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Zweites Blatt
Nr. 61
Mittwoch den 14 März
1900
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Gießener Anzeiger
Henerat-AnMger
Der Neue Kurs vom Standpunkt des Mediziners.
^Gießen, den 13. März 1900.
„Ich war ein Brandfuchs noch an Jahren, Zwei Semester zählt ich nur," — da war mein Herz noch voller Ideale. Bor allem war mir das Eine unumstößlich feststehend, daß das, was die Regierung und nun gar der Kaiser sagten und thaten, absolut das Wahre, absolut das Richtige sein müsse.
Mein Vater, welcher daS denkwürdige Jahr 1848 mit« gemacht hatte, und nun der nationalliberalen Partei angehörte, „solange sie von der liberalen Seite nicht zu viel hervorkehrte", wie er einschränkend zu bemerken pflegte, war mir noch nicht national genug. Ich wurde Mitglied deS Alldeutschen Verbandes, hielt die Alldeutschen Blätter und die Deutsche Zeitung, nachdem ich den Frankfurter General- Anzeiger lediglich deswegen abgeschafft, weil er einstmals dem Grafen PosadowSky scharfe Opposition gemacht hatte. Ich las die Witze des Kladderadatsch über die Agrarier mit einer großen Befriedigung; denn ich glaubte vollkommen, daß die notleidende Landwirtschaft eine schöne Phrase sei. Obwohl als süddeutscher Landbewohner ohne jegliches Jn- aereffe an allen Kanälen, konnte ich die Opposition gegen die Kanalvorlage absolut nicht begreifen.
Erst kürzlich noch wurde ich Mitglied des Flottenver- und jede wirklich nationale Sache wird mich stets auf ichrer Seite finden. Aber der Glaube, das Vertrauen ist sehr in'S Wanken gekommen, die Ideale sind sehr zusammengeschmolzen, ich bin nicht nur Skeptiker, ich bin auch gegebenenfalls schärfster Opponent der Regierung, wenn sie solche Scherze, wie die neuerlich geplante Zulassung der Realgymnasialabiturienten in die Wirklichkeit überträgt.
Schon haben uns die um PosadowSky die Frauen als unerwünschte Konkurrenten auf den Hals geladen. Betrachten wir doch die Sache bei Licht! Was ist es, was die Blaustrümpfe zum Studium treibt? Einige alte Schachteln, die ihren Beruf verfehlt, oder im Braut- oder Ehestand üble Erfahrungen gemacht haben, versuchen sich wichtig zu machen «nb werfen die Frauensrage auf. Warum aber werden sie gerade Mediziner? Dies ist doch zweifellos für eine Frau der allerungeeignetste Beruf. Was nutzt die vielgepriesene sanfte Hand? Die wäre als Hand, einer Pflegerin, an denen ein brennender Mangel überall sich fühlbar macht, als Hand eines Predigers im fußfreien Rock wesentlich bester anzuwenden. Der Mediziner braucht noch immer eine feste Hand und eine ziemliche Portion Körperkraft, außerdem ein ganz bedeutendes Maß von Selbstüberwindung, Nerven wie Batzenstricke muß er haben, und auch die werden mit der Zeit dünn und morsch. Wie mags erst der Aerztin gehen? Der praktischen Aerztin? Vielleicht erleben wirs ja.
Nun kommt das famose Projekt der Zulassung von Nealschulabiturienten. Ich habe im Prinzip durchaus nichts gegen die Reformschulen. Aber warum sind es wieder die Mediziner, die als Besuchskarnikel dafür auserkoren werden. Warum? Nun das ist ziemlich klar. Der Mediziner ist Geschäftsmann, nicht entfernt zu vergleichen mit den „Gelehrten" anderer Berufe. Der Mediziner ist nicht abhängig vom Staate. Dieser an einer erschrecklichen Ueberproduktion leidende Stand ist eben auch vollkommen schutzlos. Die schamloseste Konkurrenz wuchert in ihm, sie erstickt ganz allgemein die ideale Seite des Berufs und läßt die geschäftliche in den Vordergrund treten. Man kann also, wenn hier eine neue Ueberschwemmung eintritt, ganz beruhigt sein. Es fallen dem Staate keine neuen Gehälter zur Last, es klagt keiner darüber, daß er zulange auf Anstellung warten muß, man kann sich ja immerhin einmal hier oder dort niederlassen, man kann ja einmal von 2000 bis 3000 Mark jährlich sehr gut leben, unbekümmert darum, daß man einen nebenan sitzenden, vielleicht mehrfachen Familienvater in's Unglück stürzt. Jeder Ort möchte ja wohl am liebsten seinen Arzt, und die Niederlassung ist ja völlig frei.
Auch möchten wohl die Herren Geheimräte doch nicht gerne gerade in ihrer juristischen rc. Kaste Leute ohne humanistische Bildung sehen; aber es soll doch gemacht werden, ergo — versuchen wir's mit den Medizinern, die brauchen ja keine humanistische Bildung.
Aber das ist noch nicht daS Schlimmste. Entweder torr bekommen die Realschulabiturienten. Dann werden die buich die Konkurrenz bedrohten Aerzte notgedrungen den Regierungsgegnern, vielleicht, nein sicher zum großen Teil den Sozialdemokratie in die Arme getrieben werden.
Oder wir bekommen sie nicht. Dann sind schöne Hoffnungen auf einer anderen Seite erwckt, die notgedrungen wieder bei dieser Unzufriedenheit im Gefolge haben müssen. Die aus heiterem Himmel herniedergeblitzte allerhöchste Initiative gibt aber selbstredend den Interessenten die Berechtigung nicht zu ruhen und zu rasten, bis sie dieses Zie erreicht haben. Doch es wird gelingen; denn niemand vertritt in der Regierung die Interessen des Aerztestandes.
Man ist ja nachgerade an Plötzlichkeiten des neuen Kurses vollkommen gewöhnt. Wer aber gedacht hat, daß Unbesonnenheiten mit den Jahren sich verlieren würden, der wird durch immer neue Reden und Thaten alle Augenblicke vom Gegenteil überzeugt. Gewiß ist eS sehr schön, wenn ein Monarch sich um alles kümmert. Aber in einem konstitutionellen Staate muß es heißen: „audiatur et altera pars“. Dieser andere Teil liegt im Sachsenwalde begraben. Männer die Mark in den Knochen und eine eigne Meinung haben müssen gehen, Soldaten und Marionetten treten an ihre Stelle. So will's der neue Kurs.
Ich speziell könnte mir ja einen Grund denken, welcher maßgebend gewesen ist, für die geplante Ueberüber- produktion an Medizinern und welcher nicht denen nahesteht, welche ich oben anführte. Man sucht allenthalben Zivilärzte, welche Sanitätsoffiziere der Reserve sind, zum Uebertritt in die Armee sowohl während, als auch nach ihrer Dienstzeit zu bewegen. Es muß dies auf höhere Weisung geschehen, da mir beispielsweise von drei gänzlich von einander unabhängigen höheren Dienststellen dieser Vorschlag gemacht wurde. Die militärärztlichen Bildungsanstalten liefern nicht genügend Nachwuchs Man hat neuerdings sogar erhebliche Entschädigungssummen für solche Uebertretende als „Studienentschädigung" ausgeworfen. — Vermutlich möchte man durch die geplante Maßregel die Mediziner teilweise zwingen, wenn sie nicht verhungern wollen, der Not gehorchend nicht dem eignen Trieb, Militärärzte zu werden. Eine sicherlich erfolgreiche Maßregel! Aber um welchen Preis?
Doch wer fragt darnach? Es ist eben — der Neue Kurs!
Die 600jährige Jubelfeier der Stadt Lich.
t. Lich, 11. März 1900.
„O welch ein herrlich Fest ist unser Festtag g e w e st." So könnte man in Anlehnung an ein altes Kirchenlied von dem I ub i lä u m s f e st der alten Eichen stadt Lich singen. Ja, es war ein herrlich«Fest, welches von dem sich zum Einrücken rüstenden Frühling mit „sonnigstem Sonnenschein^ bedacht worden war, und als gestern morgen in der Frühe vom Turme des Rathauses herab aus dem „metallenen Munde" der Trompeten und Hörner der Choral „Nun danket alle Gott" erschallte, da hat es wohl in dem Herzen eines jeden Licher einen freudigen Widerhall erweckt und zürn Danke gestimmt, zum Danke gegen den Lenker aller Dinge, zum Danke für. die gnädige Führung der Schicksale unserer Stadt während der 600 Jahre ihres Bestehens als solche, zum Danke auch für den herrlichen Festtag. Ueberall an den Häusern reicher Flaggenschmuck, überall auf den Straßen Leute mit festtäglicher Kleidung, mit vor Festesfreude strahlendem Antlitz.
Um 8 Uhr kündeten die Glocken männiglich die Bedeutung des Tages: um 11 Uhr wurden für die Kinder in den einzelnen Klassen die Schulfeierlichkeiten gehalten. Von feiten der Regierung war Herr Regierungsrat Dr. Wagner erschienen und nahm an der Schulfeier Teil. — Um 1 Uhr 30 Min. mittags wurde unter den Klängen der Festglocke und des. Chorals „Nun danket alle Gott", in Gegenwart der Korporationen der Stadt, auf dem Kirchenplatze, nahe der im Jahre 1817 gepflanzten Reformationseiche, eine Gedächtniseiche gepflanzt, welche durch Herrn Dechanten K l i n g e l h ö f f e r geweiht wurde mit dem Wunsche, daß die sinnbildliche Stellung des jungen Baumes zwischen Rathaus und Kirche lebenden und kommenden Geschlechtern einen Hinweis geben möge, die Kräfte der religiösen und kirchlichen Gemeinschastspflege und der bürgerlichen, öffentlichen Wohlfahrt zu widmen. Die Weiherede betonte noch, daß ebenso wie der junge Baum bald grünen und gedeihen werde, so möge auch die Stadt blühen und gedeihen in allen Zeiten und^so, wie sich die Krone der gepflanzten Eiche bald ausbreitn werde, um den Vögeln des Himmels als Wohnung zu dienen, so möge auch die Stadt Lich in Zukunft die Wohnstätte eines sich immer mehrenden freien frohen Geschlechtes sein. Herr Bürgermeister Heller übergab sodann den Baum der Pflege der Bürgerschaft und empfahl ihn besonders dem Schutze der Jugend. — In der nun folgenden kirchlichen Feier, welche durch den ergreifenden Gesang des Vereins
Cäcilia verherrlicht wurde, hielt Herr Dechant Klingel- Höffer die Festpredigt über den Text Pf. 103, 13 u. f. Ju kerniger, echt volkstümlicher Weise sprach er über die religiöse Bedeutung unserer Stadt seit den ersten Anfängen des Christentums, führte dann in großen Zügen auf Grund der zuweilen freilich mangelhaft geführten Chronik und der Kirchenbücher die wichtigsten Abschnitte in der Entwickelung der Stadt und des fürstlichen Hauses vor, rühmte das gute Regiment, welches stets geherrscht, und das auf wirtschaftlichen und sittlich-religiösen Fortschritt gerichtete Streben der Einwohner. Dann zeichnete er Ziel und Wege für die Verwaltung, für die Vereine, deren Anzeichen um den Altar aufgestellt waren, für die verschiedenen Klassen der Bevölkerung und für die Jugend und das Heranwachsende Geschlecht. —
Am Abend bewegte sich dann ein Fackelzug der Vereine und der Bürgerschaft vom Rathaus aus durch die Stadt nach dem Lokale deS Gastwirts Heiland. Hier angekommen, sprach Herr Bürgermeister Heller einige Worte der Begrüßung und deS Dankes für die rege Beteiligung der Einwohner und schloß mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und Se. königliche Hoheit den Großherzog. Dann hielt Herr Vorsteher Wagner von der Präparandenanstalt einen Vortrag über die "Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung. Klar und fesselnd, ein Muster volkstümlicher Gcschichtsdarstellung, zeigte die über eine Stunde dauernde Rede die kulturelle Bedeutung der Gegend seit der prähistorischen Zeit und die Entwickelung der Stabt aus ihren ersten nachweisbaren Anfängen bis auf unsere Tage, gab einen Ueberblick über das Haus Solms, dessen Ursprung, Rechtsvorgänger und die ihm verwandten und abgezweigten Käufer. Mit besonderer Gcnugthuung verweilte der Vortragende bei der Zeit der Frau Fürstin Mutter zu^Anfang des 19. Jahrhunderts, wo die durchlauchtige Frau hier zuerst den Ideen Pestalozzis Eingang verschaffte, und eine Forstschule unterhielt. Er schloß mit einem Hoch auf das fürstliche Haus und Se. Durchlaucht den Fürsten Karl. Lang anhaltender stürmischer Beifall war der Dank für den die Sache erschöpfenden nach zuverlässigen Quellen gearbeiteten Vortrag. Im Laufe des Abends wurden dann noch einige Ansprachen gehalten, so von Herrn Oberamtsrichter Gil le r über die schöne und gesunde Lage der Stadt, den Fleiß, Strebsamkeit und Frie densliebe ihrer Bewohner, schließend mit einem Hoch auf die Stadt Lich. Herr Lehrer Alt gedachte des Stadtregiments und deren Vorfahren im Amt, und aller alteingesessenen und neu angesiedclten Geschlechter, welche durch landwirtschaftliche, gewerbliche, technische oder wissenschaftliche Bethätigung an dem Aufblühen der Stadt einen Anteil haben, und den Namen mit Ruhm in die Welt trugen. Herr Lehrer Schmidt toastete auf Herrn Bürgermeister Heller u. s. w.
Da es dem Fürsten Carl und Prinzen Ludwig unmöglich war, persönlich zu erscheinen, hatten sie Glückwunschtelegramme geschickt, wofür aus der Versammlung Danktelegramme gesandt wurden.
Bis in die frühe Morgenstunde dauerte das fröhliche Treiben, das durch keinen Mißton gestört wurde.
Die Gesangvereine Cäcilia und Männerquartett trugen vollendet schöne Gesänge vor, und die Musik hielt alle Lebensgeister in frischer Spannung.
Wenn man dem schönen Wetter und dem Verlauf des Festes eine Vorbedeutung für kommende Zeiten im Schicksale unserer Stadt beilegen dürfte, so wäre es gewiß eine, gute. So lebe, blühe und gedeihe denn unsere Stadt zum Wohl ihrer Bürger zum Glück unseres Landes. I. -----------------;----—:-----L----------Y - I- .
Lokales und NrovnyieUes.
(Anonyme Ginsendungen, gleichviel welchen Inhalte», werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gießen, 13. März 1900.
** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 97 Jahren, am 14 Marz 1803, starb zu Ottensen bei Hamburg der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock. Er lenkte di: deutsche Poesie mit seinen dichterischen Schöpfungen in neue Bahnen, und bezauberte durch Großartigkeit der Stoffe und durch enthusiastische Behandlung derselben. Seinen Ruhm begründete sein M-tsterweik „Messias", etn in Hexametern geschriebenes Heldengedicht. K. wurde am 2. Juli 1724 in Quedlinburg geboren.
•• Die Influenza, führt Dr. I. Ruhemann in der .«Verl. Klin. Wochenschau" auf den ungemein starken Mangel an Sonnenschein, der fast im ganzen Januar herrschte, zurück. Schon in früheren Arbeiten hat er nach- zuweisen gesucht, daß hinsichtlich des Entstehens von Influenza-Epidemien kein anderer meteorologischer Faktor so wichtig ist, wie das Sonnenlicht, diese gewaltige anti- mkterielle Kraft. Auch bei der zurzeit herrschenden Influenza- Epidemie ist der Nachweis des außerordentlich geringen Sonnenscheinquantums, welches wir in Deutschland gehabt saben, nicht ohne Jntereffe. In Berlin hatten wir die


