Ausgabe 
14.1.1900 Drittes Blatt
 
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"bei seinem Sohne ein gewisses Maß von Freiheit und Ansehen genoß. Slatins kluger Haltung hat es Neufeld wohl auch hauptsächlich zu verdanken, daß ihn der Kalis nicht kurzer Hand hinrichten ließ, aber der grausame Despot konnte sich und seiner blutgierigen Horde wenigstens den Genuß nicht versagen, seinen armen Gefangenen entsetzlich martern zu lassen. Dann warf man ihn in das Gefängnis, denSaier", und schmiedete ihm so schwere Ketten an Hals, Händen und Füßen au, daß er sich nur mühselig vorwärts schleppen tonnte. Tie Beschreibung des Saier mutet wie das düsterste Kapitel aus dem Inferno an. Zu Hunderten in den engen Kerker gepfercht, walzen sich des Nachts die kettenbelaoenen Gefangenen, darunter Kranke und Sterbende, im luüften Chaos übereinander, und kämpfen um ein Fleckchen des mit Unrat und Gestank erfüllten Raumes; wird der Lärm der Gequälten zu arg, so öffnet sich die Thür und stumpfsinnige Wärter prügeln mit Nilpferdpeitschen auf das Gewimmel der Köpfe. Erst der Morgen bringt einige Linderung, dann dürfen sich die Gefangenen in den Hof schleppen und die Toten werden in den Nil geworfen. Für die geringste Verfehlung giebt cs unglaubliche Portionen von Peitschenhieben, auch Neu­feld wurde zweimal derartig geprügelt, daß er dem Tode nahe war. Außerdem verübte der Kerkermeister an seinen unglücklichen Pfleglingen schamlose Erpressungen.

Wenn es in dem grauenhaften Gemälde, das Neufeld von dem Treiben amHofe" Abdullahis entwirft, noch einen kleinen Lichtblick giebt, so ist eS ein gewisses Gerechtig­keitsgefühl, von dem der Kalif sich leiten läßt. Die Reize des Saier und der Nilpferdpeitsche stehen jedem seiner Untertanen offen und der höchste Beamte bekommt sie, wenn er Mißgriffe begeht oder sich verdächtig macht, eben­sogut und reichlich zu kosten wie der letzte Bettler.

Noch gräßlicher wurde die Lage, als eine Hungersnot wütete und die Geschwächten scharenweise hinraffte. Man tötete sich um einen Bissen Brot, und hätteNofel" so sprach der Kalif seinen Namen aus nicht die treue Hassina zur Seite gehabt, die ihn mit dem Notdürftigsten versorgte, so wäre er gleich tausend anderen in den Nil geworfen worden. Hassina hatte jene verhängnisvolle Ka­rawane als einzige Fran begleitet und war, wie es mit den noch arbeitsfähigen Weibern stets geschieht, geschont wor­den, dann wurde sie par ordre de Mufti, d. h. auf Wunsch des Kalifen, der unbeweibte Männer nicht gern sah, in summarischem Verfahren Neufeld als Gattin zugewiesen. Sie betrug sich später schlecht, die Ehe wurde geschieden!

und Neufeld erhielt nolens volens eine andere bessere Hälfte in Gestalt einer Abessynierin.

Höchst interessant sind die aus genauer Beobachtung geschöpften Mitteilungen Neufelds über die sozialen Zu­stände im Sudan, über religiöses Leben, Heirat, Erziehung, Geldwesen u. s. w., aber ein näheres Eingehen darauf wurde hier zu weit führen. Mit anderen europäischen Gefangenen kam Neufeld nur in den ersten Jahren in Berührung, nut Slatin hatte er nur das eine kurze Gespräch bei seiner Einlieferung, aber mit Pater Ohkwalder fomite er sich öfter heimlich unterhalten, bis diesem die Flucht gelang, dann /brachte >man .eines Tages Zeinen halbidiotischen, böhmi­schen Musikanten in den Saier, der mit feiner Geige von Kairo aus nilaufwärtsgewalzt" war und in vollständiger Ahnungslosigkeit geglaubt hatte, er könnte am Nil ebenso gemütlich spazieren wie an der Moldau. Der arme Bursche unternahm einen Fluchtversuch und wurde erschlagen in der Wüste aufgefunden.

Wie schon gesagt, wurden mehremal von Kairo an-> von Neufelds Freunden Befreiungsversuche unternommen, aber alle blieben erfolglos, entweder weil die mit per Aktion betrauten Araber das mitgegebene Geld für sich verwandten oder weil andere Hindernisse in den Weg traten. Etwas bessere Tage hatte Neufeld, als er mit der Fabrikation von Salpeter beauftragt wurde. Man gab ihm leichtere Ketten und ließ ihn außerhalb des Gesaiig- nisses im ehemaligen Gordonschen Hause arbeiten. -L-latin^ Flucht, die den Kalifen aufs höchste erbitterte, führte Neu­feld wieder in den Saier zurück, aber er hatte den glück­lichen Einfall, dem geldbedürftigen Despoten naheziilegen, ihn mit dem Prägen von Münzen zu beschäftigen, und verschaffte sich dadurch wieder ein gewisses Maß von Freiheit. ,

Im Laufe dieser langen zwölf Jckhre blieben die Eng­länder nicht müßig, sondern bereiteten den großen Schlag gegen den Mahdismus vor. Sie bauten die Eisenbahn von Wadi Halfa nach Berber und drangen teils mit ihr, teils mit Nildampfern unter Lord Kitchener gegen Chartnm vor. Der Kalif, in Sicherheit gewiegt durch seine früheren leichten Siege gab sich einer verhängnisvollen Unter­schätzung der britischen Streitkräfte hin und that so gut wie gar nichts, um ihnen wirkungsvoll entgegenzutreteii. Erst als die Engländer bei Kerrerri unterhalb Omdur- mans standen und ihre gepanzerten Dampfer ein verheeren­des Feuer auf die ungeschützten Stellungen der Derwische eröffneten, kam ihm der Ernst der Situation recht zum

I Bewußtsein Der Verlauf der Schlacht steht noch tu frischer Erinnerung Die Derwische boten mit fanatischer Todes­verachtung den Kanonen Trotz und wurden bis auf wenige Tausend vollständig aufgerieben; der Kalis konnte nur fiaftiq kaum mit dem Nötigsten versehen, Chartum und Omdurman in demselben Augenblicke verlassen, als die Engländer in die Städte eindrangen

1 Neufeld lauschte im Kerkerhos mit Entzücken dem Ka­nonendonner.Ich lachte und jauchzte und sang und schrie, und warf den über unfern Häuptern dahinsaufenden Todes­boten Kußhände zu, ich breitete die Arme aus, als wollte ich die Bombe umfassen, die einige Sekunden später in die Moschee niederfiel und 72 Betende tötete." Bange Stunden entsetzlicher Spannung folgten, denn er war nur auf das Gehör angewiesen, und wußte nicht, welche von den ringenden Mächten Siegerin bleiben würde. Endlich mel­dete der jetzt gänzlich veränderte Kerkermeister, daß der Sirdar (Lord Kitchener) draußen stände und ihm befohlen habe, Neufeld herauszuführen.Ich weinte trockenen Auges, sah undeutlich eine bewegte Gruppe vor mir und schrak erst aus meiner Betäubung auf, als ich englisch horte, die ersten europäischen Laute seit langen Jahren. Aus dieser verschwommenen Gruppe, aus dem Dämmer­schein, der für mich über allem lag, drang eine Stimme zu mir:Sind Sie Neufeld? Sind Sie wohl?" Und dann schritt eine stattliche Gestalt auf mich zu und begrüßte mich mit einem herzlichen Händedruck. Es war der Sirdar."

Neufeld erzählte dann weiter, wie er nach Kairo zu­rückkehrte und dort, aller Mittel entblößt denn fein Geschäft war natürlich inzwischen zu Grunde gegangenr anfangs eine wenig freundliche Aufnahme fand, weil aller­lei Klatsch ihn verdächtigte. Es gelang ihm schließlich, die zu seiner Rettung zusammengebrachte Summe herauszu- bekommen, und die Anträge hervorragender Verleger setzten ihn in den Stand, fitij; wieder eine Existenz in der Kulturwelt zu begründen. Neufeld wird jetzt in Deutschland Vorträge über seine Erlebnisse halten.

Aus dem Buche spricht, wie schon oben gesagt, der Geist der Wahrhaftigkeit, und der Leser wird nach Be­endigung der spannenden Lektüre dem Schwergeprüften, der so stolz und mannhaft ein hartes Los getragen und selbst den rohen Barbaren Achtung eingeflößt hat, seine herzliche Teilnahme nicht versagen können.

Victor Ottmann. <

Bekanntmachung.

Beide Abteilungen des Umlagekatafters der land- und forst­wirtschaftlichen Berufsgeuosfenfchaft, fortgeführt für 1899, liegen zwei Wochen lang, nämlich vom 13. Januar bis zum 27. Januar 1900, auf der Bürgermeisterei zur Einsicht der Beteiligten offen. Etwaige Ein­sprüche gegen den Inhalt dieser Kataster sind innerhalb einer Frist von 4 Wochen nach Offenlegung bei dem Vorstande der land« und forstwirt­schaftlichen Berufsgenoffenschaft in Darmstadt bei Meidung späterer Nicht- berückfichtigung vorzubringen.

Gießen, den 11. Januar 1900.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

385 Gnauth.

Bekanntmachung.

Nachdem uns die Haupt-Versammlung wieder die Mittel zur Prämiierung von Dienstboten des Sparkaffeubezirks zur Verfügung gestellt hat, bringen wir dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis, daß Prämien nur solche Dienstboten im engeren Sinne von 5 zu 5 Jahren erhalten können, welche bei der Herrschaft Kost und Logis haben und sich über gute Führung durch Zeugnisse auszuweisen im­stande find.

Von Vollendung der 5 Jahre kann nur dann im letzten Dienstjahre abgesehen werden, wenn der Dienstaustritt durch Einberufung zum Militär, dmch Auflösung des Haushaltes der Herrschaft, oder durch Gründung eines eigenen Haushaltes seitens des Dienstboten erfolgt.

Es werden hiernach alle diejenigen Dienstboten, welche nach den vor­stehenden Bedingungen auf eine Prämie glauben Anspruch erheben zu können, aufgefordert, sich unter Vorlage der Dienstbücher, eines Zeugnisses der Herrschaft über gute Führung und daß Kost und Logis im Haufe ge­währt wird, sowie eines etwaigen Sparkaffebuch» bei unserer Kaffe ober der Grobh. Bürgermeisterei des Wohnorts bis zum 15. l. Mts. zu melden.

Gießen, den 29. Dezember 1899. 173

Direktion des Spar- und Leihkaffevereins Gießen.

Wiener.

Bekanntmachung.

Nachdem uns auch die diesjährige Hauptversammlung aus den Ueber- fchüffen pro 1898 einen Betrag zur Verfügung gestellt hat, um im nächsten Sommer wieder eine Anzahl armer skrophulöser Kinder in der Kiuderheilauftalt zu Bad-Nauheim unterbunden zu können, fordern wir alle diejenigen Bewohner des Sparkassenbezirk» Gießen, welche solche kranken Kinder haben und nicht selbst in der Lage sind, die Kosten zu bestreiten, auf, sich bei ihrem Pfarramt oder der Bürgermeisterei zu melden. Bei der Anmeldung '.st ein ärztliches Zeugnis abzugeben, in welchem die Rotwendigket einer Badekur bescheinigt fein muß. Es ist nicht aus­geschlossen, daß Kindern, welche bereits auf Kosten der Sparkasse eine Badekur durchgemacht haben, die Kosten für eine weitere Kur bewilligt werden können. Die Pfarrämter und Bürgermeistereien ersuchen wir. uns die einlaufenden Meldungen mit den ärztlichen Attesten und einer Bescheinigung über die Bedürftigkeit der betreffenden Eltern bis längstens Ende Jauuar 1900 zusenden zu wollen. Wir bemerken noch, daß Kinder unter 3 Jahren und Knaben über 14, Mädchen über 15 Jahre in die Heilanstalt nicht ausgenommen werden können.

Gießen, den 29. Dezember 1899.

Direktion dcs Spar- und Leihkaffevereins Gießen. ________________________Wiener. _________ 205 11 in jeder beliebigen Schriftart und Kartonsorte werdet

If löl If T3 ft aa mfts8ßen Preisen angefertigt in der

lySlIlQl lull Brühl'schen Univ.-Druckerei (Pietsch Erben)

Schulatram 7.

Vergebung von Kauarbeiten.

Nachstehende, zur Erbauung eines Amtsgerichtsgebäudes zu Grünberg nötigen Arbeiten nebst Material» lieferungen, nämlich: Schreiner-, Glaser-, Schlosser- und Weist- binderarbeit des inneren Aus­baues, sowie Schlosser-, Pstaster- und Chaussierarbeit für die Einfriedigung vezw. Hofherstellung, werden hierdurch unter Hinweis auf den Ministerialerlaß vom 16 Juni 1893 zur Vergebung auf dem Sab- missionsweg ausgeschrieben.

Die Aussührungs ° Bedingungen, Zcichnungen und Arbeitsbeschreib- ungen liegen an den 5 ersten Wochen­tagen in unserem Amtslokal, Sams­tags in dem Rathaussaale zu Grün- berg zur Einsicht offen, und können letztere, mit Vordruck zu dem bezüg­lichen Angebots-Vermerk versehen, daselbst zum Selbstkostenpreis in Empfang genommen werden.

Angebote sind bis zum 20. Januar 1900, vormittags 10 Uhr, versiegelt cnd mit entsprechender Aufschrift portofrei an uns abzugebsn.

Zuschlagsfrist 4 Wochen.

Gießen, den 27. Dezember 1899. Großherzogliches Hochbauamt.

__Neuling______212

Verdingung

Die Lieferung und das Verlegen von 45 cbm Brückensckwellen und von 895 qm Bohlenbelag aus Eichen oder aus Kiefern­holz zu den eisernen Ueberbauten der Neubaustrecke Nieder-GemündenNieder- Ofleiden soll vergeben werden.

Die Bedingungen und Zeichnungen liegen bei der unterzeichneten Bauabteil, ung während der Geschäftsstunden zur Einsicht auS, auch können erstere gegen postfreie Einsendung von 50 Pfg. (nicht in Briefmarken) bezogen werden.

Angebote sind verschlossen mit ent- Pre*mber Aufschrift versehen postfrei bt8 Mittwoch den 24. Januar, vor- mittags 11 Uhr, zu welcher Zeit die Er­öffnung erfolgt, an die Unterzeichnete inzureichen.

Zuschlagsfrist 8 Wochen. 317

Grünberg i. H., den 8. Januar 1900

Grokh. Etsenbahn-Bauabteilung,

Dienstag den 16. Januar 1900, vor mittags ll Uhr soll im Garnison-Lazarett Gießen die Lieferung der für das Rech uungvjahr 1900 erforderlichen Verpflea- , einschließlich ausschließlich der Fleischwaren, verdungen sicher Zeit ist auch die Abnahme der gewonnenenKüchenabfälle, Brodrefte und Knochen zu vergeben.

Die Bedingungen können während der Dienststunden im Geschäftszimmer des Lazaretts elngeschen werden. 310 Großh. Garnison-Lazarett.

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