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14.7.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 162 Zweites Matt Samstag den 14. Zuli_____________________moe

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nüiir*, A-Piditisv und Druckerei: Nr. 7.

Die Wirren in China.

Ein Vertreter der Berliner Wissenschaftlichen Korre­spondenz will mit dem ersten Be amten der chine­sischen Gesandtschaft eine Unterredung gehabt haben, in der er eine Reihe befremdlicher Dinge erfahren haben will. Der chinesische Beamte soll gesagt haben, daß die Gesandtschaft in Berlin den Mord des Herrn v. Ketteler vier Tage nach! der Verübung der That gekannt habe. Das steht in Widerspruch! mit anderweitigen Versicherungen der chinesischen Gesandtschaft, und da nicht recht abzusehen ist, weshalb die Gesandtschaft such selbst eines so bedenklichen Verhaltens öffentlich! anklagen sollte, so darf man wohl annehmen, daß hier ein Irrtum obwaltet. Man wird das um so mehr thun können, als auch der nachfolgende Teil des Interviews eine ganz schiefe und falsche Darstellung enthält. Es wird nämlich behauptet, daß die deutsche Re­gierung auf die Mitteilung der Gesandtschaft, der zufolge die südchinesischen Vizekönige der deutschen Regierung ihr Bedauern wegen des Gesandtenmordes hätten aussprechen lassen, gar nickst reagiert habe. Das ist völlig falsch, denn die deutsche Regierung hat sogar sehr energisch reagiert und der Gesandtschaft zu wissen gethan, daß man von den guten Worten der Vizekönige wohl Kenntnis nehme, aber Thaten verlange, vor allem aber gar nicht daran denke, dem Wunsche der Vizekönige, auf Einstellung der militärischen Vornahmen nachzukommen.

Staatssekretär Graf v. Bülow hat, wie dieNordd. Alllg. Ztg." mitteilt, ein an die B u n d e s re gier ungern vom 11. ds. M. datiertes Rundschreiben über die Vorgänge in China gerichtet, worin es heißt:

Die jüngsten Vorgänge in China zogen, wie überall in den zivilisierten Ländern, so auch in Deutschland in hohem Maße die öffentliche Ausmersamkeit auf sich Die deutsche Ration ist durch die Ermordung des kaiserlichen Gesandten in Peking in besondere Mitleidenschaft gezogen. Die ersten amtlichen Nachrichten von der aufrührischen Bewegung in der Provinz Tschili stammen von Mitte Ja­nuar. Zunächst wurde die Bewegung von den Vertretern der Mächte eine ernste Bedeutung nicht beigemessen. Die Gesandten wurden in dieser Auffassung der Sachlage da­durch! bestärkt, daß die von den chinesischen Geheimgesell­schaften des,,großen Messers" und derroten Faust" im vergangenen Jahre in der Provinz Schantung verursachten Unruhen durch das! energische Eingreifen des kaiserlichen Gouverneurs in Kiautschou und des Generalgouverneurs Nuanschikai bewältigt werden konnten. Für den deutschen Vertreter kam hinzu, daß in der Provinz Tschili unterhalb Tientsins und Pekings, die damals noch als ungefährdet galten, spezifische deutsche Interessen von nennenswertem Umfange ni4)|t direkt bedroht waren. Gleichwohl sahen sich die diplomatischen Vertreter in Peking bereits am 27. Ja­nuar veranlaßt, bei der chinesischen Regierung Vorstell­ungen zu erheben. Der deutsche, französische, englische und amerikanische Vertreter, denen später sich, der italienische anschloß, forderten durch gleichlautende Noten die chine­sische Regierung auf, die Sekten derroten Faust" und desgroßen Messers" durch ein Edikt als staatsgefährlich und fremdenfeindlich zu bezeichnen und deren Mitglieder dem Gesetze verfallen zu erklären. Das Tsungliyamen ließ S?« ^ch langem Verhandeln die Veröffentlichung des Edikts erfolgen. Die unheilvolle Wirkung des offenbaren Mangels an gutem Willen sowie die Lässigkeit der Pekinger E"^alregierung blieb nicht aus. Das endlich ergangene Loitt hatte keinen sichtbaren Erfolg. Die aufrührische Be­wegung nahm immer größere Dimensionen und allgemein einen fremdenfeindlichen Charakter an, und die Vertreter derienigen Mächte, welche Kriegsschiffe in den chinesischen Gewässern hatten, beantragten nunmehr bei ihren Re- gieruilgen die Entsendung von Marine-Detachements in der Starke von fumzig Mann zum Schutze der Gesandt- Mften und deren Schutzbefohlenen. Dem Anträge unseres Gesandten wurde sofort entsprochen, sodatz das deutsche Detachement am 6 Juni rn Peking eintraf; nachdem auch aetatowit der Bereinigten Staaten, Frankreichs, Rußlands, Oesterreich-Ungarns, Englands, Japans und Italiens eingerückt waren, verfügten die Gesandten ohne Hinzurechnung der in Peking ansässigen waffenfähigen Europäer, über eine Schutzwache von etwa 450 Mann die sie für alle Eventualitäten ausreichend bezeichneten' Bei den Ausschreitungen gegen die Europäer im Jahre 1898 hatte auch! ein deutsches Detachement von 30 Seesol- Daten und ein Offizier in Verbindung mit den übrigen gleich starken fremden Kontingenten vollkommen genügt. Da die'Gesandten angesichts der Zerstörung der Eisenbahn mnd einer Telegraphenlinie Befürchtung hegten, der Auf­stand könne gefährlichere Dimensionen annehmen, wurden «uf ihren Antrag die Geschwaderchefs von den Mächten angewiesen, mit den Gesandten geeignete Maßregeln zur Sicherung der Verbindung mit Peking zu vereinbaren. Wenige Tage nach dem Eintreffen der Schutzdetachements En Peking schien die dortige Regierung sich darauf besinnen zu wollen, daß sie endlich Schritte zur Unterdrückung des

Aufstandes thun müsse. Die von fremden Instrukteuren ausgebildeten Truppen erhielten Befehl, in die Haupt­stadt einzurücken, wurden jedoch bald wieder in ein Lager außerhalb der Stadt geschickt, weil sie zu schärf gegen die Boxer vorgegangen waren. DaS und andere Vorgänge zeigten, daß die fremdenfeindliche Partei int Rate der Kaiserin-Witwe mehr und mehr Oberhand gewonnen hatte.

Die letzte Nachricht von Frhrn. v. Ketteler ist datiert vom 12. Juni und besagt, daß der fremdenfeindliche Prinz von Tuan zum Mitglied des Tsungliyamens ernannt und jetzt die Loslassung der regulären chinesischen Truppen gegen die Fremden zu befürchten sei. Mit dem 13. Juni wurde jede telegraphische und sonstige Verbindung Pekings mit der Außenwelt völlig unterbrochen, nur vereinzelt drangen spärliche Botennachrichten durch. Eine Nachricht, deren Richtigkeit leider nicht mehr zu bezweifeln ist, war die von der Ermordung Kettelers durch chinesische Sol­daten. Die Gerüchte von der Niedermachung sämtlicher in Peking befindlichen Europäer und. der Zerstörung aller Gesandtschaften sind bisher authentisch nicht bestätigt. Der Versuch des Geschchaderchefs vor Taku, durch ein inter­nationales Expeditionskorps von über 2000 Mann, dar­unter über 500 deutsche, unter Admiral Seymour nach Peking vorzudringen, scheiterte an der Zerstörung der Eisenbahn und der chinesischen Uebermacht. Mit den augenblicklich gelandeten Streitkräften einen nochmali­gen Vorstoß auf Peking zu versuchen, ist nach der übereinstimmenden Ansicht der Admiräle aussichtslos, da zwischen Peking und Tientsin fast alle ausgebildeten und bewaffneten chinesischen Truppen stehen. Schweren Herzens entschlossen sich daher die Geschwaderchess, um nicht vergeblich neue Opfer an Menschenleben zu bringen, mit weitern militärischen Operationen zu warten, bis die nötigen Verstärkungen eingetroffeu sind. Die jetzt dort vorhandenen internationalen Truppen scheinen höchstens auszureichen, um Taku und Tientsin zu entsetzen. In Tientsin, wohin am 4. Juni ein deutsches Detachement (1 Offizier und 25 Mann) entsandt worden, waren am 10. Juni 650 Mann fremde Truppen. Als die Chinesen Torpedos legten und reguläre Truppen konzentrierten, er­folgte das Ultimatum per fremden Befehlshaber, das der Kommandant der Takuforts am 17. Juni durch das Feuer auf die fremden Kriegsschiffe beantwortete. Das Rund­schreiben berichtet sodann über die Vorgänge der Erstürmung der Takuforts, des Entsatzes von Tientsin am 23. Juni und die Wegnahme der Befestigungen des dortigen Arse­nals am 27. Juni und bemerkt, an diesen Kämpfen hätten unsere Marinemannschaften hervorragenden ruhm­vollen Anteil genommen. Tas Rundschreiben fährt dann fort: Die militärische Lage hat sich jetzt anscheinend da­hin gestaltet, daß die Chinesen den Kaiserkanal bei Tientsin durchstachen, Mim den Anmarsch auf Peking von Süden durch Überschwemmung zu hindern, und daß Tientsin von Norden und Osten ourch große andringende feindliche Heeresmassen ernstliche bedroht ist. Ueber die militärischen Maßnahmen heißt es: Gelandet waren bis zum 28. Juni in Taku deutscherseits 46 Offiziere, 1500 Mann, vier Kanonen, 7 Maschinengewehre, gleichzeitig hatten die Russen etwa 6000Mann ausgeschifft, die Engländer 3000, die Japaner 4000, ,die Franzosen 400, die Amerikaner 350, dazu kleinere Kontingente Oesterreicher und Italiener. Sehr erhebliche Nachschübe treffen inzwischen fortgesetzt ein. Das Schreiben zählt sodann die nachgeschobenen deutschen Streitkräfte auf, das am 3. Juli abgegangene deutsche Expeditionskorps mit 69 Offizieren und 2432 Mann­schaften, die Entsendung der Geschwaderdivision mit 2402 Köpfen, die Vorbereitung einer Brigade, bestehend aus 8 Bataillonen Infanterie, 3 Schwadronen Kavallerie, zwei Batterieen Feldartillerie, Spezialwaffen, Munitions- kolorme, Train. Das Rundschreiben fährt dann fort: Unsere militärischen Maßnahmen sollen uns in den Stand sehen, an der von allen Mächten als notwendig erachteten militärischen Aktion in China in einer der politischen Be­deutung Deutschlands entsprechenden Weise teilzunehmen. Durch die Vorgänge in China werde das erfolgreiche deutsche Missionswerk, der deutsche Handel und die in Schantung im Entstehen begriffenen großen deutschen wirt­schaftlichen Unternehmungen gleichmäßig bedroht. Diese idealen ü'nd materiellen Interessen müssen wir mit allem Nachdruck schützen. Unser Ziel ist Wiederherstell­ung der Sicherheit der Person, des Eigentums und der Thätigkeit der Reichsanaehörigen in China, dieRe11ung der in Peking eingeschlossenen Frem­den, die Wiederherstellung und Sicher st ellung geregelter Zu stände unter einer geordneten chiuesis ch e n Regierung, Sühnung und Genug- thuung für die verübten Unthaten. Wir wünschen keine Aufteilung Chinas, wir erstreben keine Sondervorteile. Die kaiserliche Regierung ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Aufrechterhaltung des Einverständnisses unter den Mächten Vor­bedingung für die Wiederherstellung des Friedens und der Ordnung in China ist, und wird ihrerseits in ihrer Politik diesem Gesichtspunkte auch ferner in erster Stelle Rechnung

tragen. Das Rundschireiben schließt: Die vorstehend dar- gelegten Gesichtspunkte haben die volle Zustimmung deS Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten ge­funden.

Die Meldung, nach der Kaiser Wilhelm beim Zaren angefragt haben soll, ob sich der Durchmarsch deutscher Truppen durch Rußland ermöglichen ließe, ent­behrt der thatsächlichen Grundlage. Ein Durchmarsch durch Rußland noch, Ostasien würde nicht weniger Zeit als auf dem bisherigen Wege erfordern. Abgesehen hiervon würde aus einer derartigen Forderung Deutschlands und Kon­zession Rußlands nicht mit Unrecht auf ein Bündnis zwischen Rußland und Deutschland geschlossen werden können. Thatsache aber ist, daß der deutsche Kaiser eine solche Anfrage gar nicht erlassen hat und Die Sache damit als erledigt betrachtet werden kann.

Der neue diplomatische Vertreter Deutschlands in Ost­asien, Mumm von Sch wartzen st ein, wird, wie wir zuverlässig hören, seinen Wohnsitz einstweilen in Taku nehmen.

Das deutsche Expeditionskorps für China erhielt folgende Zusammensetzung: Kommandeur: General­leutnant v. Lessel, Stabschef: Oberstleutnant Gündell; Truppen: 2 Brigaden zu 4 Bataillonen Infanterie, ferner 3 Escadrons, 4 Batterien in 2 Abteilungen, darunter eine Feldhaubitzbatterie zugeteilt, dem Feldartillerie-Re­giment 1 Batterie 15 Zentimeter-Haubitzen der schweren Artillerie des Feldheeres, 12 Pionier-Kompagnien, eine halbe Kompagnie Eisenbahn(Bau)-Truppen, ferner Tele­graphisten und Trainformationen. Die Kompagnien er­halten eine Stärke von 200 Mann, woraus sich schon er- giebt, daß die bis jetzt angegebene Gesamtstärke des Ex­peditionskorps von 4500 Mann nicht zutreffen kann, allein an Infanterie wird dasselbe wesentlich stärker fein, nämlich! rund 6400 Mann. Die Trainformationen er­scheinen besonders ausgiebig gehalten.

DieHamburgische Börsenhalle" meldet, daß die Ham­burg-Amerika-Linie vier und der Norddeutsche Lloyd sechs von ihren Dampfern an das Reichsmarineamt verchartert haben zum Zweck der Ueberführung von 12 000 Mann, Munition und sonstigen Materials nach! China.

Ein Pariser Brief der WienerPolit. Corr." er­wähnt mit besonderer Anerkennung die Thätigkeit des Berliner Kabinetts, die dieses zur Einigung der Mächte, entwickelt hat und zu entwickeln fortfährt. Die französisch^ Kolonie in Shanghai, heißt es weiter darin, habe unter dem Vorsitz des Generalkonsuls beschlossen, den Präsidenten Loubet um die Abkommandierung einiger Kriegsschiffe des ostafiatischen Geschwaders nach Shanghai zu bitten, da auch in Shanghai Anzeichen der fremden­feindlichen Gärung bemerklich, seien. Ein Londoner Bries oerPolit. Corr." bestätigt, daß es jede Macht auf sich genommen habe, sich an dem Vorgehen in China mit dem ihr möglichen Maximüm der Streitkräfte zu beteiligen. Der Zeitraum während der Beförderung der Truppen wird zu Abmachungen über Landungspunkt, Kommando und andere Einzelheiten benutzt werden. In hiesigen diplo­matischen Kreisen mißtraut man den neuesten 'Beschwich­tigungsnachrichten des chinesischen Gesandten, da, wenn sie wahr sind, endlich doch! direkte Nachricht von den in Peking eingeschlossenen Europäern ankommen müßte.

Die österreichisch-asiatische Kompagnie in Wien erhielt am Donnerstag von ihrem Agenten folgende von Mittwoch abend 6 Uhr 20 Min. in Shanghai aufgegebene Depesche, worin chinesischer Quelle zufolge die Ausländer in Peking am 5. Juli noch am Leben waren; ihre Lage erscheine nicht aussichtslos.

Aus der Thatsache, daß Li-Hung-Tschang am 11. Juli ein kaiserliches Edikt empfangen hat das ihn auf­fordert, sofort nach Peking zu kommen, mutmaßt man in London, die Pekinger Regierung wolle ihn dazu gebrauchen, den Mächten die Mitteilung über ein bisher ver­schwiegenes furchtbares Drama zu machen und den Vermittler zu spielen, um deren Rache abzuwenden. Hoffent­lich erweisen sich diese Mutmaßungen ängstlicher Engländer als unbegründet. Allerdings steht den beunruhigenden Meldungen über das Schicksal der Pekinger Legationen die Thatsache gegenüber, daß die Regierung in Peking den Legationen jede Verbindung mit derAußen- welt fortgesetzt verschließt. Belohnungen von mehreren tausend Taels für direkte Nachrichten aus Peking sind nach Shanghaier Telegrammen derTimes" von Fremden vergeblich ausgesetzt worden, obwohl die chinesische dortige Preffe fortwährend Bekanntmachungen aus der Hauptstadt veröffentlicht. Die Regierung der Bereinigten Staaten von Amerika beabsichtigt daher, dem Tsung-li-Iamen durch den Gesandten in Washington sagen zu lassen, die chinesische Regierung möge dafür sorgen, daß, falls der amerikanische Gesandte in Peking noch am Leben sei, er sich mit Washington direkt in Verbindung setzen kann.