150. Jahrgang
Dienstag den 13 November
1900
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigsblatt für den Ureis Gieren
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anlage und entlang des Mittelwegs von der Grünbergerstraße aus.
Alle Anzeigen-BermittlmrgSstellen bt8 In- und AuSlaudeA nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
•kbettten, Expedition und Druckerei:
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Moderne künstlerische Seidenstoffe von höchstem Interesse für die ganze Damenwelt, insbesondere aber auch für die Fachkreise der Seidenindustrie wird, wie man uns schreibt, die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt (1. Mai bis 1. Oktober 1901) zum erstenmal vorführen. Prof. Hans Christiansen hat eine Reihe wundervoller Muster entworfen. Diese köstlichen Stosse dürften auf dem Gebiete des neuzeitlichen Kostümwesens geradezu bahnbrechend wirken, und die Ausstellung wird durch diese für die gebildete Damenwelt einen neuen, wirkungsvollen Anziehungspunkt gewinnen.
DerNeubaudesFrankfurterSchauspiel- hauses schreitet mächtig voran, die Arbeiten sind bereits bis zur Firsthöhe des Hauses gediehen, an der nördlichen Front beginnt sich schon der mächtige (Liebel
alten Steinbacher Wegs.
Fußweg nach der hohen Warte.
Marktlaubenstraße während der Marktzeit.
Saudgasse von der Marktstraße bis zum Stadtbach.
Kleine Mühlgasse.
Dreihäusergasse.
Bezugspreis
Vierteljahr!. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn;
durch die Abholestelle» Vierteljahr!. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Htetze»« Fernsprecher Nr. 51.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Matter für hessische Volkskunde._________________
Annahme von Anzeigen zu der nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
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18 ftr deren Güte Gewähr geleistet
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Eifenbahnunglücksfälle.
ES giebt keine menschliche Einrichtung, die, wenn sie noch so großartig wäre, nicht die Schatten ihrer Unvollkommenheit an sich trüge. Alle menschliche Kunst und alle Höhe technischer Entwickelung und administrativer Bor- fichtigkeit vermögen diese Schattenseiten nicht ganz aus dem Lichtbilde des Kunstwerks zu entfernen.
Die Gestaltung unserer Eisenbahnen ist ein Triumph der Technik, eines der wunderbarsten Zeugniffe menschlichen Ersindungsgeistes, und wer Sinn für Größe hat, den muß es wunderbar berühren, wenn er in dunkler Nacht auf schmalem Pfade ein unbespanntes Fahrzeug mit rasender Schnelligkeit auf sicherer Bahn an sich vorbeisausen sieht. Zwei Männer nur vorn auf der geheimnisvollen Maschine, die dem Koloß fliegende Schnelligkeit diktieren, und drinnen
Gäßchen auf der Bach.
Erlengasie.
Fußweg über die Oberhessische Bahn zwischen Frankfurterstraße und Bahnhof.
Wege in den städtischen Anlagen.
Fußwege nach dem Philosophenwald, von der Ost-
Straßen und Plätzen; hier Erlaß einer Polizeiverordnung.
Nachstehende Polizei-Verordnung bringen wir hiermit öffentlichen Kenntnisnahme.
Gießen, den 8. November 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Polizei-Verordnung.
13. Trillergasse.
14. Essiggasse.
15. Gäßchen von der Bleichstraße nach der Alieestraße.
§ 2.
Die Benutzung des Platzes „OSwaldsgarten" als Uebungsplatz für Radfahrer ist verboten.
§ 3.
Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmungen werden nach § 366 Ziffer 10 des ReichSstrasgesetzbuchS mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.
Gießen, den 2. November 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
6. Fußwege im Philosophenwald.
Die von der Fahrbahn abgetrennten Fußwege nach dem Schiffenberg, entlang der Kreisstraße und des
Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Maul- und Klauenseuche.
Die auf den 27. nud 28. November feftge« setzte» Biehmärkte zu Gießen werden wegen der in größerem Umfange herrschenden Seuche und der durch bic seitherigen Erfahrungen erwiesenen Gefahr der Seuche« Verschleppung aufgehoben.
Gießen, den 10. November 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
in den erleuchteten Wagen Hunderte von Menschen, schlafend, spielend, sich unterhaltend, im Gefühle der Sicherheit, die vor kurzem ihren Lieben daheim geschrieben oder tele* graphiert: „Ich komme bestimmt, erwartet mich am Bahnhöfe."
Bor dieser gewaltigen Erscheinung unseres technischwissenschaftlichen Jahrhunderts verblaßt alles, was die Alten an Kultur geschaffen, und den modernen Menschen ergreift ein Gefühl ruhigen Stolzes, nicht ob der gemeinen „Nützlichkeit- dieses Werkes, sondern weil in ihm menschlicher Erfindungsgeist und menschliche Schaffenskraft einen geistigen Triumph über die tote Materie feiern.
Freilich erhält das glänzende Bild tiefe Schatten, wenn Angstschreie aus dem sausenden Fahrzeuge unser Ohr be- rühren, wenn verstümmelte Leichen, zerschmetterte Glied« maßen uns die Unvollkommenheit alles Menschlichen so grausig vors Auge führen . . .
Die letzten Monate hatten wiederholt Eisenbahn- Unglücksfälle von bedauerlichem größerem Umfange zn verzeichnen, und das letzte in Offenbach trägt einen ganz besonders schrecklichen Charakter; es zeigt uns das entsetzliche Bild, wie ein halbes Dutzend Menschen bei lebendigem Leibe verbrennen mußte.
Da fragt man sich denn mit Recht, wie solchen Fällen vorzubeugen sei, und man kann und will sich nicht mit dem fatalistischen Einwand begnügen, daß das Unglück eben eine Begleiterscheinung des allgemein Menschlichen ist. Die Oeffentlichkeit verlangt mit Recht nach größerer Betriebssicherheit, namentlich dort, wo durch Ber- besserung der technischen Einrichtungen vorbeugend gearbeitet werden kann.
Es ist aus Anlaß des schrecklichen Offenbacher Unfalles darauf hingewiesen worden, daß die O-Wag en besser konstruiert werden müßten, damit sie sich im kritischen Moment nicht als „Totschläger- erweisen, man hat mit Recht statt der Gasbeleuchtung elektrisches Licht gefordert.
Aber die Hauptschuld an diesem, wie in manchem anderen Falle, liegt doch auf einem anderen Gebiet, das ist die ungenügende Räumlichkeit unserer Bahnhöfe. Daß unsere Bahnhöfe zum großen Teil nicht groß genug sind, das wiffen wir hier in Gießen ganz genau.
Auf Grund des § 12 Abs. 2 und 3 der Verordnung vom 10. Oktober 1899 die Fahrräder und Automobilen betr. und Art. 56 der Städte-Ordnung wird nach Anhörung der Stadtverordneten-Versammlung mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern vom 15. Oktober 1900 zu Nr. M. d. I. 17922 für die Provinzialhauptstadt und die Ge- Aarkung Gießen verordnet, wie folgt:
§ 1.
Das Radfahren ist auf nachstehenden Straßen, Plätzen rmd Fußwegen verboten:
Tischler rückten mit einem Aufgebot von drastischer Komik ins Feld, die ihre zwerchfellerschütternde Wirkung nicht verfehlte und über die für unseren Geschmack bisweilen zu breit ausgesponnenen Szenen hinweghalf. Das stärkste Gelächter riefen die parodistischen Gesangsnummern im ersten und zweiten Akt hervor. Hierbei lernten wir Herrn Portz auch als Tenorbuffo von sehr schätzenswerter Qualität kennen. Zudem standen seine erstaunliche quecksilberige Beweglichkeit und seine beunruhigende Redseligkeit in äußerst ergötzlichem Kontrast zu dem trockenen Humor und der unerschütterlichen Bier-, oder vielmehr Schnapsruhe des Herrn Direktor Helm. Den Damen Eichenwald und Kugler, die den Salon Zwirn episodisch schmückten, hätten wir etwas mehr Hingabe gewünscht. Indem sie um die Gunst des reich gewordenen Schneiderleins wetteiferten, ließen sie es an Eifer nach Anereknnung des Publikums fehlen. Frl. Wo hl brück hätte sich, als Peppi freier, ungezwungener geben dürfen.
Der übrige Teil der Vorstellung — na, es war ein Sonntag.
Die geschickte musikalische Travestie würde doppelt so erheiternd wirken, wenn es sich hierbei um Melodien aus unseren Modeopern handeln würde. Adolf Müller, der die hübsche Musik zu dieser, wie zu mancher anderen Posse geschrieben hat, konnte natürlich dazu nur Opern benutzen, die in Wien während der dreißiger Jahre populär waren. Auch die Einlagen gefielen sehr, zu denen ii. a. auch Adolf Baer und Prinz Tuan herhalten mußten. Merkwürdig wenig belacht wurde der hübsche Scherz des Herrn Helm, daß sein .Knieriem in Neuenahr all sein Geld losgeworden sei.
Im ganzen vermißte man aber doch die Sorgfalt in der Vorbereitung, es mangelte der frische flotte Zug, den derartige Karnevalsspäße unbedingt erfordern. Es machte den Eindruck, als ob der Inspizient seines verantwortungsvollen Amtes hinter den Koulissen überhaupt nicht waltete, sodaß von einem prompten Jneinander- greisen der Szenen nicht die Rede sein kann. P. W.
Bekanntmachung.
Betr.: Den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen,
Gießener Stadttßeater.
Lumpaci Wagaöundus oder das tüderkiche Kteeölatt. Posse von I. Nestroy.
„So einen gemeinen Titel hätte ich nicht niederschreiben können", sagte Ferdinand Raimund, der Zau- bermärchendichter, zu einem Freunde, als im Jahre 1833 der „Lumpaci Vagabundus" zum erstenmale auf den Anschlagzetteln Wiens angekündigt wurde. Und als er der ersten Vorstellung beigewohnt hatte und Zeuge ihres Er- silges gewesen war, da ahnte er, daß das Publikum von ihm, dem sentimentalen Romantiker, zu dem parodierenden jüngeren Komiker, der seine, des älteren künstlerisch unendlich wertvollere Stücke ins Lächerliche herab- pg, übergehen würde. Und er hatte für seine Zeit recht, Nestroy verdrängte ihn von der Bühne und aus den Herzen der Wiener. Der „Lumpaci Vagabundus" aber trat seinen Siegeslauf über alle deutscl-en Bühnen an, md überall sahen der böse Geist und die ihm unter-, lhänigen drei Gesellen Leim, Zwirn und Knieriem volle Häuser. Und em wohlwollender Beurteiler findet sie auch heute noch erträglich, während die anderen 60 Stücke Icestroys vergessen sind. Die Posse des im Jahre 1862 verstorbenen Johann Nepomuk Nestroy, der nach dem Erfolge des Lumpaci Vagabundus auch als Direktor des Karltheaters in Wien wegen seiner originellen Darstellung komischer Rollen und seiner derb-humoristischen Lhurakterzeichsnungen eine Wiener Berühmtheit blieb, hat zweifellos im Laufe der Jahre infolge der veränderten «eschmacksrichtung, die das Derbe und Drastische nicht mehr so wie früher zu sehen liebt, bedeutend an Wirkung verloren: einen nicht anspruchsvollen Zuhörerkreis aber toirb sie immer noch durch ihre harmlosen Späße erheitern. Auch am Sonntag unterhielt sich der größere keil des vollbesetzten Hauses ausgezeichnet.
Das lüderliche Kleeblatt von Handwerksburschen ist eigentlich das ganze Stück, und wenn sie schlecht gegeben tofiben, sieht es um den Erfolg übel aus. Mer Herr Y^rtz, ein Gast aus Köln, als der nach Höherem stiebende Schneider Zwirn, Herr Helm als Schuster Knie- riemr mit ewigem Durstgefühl — den man sonst mit »nsndlich viel Westen auf dem Leibe kennt — und Herr d' Balthyni als der freilich etwas lederne Leint-
zu erheben und an der Promenadenseite des Baues leuchten die großen gelblich weißen Sandsteinflächen der Seitenwand durch das Gerüstwerk hindurch. Hält die gute Witterung an, so wird der Rohbau des Hauses in diesem Jahre fast vollendet — eine ganz respektable: Leistung. In anbetracht der schnellen baulichen Entwicklung hält man die Erledigung der Bühneneinrichtungs- srage jetzt schon für angebracht. Von verschiedenen Seiten werden Vorschläge gemacht und mehr oder minder praktische Erwägungen darüber gepflogen, ob das neue Haus die einfache Horizontalbühne oder die drehbare Bühne nach Lautenschlägerschem Vorbild erhalten soll, lieber die praktische Bedeutung der letzteren ist kein Wort zu verlieren; denn der beständige Szenenwechsel fast jeder klassischen Vorstellung geht zu sehr auf Kosten des inneren Zusammenhangs des jeweiligen Stückes und der Illusion, als daß man nicht das neue Verwandlungssystem, das diese Mißstände beseitigt, mit Freuden ber jedem Bühnenneubau acceptieren sollte. Die Einrichtung der drehbaren Bühne kostet allerdings 30 000 bis 40 000 Mk., allein diese Mehraufwendung wird überreichlich' verzinst durch die großen Annehmlichkeiten, welche die neue Einrichtung bietet und so, wie z, B. in Frankfurt, elektrische Energie zur Verfügung steht, dürften sich die Kosten Wohl auch etwas niedriger stellen. Intendant Claar ist ein Anhänger der neuen Methode und hat bereits seinen ganzen Einfluß zu Gunsten der drehbaren Bühne geltend gemacht. Auch die Herren des Auffichtsrates der Neuen Theater-Aktien-Ge- sellschaft haben sich der Behörde gegenüber zu Gunsten der drehbaren Bühne geäußert, sodaß wohl kein Zweifel besteht, daß das neue Haus mit dieser Einrichtung versehen wird.
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Erscheint täglich mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener Mnmttlenvtätter werden dem Anzeiger hn Wechsel mit „Hess. Landwirt" n. „Blätter Mr Hess. Volkskunde- roöchtt. 4 mal beigelegt.


