Nr. 37
Zweites Blatt
Mittwoch de» 14 Februar
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war, ihrer habhaft zu werden, und zwar umspielte bei ihren Schilderungen stets, wie Gordon wieder und wieder betont, „ein Lächeln ihre Lippen", wie sie auch, an den Schauplatz der That geführt, „nicht einen Augenblick Neue zeigte, sondern unausgesetzt mit den Polizeibeamten lachte und scherzte". In schmerzliche Aufregung geriet sie nur, wenn sie fürchtete, zu den Verhandlungen oder zu den photographischen Aufnahmen für das Perbrecheralbum — ihren großen Hut nicht aufsetzen zu dürfen, der sie doch so vorzüglich kleidete. Hatte sie aber ihren großen Hut auf, dann war sie fröhlich und guter Dinge, gab über alles, was die Polizei zu wissen verlangte, bereitwillig Auskunft, und gab auch das Geständnis lachend ab, daß sie beim Nähen an dem für Gouffo bestimmten Sacke ein Liedchen aus den Tagen ihrer Kindheit gesungen hätte. Je mehr von diesen Einzelheiten im Publikum bekannt wurden, desto mehr fühlte sich letzteres davon erregt. Aber unsere Leser würden sehr. falsch urteilen, wollten sie annehmen, daß jene Erregung* auch nur das Geringste mit Empörung oder Abscheu gemein gehabt hätte. Grade das Gegenteil war der Fall: man bewunderte allgemein dieses „tapfere, seelenstarke und hübsche Mädchen". Gordon sagt darüber: „In Paris wird ein Verbrecher, der einen Nebenmenschen in ungewöhnlicher Weise zu töten verstanden hat, rasch so populär, wie ein großer Bühnenkünstler. Dennoch habe ich nur wenige Fälle gekannt, wo ein Verbrecher den Ruf von Gabriele Bomyard erhallen hätte. An jedem Morgen veröffentlichten die Zeitungen mit rührender Sorgfalt das Menu ihres Diners vom verstossenen Tage. Man stritt darüber, ob man ihr zum Cotelette Kartoffeln oder grüne Erbsen gebracht habe, man beschrieb auch ihre Toiletten, und nach den Verhandlungen war stets von nicht- weiter die Rede, als von der Anmut der Maitresse Eyrauds." Den Gipfel ihrer „unmoralischen Popularität", wie Gordon sich ausdrückte, erreichte die Bomyard aber, als sie von dem Untersuchungsrichter nach Lyon geschafft wurde, um über die stattgefundenen Vorgänge hier Auskunft zu geben. Auf allen Stationen belagerten ungeheure Menschenmengen die Bahnhöfe. In Laroche, wo sie ausstieg, um zu frühstücken.
Ausgeburt der erhitzten künstlerischen Phantasie, sondern die schamlose Wiedergabe der brutalen Natur, die sich scheu unter den Kleidern verbirgt. Pfui!" Mit zitternder Hand schrieb er einige Zeilen, legte sie mit der Karte in ein Kouvert und schickte das unzüchtige Machwerk schleunigst auS dem Schlosse.
Sittlich unzurechnungsfähig. Ein ehemaliger Chef der Pariser Sicherheitspolizei, M. Gordon, hat vor kurzem seine Memoiren herausgegeben (Verlag von F. Krüger in Paris und Leipzig), die sich in der Hauptsache auf seine Erfahrungen hinsichtlich des Pariser Kokottenlebens und des mannigfaltigen, damit zusammenhängenden Verbrecherwesens beziehen. Es ist ein erschreckendes Bild von sittlicher Verkommenheit, das er damit vor den Augen seiner Leser entrollt. Doch nicht allein die Haupt- Akteurs und -Actricen in diesen eklen Vorgängen legen Zeugnis ab für eine kaum denkbare menschliche Entartung, auch das Pariser Publikum beweist gelegentlich einen Mangel an sittlicher Zurechnungsfähigkeit, der mindestens ebenso bedenklich ist. Das geht besonders klar aus dem Falle „Gouffö" hervor, den Gordon mit allen Einzelheiten sehr drastisch erzählt. Der Huissier Gouffs war von einem ge» wissen Eyraud und seiner Geliebten Gabriele Bomyard in der Wohnung der letzteren ermordet worden. Und zwar unter Umständen, die auf das völlig entmenschte Fühlen des Mädchens ein starkes Licht werfen. Sie war es gewesen, die den Unglücklichen zu dem für ihn so entsetzlich endenden Stelldichein gelockt hatte, sie war es, die ihm die Schnur rhres Schlafrockes wie spielend um den Hals legte mit der ihn dann der unbemerkt hinter ihm stehende Eyraud erdrosselte. Darauf zwängten beide den Leichnam in einen vorher von Gabriele für den Zweck genähten Sack und steckten ihn in den schon bereitstehenden Koffer, der über Nacht in des Mädchens Schlafzimmer stehen blieb, ohne daß jenes sich dadurch in ihrem Schlummer hätte stören lassen. Später schaffte das Verbrecherpaar den Koffer mit seinem entsetzlichen Inhalte nach Lyon, wo sie ihn an passender Stelle ins Wasser warfen. Alle diese Details erzählte Gabriele später selbst, nachdem es endlich gelungen
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Der keusche Oberhofmeister. Im dieswöchent- üchen Kladderadatsch lesen wir: Die Gesellschaft deutscher Aquarellisten hatte bei der Eröffnung ihrer Ausstellung im Salon Keller und Reiner auch dem Oberhofmeister Frhrn. v. Mirbach eine Einladungskarte übersandt, auf der die Muse der Malkunst durch eine sogenannte ideale, natürlich splitternackte Weibsperson verkörpert ist. Der Herr Oberhofmeister hat die Karte sogleich zurückgeschickt und dabei erklärt, daß diese „Kunst" sein Sittlichkeitsgefühl verletze. Wenigen dürften die näheren Umstände dieses Vorgangs bekannt sein, deren Ermittelung wir der unermüdlichen Thätigkeit unseres auch in hohen Kreisen verkehrenden rechercheur diplomatique verdanken. Als Herr v. Mirbach die Karte in die Hand genommen hatte, be- Irachtete er sie kopfschüttelnd längere Zeit, indem er tiefer und tiefer errötete. Dann schellte er und ließ zwei ältere Zeremonienmeister, die gerade im Schlosse waren, zu sich bitten. „Meine Herren," sagte er zu ihnen mit zuerst etwas unsicherer, bald aber fester werdender Stimme, „es mag ja wunderlich klingen, und villeicht lachen Sie' über mich, aber als Christ und als Oberhofmeister eines christlichen Hofes schäme ich mich des offenen Bekenntnisses meiner Unwissenheit nicht. Ich habe noch nie ein nacktes Weib von Fleisch und Blut gesehen, sehen sie wirklich so aus?" In tötlicher Verlegenheit standen die beiden Zeremonienmeister da, bis sie mit dem Geständnis herausrückten, daß auch ihnen das noch nicht passiert sei. Da kam dem alteren der beiden Herren ein rettender Gedanke. „Wir wollen," sagte er, „sechs Mann von der Schloßgarde heraufrufen lassen. Manche von diesen Leuten haben etwas wild und robust gelebt, vielleicht ist einer darunter, der uns Auskunft geben kann." Gesagt, gethan. Die sechs Mann künstlich strammer Haltung an, und nachdem sie das Bild genau betrachtet hatten, erklärten sie einstimmig:
'0 sehen sie ungefähr aus." „Also doch: nef Herr v. Mirbach empört. „Es ist also nicht eine
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
1900
Bezugspreis vierteljährl. Ml 2,2t
Amtlicher Teil.
Darmstadt, am 18. Januar 1900.
Betr.: Die Unterdrückung der Maul-und Klauenseuche. Tas Großh. Ministerium des Innern au die Großh. Kreisämter.
Die mit einer gewiffen Regelmäßigkeit alle zwei bis drei Jahre wiederkehrende besonders starke Verbreitung der Maul- und Klauenseuche ist offenbar darauf zurückzuführen, daß in jedem solchen Seuchengange eine Durchseuchung der meisten Bestände stattfindet, daß aber mit dem Erlöschen der dadurch entstandenen Immunität nach und nach sich wieder em neuer Seuchengang vorbereitet. Die hauptsächlichste Ursache, daß dessen Verbreitung auch durch noch so eingreifende Maßnahmen nicht abgewendet werden kann, l^egt ohne Zweifel in den vielfachen Verheimlichungen von Seuchenausbrüchen, und es ist anzunehmen, daß gerade diese Verheimlichungen alle sonst gegen die Verbreitung der Seuche angewendeten Maßregeln unwirksam machen. Genauere Ermittelungen haben ergeben, daß vielfach auch die Ortspolizeibehörden den Verheimlichungen der Seuche seitens der Viehbesitzer dadurch Vorschub leisten, daß sie selbst von dem ortsbekannten Ausbruch der Seuche keine Notiz nehmen, und sich nicht vergegenwärtigen, wie sie der Allgemeinheit nur damit nützen würden, wenn sie die Viehbesitzer, welche die sofortige Auzeige unterlassen, zur gerichtlichen Bestrafung bringen.
Hierzu kommt, daß, wenn Anklagen wegen unterlassener Anzeige vom Seuchenausbruch erhoben worden sind, dies meist auf Grund des § 65 Ziff. 2 des Reichsviehseuchengesetzes geschehen ist, die infolge hiervon erkannten Strafen aber zu gering sind, um abschreckend zu wirken, zumal die mit den Absperrungsmaßregeln verbundenen Nachteile die Bedeutung der wegen Verheimlichung der Seuche erkannten Geldstrafen oft weit überwiegen. Nachdem aber nun das Reichsgericht in konstanter Rechtsprechung (cf. Reichs- gerichtSentsch. in Strafsachen Band 27, S. 357, und Urteil vom 13. Dezember 1898) die wissentliche Unterlassung der vorgeschriebenen Anzeige von einem Seuchenausbruch als Vergehen nach § 328 des Reichsstrafgesetzbuchs angesehen, und demgemäß hiervon abweichende Urteile bei der Revision aufgehoben hat, beauftragen wir Sie, die Vieh
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monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestellen
bcsitzer auf die schweren Folgen unterlaffener Anzeige wegen Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche in ihren Vieh- beständen durch öffentliche Bekanntmachung unter dem Anfügen aufmerksam zu machen, daß die Staatsanwaltschaften angewiesen worden sind, in allen Fällen, in denen seitens der Gerichte die mildere Strafbestimmung zur Anwendung gebracht würde, die Entscheidung höherer Instanz herbeizuführen. Zugleich weisen wir Sie an, den Ortspolizeibehörden aufzugeben, alle Fälle der wissentlich unterlassenen Anzeige von dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche unverzüglich zu Ihrer Kenntnis zu bringen, damit Sie dieselben unnachsichtig an die Staatsanwaltschaft zur strafrechtlichen Verfolguug übermitteln. Zugleich erwarten wir, daß Sie den Befolg der den Ortspolizeibehörden erteilten Weisung strengstens überwachen und jede Unterlassung in nachdrücklichster Weise disziplinär ahnden werden.
Rothe.
v. Starck.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinde», das Gr. Polizeiawt Gießen, das Gr. Polizei- kommissariat Arnsburg uud die Gr. Gendarmerie des KreiseS.
Unter Bezugnahme auf vorstehendes Ausschreiben machen wir Ihnen zur Pflicht, die ungesäumte Anzeige von Seuchenausbrüchen zu veranlassen und zu überwachen, Verfehlungen dagegen stets uns anzuzeigen. Das Ausschreiben wollen Sie zur Kenntnis der Ortsbewohner bringen.
__________________v. Bechtold.___________________
Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Ruttershausen.
In der Zeit vom 17. Februar d. I. bis einschließlich 23. Februar d. I. liegen auf dem Amtszimmer der Großherzoglichen Bürgermeisterei Ruttershausen folgende Akten zur Einsicht der Beteiligten offen:
1. die Rechnung über die Einnahmen und Ausgaben der rubrizierten Feldbereinigung nebst den dazu gehörigen Urkunden.
2. der Beschluß der Vollzugskommission und des Gemeinde ratS vom 8. Februar d. I. über den Ausschlag und die Erhebung der ungedeckten Bereinigungskosten.
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r,r Einwendungen hiergegen sind bei Meidung des AuS- schluffes innerhalb der oben angegebenen Frist bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Ruttershausen schriftlich einzureichen.
Friedberg, 9. Februar 1900.
Der Großherzogliche Bereinigungskommissär Süffert, RegierungSrat.
Dr. W. I. Leyds.
Willem Johannes Leyds wurde am 1. Mai 1859 zu Magelang auf Java geboren, war erst Lehrer, studierte dann zu Amsterdam Rechtswissenschaften. Im Jahre 1884 promovierte er mit Auszeichnung. Sein Plan war hierauf, nach Leyden zu gehen und weiter zu studieren, um daS Examen für den Kolonialdienst ablegen zu können, aber am Tage nach seiner Promotion bot Präsident Krüger, der sich damals mit Smit und Dutoit in Niederland befand, dem jungen Doktor der Rechte das Amt eines Staats- prokurators der südafrikanischen Republik an. Nach einigem Zögern willigte Leyds ein. 1887 wurde er als Staatsprokurator wiedergewählt, und im Mai 1889 folgte er W. E. Blök als Staatssekretär. In den. Jahren 1893 und 1897 wurde er als solcher wiedergewählt.
Der Staatssekretär der südafrikanischen RepublikHkann nicht durch den Präsidenten, sondern allein durch den „Volksraad" ernannt und entlassen werden, und hat seine eigene Verantwortlichkeit. Alle Anstellungsdekrete der Beamten werden vom Präsidenten gezeichnet und vom Staatssekretär gegengezeichnet; fast jedes Gesetz hat er xm „Volksraad" zu verteidigen; er hat das Recht, den Sitzungen dieses Rates beizuwohnen, und darf da stets, und ohne an irgend welche Bestimmungen gebunden zu sein, seine Stimme bei der Beratschlagung hören lassen. Kem Wunder also, daß der Staatssekretär auf den Ganc; der Geschäfte des Landes einen schwerwiegenden Einfluß ausubt. Kein Wunder darum auch, daß die englische Presse in diesen Tagen immer und immer wieder ihre giftigen Artikel an die Adresse des Dr. Leyds richtet, an die Adresse eines Mannes, von dem England weiß, daß er auf Krügers Thaten großen Einfluß, von dem es das Gefühl hat, obschon es England wahrscheinlich niemals eingestehen wird, daß die Größe Transvaals auf so manchem Gebiete, die dieser Staat gegenüber Albion jetzt schon entwickelt, nächst Krüger zu einem großen Teile dem zu verdanken ist, was der frühere Staatssekretär im Interesse seines zweiten Vaterlandes gethan hat.
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