Rr. 136 Erstes Blatt.
1900
Gießener Anzeiger
General-Wütiger
Anrts- und Zlnzeigeblntt für den Ureis Gieszen.
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Donnerstag den 14. Juni
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ieht man Farmen liegen, deren herrlichste The Willows ist. Die Ländereien von The Willolvs erstrecken sich bis znmt Pienaar und bergen in der Tiefe silberhaltiges Gestein, dessen Förderung seit etwa 12 Jahren von riesigen Maschinen besorgt wird. 1000 Meter weiter südlich, aber bedeutend höher, am Hange liegejn im Schatten von 150 bis 200 Fuß hohen Eukalypten, aus der grünen Umgebung freundliche hervorleuchtend, die weißen festen Gebäude der Farm. Vor ihrer Front dehnt sich ein großer Obstgarten^ durch Mauern und Stacheldrahtzäune ebenso geschützt, wie die Felder, die sich schier unabsehbar allmählich zur Thalsohle hinabziehen. Die reichen Quellen senden ihre Wasser in drei große fischreick>e Weiher ud ermöglichen die Berieselung umd damit Bestellung des Landes int Winter. Anforstung im großen Stile ist hier ebenfalls betriybeir. worden. Mächtige Kraale mit 1 einviertel Meter hohen Felsmauern dienten vor der Zeit der Rinderpest den Zwecken einer blühenden Viehzucht. Ein Menschenalter und mehr fleißiger und umsichtiger Arbeit schufen auf dem Steppeulande am Pienaar eine kräftige Industrie neben lohnender Landwirtschaft. Zur vorübergehenden Verteidigung der Bahnlinie und der Straße nach Ostchr. eignet sich dieser Abschnitt recht gut, weüngleich eine Umgehung sowohl südlich als auch nördlich wohl ausführbar und wahrscheinlich ist. Artilleriestellungen außerhalb des' Gewehrfeuers der Buren dürften für die Engländer schwer zu finden sein, und ohne solches sind weder die festen hohen. Fabrikmauern noch die Farmgebäude von The WillowZ zu nehmen. Die langen Mauern mit Drahtzäunen stellen wirksame, schon vorhandene Hindernisse dar, die ebenso leicht besetzt wie verstärkt werden können. Der Pienaar ist für größere Truppenkörper, namentlich aber für Artillerie und Kavallerie durchaus nid)t überall passierbar, obgleich der Wasserstand augenblicklich, der Winterzeit entsprechend, niedrig sein wird.
Niedriger gehängt zu werden verdient das würdelose Verfahren eines Mannes, der sich H. Luders, Banker, Hamburgh, nennt und zu einer englisch geschriebenen Anpreisung von Losen der Hamburger Staatslotterie an ein deutsches Geschäftshaus auf Sumatra, das er offenbar für ein englisches Unternehmen hält, folgenden Zusatz macht:
„Seit ich das Vergnügen hatte, Ihnen mein letztes Anerbieten zu unterbreiten, bin ich entzückt darüber, den großen Erfolg ihrer Waffen in Afrika zu verzeichnen, der zu einem großen Teile durch die Hülfe Ihrer Kolonialtruppen herbeigeführt worden ist. Indem ich Sie zu diesem Erfolge beglückwünsche, hoffe ich, daß dieser Krieg, der dem britischen Reiche aufgezwungen worden ist, damit enden wird, daß die beiden Republiken zur Wohlfahrt für die ganze zivilisierte Welt Teile Großbritanniens werden."
Telegramme des Giesteuer Anzeigers.
London, 13. Juni. Ein Telegramm aus Kapstadt besagt, Dew et marschiere mit 13000 Mann auf Johannesburg. Ein anderes ebenfalls aus Burenquellen stammendes Telegramm berichtet, Präsident Stein sei mit 7900 Mann in Bloemfontein eingerückt. (Dem widerspricht die Depesche von Kelly Kenny aus Bloemfontein, worin er meldet, daß seit Donnerstag keine Nachrichten von Methuen vorliegen, was beunruhigt, da Methuen nördlich von Vechtkop in ein Gefecht verwickelt war.) Das Kriegsamt hat keine Nachricht darüber, daß bei Ficksberg 1500 Burghers sich ergeben haben.
dischen Wachen in Peking angegriffen. Der neue Präsident des Tsung-li-Yamen ist ein mächtiger Gönner der Boxer.
Auf der Wiener japanischen Gesandtschaft wird erklärt, daß alle Meldungen von kriegerischen Absichten Japans unbegründet seien. Japan beabsichtige in Betreff Chinas keinen Eingriff und werde die von den anderen Mächten beobachtete Politik einschlagen.
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Montag».
Die Gießener $4KHle«ir*t(er »erbte dem Anzeiger bi Wechsel mit „Hess K-dtt>irt" >. „©Utter str Hess Volkskunde" PschA. 4 erä beigelegt.
Die Wirren in China.
Jedermann hat sein Augenmerk auf China gerichtet unb kümmert sich immer weniger und weniger um die Mel« Lungen vom südafrikanischen Kriegsschauplätze. In Peking sollen die Dinge noch beunruhigender anzusehen sein, als aus den Depeschen von dort hervorgeht. Der Kaiser und Lie herrschende Kaiserin-Regentin sind am Samstag wieder in der Hauptstadt eingetroffen, begleitet von Truppen unter Lungfuhsiang. Die Einschüchterung der Christen dauert fort. In Peking sind die meisten Missionshäuser geschlossen lvorden, der telegraphische Verkehr ist nur über Rußland möglich, uud die Fremdenhetze hat einen solchen Punkt erreicht, daß niemand sich sonderlich wundern würde, von einem Ausbruch in der Hauptstadt gegen die Ausländer überhaupt und die Gesandtschaften insbesondere zu vernehmen. Der neueste kaiserliche Erlaß, der die Christen iadelt und die Boxer in Schutz nimmt, scheint die Mächte Mich zur That getrieben zu haben. Es sind im ganzen weitere 1700 Mann europäischer Truppen, Marinesoldaten uvd Kriegsmatrosen, in drei Zügen nach Peking befördert mrben. Im ersten Zug stellten die Engländer das Haupt- tontrngent, und der englische Admiral Sir Edward Seymour Nie der rangälteste amerikanische Offizier waren dabei.
dritten Zuge, der 500 Mann beförderte, waren unsere Laiid-sleute mit 350 Seesoldaten und Matrosen vertreten. Dazu kamen aber auch wieder 80 Engländer uud 70 Fran- zoser. Nach einem Gerücht hätte die Kaiserin Wittwe auf btt russischen Gesandtschaft Schutz gesucht. Dazu möge er- vühnt werden, daß man von Schanghai aus mehr als einmal empfohlen hat, wenn den Mächten ernstlich an der Lösung ■ttt heutigen Schwierigkeiten gelegen sei, sich der Person der Herrscherin zu bemächtigen unb sie kurzer Hand abzusetzen. ®ttrn der Kaiser eine zuverlässige machtvolle Persönlichkeit Tttiire, ließe sich dec Gedanke, die Mittelfigur aus dem Mischen Spiel im himmlischen Reiche zu entfernen, viel- ltikht ernstlich in Betracht ziehen; allein wenn das der Fall -märe, hätte die Kaiserin schwerlich mehr die Machtfülle in der Hand, über die sie in jüngster Zeit verfügt hat, und in -solchem Falle wäre ihre Beseitigung also überflüssig. Es scheint, daß die kluge Frau auf dem Throne entweder neuer; Lings nicht mehr auf guten Rat gehört ober sich in ber -Erwartung russischer Unterstützung so sicher gefühlt hat, daß ch iebe Beschränkung ihrer politischen Gelüste überflüssig ^schien. Wenn Lihnngtschang noch ihr Ratgeber wäre, Mrde sie kaum in ihre augenblicklichen Verlegenheiten ge- Aten sein.
Die koreanische Regierung schlug vor, bte Audtenz zu verlogen, die ber japanische Gesanbte verlangte, um wegen Ärr Hinrichtung eines bem Schutze Japans unterstehenben Züchtlings vorstellig zu werben. Es verlautet jeboch, Japan pbe in der Antwort die sofortige Bewilligung der Audienz verlangt.
Neber die von Deutschland mit Rücksicht auf die. Unruhen in China getroffenen Maßnahmen wird geschrieben: Nachdem außer dem Chef des Kreuzergeschwaders auch ber Merliche Gouverneur von Tsingtau telegraphisch angewiesen worden ist, zur Bekämpfung bes Boxer-Aufstandes in Norb China die erforderlichen Maßregeln zu treffen, nach Lage der Ereignisse angenommen werden, daß bte Äesatzung unserer ostasiatischen Kolonie heute bereits mobil gemacht ist. Zur Aufrechterhaltung der .Lkdnung unb zum Schutze ber Kolonie selbst wird das Gouvernement in Kiautschou den größten Teil ber Besatzung 4 Tsingtaufort belassen müssen; immerhin aber wird es b der Lage sein, auch ein recht starkes Detachement nach h bedrohten Gegenden auf den Weg bringen zu können, ter deutsche Kreuzer „Gefion" ist am 9. b. M. in Tongku cig;etroffen. .
Heber bk Unruhen m China werben noch folgenbe talbeiten vom 12. d. Mts. gemelbet: Die Protestanten in Peking bauten eine Barrikabe vor dem Gebäube, wohin -f,, -ck geflüchtet haben, da sie nur eine kleine Wache haben. Vie römischen Katholiken haben sich nördlich von ber MSebrale konzentriert. Peking unb besonders die Tataren- hibi scheinen sicher. Eine teilweise Wiederherstellung der Schn wirb heute erwartet. Die neue Sommerresibenz ter britischen Gesandtschaft m den Bergen wurde lest« Nacht von unbekannten Boxern oder Soldaten total ein aeäschert. Das Gebäude war formell unter den Mnfc der chinesischen Regierung gestellt. Kein Menschen- i wurde eingebüßt. Nach einem Telegramm auS -Zchnghai zirkulieren dort wilde Gerüchte. General Tung- >S5iaug und die Kanfu Truppen hätten die auslän-
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Der Krieg in Südafrika.
„Daily Expreß" meldet nad) Drahtungen aus Burenquellen zwei britische Niederlagen, eine bei Donkerpoort, 10 Metten nördlich von Norvalspont, wo die Engländer angebliche in beträchtlichen V e r l u st gesetzt worden sind, die andere bei V r e d e f o r t, wo die Engländer mit einem Verluste von 750 Toten und Verwundeten sowie 150 Gefangenen zurückgeschlagen worden sind. Die Buren erbeuteten eine große Menge Lyddit-Bomben, die sie zerstörten. — Dewet stieß nach der V e r e e n i g i n g vor. Die Eisenbahnlinie ist zerstört. — Die letztere Niederlage ist wahrscheinlich identisch mit der von Rondeval, wo bekanntlich ein englisches Neomanry-Bataillon in die Gefangenschaft der Buren geriet.
General Buller telegraphiert vorn 12. d. M. aus Joubertsfarrn: Ich habe vier Meilen von Volksrust. ein Lager bezogen. Die Buren haben gestern den Laingsneck-Paß und den. Majubahügel geräumt. Die von Jngogo kommende Division Giert) überschreitet jetzt Laingsneck. Ich mußte hier wegen Wassermangels ein Lager beziehen. — Der General meldet weiter, daß er sin der letzten Nackt Charlestown erobert habe. Die Buren leisteten energischen Widerstand, die Verluste der Engländer sind schwer.
General Kelly-Kenny meldet aus Bloemfonteiw pom 11. Juni, er habe seit dem 7. Juni keine Mitteilung von Lord Methuen erhalten, der am 6. Juni nördlich voil Vechtkop in ein Gefecht verwickelt gewesen sei. Präsident Steijn befinde sich in der Nähe des Ortes Reitz, östlich von Lindley. Die nach Vrede gebrachten englischen Gefangenen würden gut behandelt. — Ein Telegramm Kelly-Kennys vom 12. Juni aus Bloemfontein besagt, die britischen Truppen, die von Norden her anrückten, hätten Honingspruit erregt und dort ein Gefecht mit den Buren gehabt. Morgen früh würden sie an der Eisenbahn bei Amerika-Station eintreffen. General Knox ßei von Kroonstadt aufgebrochen, um die Buren abzuschneiden.
Lord Roberts berichtet, daß 150 englische Offiziere und 3 5 00 M a n n , die in Pretoria gefangen waren, in Freiheit sind, 900 seien von den Buren nach anderen Orten gebracht worden, während sich 200 im Lazarett befinden.
Ein Deserteur berichtet, im Bezirke Bethlehem ständen 7000 Buren. Bei dem letzten Gefecht bei Rooi- krantz sei Kommandant Olivier gefallen, Kommandant De Villiers tätlich verwundet. 1500 Buren ergaben sich dem General Brabant — Diese Meldung des Büreaus Reuter bedarf noch sehr der Bestätigung.
Ein Telegramm aus Kapstadt von gestern nacht meldet: Ministerpräsident Schreiner stattete nachmittags dem Gouverneur Milner einen Besuch ab und überreichte formell seine Demission. Milner bat Schreiner, vorläufig die Geschäfte fortzuführen. Es heißt, daß Schreiner einwilligte.
Die Buren sollen beabsichtigen, auf ihrem Rückzüge von Pretoria nach Osten bei H a t h e r l e y einem weiteren Vorrücken der Engländer Widerstand entgeg-onzusetzen. Hather- ley - Distillery ist auf den meisten KarteU der Südafrikanischen Republik nicht angegeben, es ift auch kein Ort, sondern eine gewerbliche Anlage, „Die erste Fabrik" genannt, welche die Hauptfrucht des Landes, den Mais, daneben aber auch Weizen und Kaffernhirse zu Branntwein verarbeitet. Dazu ist vor etwa zehn Jahren Brauekei- betrieb getreten. Der rege Verkehr nach dem großartig^ Betriebe war «auch wohl Anlaß, daß die Eisenbahn von Pretoria nach der Delagoabai hier vorüber geführt und eine Station angelegt wurde. Wenig bekannt dürfte die That- sache sein, daß man dort auch „Kölnisches Wasser" herstellt, das unter der Marke „Johann Maria Favinia, gegenüber dem Fabriksplatz" — die Aufschrift ist deutsch — in den Handel gebracht wird. Auch die verschiedensten Sorten Feuerwasser vom „Three Star Brandy" bis zum „Gin", das ist Genever, entspringen dieser Quelle. Die Fabrik liegt etwa 13 Kilometer östlich von Pretoria in einem großen Bogen des Pienaarflusses, hart an feinen steil abfallenden Ufern, und ergoß früher alle Rückstände, d. h. die Schlempe, unbenutzt in den Fluß. Jetzt sollen viele hundert Schweine damit gemästet werden. Eine Schleife der großen Straße von Pretoria nach Middelburg führt ebenfalls hier vorüber in einen langgestreckten von West üqch Ost verlaufenden Thalkessel. An den Berghängen
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
79. Sitzung vom 12. Juni 1900. 11 Uhr.
Am Ministertische: v. Thielen.
Tagrsordriung: Interpellation Cahensly-Lieber (Ztr.): Ist die Staatsregieruna im Hinblick auf daö am 17. April dö. I». auf dem Rhein zwischen Rüdesheim und Bingen vorgekommene Unglück bereit, Maßregeln zu ergreifen, dir den durchaus unzulänglichen Trajektoerkehr zwischen Rüdesheim und Dingen den heutigen regen Verkebrsverhältnissm entsprechend gestalten?
Abg. Cahensly (Zentrum) schildert die Unzulänglichkeit der heutigen Verhältnisse. An den Abfahrtstellen hrnschtm unerträgliche Verhältniffe. Kälber, Schweine und Menschen kämpften um die rechtzeitige Beförderung. (Heiterkeit.)
Minister v. Thielen bemerkt, die Regierung lehne jede Verantwortung für das Unglück ab. Die verunglückten Per- sonen hätten ganz genau gewußt, wie groß die Tragfähigkeit des Fahrzeuges gewesen sei: sie hätten es überfüllt unb dadurch das Unglück verschuldet. Vortellhafter würde eS ja sein, wenn eine feste Bcücke von Bingen nach dem anderen Rheinufer geleitet würbe. Hiergeam würde seitens der Regierung nichts einzuwenden feto, wenn Die Stadt Bingen mit Unterstützung durch die übrigen interessierten Ortschaften die Angelegenheit in die Hand nehme.
ES findet Besprechung ber Interpellation statt.
Abg. Lotichius (nl) meint, man solle bei Verpachtung »es Trajektverkehrunternehmens darauf halten, daß nur zuverlässigen Leuten die Pachtung übertragen werde.
Abg. v. Riepenhausen (kons.) Es scheme, als ob solche Vor- kommniffe keine Zufälligkeiten seien, die sich nicht vermeiden ließen. Stecke vielleicht die Sparsamkeit deS Finanzministers dahinter? Sr bitte den Minister, unter allen Umständen strengste Grundsätze bei der
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