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14.1.1900 Zweites Blatt
 
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Fernsprecher Nr. 51.

Deutscher Reichstag.

126. Sitzung vom 12. Januar. 1 Uhr.

Der Reichstag beriet heute über die aus der vorigen Session rückständig gebliebene Resolution zum I n v a l i d i t ä t s g e s e tz. Eine Resolution Stumm verlangt im Anschluß an die inva­liden - Versicherung die Einführung einer Witwen- und Waisen-Versicherung. Eine Resolution Hitze will diese Resolution aus die in Fabriken beschäftigten Personen unter ent­sprechender Erhöhung der Beiträge beschränken, und den übrigen Versicherten die Beteiligung nur im Wege der freiwilligen Versicherung ermöglichen. Die Debatte über die Resolution füllte die ganze Sitzung aus. Grundsätzliche Bedenken gegen die Witwen- und Waisen - Versicherung wurden auf keiner Seite geltend gemacht, doch hielt der Abg. Richter es für notwendig, Die Sache vorher in einer Kommission zu verhandeln. Er fand mir auf der rechten Seite Unterstützung. Staatssekretär Graf Posadowsky betonte, daß es notwendig sei, der Frage erst dann näherzutreten, wenn die Reform der drei großen Ver- sicherungsgesetze abgeschlossen und deren finanzielle Wirkung ab­zusehen sei. Auf keinen Fall werde die Regierung sich aus eine exzeptionelle Behandlung der landwirtschastlichen Arbeiter ein­lassen. Schließlich wurde die Resolution Stumm ange­nommen. Morgen Etat des Reickzsamts des Innern.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Januar. In Deutsch-Südwestafrika sind im Jahre 18^8/99 21 Todesurteile gefällt und 89 Verurteilungen zu Prügelstrafen ausgesprochen worden. Die Strafrechtspflege in Deutsch-Ostafrika war noch schärfer. Dort wurde nach den Angaben der Denkschrift in 22 Fällen auf Todesstrafe und in 1508 Fällen auf Prügel­oder Rutenstrafe im Höchstbetrage von 25 Hieben erkannt. Von den 22 Todesurteilen wurden 13 Urteile, und zwar durch den Strang, vollstreckt. In den übrigen Fällen er. folgte Begnadigung zu mehrjährigen Freiheitsstrafen. Ueber 6 Monate wurde in Deutsch Ostafrika in 124 und zu Freiheitsstrafen bis zu 6 Monaten in 3058 Fällen erkannt. Außerdem wurden 344 Geldstrafen auferlegt.

Die Ernennung des Baron Zorn von Bulach, z. Z. Adlatus der Nuntiatur in Madrid und Bruder des llnterstaatSfekretärs für Landwirtschaft in Straßburg zum Bischof in Metz steht unmittelbar bevor. Heute nach­mittag war eine Sitzung des Domkapitels, in der die be­vorstehende Ernennung bereits mitgeteilt sein soll. Der zukünftige Bischof ist 1858 zu Osthofen bei Kolmar ge­hören, studierte auf dem Seminar in Straßburg und zu :Rom. Zum Priester wurde er erst 1891 geweiht nnd wirkte bis vor kurzem in Osthofen als Kaplan auf dem väterlichen Schlosse. Er ist Dr jur eccles. der Univer­sität Rom.

Der Eindruck der gestrigen Debatte im Abgeordneten­haus über die Beamtenmaßregelungen ist in parla­mentarischen Kreisen ganz allgemein der eines Rückzugs­gefechts von beiden Seiten. Konservative und agrarische Blätter betonen besonders, daß die Regierung die ursprüngliche Kanalvorlage selbst aufgegeben hat und die EN deren Stelle geplante neue mit auffallender Nüchternheit Lehandelt.

Dr. Hermann Meyers Expedition nach Centralbrasilien. Aus Leipzig, 12. Jan. wird uns geschrieben: Der bekannte Forschungsretsende Dr. Hermann Reyer, der Bruder des Kilimandscharo-Bezwingers Dr. Ms Meyer, ist soeben von seiner mit Dr. Koch-Gießen, Dr. Mannsfeld-Dresden und Oberarzt Dr. Pilger-Berlin m das Quel egebiet des Schingu, eines der großen Menflüsse des Amazonenstromes unternommenen zweiten -Expedition zurückgekehrt. Im Jahre 1896 stellte Meyer Len Ronuro als den Quellfluß des Schingu fest, diesmal qalt es in das Gebiet der noch gänzlich unbekannten Indianer st ämme jener Gebiete Centralbrasiliens einzu- Lringen. Die Expedition, welche ein volles Jahr brauchte, tat wertvolles wissenschaftliches Material in großer Fülle teimgebracht, die Herstellung einer korrekten Karte des Aonuro ermöglicht und von zwei Drittel des Flusses Treitenbestimmungen ausgenommen. Dr. Meyer hatte auch einen Phonographen mitgenommen, um die seltsamen Maturlaute und Gesänge der Indianer zu fixieren. Unter den Tauschartikeln befand sich eine große Anzahl Streichhölzer, die bei den Indianern sehr be­liebt sind, bei denen, die sie schon kennen, als Spielzeug, bei den anderen als Zaubermittel. Sah doch Dr. Meyer einmal, wie ein Indianer ein abgebranntes weggeworsenes Streichholz in die Erde steckte und in der ausgesprochenen Meinung, es würde einFeuerbaum" daraus entstehen. Die Fahrt auf dem Ro nu ro war mit vielen Gefahren

verbunden. Mächtige Baumriesen, welche querüber lagen, mußten durchsägt und gehauen werden und 150 Strom­schnellen waren zu umgehen. Wiederholt kippten die Canoes um, die Hälfte des Gepäcks ging verloren, das Salz, ein unentbehrliches Gewürz für die Expedition, sank in die Fluten, die photographischen Apparate, die Aus­rüstung der Küche und viele Nahrungsmittel verschlangen die Strudel. Merkwürdigerweise barg der Fluß keinen Fisch, es trat Mangel an Proviant ein, und sechs tage­lang lebte die Expedition nur von Palmen­mark, kein Wunder, daß die aus Brasilianern, Negern, Mulatten und Indianern bestehende Begleitmannschaft Miene machte, den Gehorsam zu verweigern. End­lich nach langer Fahrt durch menschenleere Gebiete, sah man ein Jndianerdorf und ging an Land In wilder Flucht ließen die Bewohner alles im Stiche und blieben verschwunden. Die Reisenden nahmen die reichlich auf­gefundenen Lebensmittel mit und legten "Tauschwaren an ihre Stelle. Dr. Meyer lag mit einem Teil der Expedition lange schwer am Fieber darnieder, dessen Nachwehen sich jetzt noch fühlbar machen.

Ausland.

Wien, 12. Januar. Das Ministerium des Innern löste den Verband alter Herren der ostmärkischen Burschenschafter auf.

Budapest, 12. Januar. Englische Agenten werben im Norden und Süden des Landes für die englische Armee. Im Marmaroser Komitat sind mehrere hundert Anmeldungen erfolgt. Die Behörden werden die Abreise der Angeworbenen unbedingt verhindern.

Rom, 12. Januar. Ein bürgerlicher Beamter des Kriegsministeriums wurde in Disziplinär-Unter­suchung gezogen, weil er zu vertrauliche Bezieh­ungen zu dem französischen Militärattachee unterhalten und diesem wichtige Papiere übergeben habe.

Amsterdam, 12. Januar. Die zweite Niederlän­dische Ambulanz ist gestern nacht in Lorenzo Marques angekommen.

Paris, 12. Januar. Im niederen Sprechzimmer des Siöcle" vereinigten sich heute nachmittag etwa 60 Herren und Damen in feierlicher Gemeinde, um Emile Zola zu huldigen, dem eine aus einer öffentlichen Subskription her­vorgegangene Medaille überreicht werden sollte. Die Versammlung umfaßte alle Führer der Dreyfus-Campagne, Picquart, Labori. Albert Clemenceau, ferner die Damen Labori, Clemenceau und andere. Emile ZolaS Antlitz er­scheint stark gealtert und nervöser. Auch Frau Zola hat anscheinend unter den Stürmen der Kampfzeit gelitten. Labori und Picquart dagegen erscheinen rüstig und guten Humors. Aves Guyot als Direktor desSiöcle", das die Subskription leitete, eröffnete die Feier mit einer längeren Ansprache, die in großen Zügen den Verlauf der Dreyfus- Affaire schilderte und die Rolle Zolas feierte, sowie die Aufopferung Aller, die dem Ruf Zolas in dessen berühmtem Anklagebrief gefolgt sind. Als Guyot Labori und Picquart erwähnt, sowie die mutigen Damen, die, wie Frau Zola, ihren Gatten in jeder Gefahr zur Seite blieben, kann sich das Publikum nicht enthalten, den Gefeierten eine stürmische Ovation zu bereiten. Während die Versammlung applau­diert, umarmt Zola den Redner und nimmt die Medaille entgegen, die, aus massivem Gold gefertigt, in einem großen Etui ruht. Sie hat etwa 15 Zentimeter Durchmesser und zeigt auf der Vorderseite das scharf geprägte Profil Zolas auf der Rückseite die Worte:Die Wahrheit ist im Anzug und nichts wird sie aushalten. 13. Januar 1898." Nachdem Zola das Kunstwerk des Bildhauers Charpentier mit Ausdruck schmerzlicher Rührung betrachtet, erhebt er sich zu einer dankenden Ansprache. Tiefbewegt reichten sodann die Versammelten Zola die Hand, worauf die Feier beendet war.

Fokales und Mooüyielles.

Gießen, 14. Januar 1900.

Ordensverleihung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben geruht, dem Generalleutnant z. D. Freiherrn Schilling von Cannstatt, seither Korn- mandeur der Großherzogl. Hessischen (25.) Division, das Großkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen zu verleihen.

* Erster Kammermusik-Abend. Unser Be­hauptung, daß Gießen eine geeignete Stätte für eine

ständige Kammermusik-Vereinigung sei, hat in dem gestri­gen, von Herrn Universitätsmusikdirektor Trautmann ar­rangierten ersten Kammermusik-Konzert dieser Saison ihre volle Bestätigung gefunden. Eine zahlreiche und kunst­verständige Zuhörerschaft hatte sich in der großen Aula des Universitätsgebäudes eingefunden und nahm die dar­gebotenen Leistungen mit einer Begeisterung auf, wie man sie in derartigen Konzerten nur selten gewahr wird. Herr Trautmann hatte aber auch nicht nur ein auserlesenes Programm zusammengestellt, sondern auch zur Ausführung desselben Künstler gewonnen, die durch ihr gestriges Auf­treten das Verlangen nach weiteren Genüssen nur gesteigert haben. Von den Herren Hegar (Cello) und Rebner (Vrolrne) war ersterer von früher bereits vorteilhaft bekannt, wäh­rend Herr Rebner sich zum erstenmal dem hiesigen Publi­kum vorstellte. Beide Herren brachten im Verein mit Herrn Trautmann, der die Klavierpartie mit gewohnter Meister­schaft führte, die Trios von Beethoven (opus 1 Nr. 3) und Dvorak (opus 90) in vorzüglicher Weise zu Gehör. Bei dem Beethovenschen Werk, das wir als bekannt vor­aussetzen, t-rnt unseres Erachtens namentlich im letzten Satz die Violine mehrfach nicht genügend hervor, ohne indessen der Gesamtwirkung wesentlich Abbruch zu thun. Das Dumky betitelte Trio von Dvorak ist eine Tonschöpfung, die schwerlich den Beifall aller hiesigen Musikfreunde ge­funden haben dürfte, und von der auch wir nach dem ein­maligen Anhören behaupten möchten, daß sie nur in einer Wiedergabe wie der gestrigen im Stande sein dürfte, bei einem kunstverständigeren Publikum Interesse zu erwecken. Solovorträge mit Klavierbegleitung hatte außer Herrn Rebner Frau Julia Uzielli aus Frankfurt (Sopran) über­nommen. Frau Uzielli zählt unseres Erachtens zu den wenigen Auserwählten, die ihre Stimme vollständig in der Gewalt haben: sie hat nicht nötig, mit besonders glän­zenden Stimmmitteln dieselben sind aber thatsächlich vorhanden dem Publikum zu imponieren, die Ton- bildnng ist in allen Lagen bei ihr eine so vorzügliche und die Ansprache der Stimme eine so leichte, daß sie, auch ohne große Kraftanstrengungen das Publikum zu fesseln versteht. Kleine Undeutlichkeiten der Textaussprache und eine leichte Neigung zum Tremolieren vermochten gestern an diesen Vorzügen kaum etwas zu kürzen und fanden ihre Liederspenden von Schubert, Brahms, d'Albert und Strauß reichen ehrenden Beifall. Mit ihr auf gleicher künstlerischer Höhe stand mit seinen Violinvorträaen Herr Rebner, der mit Solostücken von Mozart und Brahms sich als ganz hervorragender Meister seines Instrumentes erwies und wahre Beifallsstürme entfesselte. Es würde uns zu weit führen, wollten wir auf seine wahrhaft glänzenden Lei­stungen näher eingehen, deshalb beschränken wir uns auf die kurze Bemerkung, daß er sowohl wie auch Frau Uzielli sich nur mit Zugaben von dem begeisterten Publikum los­kaufen konnten. Wir können am Schluß unserer heutigen Besprechung nur den Wunsch äußern, daß das schöne Unter­nehmen unseres eifrigen Universitätsmusikdirektors auch in Zukunft von demselben günstigen Erfolge wie gestern gekrönt bleiben möchte? Pr-

** Stadttheater. Der zweite Gastspielabend von Frau Franziska Ellrnenreich war in Anbetracht der ört­lichen Verhältnisse es war gleichzeitig Kammermusikabend gut besucht. Frau Ellrnenreich gab die Iphigenie in GoethesIphigenie auf Tauris" in geradezu vollendeter Weise. Neben dem wunderbaren Tonfall des Organs, der prächtigen seelenoollen Augensprache imponierte die Künstlerin vor allem durch ihre ausgezeichnete, plastische Haltung in den ergreifendsten Momenten der Goethe'schen Bearbeitung des alten klassischen Stoffes. Der warme Beifall, der der Künstlerin wiederholt und reichlich zu Teil wurde, war sichtlich ehrlich gemeint und nicht, wie so oft, Galleriemache". Auch die wenigen Mitwirkenden der hiesigen Bühne standen ihr würdig zur Seite. Die Kürze der Zeit und Mangel an Raum verbieten uns heute ein weiteres Eingehen auf diese in jeder Hinsicht würdige Darstellung. Wir kommen bei unserer nächsten Besprechung noch auf die Iphigenie" zurück.

** Stadttheater. Auf die, morgen Sonntag abend statt­findende Aufführung des Volksstückcs:Berlin, wie eS weint und lacht", unter Mitwirkung des gesamten Per­sonals und der Regimentskapelle, machen wir nochmals auf­merksam. Es dürfte sich, da der Andrang sehr stark werden wird, empfehlen, sich schon vorher einen Platz zu sichern. Bei Herrn Challier findet Vorverkauf am Sonntag bis 3 Uhr statt; dann sind von 4 bis 6 Uhr Billets auch im Theaterbureau zu haben. Kommenden Montag findet das letzte Gastspiel von Franziska Ellrnenreich in dem reizenden LustspieleGoldfische" statt.

** Sektion Gießen des Deutschen und Oesterreichifchcn Alpenvereins. Ihre diesjährige Thätigkeit eröffnete die Sektion mit der Monatsversammlung am letzten Donnerstag. Den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildete der ange-