebildet zu sein, oder im fremden Haushalt eine thatkräftige Hilfe sein zu können. Die Haushaltungsschule steht int Zusammenhang mit der Wirtschaftlichen Frauenschule in Nieder-Ofleiden und wird von einer geprüften Lehrerin geleitet. Die Lernzeit ist auf d/'der 10 Monate festgesetzt. Längere Ferien sind nur Awt^chen den einzelnen .Mrfen, und Weihnachten bis zum *• ^anuar. Der Preis für einen 5 monatlichen Kursus
beträgt für Schülerinnen, welche in der Schule wohnen 170 Mk., monatlich 34 Mk. voraus zu zahlen. Sic erhalten dafür Unterricht und vollständigen Unterhalt. Für Schülerinnen, welche mir den Tag über in der Schule sind und Unterricht, Mittag- und Abendessen nebst Nachmittagskaffee erhalten, wird der Preis von 100 Mk. für einen Kursus berechnet, monatlich mit 20 Mk. voraus zu bezahlen. Mit zu bringen sind: 1 Sonntagskleid, 2 Arbeitskleider, 4 Hemden, 4 Paar Strümpfe, 2 Nachtjacken, 6 Taschentiicher, 4 Schürzen, 1 Paar Hausschuhe, 1 Paar- derbe Halbschuhe, 1 Paar Stiefel, Unterröcke, 1 Arbeitskasten (mittelgroß), 1 Kammkasten und 1 Zahnbürste. Für die Handarbeitsstunde ist anzuschaffen von der Schule auf Rechnung der Mädchen: Stoff zu 1 Druckkleid, Stoff zu 2 Schürzen, Stoff zu 1 Nachtjacke, Stoff zu 1 Hemd (Mannshemd), Stoff zu 1 Frauenhemd, Stoff zu Nähtuch. Anmeldungen müssen bis zum 15. Oktober gemacht werden; erfolgt nad) der festen Anmeldung der Besuch der Schule nicht, so ist für 2 Monate voller Pensionspreis zu zahlen!.
Die Wirtschaftliche Frauen schule zu Nieder-Ofleiden. ______D o r e t t e ^Freifrau Schenck zu Schweinsberg.
Der Heldenkampf eines Jahres.
Sieben Monate hat es gewährt, bis die gefürchtete Macht des Napoleonischen Frankreichs und die von der Leidenschaft der Verzweiflung zusammengescharten Heeres- massen der Republik zerschmettert am Boden lagen. Heute ist ein ganzes Jahr vergangen seit dem Tage, da der Krieg in Südafrika begann und der Ausbruch der Feindseligkeiten in der Depesche angekündigt wurde, daß die Buren in Natal eingerückt seien. Und noch immer nicht „ruhen Helden und Klingen im Zelt nach geschlagener Schlacht", noch immer kämpfen, trotz aller Manifeste und Prokla- ntationen ruhmrediger Generale, die verachteten Buren gegen die britische Uebermacht, und selbst Chamberlain, der Mann mit der eisernen Stirn, der ein Meister wurde in der Kunst der politischen Lüge, muß sich der Thatsache beugen, daß ein ganzes Jahr nicht hingereicht hat, um ein kleines Volk unter die Macht eines Weltreiches zu zwingen.
Es ist ein wundersames, an tiefer Tragik reiches, aber dennoch erhebendes Schauspiel, das sich seit einem Jahre vor unseren Augen aufgerollt hat, seit jenem Tage, da der greise Joubert an die Königin von England die ergreifenden Worte richtete: „In demütiger Bitte zu dem Allmächtigen will ich nimmer glauben, Ew. Majestät würden es zulassen, daß die geheiligten Rechte eines schwachen, friedliebenden Volkes in Ihrem Namen verletzt werden, und daß ganz Südafrika versetzt werde in Kummer und Trauer". Der greise Joubert büßt seinen Irrtum im Grabe, und mit ihm ruhen Tausende und Abertausende in dem Boden von Natal, Transvaal und des Freistaates. Unabsehbares Elend ist über ein friedliches, gottesfürchtiges Volk gekommen, Ruinen erblickt das Ange, wo es sonst auf blühenden Anwesen ruhte: daheim aber, in Sicherheit Londons, da berechnet der Schuldige die Millionen, die er gewann, und ein Volk, das nichts Höheres kennt, als den geschäftlichen Erfolg, blickt bewundernd zu ihm auf. So schauten einst die karthagischen Semiten zu ihrem Götzen auf, in dessen glühenden Rachen sie sinnverwirrt ihre Kinder schleuderten. Hat doch fast jeder neue Tag neue Enthüllungen gebrach! über die Triebfeder, die vor einem Jahre jene ungeheure Maschine in Bewegung setzten, unter derxu vernichtendem Druck jetzt ein Land zermalmt wird. Es ist ein Krieg der Spekulanten, der dort unten geführt wird, wie er um Kuba, wie er um Tonking geführt wurde, und die Aktie ist es, deren Wert das Blut der Männer und die Thränen der Mütter steigern mußten. So ruht im fernen Westen, unter den üppigen Blüten einer schrankenlosen Vegetation, ein ganzes Armeekorps tüchtiger Franzosen, die einst auszogen, den Riesenplan von Panama zu vollenden und die dennoch nicht als Opfer der Wissenschaft starben, die mit ihren Leibern nicht ein hoffnungsreiches Zukunftsfeld düngten, die ihr Leben Hingaben, damit die Taschen der Spekulanten sich füllten. An der Börse vollziehen sich die Geschicke der Nationen und in der Hand der Spekulanten ruht das Nichtschwert des Schicksals. Gewiß, Cham ber'lain und sein Schatten Salisburt), haben mit vollen Tönen das Burenvolk von Transvaal als den Friedensbrecher hingestellt, sie haben versucht, die Ver- , antwortung vor Gott und der Geschichte von ihren ; Schultern abzuwälzen, aber Gott läßt sich nicht irren und unsehlbar und gerecht waltet die Geschichte. Seit der bur lesken Flibustierfahrt Jamcsons, die unter dem heiligen Lachen der Welt in dien Spritzenhäusern von Pretoria endete, war die Bahn per Ereignisse klar gezeichnet, dem ersten Schurkenstreich konnte nur eine Politik der ruchlosen Abenteuer folgen.
Als die ersten Wolken des drohenden Wetters her aufzogen, da schon konnte man sich beut Ergebnis der kalten Ueberlegung nicht verschließen, daß die ungeheure wirtschaftliche Ueberlegenheit nach menschlichem Ermessen
den Engländern zuletzt p en Sieg sichere, auch die größte Tapferkeit vermöge nichts gegen das ökvnomisck)e Zwangsgesetz. „Aber der Preis des Sieges wird teuer sein", sagte man sich, „teurer als die Volksmassen es träumen mögen, die jetzt die Straßen von London durchziehen und in blinder Leidenschaftlichkeit nach dem Kriege schreien. Und gerade hierin, gerade in der Möglichkeit, daß der Kamps um Transvaal zuerst das riesenhafte Gebäude englischer Weltherrschaft erschüttert, liegt der universale Charakter des heraufziehenden Krieges. Denn der Krieg wird mit niederdeutscher Zähigkeit geführt werden und mit jener nachhaltigen Kraft, die 'jtur das Bewußtsein verleiht, für Haus und Hof und für die nationale Existenz zu streiten. Die Glut der Begeisterung wird die Scharen Krügers beseelen, aber nicht die Truppen der Königin, deren Phantasie vielleicht erhitzt werden mag durch die Diamantfelder und die Goldminen von Transväal, deren Nerven aber nicht das Vertrauen auf sittliche Zwecke stählt".
Und Wort für Wort hat sich erfüllt: erfüllt hat sich auch das Wort des grauhaarigen Mannes, der jetzt in Lourenzo Marques weilt: „Wenn die beiden Republiken in Englands Besitz übergehen sollen, so wird hierfür ein Preis gezahlt werden, über den die Menschlichkeit betroffen sein wird". Wir haben nur lückenhafte Berichte über die Verluste, die England zu tragen hatte, wir erfahren nur wenig von dem, was in Wahrheit sich auf der Schaubühne des Krieges abspielt: aber alles Ausweichen und alles Lügen kann dic Thatsache nicht verbergen, daß eilte ganze englische Armee vernichtet worden ist, und daß noch immer die sichere Kugel der Burenflinte ungezählte Opfer fordert. Noch niemals wohl hat die bewußte Lüge so ehnisch den Markt okkupiert, wie jetzt, wo die Wahlpolitik die Entzündung der Leidenschaft des Jingotums erforderte, wo man Depeschensiege gewann, die niemals die Wirklichkeit kannte, wo man von Niederlagen schwieg, die einst die Geschichte ernhaft registrieren wird. Wenn Wepener, Ronxville und Ficksburg wiederum in den Händen der Buren sind, Botha, Dewet und Delareh neue Scharen sammelten, so will es dünken, als erbleiche von neuem die britische Siegessonne, als solle noch einmal dem Rausche die blasse Klage folgen. Die Wahlen sind vollendet: So mögen aus den Archiven der Minister die Depeschen emporsteigen, die von den Niederlagen des „ritterlichen" Roberts erzählen, dann mag die Welt und das englische Volk es erfahren, daß mit papierenen Proklamationen ein Heldenvolk nicht bezwungen und seine Freiheit nicht gemordet wird.
Ein Jahr lang flammt jetzt die Fackel des Krieges, und noch immer will ihr blutiger Schein nicht erlöschen. Wir aber stehen zur Seite, stolz auf die Kraft der Stammesbrüder, froh aber auch des Anblicks, der uns geworden. Mag Fichtes Wort, daß immer notwendig die Begeister ung über den siegt, der nicht begeistert ist, daß nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes es sei, welche Siege erkämpft, — mag dieses Wort des von nationaler Leidenschaft durch- glühten Philosophen auch nicht so sich erfüllen, wie landläufige Banalität es auffassen mag, so hat den Kern des Gedankens doch auch der Burenkrieg erwiesen: Eüi Volk von Hirten und Farmern hat durch ein Jahr der größten Weltmacht widerstanden und noch immer liegt es nicht am Boden. Das ist ein Sieg, glanzvoll und erstaunlich, und es bleibt ein Sieg, auch wenn der letzte Kämpfer siel, wie die Helden von Thermophlae nicht als Besiegte, sondern als Sieger in unserem Gedenken leben.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 13. Oktober 1900.
-t- Großen Linden, 12. Oktober. Vor einigen Tage« wurde einem hiesigen armen Arbeiter in der Nacht eine Gans gestohlen. Als morgens die Frau des Arbeiters die Gänse füttern wollte, bemerkte sie zu ihrem Schrecke», daß eine fehlte. Sie eilte sofort zu ihrem Manne, der in der Nähe arbeitete und teilte ihm die Sache mit. Er verließ nun sofort seine Arbeit, ging zum Bürgermeister und machte von dem Dorgesallenen Anzeige. Bei einer statt- sundenen Haussuchung bei dem Wirt P. sand man de« Kopf der Gans. Am nächsten Tage fand man den Rumpf der Gans in dem Nachbargarten des bestohlenen Arbeiters. Am Hals waren in ein Stück Papier cingewickelt 1,50 Mk. angebunden.
-n- Friedberg, 12. Oktober. Heute fand hier die Hauptversammlung der Bezirks Sparkasse „Mathildenstist" statt, aus der die Rechnung für 1898 vorgelesen und der neue Voranschlag beraten und scstgesetzt wurde. Die Rechnung schließt mit einer Einnahmesumme von 3463 679,29 Mk., während sich die Ausgaben auf 3386007.90 Mk. belaufen, so daß ein Einnahme'Ueberschuß


