Ausgabe 
14.10.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 240 Drittes Blatt. Sonntag den 14 October 150. Jahrgang LDOO

Gießener Anzeiger

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Die englische« Neuwahlen.

DaH englische Unterhaus zahlt im ganzen 672 Wlit* glieder. Bon diesen sind bisher 551 gewählt worden. 121 Wahlen stehen mithin noch aus und werden erst bis zum 15. Oktober vollständig erledigt sein. Indessen können diese 121 noch ausstehenden Wahlen an dem Endergebnis umsoweniger etwas ändern, als sie fast ausschließlich in ländlichen Kreisen zu vollziehen sind, und das bisher ge­wonnene Bild von der Zusammensetzung des neuen Unter­hauses nicht im geringsten verschieben werden. Wahrschein­lich werden sogar die Konservativen aus diesen letzten Wahlen noch eine weitere Verstärkung gegenüber der Oppo­sition davontragen. Das bisherige Ergebnis entspricht durchaus den allgemeinen Erwartungen. Zwar lehrt die parlamentarische Geschichte Großbritanniens, daß dort der Ausfall allgemeiner Neuwahlen noch unberechenbarer ist, als in anderen konstitutionellen Staaten, und oft genug schon erstaunliche Ueberraschungen gebracht hat. Es sei nur daran erinnert, daß im Jahre 1880 die Konservativen nach großartigen auswärtigen Erfolgen bei den Neuwahlen eine unerwartete Niederlage erlitten. Noch im Sommer 1878 war Disraeli nach seiner Rückkehr vom Berliner Kon- .greß, auf dem er gegenüber Rußland bedeutende Erfolge errungen hatte, von Königin und Volk wie ein Triumphator empfangen worden. Der von ihm herbei­geführte Krieg gegen Afghanistan war ebenso erfolgreich gewesen und der inzwischen als Earl of Beaconsfield in Die Peerage erhobene Ministerpräsident fühlte sich in seiner Machtstellung so sicher, daß er in der Hoffnung auf eye neue starke Mehrheit im März 1880 das Parlament vor­zeitig auflöste. Indessen war inzwischen ein Umschwung in d er Volksstimmung eingetreten. Die auswärtige Po­litik hat sich in ihrer Größe zugleich als sehr kostspielig erwiesen und die große Mehrheit der damals poch nicht vom imperialistischen Taumel ergriffenen Wähler wandte sich von den Konservativen ab. Die Neuwahlen brachten eine große liberale Mehrheit und Beaconsfield mußte zu- vücktreten. Trotz aller auswärtigen Erfolge hatte ihn das Volk fallen lassen und seinen Gegner Gladstone wieder auf den Schild gehoben.

Aeußerlich bot die heutige Lage Großbritanniens eine bedeutende Ähnlichkeit mit der damaligen und deshalb war ja die Möglichkeit nicht schlechthin von der Hand zu weisen, daß auch diesmal, den Machthabern unerwartet, ein Umschwung eingetreten sein könnte. Freilich, wer näher zusah, mußte durchgreifende Unterschiede zwischen damals und heute erkennen. Disraeli hatte gegen den ebenbürtigen Gegner Gladstone zu kämpfen, der entschlossen und ohne Winkelzüge die imperialistische Politik Beaconsfields be-

I kämpfte. Chamberlain hatte das Glück, daß ihm kein hervorragender Gegner gegenüberstand. Auch bekämpften die Liberalen diesmal nicht die allgemeine Regierungs­politik, verurteilten sie nicht den Raubkrieg gegen Trans­vaal, sondern richteten die Opposition nur auf Einzelheiten und bekämpften mehr die Person, als die Politik Chamber­lains, der ihnen überdies rechtzeitig auf dem Gebiete der inneren Politik den Wind aus den Segeln genommen hatte. Vor allem aber ist das englische Volk inzwischen in seiner überwiegenden Mehrheit so sehr vom Chauvinis­mus erfaßt und in den Bann einer rücksichtslos Recht und Menschlichkeit verachtenden, imperialistischjen Raubpolitik gezogen worden, daß schon dadurch das gegenwärtige Ka­binett von vornherein gewonnenes Spiel hatte. Wenn vorher noch irgend ein Zweifel in dieser Hinsicht bestanden haben sollte, so steht es nunmehr unzweifelhaft fest, daß die weit überwiegende Mehrheit des englischen Volkes der Chamberlainschen Gewaltpolitik blindlings folgt und zu­stimmt. Am deutlichsten tritt dies in der Thatsache zu tage, daß gerade diejenigen liberalen Kandidaten, die diese Politik und insbesondere die Annexion der Burenstaaten grundsätzlich verurteilt haben, bei den jetzigen Neuwahlen die meisten und empfindlichsten Niederlagen erleiden mußten. Nur die irischen Nationalisten, welche die gleick)e Stellung einnahmen, haben sich trotzdem siegreich be­hauptet. Aber in Irland bestehen Ausnahmezustände und jene Ausnahmen bestätigen daher nur die Regel. Das englische Volk hat zuGunsten der von Cham­berlain vertretenen Gewaltpolitik entschie­den. Das ist eine jetzt bereits unumstößliche Thatsache, m i t d e r man einfach jure^nen hat.

Ihr gegenüber verschlagen vorläufig alle Enthüllungen nichts, die Chamberlain blosgestellt haben und zu anderen Zeiten in England auf lange hinaus unmöglich gemacht haben. Der Khakitaumel verschlingt alles andere, auch diese niederschmetternden Enthüllungen. Bezeichnender­weise ist nicht Chamberlain daran zu Grunde gegangen, sondern Stanhope, sein heftigster Gegner, der seinen Landsleuten die Augen darüber zu öffnen suchte, wie der Gentleman" beschaffen ist, der die Seele des jetzigen englischen Kabinetts sein darf. Seinen Landsleuten.' denn die übrige Welt wußte schon lange, wes Geistes Kind dieser gewissenlose Joe Chamberlain ist. Aber seine englischen Landsleute wollten es nicht wissen und ließen denjenigen, der ihnen diese unwillkommene Wissenschaft beibringen wollte, fallen, während sie Chamberlains Stellung neu befestigten. Die politische Welt wird damit rechnen und sich abzufinden haben, daß in den nächsten sechs oder sieben Jahren die auswärtige Politik Groß­britanniens thatsächlich von Chamberlain geleitet werden

j werden wird. Die englische Nation, die früher gegen Unrecht und Gewalt leichter reagierte, liegt heute willen­los dem rücksichtslosesten Vertreter von Gewalt und Un­recht zu Füßen. Sie ist, wie dieser Tage ein alter liberaler Parlamentarier in einer Londoner Wahlversammlung in­grimmig erklärte, vollständigverchamberlaint".

Gewiß wird auch dieses bösartige Fieber, das die große Mehrheit des englischen Volkes seit Jahr und Tag erfaßt hat, mit der Zeit verblassen. Wenn erst eine gewisse Ernüchterung eingetreten, die Rech,nung für Transvaal vor­gelegt sein und daneben gehalten werden wird, was Groß­britannien durch- diese Raub Politik an Achtung und An­sehen in der ganzen übrigen Welt eingebüßt hat, dann wird sicher eines schönen Tages die Krisis eintreten, die zur Gesundung vom Chamberlainismus führen wird. Bis dahin aber wird man sich mit dieser schlimmen englischen Krankheit abzufinden haben und überall die Augen offen, halten müssen. Welche unliebsamen Ueberraschungen sie auch für andere Nationen bringen kann, hat ja zu Beginn dieses Jahres die Beschlagnahme deutscher Poftdampfer hinlänglich gezeigt. Man wird also Herrn Chamberlain in den nächsten sechs Jahren ganz besonders scharf im Auge behalten müssen.

Vermischtes.

Coblenz, 11. Oktober. Bei St. Goarshausen wurde vorgestern die Leiche des Johann Baum gelandet, der beim Binger Boots Unglück ertrunken war. Es. fehlen noch zwei Leichen. Heute ist der Typhus auch beim 28. Infanterie-Regiment ausgebrochen. Vom 68. Re- ment sind heute 18 Soldaten neuerkrankt, insgesamt 106.

* Berlin, 9. Oktober. Eine Versammlung aus Transvaal ausgewiesener Deutscher fand am Sonntag Nachmittag in KrammS Restaurant am Humboldt- Hain statt. Von den Versammelten gehören zwölf zu jenen 60 Deutschen, die am 15. Juni ds. Js. in Johannesburg auf Geheiß des englischen Oberbefehlshabers Lord Roberts gefangen genommen wurden. In beredten Worten schilderte einer der Anwesenden, Herr Robert Petersen, die Willkür und Rohheit bei der erwähnten Massenausweisung. Jahre­lang in Johannesburg ansässige deutsche, österreichische und italienische Unterthaneu wurden ohne Grund von englischen Soldaten ssstgenommen, von Weib und Kind gerisieu und, ungeachtet ihres Einspruches, auf dem englischen Schiffe Howerncastle" nach Blisfingen gebracht. Auf der 40 Tage dauernden Reise Warden die Gefangenen rücksichtslos be­handelt und bekamen nur Kartoffeln und verdorbenes Fleisch

Kerlmer Kries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

BeimSchellenkönig". Das Rätsel des Koffers. Dra­matische Hexenmeister. Sudermann auf Reisen. Der Baron" Hartlebeu und sein Erfolg.

DerSchellenkönig" ist ein Trumpf, den allabendlich Berlins erste Varietebühne, der Wintergarten, ausspielt und damit die Partie entschieden gewinnt. Es handelt sich bei diesem Schellenkönig jedoch nicht um die klingelnden Narrenglöckchen, sondern um solide, aus bestem Stahl ge­schmiedete Handschellen, wie sie den entgleisten Ueber- menschen, oder wenn Sie wollen, Verbrecl)ern mit mehr Sorgfalt als Liebe um die Gelenke gelegt werden. Mr. Houdini,der Unfesselbare" beweist dem Publikum lächelnd, daß diese das Gruseln erregenden Sicherheitsvorrichtungen der lieben Polizei für ihn nichts weiter als kleine Scherze sind. Er läßt sich an Händen und Füßen anit den denkbar festesten Schellen, wie sie unsere Polizei für ihre unge­berdigsten Kinder in Gebrauch hat, fesseln, sodaß dabei Arme und Füße durch eine kurze Kette auf dem Rücken zusammen gehalten werden, und kommt nach wenigen Augenblicken lächelnd mit dem zweideutigen Spielzeug in der Hand hinter seinem Vorhang hervor. Das Publikum, das sich vorher üonl der Güte und Echtheit der ominösen Armbänder überzeugt hat, Sachverständige sind auch für diese Artikel zu haben!, famt genau beobachten, daß keine fremde Hand bei dem Befreiungswerk im Spiele ist, und da Houdini auch! vor der hochlöblrchen Polizei selbst seinerzeit eine Separat-Vorstellung gegeben hat und dabei auf den pfiffigsten Kommissar-Gesichtern den Aus­druck höchster Verblüffung hervorgezaubert haben soll, so muh diese seine Kunst wohl echt sein. Glücklicherweise verrät der Schellenkönig sein Geheimnis nicht; die ev. Kriminalstudenten, die in den Wintergarten kommen, müssen enttäuscht wieder abziehen! Das wäre mich ein böser Spaß für unsere gute Polizei, wenn diese Kunst all­gemein würde, wie das Radfahren oder Klavierspielen!

Es gehn ihr so schon genug durch die Lappen, die ein Recht auf Kost und Logis in Plötzensee und ähnlichen idyllischen Orten haben! Zweifellos beruht der Trik Houdinis auf einer Abnormität seiner Muskeln und Ge­lenke. Er !muß im stände sein, die Hände derartig zu­sammenzudrücken, daß sie im Umfang den Unterarm nicht übertreffen, sodaß er schließlich durch jede Fessel hindurchp- zuschlüpfen vermag. Anders steht die Geschichte mit seinem Koffer, in den er sich, verschnürt und in einen Sack ver­siegelt, einschließen läßt. Aus dem noch obendrein mit Stricken umwundenen Kofferungetüm schlüpft er trotz allem heraus und in dem verschnürten Sack befindet sich seine Gehilfin, die scheinbar eben noch auf der Szene war. Aber der Koffer hat jedenfalls irgendwo ein heimliches Thürchen wie das brave trojanische Pferd seligen Angedenkens, und die hübsche blanke Gehilfin eine Zwil­lingsschwester. Zwar sagt Houdini, bieder lächelnd:das sein wirklich eine ganz gewöhnliche Koffer!" Aber er sieht dabei doch so ungewöhnlich verschmitzt aus und das Mädel erst! daß man sich seine Gedanken macht! . . .

Uebrigens gehören diese Wunderkoffer und ähnliche nette Hokuspokus-Artikel zu den beliebtesten Ausfluchts­mitteln unserer dramatischen Autoren. Es sitzt immer ein anderer im Koffer, als der angeführte Zuschauer denkt! Weiß der Teufel, tote sie's machen, diese Hexen­meister! Da war z. B. in dieser Woche der Premieren ein Schwank von Arthur PserHofer:Die Butter- feite", die eigentlich eine wahre Kofferkomödie genannt zu werden verdient. Der Koffer ist allerdings ein mö­bliertes Zimmer, das von dem Freund eines heimlichen Pokerspielers bewohnt wird. Das glaubt das Publikum wenigstens. Nachher aber wohnt ein Fräulein Püringer darin, eines jener glücklichen Geschöpfe, die nie Miete bezahlen, weil das irgend ein älterer, edler Menschen­freund prompt für sie besorgt. Das vermutet wenigsteits das Publikum, das diesmal auf seinen Koffer aufgepaßt hat. Schließlich aber ist's auch diekleine Püringer" nickst, sondern ein Polizeikommissar! Da haben Sie das Kunst­werk Houdinis gleich doppelt! Leider ist diese gar nicht üble Zimmer-Idee das beste an dem Wiener Sck)wank nicht Herrn Pserhofers Erfindung, sondern findet sich

in einer der pikanten Erzählungen Heinz Trovota's fix und fertig vor, nur mit noch gesalzeneren Situationen. Auch Sudermanns Koffer hat seine geheime Oeffnung. In seinem amLessing-Theater" aufgeführtenJoHan­nis feuer" sind es diefür den Vater eingelösten Ehren­scheine", die die arme Marikka hinauseskämotieren und Onkels Trude an ihre Stelle bringen. Der Berliner Erfolg war trotz der verstauenden letzten Akte ein ziemlich ge­waltiger. Sudermann hat eine große Gemeinde in Berlin Westen, so sehr er auch, zuweilen mit verdüsterter Miene über seine vielen Feinde jammert. Für die Premiere waren mindestens zehnmal so viel Plätze vor bestellt, als überhaupt im Theater vorhanden sind; und da die Sorina dasJohannisfeuer" durch ganz Europa trägt, wird es an Tantiemen auch diesmal nicht fehlen. Bereits ist Sudermann nach der Berliner Aufführung in Dresden gewesen und wird sich darauf die Sorma-Ausführungen in Holland ansehen. Er sammelt die Asche von feinem Johannisfeuer", sagen die neidischen Kollegen, die auch gerne Millionär werden möchten, aber nicht so viel Talent urtd wohl auch nicht so viel Feinde wie Hermann Sudermann haben. Einer hat's übrigens diesmal ge­troffen und wird sich demnächst die ersten Aktien kaufen können. Das ist der vom Figaro-Korrespondenten groß mütig baronisierte Otto Erich Hartleben, der beste Kenner des alten Angelus Silesius sowohl als des echten fran­zösischen Kognacs. Der durchschlagende Erfolg seiner Offi zierstragödieR o s e n m o n t a g" imD e u t s ch e n T h e ater" war für viele eine Ueberraschung. Denn Otto Erichs Dramen und Novellchen gingen bisher immer ein bischen über das Ziel dessen hinaus, was das liebe Publi­kum vertragen konnte, ohne sich moralisch, entrüsten zu müssen. Er hat sich ein wenig gemausert, zu seinem Glücke' DerRosenmontag" ist nicht nur bühnensicher, sondern auch bühnenfähig und wird den Spielplan auf eine ganze Weile beherrschen. Die unentbehrliche Kofferthür erscheint hier in Gestalt eines schnöde inszenierten Treubruchs, sodaß an die Stelle Traute's plötzlich die reiche Käthe erscheinen kann. Aber der tragische Ausgang, den hart leben zielsicher gewählt hat, hebt sein Stück weit über das unlustig flackerndeJohannesseuer"! .... A R.