Ausgabe 
14.1.1900 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt.

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Gießen, den 13. Januar 1900.

** GeschichtSkalender. (Nachdruck verboten.) Vor 10 Jahren, tm 14. Januar 1890, starb der Theologe und Dichter Karl (Sero! in Stuttgart, wo er zu den höchsten Kirchenämtern gelangt war. Seine Kanzelreden verbreiteten zuerst seinen Ruf. Geroks Ruhm aber begründeten die herrlichen geistlichen PoesienPalmblälter", die man fast in jedem deutschen Hause findet. Der Grundzug seines Wesens, der durch sein Leben und Dichten ging, war durchaus buman. Sein Schwanengesang ist das ergreifende Gedicht auf den Tod der Kaiserin Augusta. Er wurde am 30. Januar 1815 zu Vaihingen geboren.

** Das letzte Vierteljahr der Schulzeit hat für viele Knaben und Mädchen begonnen; noch ein Dutzend Wochen, dann wird der Schultornister zum letztenmale abgeschnallt, und mit derschönsten Zeit des Lebens" ist es vorbei. Von traurigen Abschiedsgedanken wollen aber Konfirmanden und Konfirmandinnen nichts wissen; sie freuen sich jetzt vielmehr, dem Schulzwange bald entwachsen zu sein, sie glauben auch mitunter, das Lernen jetzt nicht mehr nötig zu haben, weil es mit der Schule doch baldvorbei" wäre. Doch eine Lässigkeit im letzten Vierteljahre rächt sich oft gar sehr. Die Abgangscensur aus der Schule wird im späteren Leben häufig verlangt werden, und gar mancher junge Bursche hat sich diese schon durch mutwillige Streiche am Schlüsse der Schulzeit verdorben. Die Reue nach Ostern kommt in der Regel zu spät; es dürfte daher das Mahnwort an die Konfirmanden nicht unangebracht sein, gerade jetzt noch alle Kräfte zusammenzunehmen, um die in der Schule erwor­benen Kenntnisse und Fähigkeiten zu bereichern und zu be­festigen. Gute Schulkenntnisse sind unbezahlbar, zuviel kann man davon nicht bekommen!

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** Hausbriefkasten. Bei dem außerordentlichen Umfange, 'den der Briefverkehr seit Jahren angenommen hat, gestaltet sich die Briefbestellung immer schwieriger. Tie Briefträger sind häufig nicht im Stande, die Be­stellung in der ihnen zugemessenen knappen Zeit aus­zuführen. Die Postverwaltung ist dabei nicht in der Lage, Abhilfe zu schaffen, denn mit einer Vermehrung der Zahl der Briefträger allein ist nicht geholfen. Das wirksamste Mittel zur Beschleunigung der Bestellung hat das Publi­kum selbst in der Hand und dies besteht in der Anbringung von Hausbriefkasten an den Eingängen der Wohnungen, wie sie in England und Belgien bereits vielfach, bei uns aber erst in sehr beschränkter Zahl vorhanden sind. Wenn jeder Besitzer und jeder Mieter an seiner Wohnung einen solchen Briefkasten anbringen läßt, so liegt auf der Hand, daß eine große Beschleunigung der Bestellung zu erzielen ist. Denn nicht tttir das Warten des Briefträgers auf das Leffnen der Thür, das wiederholte Klingeln u. s. w. fällt weg, sondern es sind auch in den Fällen, wo Niemand zu Hause angetroffen wird, fernerhin keine doppelten und

dreifachen Gänge zu machen. Also an jede Wohnung bald einen Briefkasten!

n. Nieder Florstadt, 11. Januar. Nach langem Suchen fand man gestern einen bejahrten, seit einigen Tagen ver­mißten alten Mann von hier als Leiche im Wald. Der Trübsinn hat den Unglücklichen in den freiwilligen Tod ge­trieben.

n. Stammhei», 11. Januar. Gestern brach im Hause eines hiesigen Landwirts Feuer aus, das glücklicherweise frühzeitig bemerkt wurde und rasch gelöscht werden konnte, sodaß kein großer Schaden entstand.

m. Singlis, Kreis Homberg, 11. Januar. Herr Ritter­gutsbesitzer Rittmeister Deichmann auf Lembach veranstaltete gestern und heute in hiesiger, Lendorfer, Lembacher, Hebeler, Mühlhäuser, Caßdorfer und Roppersheimer Gemarkung große Treibjagden. Am ersten Tage wurden 370 und heute über 200 Stück Hasen zur Strecke gebracht. Das ist gewiß ein Zeichen guter Wildbestände. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten der Stadt Homberg wurde das neu gewählte Mitglied, Kaufmann Faust, einge­führt und durch Handschlag verpflichtet. Sodann wurde über eine Eingabe des Stadtschreibers beraten, ob derselbe in seiner Eigenschaft als Stadtschreiber verpflichtet sei, das Amt eines Protokollführers bei der StadtverordnetenVer- sammlung von Amts wegen zu übernehmen. Eine Entschei­dung hierüber wurde beim Herrn Regierungs-Präsidenten beantragt. Punkt 3 der Tagesordnung betraf die Wahl eines Stadtverordneten-Vorstehers. Gewählt wurde Herr Oberlandmesser C. Wolf und als Stellvertreter Herr Guts­besitzer Reinhard. Schriftführer wurde der Apotheker Herr Karl Fischer und dessen Stellvertreter Herr Buchbinder Wiegand. Sämtliche Gewählten nahmen die Wahl an.

Darmstadt, den 11. Januar 1900. Der zweite Ausschuß der zweiten Kammer der Stände wird morgen Freitag zu einer Sitzung zusammentreten, um seinen Vor­sitzenden zu wählen und einige wichtige Gegenstände zu er­ledigen. Auch das Bureau des Landtags wird morgen eine Sitzung abhalten, voraussichtlich um den Beginn der Land­tagssitzungen definitiv festzulegen. Als Termin ist die Mitte des Februar vorgesehen. In der heute stattgefundenen sehr lebhaften, sich bis in die Abendstunden hinziehenden Stadtverordneten-Sitzung wurde die Vorlage der Gr. Bürgermeisterei, betr. die Einführung der Beoürfnisfrage bei Konzessionierung von Wirtschaften nach erregter De­batte, in welcher der Oberbürgermeister und die Abgg. Schmehl, Reinemer, K. Th. Müller energisch für und die Abgg. Osann, H. Müller, Schödler und Kahn gegen den Antrag sprachen, mit 20 gegen 18 Stimmen abgelehnt, was im allgemeinen Interesse sehr zu bedauern ist, zudem die meisten deutschen Städte dieses Ortsstatut auch schon einge­führt haben. Die von uns kürzlich gebrachte Meldung über die Wasser-Kalamität bei dem am 7. d. M. in der Neckar­straße stattgehabten Brande veranlaßte den Oberbürger­meister Morneweg in der heutigen Stadtverordneten- Sitzung zu einer beruhigenden Erklärung. Gleichzeitig teilte er aber mit, daß die Polizeibehörde sofort eine

Prüfung der gesamten Hydranten der Stadt, besonders mit Rücksicht auf i(hre Entfernung von einander, sowie auf ihre Lage zu den Schienen der elektrischen Bahn an­geordnet habe.

Landwirtschaft.

O. Aus Oberhessen, 11. Januar.

Preisaufschläge für landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Dieser Tage brachte Ihre Zeitung eine Nachricht von der Berg­straße, wonach eine Preissteigerung sowohl für Milch, als auch für die verschiedenartigsten landwirtschaftlichen Leistungen bezweckt würde. Diese Nachricht wurde auch von derDarrnst. Ztg." gebracht und dürfte auch von anderen Blättern wiederholt werden. Nach dem Grundsätze: audiatur et altera pars, oder zu deutsch: auch den anderen Teil muß man hören, soll ein wenig über diesen Gegenstand vom Standpunkte des Landwirts geredet werden. Es ist stadt-, land- und weltbekannt, daß die Körnerfrüchte seit einem Vierteljahrhundert so im Preise gesunken sind, daß sie kaum noch die Herstellungskosten decken. In manchen Jahren waren die Preise etwas besser, dann kam die Spekulation und schöpfte den Rahm ab. Di« Preise hoben sich besonders dann, wenn die Bauern nichts mehr zu verkaufen hatten. Die Früchte waren billig, aber das Brod blieb teuer. Woher kommt dies, und wer hatte den Profit davon? darf man fragen. Baut Handelsgewächsei hieß es dann in den siebziger und achtziger Jahren, und es geschah auch da, wo es der Boden zuließ. Wohl zu merken: man kann überall Hand­werke un> Geschäfte treiben, aber man kann nicht überall Handelsge­wächse, Obst, Gemüse u. dgl. m bauen. Anfangs ging es mit den Handelsgewächsen befriedigend, heute ist es anders. Die Preise sind auch hier dermaßen gesunken, daß es schwer ist, einen Reinertrag heraus­zuwirtschaften. Inzwischen sind aber alle Lebensbedürfnisse: Kleider, Schuhe, Strümpfe und alle Wollwaren, Hausgeräte, Eisen- und Stahl­waren, am meisten ab.r die Tag- und Gesindelöhne gestiegen und je teuerer diese Löhne werden, desto mangelhafter sind die Leistungen. Der Schreiber dieser Zeilen kennt die landwirtschaftlichen Verhältnisse seit fünfzig Jahren, er hat sich bemüht, die Augen und Ohren offen zu halten. Doch solche Anforderungen und Ansprüche wie sie jetzt auf­treten, sind noch nicht dagewesen. Was mnß der Bauer leisten ? wird vielfach gefragt. Sobald die Feldarbeiten beginnen, schafft er von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang. Im Sommer dauert die Arbeit 13 bis 15 Stunden täglich, die städtischen und Fabrikarbeiter würden sich dafür bedanken. Im Winter ruht die Arbeit für den um­sichtigen Bauer keineswegs, lind was hat er, wenn das Jahr herum ist? Er dankt Gott wenn er sein bescheidenes Auskommen hat, seine Zinsen, Steuern und Abgaben bezahlen und seine Kinder etwas lernen lassen kann. Wenn nun der Bauer aus Milch, Molkereiprodukten, Obst und Gemüsen etwas herauszuschlagen sucht, heißt es gleich: die Preise sind mit dem Preise der Rohmaterialien nicht zu begründen, oder: Familien, die auf ein streng begrenztes Einkommen angewiesen sind, empfinden den Auf­schlag schmerzlich. Ganz recht! Der Bauer ist aber gar nicht so glück­lich, ein genau begrenztes Einkommen zu besitzen, er hängt damit an Wind, Wetter und Wolken, er befindet sich in den Händen der Groß­spekulanten, alle Welt zupft und preßt an ihm, aber keiner will etwas thun? Warum werden die Müller, Bäcker, Metzger, Bierbrauer, Frucht- und Viehhändler reiche Leute und warum bringt es der Bauer, der die Rohmaterialien mit harter Arbeit im Schweiße seines Angesichts baut, zeitlebens zu nichts? Bitte, freundlicher Leser, denke einmal ein bischen über diese Frage nach und du wirst sehr bald zu der Ueberzeugung kommen: der Bauer muß doch auch leben! Es bleibt ihm gar nichts anders übrig, als da einen Reinertrag herauszuwirtschaften, wo es möglich ist; wo es nicht möglich ist, läßt er die Finger davon, sonst werden sie ihm geklemmt. Aus den Molkereierzeugnissen läßt sich noch etwas erzielen, folglich sucht er zum Ziele zu gelangen. Das fordert die Pflicht der Selbsterhaltung und der gesunde Menschenverstand und was den Handwerkern, Fabrikanten und Kaufleuten in ihren Ge­schäftsangelegenheiten recht ist, das sollte man doch dem Bauer auch billig sein lassen.

Feuilleton.

Zwölf Jahre Gefangenschaft in Omdmlnavu.

Während aus dem Sudan die Nachricht kommt, daß Kalif Abdullahi bei seinem abermaligen Vorstoß gegen Ehartum nebst seinen Emiren gefallen ist, erscheinen so­eben die Erinnerungen*) eines Deutschen, den ein hartes Geschick zwölf Jahre lang die schweren Ketten derGläu- iigen" schleppen und die Mißhandlungen eines mit dem Nimbus des Prophetentums bekleideten Despoten erdul- Len ließ. Als Anfang September vorigen Jahres die Eng­länder bei Kerreri die Truppen des Kalifen mit ihren mörderischen Sprenggeschossen scharenweise niedermähten und damit der langjährigen Herrschaft der Mahdisten ein Ende bereiteten, erschlossen sie dem lebendig begrabenen Karl Neufeld in Omdurman endlich wieder die Kultur- tvelt. Ihm war es nicht geglückt gewesen, sich gleich seinen Mitgefangenen Ohrwalder und Slatin Pascha durch die Flucht zu retten, obwohl es an mehrfachen Bemühungen teilnahmsvoller Personen in dieser Richtung nicht gefehlt hatte.

Neufeld giebt in seinem Buch eine spannende Dar­stellung des ganzen Verlaufs seiner Expedition und Ge-

*) In Ketten deS Kalifen. Zwölf Jahre Gefangenschaft in Omdurman von Karl Neufeld. Großoktav, 316 Seiten mit Vollbildern nach photographischen Aufnahmen. Berlin und Stult- gart, Verlag von W. Spemann. Preis 8 Mk., geb. 10 Mk.

fangennahme, der Leiden im Kerker, der Zwangsarbeit und der Befreiung. Seine unter wilden Barbaren ungelenk gewordene Hand versteht sich zwar nicht recht auf die Fein­heiten der Schreibkunst, dafür spricht aber aus Neufelds natürlicher Darstellungsweise soviel ernste Wahrhaftigkeit, verbunden mit Schärfe der Beobachtung, daß sein Buch nicht nur als hochinteressantes menschliches Dokument, sondern auch als wertvoller Beitrag zur Geschichte des Sudan betrachtet werden muß. Neufeld läßt sich nicht ver­locken, in der Rolle des kühnen Abenteurers und großen Dulders zu posieren, er giebt sich ganz schlicht, ohne jede Spur von Pathos, und vermeidet es geradezu, an das Mitleid des Lesers zu appellieren. Nur zum Schluß, wo er an die Widerlegung von allerlei böswilligem Klatsch geht, zittert eine starke persönliche Erregung durch die Zeilen hindurch und er schreibt mit Bitterkeit,daß er dem wilden Barbarentum des Sudan nur entgangen sei, um der raf­finierten Grausamkeit der zivilisierten Welt zum Opfer zu fallen".

Seine Leidensgeschichte beginnt mit dem Jahre 1887. Neufeld betrieb damals in Assuan ein Handelsgeschäft und ließ sich durch einen befreunoeten Araber dazu überreden, eine Karawane nach Kordofan auszurüsten, um große Mengen Gummi günstig zu erwerben. Es war ein aben­teuerliches Wagestück, denn das ganze Land zwischen Don- gola, Berber, Ehartum und Kordofan befand sich im Besitz fanatischer Mahdisten, und wer in deren Hände geriet, der war verloren. Neufeld vermochte aber der Aussicht aus großen Gewinn ebensowenig zu widerstehen, wie dem Reize des Abenteuerlichen, und so überschritt er am 1. April 1887

bei Wadi Halfa mit 64 Mann und 160 Kameelen den Nil um erst nach zwölf Jahren bettelarm heimzukehren.

Kalif Abdullahi, der Sohn des verstorbenen Mahdi, residierte in den Städten Ehartum und Omdurman, die Gordon mit Aufopferung seines Lebens am 26. Januar 1885 dem Mahdi hatte überliefern müssen. Sein über ganz Aegypten verzweigtes Spionagenetz unterrichtete ihn gut über alle Bewegungen der englischen Truppen und die sonstigen Ereignisse. Auch Neufelds Vorbereitung zur Reise nach Kordofan konnten nicht verborgen bleiben, und lenkten die Aufmerksamkeit auf eine gute Beute, denn Neufeld führte Waffen, Waren und Geld mit sich, außerdem ver­mutete man in seinem Besitz wichtige Militärpapiere, die er den treu gebliebenen Araberstämmen bringen sollte. Man verstand es, ihm einen Führer beizugesellen, dessen Aufgabe es mar, die Karawane in einen Hinterhalt zu locken.

Der Plan gelang nur zu aut. Der verräterische Führer brachte den Zug nach dem Wadai-Terrain, westlich von Dongola, und dort wurde die dem Verschmachten nahe Karawane von einer starken Derwischhorde überfallen und geplündert. Neufelds Begleiter sielen im Kampf oder wurden später hingerichtet, er selbst wurde unter Gewähr für sein Leben gefangen genommen, weil die Derwische Befehl hatten, ihn unversehrt zu überbringen, zunächst nach Dongola, dann vor den Kalifen nach Omdurman. Hier begegnete er Slatin Pascha, der bekanntlich schon 1884 beim Fall von Darfur in die Hände des Mahdi geraten war, aber als Mohammedaner und äußerst kriegstüchtiger Mann von diplomatischem Geschick beim Mahdi sonmhl, wie spater