1900
M. 188 Zweites Blatt. Dienstag den 14 August
Gießener Anzeiger
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Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Betr.: DaS Droschkenfuhrwesen in der Stadt Gießen.
Auf Grund deS § 12 des Polizeireglements vom 3. August 1878, betr. das öffentliche Fuhrwesen in der Provinzialhauptstadt Gießen, bestimmen wir hiermit als Droschkenhalteplätze in der Stadt für die Zeit vom 15. August ds. Js. bis auf weiteres:
1. die Südanlage am Cafs Hettler,
2. den LudwigSplatz,
3. die Schulstraße am Marktplatze.
Gießen, den 10. August 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. ____________________Hechler.
Die Kaiserparade in Mainz.
Mainr, 11. August.
lieber den Verlauf der Kaiserparade, von dem wir schon in unserer letzten Nummer noch kurz melden konnten, wird noch aus Mainz geschrieben:
Nach den gestrigen Regenschauern hat sich das Wetter heute früh vollständig aufgeklärt. Schon in den frühen Morgenstunden entwickelte sich in den Straßen der Stadt ein reges Leben. Aus Mainz, und namentlich aus den benachbarten Landbezirken und Badeorten, strömten Tausende zum Paradeplatze, um dem glänzenden militärischen Schauspiel beizuwohnen und dem Kaiser ihre Huldigung darzubringen.
Für die an der Truppenschau beteiligten Truppen hatte die Garnison-Verwaltung auf verschiedenen Plätzen auf dem großen Sande mächtige Wasserbottiche aufstellen lassen und drei Sanitätsposten waren zur event. Hilfeleistung an verschiedenen Punkten aufgestellt und mit Aerzten und Lazarattgehilfen besetzt. Nach 7 Uhr trafen die ersten auswärtigen Truppen ein. Die beiden ersten Bataillone des Regiments v. Gersdorff trafen zu Fuß aus Wiesbaden über Kastel ein. Die Regimenter 116 und 166 trafen in Extrazügen im Zentralbahnhof und Kastel ein und marschierten aussen vorgeschriebenen Wegen nach dem großen Sande. , , IteW
Das Generalkommando hatte besohlen, daß die Zivil- Zuschauer so aufzustellen seien, daß sie den Kaiser sehen könnten. Um acht Uhr begann die Aufstellung der zuerst zum Exerzieren befohlenen Truppen, der Regimenter 88 und 117. Der kommandierende General traf gegen halb neun Uhr auf dem Platze ein und besichtigte die Aufstellung.
Inzwischen wurdest auch von der 4. Komp, des Jns.- Regiments „Kaiser Wilhelm" Nr. 116 (Hauptmann von Stössel) die Fahnen und Standarten auf den Platz gebracht und an die beiden vorgenannten, wie die anderen ringsum lagernden Regimenter verteilt. Dann eine erwartungsvolle Stille. Der Kommandierende sprengte mit seinem Adjutanten nach dem mittleren Sande und nach dem Bahnwärterhaus Nr. 39 zu, wo Punkt 8 Uhr 50 Min. der Sonderzug mit dem Kaiser eintraf.
Das Zelt war reich dekoriert mit Wappen und Fahnen. Ein Sergeant mit zwei Gefreiten vom Pionier-Bataillon 9fr- 11 standen Posten. Im Innern stand vor der Rampe des Kaisers Pferd, ein prächtiger Slpfelschimmel.
Der Kaiser entstieg dem vorletzten Wagen. In seiner Begleitung befanden sich der Chef des Militär-Kachnetts General der Infanterie von Hahnke, der Hausmarschall von Lynker, der dicnstthuende General-Adjutant und Kommandant des Hauptquartiers von Hessen, die Flügeladjutanten Generalmajor von Scholl und Oberstleutnant von Berg und Stabsarzt Dr. Jlberg.
Zum Empfange anwesend waren der Großherzog (in der Oberstenumform seines Leibregiments) mit seinem militärischen Gefolge: Oberst v. Grancy, Oberstallmeister v. Riedesel, Major v. Roeder zu Diersburg und Rittmeister Krämer, Gouverneur Baron v. C o l l a s mit seinem Stabe, Kommandant Generalmajor v. Zastrow und Provinzialdirektor Geheimrat Frhr. v. G a g e r n. Zum persönlichen Dienst beim Kaiser war Oberleutnant Becker vom Jnf.-Regt. 9tr. 116 kommandiert. Die Begrüßung zwischen Kaiser und Großherzog war eine sehr herzliche. Dann begrüßte der Kaiser zuerst Herrn v. Gagern, mit dem er sich kürzere Zeit unterhielt und dann den Gouverneur Baron v. Collas. Der Kaiser, der kleine Generalsuniform trug und äußerst wohl aussah, begab sich darauf in das Zelt.
Iw dem von den Pionieren errichteten Zelte stieg der Kaiser zu Pferde und ritt im Galopp mit seiner Suite, die Kaiserstandarte ihm direkt folgend, nach dem Großen Sande. Mit „Guten Morgen Leute" begrüßte er die aufgestellte kombinierte Brigade, die mit laut schallendem „Guten Morgen Majestät" antwortete. Darauf begann sofort das Exerzieren der Brigade (88er und 117er) unter dem Kommando des Generalmajors v. Buddenbrock-Het-
tersdorf. Darnach exerzierte das Regiment Nr. 88 (Oberst Francois) allein und dann das Husaren-- Regiment Nr. 13.
Das Gefecht, zu dem der kommandierende General die Aufgabe gestellt hatte und an dem die Regimenter Nr. 88 und 117, sowie 87 (dieses als markierter Feind), das Ulanen-Regiment Nr. 6 und die zweite Abteilung vom Feld- Artillerie-Regiment Nr. 27 teilnahmen (jeder Infanterist hatte 20 Platzpatronen, jedes Geschütz 15 Manöverkartuschen) bot ein richtiges Schlachtenbild.
In liberalster Weise war das Publikum schon vom Beginn des Exerzierens an auf den Platz gelassen worden bezw. durfte es auf dem ersten Schutzwalle der Schießstände Aufstellung nehmen, und konnte so den Verlauf des Exerzierens u.nd des Gefechts genau beobachten.
Nach beendigtem Gefechte, das sich über den ganzen, weiten Platz verbreitet hatte, versammelte der Kaiser die sämtlichen berittenen Offiziere um sich zur Kritik. Inzwischen erfolgte die Ausstellung der Truppen zur Parade. Die Aufstellung war folgende: 87, 88, 80, 116, 166, 117, Unteroffizierschule Biebrich, Fuß-Artillerie Nr. 3, Husaren Nr. 13, Ulanen Nr. 6, Feld-Artillerie Nr. 27 und 63. Kommandiert wurde die Parade vom Kommandeur der 21. Division, Generalleutnant v. D ei n e s. Vor Beginn der Parade wurden dem Kaiser, dem Großherzog und sämtlichen Herren der Suite Zugführer-Rapporte überreicht. Beim Antreten eines jeden Regiments bezw. Truppenteils ritt der betr. Kommandeur auf die linke Seite des Kaisers und nannte die Namen sämtlicher Offiziere bis einschl. der Hauptleute. Der Kaiser führte als Chef des Infanterie-Regiments Nr. 116 dieses dem Großherzog zweimal vor.
Der erste Vorbeimarsch geschah in Zug- und Batterie- sront. Der zweite Vorbeimarsch in Kompagnie-, Eskadron- und Batterie-, bezw. Regimentsfront; die Kavallerie im Galopp, die Feld-Artillerie im Trabe. Während der Kaiser nach beendigter Parade nochmals Kritik abhielt, rückte die Fahnenkompagnie (4./116.) und die Standarten- Eskadron (5. vom Ulanen-Regiment Nr. 6) an das Schießhaus der Mainzer Schützengesellschaft, wohin sämtliche Fahnen vmd Standarten gebracht wurden, und wo der Kaiser erwartet wurde.
Nach beendigtem Exerzieren des Husarenregimentes richtete der Kaiser eine Ansprache an das Regiment, in der er die schneidige Haltung des Regiments sehr lobte. Er erwähnte dann den ermordeten bisherigen Chef des Regiments, König Humbert von Italien, und hob dessen Anhänglichkeit an das Regiment hervor. Gleichzeitig machte rr bekannt, daß er den bisher a la suite des Regiments gestandenen jetzigen König von Italien, Viktor Emanuel III zum Chef des Regiments ernenne.
Dann begab sich der Kaiser von der Wallstraße aus über Bingerstraße, Münsterplatz und Große Bleiche direkt in das Schloß.
Bei der Tafel saß rechts vom Kaiser der Großherzog und links Prinz Heinrich, gegenüber saßen der Obersthofmarschall v. Westerweller, Gouverneur Baron v. Collas und Oberst v. Grancy. Der Kaiser unterhielt sich lebhaft mit seinem Bruder und dem Großherzog und trank wiederholt verschiedenen Herren zu. Eine Rede wurde nicht gehalten.
Kurz nach 3 Uhr verließen der Kaiser mit dem Großherzog und Prinz Heinrich mit dem Vice-Admiral Frhrn. v. Seckendorfs, je in einem Wagen und das Gefolge in weiteren sechs Hofequipagen und drei Wiesbadener Wagen das Schloß. Tie Fürstlichkeiten fuhren über die Kaiserstraße nach ld§m Zentraloahnhofe. Hier hatten sich zur Verabschiedung Gouverneur Baron v. Collas, Provinzialdirektor Frhr. v. Gagern und Eisenbahnpräsident Breitenbach eingefunden. Der Kaiser unterhielt sich vor der Abfahrt längere Zeit mit Herrn v. Gagern und äußerte u. a. auch laut: „Ja, Ihr Mainz ist eine schöne und reiche Stadt", worauf Herr v. Gagern erwiderte: „Nein, Majestät, Mainz ist eine arme Stadt" (mit Bezug auf den eisernen Festungsgürtel). Der Kaiser fuhr nach herzlicher Verabschiedung vom Großherzog, dem Prinzen Heinrich und den hiesigen Herren um 3 Uhr 15 Min. ab und zwar nach Homburg. Ter Großherzog reiste um 3Uhr 25 Min. mit Sonderzug nach Wolfsgarten und um 3 Uhr 45 Min. nach Cron^erg. Das Publikum ließ bei der' Abfahrt des Kaisers und das Großherzogs nach dem Bahnhofe und auch vormittags schon beim Einreiten in die Stadt den Fürsten jubelnde Zurufe zuteil werden. Ordensauszeichnungen erhielten: Generalmajor und Kommandant v. Zastrow und Oberst Kutz en vom Jnf.- Regt. (Leib-Regt.) Nr. 117 den Kronenorden 2. Klasse.
Um halb fünf Uhr nachmittags traf der Kaiser in Homburg ein und erwartete auf dem Bahnhof die Kaiserin, die kurz darauf ankam. Das Kaiserpaar fuhr alsdann unter dem Jubel des Publikums nach der Saalburg.
Die Eidesleistung
des Königs Viktor Emanuel HI.
Am Samstagvormittag hielt König ViktorEmanuel im schwarz drapierten Senatssaale eine Thronrede und leistete den Eid auf die Verfassung. Der Saal war dicht besetzt. Unter den Anwesenden befand sich auch Königin Helene, sowie die Prinzen des königlichen Hauses. Wieder* holt wurde der König von lebhaften, an einigen Stellen sogar von enthusiastischen Beifallskundgegungen unterbrochen, so, als er erklärte, sein erster Gedanke gelte dem Volke, der liberalen Monarchie, und als er versprach, dem Volke alle Kraft zu widmen, über die er verfüge. Starken Eindruck machte auch der PaffuS von der Notwendigkeit des inneren Friedens für Italien und der Eintracht aller Gutgesinnten zum moralischen und wirtschaftlichen Wohle des Vaterlandes. Stür- mischen Beifall folgte, als der König rief: „Sammeln wir uns, und wenden wir die bestehenden Gesetze rigoros an. Furchtlos und sicher besteige ich den Thron, meiner Rechte und Pflichten wohlbewußt." Der Beifallssturm, den diese Worte entfesselten, setzte sich fort, als der König weiter sagte: „Italien habe nur Vertrauen in mich, wie ich auf Italiens Zukunft vertraue". Den Höhepunkt erreichte des Königs Rede aber, als er erklärte, daß er unwandelbar an den liberalen Institutionen festhalten, aber auch die nölige Energie zum Handeln besitzen werde. Nicht enden wollender Beifall folgte den Schlußworten des Königs: „In der Religion aufgewachsen, rufe er Gott zum Zeugen für sein Versprechen an. Von heute an gehöre er mit Leib und Seele nur dem Wohle und der Größe Italiens an." — Die jubelnden Ovationen, die rasenden Evvivarufe dauerten noch lange an, als der König bereits langsam und ernst die Aula verlassen hatte.
Die Sprache eines durchaus konstitutionell und liberal gesinnten, von Mut, Selbstvertrauen nnd Vertrauen in sein Volk erfüllten Monarchen hat Italien in dieser Programmkundgebung vernommen, die auch im Auslande überall da, wo Einsicht in die durch den geschichtlichen Werdegang des nationalen Einheitsstaates bedingten Daseinsnotwendigkeiten Italiens und aufrichtige Sympatie für diesen herrscht, die beifälligste Aufnahme finden wird. „Entwickelung unserer intellektuellen Kräfte und neuer wirtschaftlicher Energie", in diesem Satze der Thronrede liegt das Schlüsselwort einer gedeihlichen Zukunft Italiens. Wenn König Viktor Emanuel die ganze Thatkraft, die ihm nachgerühmt wird und von der ein Hauch uns aus feinen bisherigen Kundgebungen und Handlungen entgegenweht, an die Umsetzung dieses Programms in Thaten fetzt, dann steht Italien am Beginn einer Zeit durchgreifender Reformen auf sozialem, wirtschaftlichem und administrativem Gebiete. Freilich wird der junge König manch schwieriges Hindernis zu überwinden haben, um das ihm vorschwebende Ziel zu erreichen, und nicht als das geringste dieser Hinderniffe dürfte sich nur allzu bald die jetzige Kammer erweisen, deren Unfähigkeit zu schöpferischer Arbeit im großen Stile sich nur allzu handgreiflich geoffenbart hat. Wir sind nicht optimistisch genug, zu hoffen, die ungeheuere Seelenerschütterung der letzten Tage werde die Koterien des italienischen Parlaments geläutert und dazu gebracht haben, sich fortan aller Selbstsucht und Eigennützigkeit zu entschlagen und ihre kleinlichen Interessen den großen Pflichtgeboten lauterer Vaterlandsliebe unterzuordnen. Die Wiedergeburt des verrotteten und verfallenen italienischen Parlamentarismus kann nur aus der Nation heraus erfolgen und je innigere Fühlung der junge König mit dieser zu unterhalten weiß, um so sicherer und eher wird ihm das große Erneuerungswerk gelingen.
Heute nachmittag begab sich eine Riesenmenge nach dem Quirinal und brachte dem Königspaare stürmische Ovationen dar. Das Königspaar zeigte sich auf dem Balkon zweimal der jubelnden Volksmenge.
Alle Abendblätter Roms find einmütig im Lobe des jungen Monarchen. „Italic" sagt: Eine neue Energie tritt auf, die das Volk aus feiner Apathie auf* rüttelt. Die Rede des Königs war ein eursum corda, eine Vibration des Herzens des Patriotismus. In wenigen Tagen eroberte der König das Volk, das stolz auf ihn ist. „Opinione" sagt: Die Rede war mehr wie glücklich, sie hat uns aufgerichtet. Beffer als er es that, konnte der König nicht Heer und Flotte ehren. — „(Sortiere Italia": Die Begeisterung grenzte an Delirium; mit Recht, denn die Rede war sehr gut und Der* dient den Beifall aller. — „Fanfulla" jubelt: DaS war die Rede eines Königs, eines ManneS. Es giebt


