Ausgabe 
13.12.1900 Zweites Blatt
 
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ihm bis nach Pallington entgegen fahren. Gleich nach seiner Ankunft in London begiebt sich Roberts in Be­gleitung des Prinzen in die St. Pauls-Kirche, wo ein Dank-Gottesdienst stattfinden wird. Die Straßen Londons werden festlich geschmückt sein und die Bevölkerung ihm Feste aller Art bereiten.

Haag, 12. Dezember. In der Umgebung Ktügers verfolgt man mit großem Interesse die aus englischer Quelle stammenden tendenziösen Meldungen, wonach die europäischen Mächte den Engländern freie Hand in Südafrika lassen würden. Man hat fest­gestellt, daß die Depeschen, in denen der Phantasie am meisten Spielraum gelassen ist, den Weg über Wien nehmen. Eine dieser Wiener Meldungen behauptet, daß dem Präsidenten vom Zaren eine entmutigende Depesche zugegangen sei und daß der Präsident beim Empfange der Botschaft ausgerufen habe:Ich habe meine letzte Hoffnung verloren" und dann in Thränen ausgebrochen sei. Man bemerkt in diplomatischen Kreisen, daß, wenn die Meldung auf Wahrheit beruhte, man im Haag eher etwas davon erfahren hätte, als in Wien. Hier glaubt man viel mehr, daß der Zar und der gesamte russische Hof sich der SacheMMügers wohlwollend annehmen werde. yt

Haag, 12. Dezember. Krüger wird demnächst nach einer Villa in der Nähe von Hartem übersiedeln, die ihm zur Verfügung gestellt worden ist.

Der Krieg i« China.

Die Gesandten baden in ihrer letzten Sitzung be­schlossen, sofort nach Unterzeichnung und Absenoung der Kollektivnote an die chinesische Regierung in Unterhand- lungen mit den chinesischen Bevollmächtigten einzutreten, ohne die Ankunft der Beglaubigungsschreiben der letzteren abzuwarten. Die Gesandten haben einen Entwurf dieser Beglaubigungsschreiben ausgearbeitet und Li Hung-Tschang und den Prinzen Tsching ersucht, sich nach diesem Muster ihre Beglaubigungsschreiben kommen zu lassen. Da der englische Gesandte noch keine Instruktionen von seiner Re­gierung erhalten hat, so wurde kein bestimmter Tag für die nächste Sitzung anberaumt. Die Gesandten haben ferner eine provisorische Regierung eingesetzt, die aus folgenden Personen zusammengesetzt ist: Kapitän Dodds (Amerikaner), Selwyn (Engländer), Shippa (Japaner), v. Brassen (Deutscher). Der Vorsitzende General von Gayl wird sich wegen des Funktionierens dieser Re­gierung mit den chinesischen Bevollmächtigten verständigen.

Eine Pekinger Drahtung der LondonerMorning Post" vom 10. ds. besagt, Graf Wald er fee bilde eine internationale Kommission unter deutschem Vorsitz zum Zweck der Aufstellung von Bestimmungen für die Aufrechterhaltung der Ordnung, Einziehung der Steuern und Zölle, Einführung sanitärer Maß­regeln, Verhaftung von Personen, die eines Verbrechens beschuldigt sind, und Bestrafung der Uebelthäter, sowie für freie Verteilung von Reis in Peking unter Mit­wirkung chinesischer Beamten.

Hauptmann Bergmann, Kompagniechef im 92. In­fanterie-Regiment in Braunschweig, ist an Stelle des ver­storbenen Grafen Jork zum Generalfiab des Grafen Walder- see einberufen worden.

Die Differenzen die zwischen dem Feldmarschall Grafen Waldersee und dem amerikanischen General Chaffee wegen der von den Deutschen und Franzosen dem Pekinger Observatorium entnommenen Instrumente entstanden waren, sind, wie von wohl informierter Seite gemeldet wird, in befriedigender Weise beigelegt worden. Chaffee hatte in dieser Sache an den Oberst-Kommandieren­den ein Schreiben gerichtet, das dieser wegen des darin angeschlagenen Tones unbeantwortet zurückschickte. Der amerikanische General, der inzwischen selbst eingeseheu hat, daß dieser Brief in seiner Form nicht korrekt war, zögerte nicht, dieser Erkenntnis in loyalster Weise Ausdruck zu geben. Damit ist die Angelegenheit erledigt.

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Telegramme deS Gießener Anzeigers.

Wilhelmshaven, 12. Dezember. Leutnant Knapp st ein, der in Colombo krankheitshalber vom Dampfer Köln zurückgelassen wurde, ist jetzt dort ge­storben.

Washington, 12. Dezember. General Chaffee hat der amerikanischen Regierung telegraphisch Bericht über den Zwischenfall Waldersee erstattet. Er er­klärt, daß er sich) der projektierten Plünderung widersetzt habe, weil die Plünderer nicht zu den Truppen gehörten, die unter vielen Entbehrungen und Strapazen an dem Feldzuge teilgenommen haben, son­

dern neue Ankömmlinge gewesen seien. Der Felder marschall von Waldersee glaubte darin eine Anspielung auf die deutschen Mannschaften zu erblicken. Der ameri­kanische Kriegsminister betrachtet den Zwischenfall alH beendet und will demselben fein? weiteren Folgen geben, weil dadurch die guten Beziehungen zwischen den ameri­kanischen Truppen und denen der übrigen verbündeten Mächte gestört und die Friedens-Unterhandlungen ver­zögert werden könnten. Das amerikanische Kriegsmini- sterium erkennt den Protest des Generals Chaffee als im Prinzip begründet an, giebt aber zu, daß die Form des Protestes zu Kritiken Anlaß geben kann.

Kolonialpost.

Die amtliche Berichterstattung aus unseren Kolonien hat schon oft genug wegen ihrer Langsamkeit zu Klagen Veranlassung gegeben. Jetzt erfährt man wieder erst durch Privatmitteilungen, daß in Kamerun das Kanonen­bootHabicht" einen Unfall erlitten hat und, wie eS scheint, aufgegeben werden muß. Das Schiff hatte, wie man aus Kamerun vom 8. November schreibt, Ende September das Unglück, in der Viktoriabucht auf einen bisher nicht bekannten Felsen zu stoßen, wodurch am Kiel eine große Oeffnung entstand. Das Wasser füllte den Raum, der den Matrosen zur Aufbewahrung ihrer Hab­seligkeiten diente, und bewirkte eine bedeutende Senkung des Vorderteiles des Schiffes. Es gelang noch eben, nach Kamerun zurückzufahren, wo sogleich Anstalten zur Aus­besserung getroffen wurden. Diese nahm den ganzen Oktober in Anspruch und wurde auf dem Schlipp (AuS- befferungsschlitten) in Kamerun vorgenommen. Da zur Zeit des Vollmonds die Fluth höher steigt, und gerade der WörmanwDampferAdolf" ankam, so benutzte man diese Gelegenheit und versuchte, denHabicht" vom Schlipp, auf das man ihn mit Leichtigkeit gebracht hatte, herunter­ziehen zu lassen. Doch alle Versuche, die mehrere Tage hindurch bei der jedesmaligen Fluth gemacht wurden, waren vergebens. Man will nun das Schaff ab brechen, da es schon alt und große Unkosten wohl nicht mehr wert ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Dezember. Der Kaiser hörte im hiesigen Schlosse .die Vorträge des Chefs des Militärkabinets v. Hahnke und des Staatssekretärs v. Tirpitz. Darauf wurde der Bürgermeister von Bremen, Dr. Pauli vom Kaiser empfangen und der Abt Willibrod Benzler von Maria Laach, sowie Sir Vincent Kannett Barrington zur Frühftückstafel geladen.

Dem Prof. Adolf von Menzel, der am Sams­tag bekanntlich seinen 85. Geburtstag feierte, überbrachte Korvettenkapitän v. Grumme, der Flügeladjutant des Kaisers, in dessen Auftrag einen Korb mit Maiblumen, der eine goldgestickte Widmung trug.

Neueren Dispositionen zufolge wird der Kaiser schon am Donnerstag Vormittag zwischen 11 und 12 Uhr in Hannover eintreffen.

Nach der Meldung eines Berichterstatters erheben die Konservativen den Anspruch darauf, das Amt des Vorsitzenden der Budgetkommission zu besetzen. Der von ihnen zu präsentierende Kandidat, Graf Stolberg- Wernigerode, wird auch bei den anderen Fraktionen der Zustimmung gewiß sein und demnach nach Neujahr den Vorsitz übernehmen.

Prinzregent Luitpold besuchte heute den früheren Reichskanzler Fürsten Hohenlohe in seinem Münchener Palais. Fürst Hohenlohe ist für morgen mit Tochter zur Tafel geladen. Donnerstag reist der Fürst nach Meran zu längerem Aufenthalt ab.

Gegenüber der Meldung eines hiesigen Blattes, daß bte Bauten der neuen Linienschiffe größere Kosten als die veranschlagten machen würden, weil man zu emem größeren Schlachtschifftypus übergehe, wird von maß- gebender Stelle versichert, es bestehe nicht die mindeste Absicht, bei den in diesem Etat neugeforderten Linienschiffs­bauten und den weiter im Flottengesetz bewilligten Linien­schiffen über die Größe der Linienschiffe der Kaiser-Klasse, die 11000 Tonnen beträgt, hinauSzugehen. Diese Größe entspricht den/Fahrwasserverhältnissen der Nord- und Ost­see. Ferner ist sie bedingt durch die deutschen Hafen- und Werftverhältniffe.

Ueber 2000 Polen hatten sich gestern zu einer großen Versammlung, die sich gegen dieZurücksetzung des polnischen Elements" in Berlin und Umgegend richtete, eingefunden. Außer den strengen Maßnahmen der

Donnerstag den u. Dezember

15V. Jahrgang

. 292 Zweites Matt

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Oppositionelle Etatsreden.

(Von unserem Korrespondenten.)

Berlin, den 11. Dezember.

Während am gestrigen, ersten Tage der Generaldebatte ^ber den ReichshaushaltSetat 1901 nur die sogenannten wgiemngSfreundlichen Parteien sich durch je einen Abge- ijtorboetcn hören ließen, war der heutige, zweite Beratungs- lag von der Opposition in Anspruch genommen. Vor »aßig besetztem Hause ergriff gleich zu Anfang der Sitzung 8bg. Bebel als erster Redner das Wort, um die Politik >tr Regierung im allgemeinen und die des Zentrums im ([unteren unter seine parteiamtliche Loupe zu nehmen. 3r grißelte mit scharfen Worten dieVerschwendungssucht" er Regierung, die durch die Hilfe des Zentrums noch mehr hgflnftigt werde als durch die der Nationalliberalen zurzeit .hrer Glanzperiode. Kaum ein Thema blieb unerwähnt, .as die politische Welt in der letzten Zeit beschäftigt hat. Einen besonderen Angriffspunkt bildete dem Redner die ° Lehrkraft des Deutschen Reiches. Bebel legt die un- ;rzählren MillwlM für eine Kolonialarmee, die infolge des HüiakriegeS offenbar geschaffen werden solle, auf das Konto M Zentrums, dessen Bewilligungsfreudigkeit wesentlich dazu t Mirage, eine wahre Budget-Anarchie zu schaffen. Natürlich i tspratch Bebel auch das Telegramm vom 3. Januar 1896, ' i cS Kaiser Wilhelm II. an Krüger sandte, und die schroffe .Zurückweisung, die dem Transvaalpräsidenten zu Teil wurde. Imivähnt blieb natürlich auch die Veröffentlichung des 8mfcs der Seeberufsgenoffenschaft, die Unmöglichkeit der Nietereinführung der dreijährigen Dienstzeit, die Neu- iwaffnung der Artillerie und die neuen Gewehre, der 'Marine-Etat und die 12,000 Mark-Affaire nicht.

Die schwerverständliche Entgegnung des Grasen P osa- Nwöky auf den letzterwähnten Punkt förderte nur die . iie Thatsache zu Tage, daß Graf Posadowsky die volle Skrairtwortung für diese Angelegenheit übernehme. Bebel <iomI)[ wie sein nachfolgender Redner, der Abg. Richter, heute ihre sogenanntenguten Tage". Ihre Reden i mren von scharfem SarkaSmus durchsetzt, dem zur Ab- i r>«hselung auch beißende Satyre nicht fehlte. Richter griff wiederholt auf Aeußerungen des Grafen Limburg-Stirum »rück, die diesen unangenehm zu berühren schienen, eine -Hatsache, die sich nicht immer konstatieren läßt. Dieser iDe Redner der Volkspartei besprach die wesentlichsten öunkte des Etats und erntete, besonders bei der Linken, tacken Beifall.

Damit auch dem Schluß der heutigen Sitzung der >nmor nicht fehlte, konstatierte der Abg. Liebermann un Sonnenberg, daß er sich insbesondere darüber jetne, daß das Deutsche Reich jetzt wieder einenleib» ästigen" Reichskanzler habe!_________________________

Krüger und die Buren.

' Äxüger wird am Mittwoch in Amsterdam ein- iCejfen. Eine Ehreu-Eskorte, bestehend aus 20 jungen »illändern wird dort den Präsidenten überall begleiten.

Aus Haag wird gemeldet: Mit Rücksicht auf die Altung der Studenten, die vor dem englischen Scsandtschafts-Gebäude eine feindselige L» ndgebung veranstalten wollten, wurde das zu ®i)ien des Präsidenten Krüger projektierte Ständchen iwsüge einer Verordnung des Bürgermeisters von Haag k« zu dem Zeitpunkte verschoben, wo die Bevölkerung ruhiger sein wird.

Der Vertrauensmann des Präsidenten Steijn, Mei- j erb ach, ist jetzt in Paris eingetroffen; er begiebt sich (oior t zum Präsidenten Krüger.

Der Vorschlag des schweizerischen National­rates auf Intervention zu Gunsten der Buren- tikpubliken ist vom Bundesrat zu Bern abgewiesen vorden, da die Mehrheit desselben der Ansicht ist, daß )it Schweiz in dem jetzigen Konflikt nicht einzugreifen habe.

Der Pap st erwiderte auf einen Versuch, ihn zu einet Ändgebung für den Präsidenten Krüger zu bewegen, er .Age für Krüger alle möglichen Sympathieen, werde aber eben Akt vermeiden, der in England Anstoß rtttgen könnte.

Aus Kavstadt wird berichtet, daß keine neue Einzel- gtite.n über oen Kampf zwischen den Truppen der.Ge­nera le D e W e t und Knox, her an der Grenze der Kap- colonie stattgefunden hat, eingetroffen sind, weil die tele- Mp'hischen Verbindungen vollständig unterbrochen sind. Die verlautet, dauert der Kampf noch immer fort.

Telegramme des Gießener Anzeigers.

-London, 12. Dezember. Lord Rob erts wird hier T -öonuar eintreffen. Der Prinz von Wales wird