aufführung der Lustspiel-Novität „DaS fünfte Rad" geht nunmehr bestimmt morgen, Mittwoch, den 14. ds. in Szene. Wir haben über die Novität in letzter Woche mehrere auerkennende Berichte gebracht, und wollen nicht verfehlen, die Theaterfreunde auf die Premisre nochmals aufmerksam zu machen.
** Konzertverein. Das gestrige fünfte Konzert dieser Saison brachte an Orchesterwerkcn für Gießen Drei Novitäten, deren Aufführung man mit um so größerer Spannung entgegen sehen durfte, als es Werke von Tondichtern waren, deren bloßer Name dem Konzertbesucher einen besonderen Kunstgenuß in Aussicht stellen mußte. Johannes Brahms, Richard Wagner und Franz Liszt waren es, deren Namen das gestrige Programm zierten, und deren dort angekündeten Tonschöpsungen Herr Universitäts-Musikdirektor Traut mann im Verein mit der vortrefflichen Homburger Kurkapelle uns Gießenern vorzuführen unternommen hatte. Die dritte Symphonie von Brahms, welche das interessante Konzert eröffnete, dürfte zugleich die Glanzleistung des Abends gewesen sein, denn die Ausführung sämtlicher Sätze zeigte sehr künstlerische Vollendung, die dem Orchester sowie unserem Universitäts-Musikdirektor zu hoher Ehre gereicht. Die Vorzüge des Homburger Kurorchesters haben wir schon früher mit Freuden lobend anerkannt und konstatieren auch heute wieder gern, daß der gesamte Orchesterkörper sowohl im tutti als auch in den einzelnen Jnstrumentengruppen sich als ein vortrefflich eingeschultes Ensemble erwies. Einer nicht niinder exakten Wiedergabe hatten sich Richard Wagners „Faustouvertüre" und Liszt'S symphonische Dichtung „Tasso" zu erfreuen. Wenn diese beiden Werke gestern hier nicht den Eindruck gemacht haben, den wir ihnen gewünscht hätten, so dürfte der Grund dafür in der Hauptsache in einem Umstande liegen, der weder dem Dirigenten noch dem Orchester zum Vorwurf gemacht werden kann. Unsere modernen Meister Pflegen für ihre Orchesterwerke meist eine große Anzahl von Blasinstrumenten vorzuschreiben, die zugleich eine entsprechende Verstärkung des gesamten Streicherchors in sich schließt. Letztere ist leider nicht überall ohne weiteres zu beschaffen, und da eine Einschränkung des forte bei den Bläsern der Gesamtwirkung stets schadet, so begegnet man bei mittelgroßen Orchestern meist der nicht erfreulichen Thatsache, daß die Bläser, namentlich die Blechmusik, auf Kosten des Streichorchesters zu sehr dominieren. Dieser Umstand dürfte es auch gestern gewesen fein, der den Werken von Wagner und Liszt nicht zur vollen Würdigung verholfen hat. Mit Freuden konstatieren wir aber, daß die sonstigen Feinheiten der Instrumentation im vollen Umfange zur Geltung kamen. Herrn Trautmann sei noch ein besonderer Dank dafür ausgesprochen, daß er mit dem gestrigen Konzert auch für die Orchesterwerke von Liszt bahnbrechend in unserer Stadt gewirkt hat; möge auch sein ferneres Wirken in dieser Beziehung stets erfolgreich sein! Den solistischen Teil des gestrigen Konzertes hatte der in letzter Zeit zu großem Ruf gelangte Barytonist Dr. Felix Kraus aus Wien übernommen. Die Liederkompositionen von Schubert und Schumann, mit denen er das Publikum erfreute, legten Zeugnis davon ab, daß sein Streben nach hohen und ernsten Dingen gerichtet ist und daß er nicht nur mit seinem klangvollen, von einer vorzüglichen Text- aussprache wirksam unterstützten Organ die Zuhörer bestricken, sondern sie auch durch die Aeußerung seiner musikalischen Auffassung in den Geist der Kompositionen einführen will. Nach früheren Leistungen von ihm zu schließen, erschien uns der geschätzte Künstler gestern nicht besonders disponiert; trotzdem fanden seine Liederspenden reichlichen Beifall und er war liebenswürdig genug, denselben durch eine Zugabe zu lohnen. Pr.
* * Unfall. Zwei dem Fruchthändler Christian Köhler von Langsdorf gehörige Pferde mit Wagen gingen gestern nachmittag in der Grünbergerstraße durch, rannten einen mit Diehlen beladenen Wagen an, daß dieser umfiel und teilweise zerbrach Die Pferde, welche der Besitzer erst seit kurzer Zeit gekauft haben soll, wurden noch in der Grünbergerstraße aufgehalten, ohne weiteren Schaden an- zurichten.
* • Berichtigung. In dem in Nr. 35 Bl. 4 des „G. A." enthaltenen Artikel „Inwieweit ist der überlebende Ehegatte verpflichtet, eine Inventur zu errichten?" muß es inSpalte l, letzte Zeile, statt verdrängt verträgt heißen.
* * Befihwechsel. DaS Ackermann'sche Besitztum Frankfurterstraße 36 ging dieser Tage für 105 000 Mk. käuflich in den Besitz des Herrn Obersteiger Jakob Muth über.
* * Bilanz. Wir machen auch an dieser Stelle auf die im Inseratenteil unserer heutigen Nummer veröffentlichte Bilanz der Hypotheken-Bank in Hamburg aufmerksam.
* * Eine weitere Kraftmaschine. AuS Anlaß der Inbetriebsetzung einer weiteren 50pferdekräftigen Dampfmaschine gab die A k t i e n b r a u e r e i ihrem Maschinenpersonal am Samstag abend in der geschmückten Maschinenhalle des Etablissements ein kleines Fest. Außer der neuen Dampfmaschine verfügt die Brauerei über eine ältere mit 90 Pferdekräften, welche für den Betrieb und die später geplante elektrische Beleuchtungs-Anlage nicht mehr hinreicht.
* ♦ Neue Briefmarken. Die Ausführung der neuen Postwertzeichen hat vom Standpunkte des guten und gebildeten Geschmacks aus viel Anfechtung erfahren. Diese abfälligen Urteile sind an leitender Stelle nicht ohne Eindruck geblieben. Wie das „B. T." hört, besteht die Absicht, den neuen Stempel durch einen anderen zu ersetzen, der höheren künstlerischen Anforderungen entspricht.
* * Luxusrad und Bedarfsrad. Die „Darrnft.^Ztg." erklärt ihre Meldung, daß ein Steueraufseher einen sein Fahrrad zu einem sonntäglichen Ausflug benutzenden Arbeiter zur Anzeige brachte, für unrichtig. Hoffentlich I find Nachrichten über ähnliche Vorkommnisse in Offenbach I gleichfalls irrig. Daß gesetzlich ein Verbot an Arbeiter, I
ihr stempelfreies Fahrrad gelegentlich zu einem Ausflug zu benutzen, nicht zu rechtfertigen ist, wird jetzt auch von behördlicher Seite erklärt.
* * Meterologifche Beobachtuugsstatioueu. Das Großh. Ministerium des Innern beabsichtigt das ganze Großherzogtum Hessen, ähnlich wie dies bei unseren Nachbarstaaten Bayern usw. der Fall ist, mit einem dichten Netz von meterologischen Beobachtungsstationen auszustatten.
* * Zn Mitgliedern der Kaiserlichen Disziplinarkammer in Darmstadt wurden ernannt: Der Großherz. Hessische Ober- Regierungsrat und Vortragende Rat im Großh. Ministerium des Innern Best und der Großh. Hess. Ober-Landesge- richtsrat Keller, beide daselbst.
§ Londorf, 12 Februar. Das Konzert des Gesangvereins „Frohsinn" nahm gestern bei gut besetztem Saale einen sehr erfolgreichen Verlauf. Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, zu konstatieren, daß der Verein unter der Leitung seines jetzigen Dirigenten Herrn Lehrer Bandaß eminente Fortschritte gemacht hat. Freilich konnte man dies, nach dem großartigen Erfolge des „Frohsinn" auf dem Kreuznacher Gesang-Wettstreite — voraussehen; allein die gestrige Darbietung hat selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen. Einmütig und mit großer Sicherheit folgt der Verein den Intentionen des temperamentvollen Dirigenten, der sehr energisch und mit voller Hingabe seines Amtes waltet. Auch mit seinen Solovorträgen erzielte der Dirigent einen unbestrittenen Erfolg. Das schöne Resultat des gestrigen Tages ist noch dadurch gesteigert worden, daß dem Frohsinn während des Konzertes zwei Ehrengeschenke (Fahnenschleife und Taktstock), gewidmet von den Frauen und Jungfrauen aus Londorf und Umgegend — als Zeichen der Anerkennung der ernsten Strebsamkeit des Vereins in der Pflege der edlen Gesangskunst — durch Fräulein Seibel überreicht wurden. Mit Stolz und Freude kann der „Frohsinn" auf den Verlauf des gestrigen Konzerts blicken.
§§ Aus dem Kreise Lauterbach, 11. Februar. So sehr man auch bemüht ist, den sogenannten Spinnstuben zu Leibe zu gehen, so ist es doch nicht möglich, diese Sitte oder Unsitte gänzlich aus der Welt zu schaffen. Eine Spinnstuben- gesellschaft in G., bestehend aus 14 Mädchen, begab sich kürzlich nach Schluß der Spinnstube in eine Wirtschaft, wo zuerst Schnaps und dann Bier getrunken wurde, dabei rauchten die Mädchen fast alle ihre Zigarren.
Nidda, 12. Februar. Gestern abend wurde in Kraft's Saalbau das diesjährige Winterfest des hiesigen Radfahrervereins abgehalten, und zwar zuerst theatralische Aufführung und dann Reigenfahren. Die Begrüßungsansprache hielt namens des Vereins Herr Oberpostassistent Geißler. Der vom Verein Dillenburg entsandte Vertreter wurde besonders herzlich begrüßt. Die theatralische Aufführung „Kalt gestellt", sowie das Reigenfahren verliefen zur allgemeinen Zufriedenheit. Es schloß sich ein Ball an; die Musik stellte die hiesige Feuerwehrkapelle.
Darmstadt, 12. Februar, Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin mit Prinzessin Elisabeth sind mit dem festgesetzten Zuge Samstagnacht nach Italien via St. Gotthard abgereist. Nächstes Reiseziel ift Neapel bezw. Capri. In Begleitung der Allerhöchsten Herrschaften befinden sich Hofdame Freiin v. Rotsmann, Flügeladjutant Rittmeister Kraemer, Mr. Wemys.
A Mainz, 12. Februar. Der Ausschuß des deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit hat den Beschluß gefaßt, die diesjährige Generalversammlung hier in Mainz abzuhalten. Der Termin der Generalversammlung ist noch nicht bestimmt, doch findet dieselbe wahrscheinlich in der Woche nach Pfingsten statt. — In dem Kasteler Floßhafen sind gestern nachmittag zwei Knaben, der 8- und 11jährige Sohn eines auf der Amöneburg bediensteten Werkmeisters beim Schlittschuhlaufen ertrunken. Als man die Kinder, die trotz der Warnung ihrer Eltern die dünne Eisdecke betreten hatten, aus dem Waffer zog, gaben dieselben noch Lebenszeichen von sich, doch gelang es aller ärztlichen Anstrengung nicht, das junge Bruderpaar am Leben zu erhalten.
Wetzlar, 12. Februar. Die von dem 41. Rheinischen Provinziallandtage am 7. Februar v. Js. vollzogene Wiederwahl des Landeshauptmanns, Geheimen Oberregierungsrats Dr. Klein in Düffeldorf zum Landeshauptmann der Rheinprovinz auf eine weitere, mit dem 26. September d. Js. beginnende zwölf- jährige Amtsperiode ist bestätigt worden.___________________
Vermischtes.
• Köln, 12. Februar. Hier starb infolge von Altersschwäche im 79. Lebensjahre der in den weitesten Kreisen bekannte und hochangesehene Justizrat Eduard Schenk. Der Verblichene war in den 70er Jahren während der dritten und vierten Legislaturperiode des deutschen Reichstags mehrere Jahre Vertreter der Stadt Köln in dieser Körperschaft, und gehörte als solcher der Zentrumssraktion an. Der Verstorbene war als hervorragender Jurist bei seinen Standesgenoffeu hochangesehen und zeichnete sich durch besonderen Wohlthätigkeitssinn aus.
* Oberhausen, 12. Februar. Der Schmachtendorfer Schacht „H u g o" der hiesigen Gutehoffnungshütte ist ersoffen.
* Elberfeld, 12. Februar. Die Eisenbahnbetriebs- Inspektion gießt bekannt: Am Sonntagabend wurden auf dem Uebergang auf dem Bahnhof Gruiten zwei Personen, die eigenmächtig die geschlossenen Schranken geöffnet hatten, von dem Kölner Schnellzuge bei gleichzeitiger Vorbeifahrt eines Personenzuges getötet. Nach den Ausweisen sind die Getöteten Emil Specht, Schleifer aus der Nähe von Gruiten und Christian Scharf aus Köln.
Aus Thüringen, 10. Febr. (E i n mysteriöser Selbstmord.) Der praktische Arzt Dr. Karl Endlich
in Stützerbach hat seinen Selbstmord der in Ilmenau er-- scheinenden Zeitung „Henne" selbst angezeigt. Genannte Zeitung erhielt folgendes Schreiben durch die Post: „Folgendes nehmen Sie bitte in Ihre Zeitung auf: Am 5. Februar, abends 10 Uhr erschoß sich in seiner Wohnung dec praktische Arzt Dr. med. Karl Endlich in Stützerbach. Motiv zur That ist unbekannt." Aus dem zum Schreiben benutzten Briefbogen und durch Schriftvergleichung stellte sich heraus, daß Dr. Endlich selbst der Schreiber des Briefes war. Nach genannter Zeitung soll es sich um ein amerikanisches Duell handelu.
* Heidelberg, 12. Februar. Ein aus Düsseldorf stammender Deserteur des Diezer Bataillons wurde hier fest genommen.
* Paris, 12. Februar. Das Testament des Barons Adolf v. Rothschild bestimmt als Haupt- erbin Baronin Edmund Rothschild, die Tochter des Barons Willy in Frankfurt. Dreiviertel Millioneu sind für Errichtung einer Blindenanstalt bestimmt. Der größte Teil der Kunstsammlung fällt dem Louvre zu.
Universität und Hochschule.
— Ermanntr Der Privatdozent Dr. Max Bamberger an der technischen Hochschule in Wien zum a.-o. Professor der Encyklopädie, Chemie und Agrikulturchemie an dieser Hochschule.
— Gestorbenr In Berlin Dr. Moxter vom Institut für Infektionskrankheiten im Alter von nur 30 Jahren. Er war in Hahnheim in Hessen als Sohn eines Pfarrers geboren und erhielt seine Schulbildung auf dem städtischen Gymnasium in Frankfurt a. M.
— Verschiedenesr Professor A. Eisenmenger an der Akademie der bildenden Künste in Wien begeht heute seinen 70. Geburtstag.
Arbeiterbewegung.
Mainz, 12. Februar. Unter den hiesigen Tünchern, Malern und Lackierern ist eine Lohnbewegung im Gange. Der Gesellenausschuß hat den Meistern folgende Forderungen unterbreitet: Die Arbeitszeit ist vom 15. März bis zum 15. Oktober eine lOstündige mit je einer halbstündigen Vesper- und Frühstückspause. Der Mindestlohn sür Gehilfen über 20 Jahre beträgt 43 Pfennig pro Stunde, bei Gehilfen unter 20 Jahren 36 Pfg. Auswärtige Arbeit wird mit einem Zuschlag von Mk. 1,50 pro Tag vergütet. U-berstunden von 6 bis 8 Uhr abends sind mit einem Zuschlag von 10 Pfg. und Nachtstunden mit einem solchen von 20 Pfg zu vergüten. — Die Meister haben sich zu den Forderungen noch nicht geäußert, doch ist kaum anzunehmen, daß dem Verlangen der Gesellen nachgegeben wird.
Leipzig, 11. Februar. Der deutsche Braunkohlen Industrie-Verein hat einen Arbeitgeber-Verband gegründet, dem fast sämtliche Braunkohlenwerke in den Bergrevieren Halle a. d. S., Weißenfels, Zeitz, Meuselwitz, im Königreich Sachsen, in der Niederlausitz, in Litteseld und anderen Bezirken beigetreten sind. Der Verband bezweckt, bei der Durchführung und Vervollständigung der sozialen Gesetzgebung fördernd mitzuwicken sowie den Arbeitsnachweis zu vermitteln und unberechtigten Ausstands- und Lohnbewegungen der Arbeiter geschlossen entgegenzutreten. Zur Unterstützung von Werken, die durch einen Ausstand betroffen werden, ist ein Fonds gebildet, der durch regelmäßige Beiträge ständig vergrößert werden soll.
Wien, 12 Februar Auf den Domänen der österreichisch- ungarischen Staatsbahngesellschaft beabsichtigen auch Bergwerksarbeiter dem Ausstand sich anzuschließen. In diesem Falle wird dieser Ausstand 12 000 Arbeiter umfassen.
Telegramme des „Gießener Anzeiger".
Berlin, 13. Februar. Aus dem Streikgebiet liegen folgende Meldungen vor: Nach Telegrammen des Lokal-Anzeigers aus Halle und Leipzig hat sich die Situation wieder verschlechtert, da die Arbeitgeber plötzlich ihre Zusagen Zurücknahmen und die Forderungen der Arbeiter als unannehmbar bezeichneten. In Halle wollen die Arbeiter mit ihrem endgültigen Beschluß bis zum 18. ds. warten, dagegen meldet das Berliner Tageblatt aus Zwickau, daß die Oelsnitzer Werke eine Lohnerhöhung bei steigendem Ertrage versprachen. Ausnahmsweise sollen jetzt 25 Pfg. mehr pro Schicht bezahlt werden, wobei der 1. Februar als Anfangstermin genommen wird. Der Oberbürgermeister, der Kreis- und Amtshauptmann haben sich zur Vermittelung, um die sie von der Bergarbeiter-Kommission ersucht wurden, bereit erklärt.
Carmaux, 13. Februar Die Ausständischen Grubenarbeiter verhinderten in der Nacht zum Montag die arbeitswilligen Kohlenarbeiter an der Einfahrt Die Arbeitswilligen wollten eine Versammlung abhalten, wurden aber durch das Einschreiten der Ausständischen daran gehindert. Die Arbeitswilligen mußten sich vor den Drohungen der Ausständischen zurückziehen. Die Polizei schritt ein und die Ruhe wurde nicht weiter gestört. Die Streikenden verlangen eine Lohnerhöhung von einem halben Frank pro Tag
Gerichtssaal.
— Leipzig, 12. Februar. Reichsgericht. (Nachdruck verboten). Wegen Erpressung wurde der Tagelöhner Karl Velten IL am 1. Dezember vorigen Jahres vom Landgericht Gießen zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt. Der Angeklagte arbeitete auf einer Dampfziegelei und gab daselbst an seine Mitarbeiter Bier mit einem Verdienst von 5 Pfennig für die Flasche ab. Eines TageS, im Juni vorigen Jahres, brachte der Angeklagte wie gewöhnlich ein Dutzend Flaschen Bier auf das Feld, da er sie nicht in die Fabrik bringen durfte und versteckte elf davon. Seine Mitarbeiter hatten dies beobachtet und suchten, um ihm einen Schabernack zu spielen, die Flaschen, welche sie auch, als sie sie gefunden hatten, austranken. Sie machten daraus keinen Hehl, trotzdem aber stellte der Angeklagte Strafantrag. Als ihm darauf von seinen Mitarbeitern nahe gelegt wurde, dies wieder rückgängig zu machen, erklärte er ihnen, er wolle die gegen sie gerichtete Anklage wegen Mundraub zurücknehmen, falls ihm ferne angeblichen Auslagen in Höhe von 26 Mk. 45 Pfg. vergütet würden Der Angeklagte focht das Urteil mit dem Rechtsmittel der Revision an und rügte zur Rechtfertigung derselben prozessuale und materielle Rechtsverletzung Der Reichsanwalt erklärte die Revision für hinfällig. Es sei zwar nicht unbedenklich darin, daß ein Antragsberechtigter den gestellten Strafantrag bei einem Antragsdelikte zurücknehmen solle, eine Drohung zu finden; der erste Richter habe jedoch festgestellt, daß sich in dem Briefe noch ein anderer Passus finde, in dem der Angeklagte drohe, er werde noch sieben weitere Zeugen laden, um der Sache einen öffentlichen Charakter zu geben. Prozessual liege eine unzulässige Beschränkung der Verteidigung nicht vor, indem sowohl die Erheblichkeit des gestellten Beweisantrags verneint würde, als auch die Stellung eines solchen überhaupt in Frage zu ziehen sei. Der erste Straffenat erkannte nach dem Antrag« des Reichsanwaltes auf Verwerfung der Revision und legte dem Be- schwerdeführer die Kosten des Rechtsmittels auf. ___________
Kruefte MeldungeR.
’ Devesckren b«ti Burrav ,f>ero!b*
Berlin, 13. Februar. Beim Finanzminister Miquel hat eine Besprechung der Minister von Thielen, Brefeld und Freiherr von Hammerstein stattgefunden, in welcher Uebereinftimmung der demnächst dem Landtage zu machenden Kanalvorlage erzielt worden sein dürfte.
Berlin, 13. Februar. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Brüssel: Während das englische Kriegsamt den letzten Rückzug Bullers als ganz harmlos darstellt und nur 200 Verwundete zugesteht, bezeichnen hier


