Ausgabe 
13.10.1900 Zweites Blatt
 
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jjt. 240 Zweites Blatt. Samstag den 13 October 150. Jahrgang 19OS

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Die Wirren irr China.

Aus Hongkong kommen neue beunruhigende Nach- xidyten über eine fremden feindliche Bewegung in Südchina. So meldet Reuter von dort vom 10. ds.: Aus Samtschun wird berichtet: Der Aufenthalt der Re­bellen im Hinterland ist nicht bekannt, man glaubt jedoch, daß sie zwei Stellungen etwa 16 Kilometer nördlich der britischen Grenze besetzt halten. - 1000 Mann chinesischer Truppen sind gestern in Samtschun eingetroffen, weitere 1000 Mann werden heute erwartet. 10 000 Mann Truppen aus Indien werden noch nach Hongkong beordert werden; die 16. bengalischen Lanzenreiter und das Hongkong- Re­giment sind hierher zurückgerufen worden. Alle Truppen, die aus dem Norden hierher zurückbeordert worden sind, werden vor Ende des Monats eintreffen. Den Behörden soll die Mitteilung zugegangen sein, daß ein allgemeiner Auf st and injd. en südlichen Provinzen im No­vember zum Ausbruch kommen werde. Die gegenwärtigen Anzeichen deuten auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß die Lage sich ähnlich dem Boxeraufstande im Worben entwickeln werde. Das französische Transportschiff Peiho und das japanische Kriegsschiff Asahi sind hier eingetrofsen. Aus Tientsin wird demselben Büreau vom 10. ds. gemeldet, der Ab­marsch der Expedition nach Paotingfu sei nun­mehr auf Freitag festgesetzt ; das Expeditionskorps werde 7000 Mann stark und aus Deutschen, Engländern, Fran­zosen und Italienern zusammengesetzt sein. Nach einer in Washington eingetroffenen Depesche aus Peking vom 8. planen die Engländer eine kleine Expedition nach dem Kohlenbezirk in den Hügeln westlich von Peking, um die dort vorhandenen Vorräte zu untersuchen. Die Expedition sollte am Mittwoch abgehen. Chinesen aus Taiyucnfu versichern, Tungfuhsiang habe, als er Taiyuensu ver­ließ, eine starke Abteilung seiner Truppen mit sich ge­nommen; es sei unbekannt, wo Tungfuhsiang sich jetzt beftnbe. Die englischen Blätter melden aus Shanghai, der ^.^V^rliche Hof sei am 6. ds. in Tschaotscheng im südöstlichen Schansi angekommen. DemStandard" wird berichtet, der Gouverneur von Schansi, Aübsien, sei nicht wegen seiner an den Missionaren verübten Morde abgesetzt worden, sondern weil man entdeckt habe, daß sein Heer nicht, wie man geglaubt hatte, 50 000 Mann, sondern nur 4000 Mann zähle. DerMorning Post" wird aus Shanghai vom 9. Oktober gemeldet, der Taotai von Shanghai und der Vizekönig von Nanking hätten Einspruch gegen die in der Nacht zum 8. Oktober erfolgte Alarmierung der fremden Truppen erhoben, weil sie bei den Chinesen den Glauben erweckte, daß die Eroberung des Arsenals beabsichtigt sei. Die chinesischen Truppen in Shanghai bestehen aus 3000 Mann mit 40 Kanonen, außerdem befinden sich 1500 Mann in Wusnng und un­gefähr 15000 Mann in der Entfernung eines Tagemarsches von der Stadt. Der Gouverneur von Schantung, Buan- schikai, hat den Befehl erhalten, 50 000 Mann auszuheben.

DenTimes" wird aus Peking vom 4. ds. gemeldet: Gestern haben britische und italienische Truppen den Som - mer-Palast besetzt und die Chinesen verdrängt, welche mit Erlaubnis der Russen, aber ohne vorherige Anfrage bei den anderen Mächten, nach dem Palast zurückgekehrt waren. Die Deutschen haben den Palast der Kai­serin-Witwe besetzt, die den Russen, nachdem sie ihn geplündert hatten, den Chinesen wieder eingeräumt hatten. Die Russen ziehen ihre Soldaten weiter aus Peking zurück.

Aus Peking wird vom 8. ds. berichtet, daß auch ?orter mehrfach erwähnte kaiserliche Erlaß über ^.'trafung der sechs Uebelthäter veröffentlicht worden erwarte, daß die nach Süden vorrückende fran- zoistche Abteilung am Donnerstag in Fangschan eintreffen werde^ Dre Russen räumten die Station Matschiapu vor nitl Pekings. Im Laufe weniger Tage werden alle rufsrschen Truppen, mit Ausnahme einer Kompagnie, Pekmg geräumt haben. Aus Tientsin wird vom 9 d gemeldet: Gestern wurde hier folgender englischeBri- gadebefehl ausgegeben: Feldmarschall Graf Wal­der fee hat am 27. September den Oberbefehl über die verbündeten Truppen in Petschili übernommen. Bei der Besehlsübernahme äußerte sich Graf Waldersee wie folgt- Es erfüllt mein Herz mit Stolz und hoher Freude, daß ich an die Spitze so ausgezeichneter Truppen gestellt werde, die schon rühmliche Beweise ihres Heldenmutes gegeben haben. Wohl wissend, daß ich mit einer schwierigen' Auf­gabe betraut bin, habe ich doch die feste Ueberzeugung, daß es mir schnell und sicher gelingen wird, mit Hilfe dieser bewährten Truppen das mir gestellte Ziel zu erreichen, jetzt, da diese Truppen unter einem einzigen Führer ver­einigt sind." Nach einer Meldung derDaily Mail" aus Hongkong vom 10. ds. haben sich die Rebellen im Hinter­lande des Kaulunggebiets in Mongking (Wangkong?) und Sanyantin (?) stark verschanzt.

Aus Tientsin wird vom 11. Oktober gemeldet: Die »us deutschen, englischen, französischen und italienischen -truppen bestehende Expedition nach Paotingfu

wird sowohl von Tientsin wie von Peking aus abgehen. Die Abteilungen von Tientsien werden am 12. Oktober ausrücken. Der Feldmarschall Graf Waldersee hält vorher über diese Truppen aus dem Rennplatz von Tientsin eine Parade ab.

Aus Samtschun wird gemeldet, daß der Admiral H o dort mit 200 Mann chinesischer Truppen eingetroffen ist und daß noch 400 Mann der Ausschiffung an der Deep- Bay harren. Der britische Torpedoboot-Zerstörer Otter hat Befehl erhalten, nach der M i r s b a i zu gehen. Zwei Kompagnien Bombay-Infanterie sind angewiesen, sich be­reit zu halten, um zwei Stunden nach erhaltenem Befehl nach der Grenze gehen zu können.

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

Berlin, 12. Oktober. Ein Telegramm aus Tsing­tau besagt: Der Bau der Eisenbahn von Kiaü- tschou nach Kau ni ist unter deutschem militärischen Schutz wieder ausgenommen worden. Der Vizekönig von Schantung hat der Aufforderung des Gouverneurs Jäschke, die regulären chinesischen Truppen im Umkreise von einet Entfernung von 50 Kilometer von der Bahn zurückzuziehen, willig Folge geleistet. Die Deutschen haben Kaumi besetzt.

London, 12. Oktober. Aus Wladiwostok wird gemeldet, daß der Typhus unter den russischen Truppen der Mandschurei ausgebrochen sei und General Grodekopp Anstrengungen macht, um der Seuche Herr zu werden. Er hat seine Spitäler und Ambu­lanzen verdoppelt.

Paris, 12. Oktober. Die französische Regierung hat dem Staatsrate ein Dekret zugesandt, betreffend Gewähr­ung eines Nachtrags-Kredites von 39 Mill. Franks zur Deckung der durch die China-Expe- di tio n verursachten Kosten. Mit den bereits bewilligten Krediten beläuft sich die Totalsumme der Ausgaben sür China auf 78 Millionen Franks. Die geforderten Kredite genügen bis Ende dieses Jahres.

Der Krieg in Südafrika.

Am 11. Oktober 1899 um 5 Uhr nachmittags lief das Ultimatum ab, welches Präsident Krüger am 9.Ok­tober an England gerichtet hatte. Es ist also heute gerade ein Jahr, daß die Feindseligkeiten zwischen dem mächtigen England und den beiden schwachen südafrikan­ischen Republiken begangen. Die Hauptstädte beider Länder sind von den Engländern besetzt, aber die Kämpfe sind noch nicht vollständig beendet und von den 220 000 Mann, welche nötig gewesen sind, um die 40 000 Buren zu zer­sprengen, haben bis jetzt erst ein paar Tausend die Er­laubnis erhalten, in die Heimat zurückzukehren, um am 9. November an der Lord Mayors-Schau in London aktiv teilzunehmen. Wenn die Mehrheit des englischen Volkes mit dem Kriege, den Ergebnissen desselben und dem dafür gezahlten Preise zufrieden ist, kann man es ihm gönnen.

Lord Roberts meldet unter dem 10. Oktober aus Pretoria: Bei Kaapmuiden wurde bei dem Bahnüber­gänge über den Kaapsluß gestern ein Eisenbahnzug zum Umstürzen gebracht. Drei Mann wurden ge­tötet, ein Offizier und 15 Mann verletzt. Alle gehörten der 66. Batterie an. Außerdem wurden 40 Stück Vieh ge­tötet. Als General Paget von der Schützenbrigade mit 18 Mann und zwei Ingenieur-Offizieren später an. der Eisenbahn vorübergingen, um sich über den Schaden zu vergewissern, wurden sie von Buren, die auf der Lauer lagen, beschossen. Kapitän Stewart von der Schützenbrigade hörte die Schüsse und eilte mit 40 Mann zur Hilfe. Unsere Verluste sind schwer. Kapitän Stewart und ein Mann wurde getötet, General Paget, ein anderer Offi­zier und fünf Mann wurden schwer verletzt, ein Ingenieur- Offizier und 10 Mann gerieten in Gefangenschaft. Ein weiteres Telegramm Lord Roberts' ans Pre­toria besagt: General Bar ton war am Dienstag im Norden von Krügersdorp mit den Buren in einen Kampf verwickelt. Die Buren ließen mehrere Tote zurück, drei Buren wurden gefangen. Auf britischer Seite ist ein Offi­zier getötet, drei Offiziere und 11 Mann verwundet.

Reuter meldet ans Lydenbnrg vvm 2. ds.: Die Buren beschösse n gestern morgen von 6 bis 7 Uhr BnllersLager bei Krügerspost. Die britischen Truppen hatten wenig Verluste. Eine Abteilung von 200 Mann Kavallerie verließ das Lager, um die Geschütze der Buren zu nehmen. Sie ritt vier Stunden nach dem Hügel, wo die Buren ihre Stellung inne hatten. Doch als sie dort ankam, fand sie weder Buren noch Kanonen vor.

Aus Kopenhagen wird gemeldet: Der dänische Minister des Aeußern hat bei der englischen Regierung wegen Ausweisung einiger Dänen aus Trans­vaal protestiert und Entschädigung für die Ausgewiesenen verlangt.

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 12. Oktober. Der Kriegs-Korrespondent derDaily News" vertritt in seiner Korrespondenz über die Kriegsoperationen in Südafrika die Ansicht, daß der Krieg schon seit Monaten beendet sein würde, wenn Lord Kitchener an Stelle Lord Roberts das Ober­kommando führen würde.

London, 12. Oktober. Aus Pietermaritzburg wird gemeldet: Man trifft hier Vorbereitungen für die Ankunft des Generals Buller, der am Sonntag hier eintrejfen soll. Die Ankunft Lord Roberts wiro für den nächsten Dienstag erwartet. Derselbe soll sich einige Tage hier aufhalten und dann wieder nach Norden zurückkehren.

London, 12. Oktober. Ein Telegramm aus Saint Williamstown an dieDaily Mail" berichtet, das BlattMercury" teilt mit, daß die Buren bei Be- thulie die englischen Miliztruppen angegriffen haben. Auf beiden Seiten wurden mehrere Personen verwundet, die Buren machten 10 Gefangene und zerstörten darauf die Eisenbahn auf eine Strecke von 600 Meter.

Brüssel, 12. Oktober. Das kürzlich hier gebildete Komitee zum Empfang des Präsidenten Krüger hat einen Aufruf an alle Gesellschaften, die sich an dem Empfang beteiligen wollen, gesandt und fordert sie auf, Delegierte zu der am 15. ds. stattfindenden Versammlung zu entsenden, in der die betreffenden Maßregeln beschlossen werden sollen._____________________________________________

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Oktober. Aus Cronberg wird gemeldet: Das Kaiserpaar traf kurz nach 1 Uhr von der Saal­burg kommend hier ein und nahm an der Mittagstafel in Schloß Friedrichshof teil. Um 4 Uhr kehrte eS nach Hom­burg zurück. Das Prinzenpaar Adolph von Schaum­burg.Lippe ist gegen 3 Uhr hier eingetroffen.

Aus Homburg v. d. H. wird gemeldet: Das Kaiserpaar sieht sich zu seinem großen Bedauern ge­nötigt, die Besuche auf Hügel, in Barmen Elberfeld, dem Kreise Mettmann und Hildesheim zu verschieben, da das Befinden der Kaiserin Friedrich es dem Kaiserpaar erwünscht erscheinen läßt, einige Tage in deren Nähe zu- zubringen. DaS Kaiserpaar hofft aber zuversichtlich jene Besuche nach dem bisherigen Programm im Lause dieses Monats ausführen zu können.

Das heute vom Kaiser aus Homburg an Prof. Mommsen gesandte Telegramm lautet: Theodoro Momm- seno, antiquitatum Romanorum investigatori incompara- bili, praetorii Saalburgensis jacens, salutem dicit et gratias agit Guilelmus Germanorum imperator I (Wilhelm, deutscher Kaiser, entbietet, indem er den Grundstein zum Prätorium der Saalburg legt, Theodor Mommsen, dem un­vergleichlichen Forscher der römischen Altertümer, Gruß und Dank.) Mommsen erwiderte: Germanorum principi, tarn majestate quam humanitate gratias agit antiquarius Lietzelburgensis. (Dem Fürsten der Deutschen an Majestät und Huld sagt der Altertumsforscher zu Lietzelburg-Char- lottenburg Dank.)

Aus Barmen berichtet dieKöln. Ztg." über den Besuch des K a i s e r p a a r e s im Wupperthale:

Eine originelle .Kundgebung wird die Wnpperthaler Militärbrieftauben-Reisevereinigung gelegentlich des Be­suchs d e s K a i s e r p a a r e s hier veranstalten. Sie wird, sobald das Kaiserpaar das Werther Bollwerk passiert, an der Uferstraße 8900 Tauben aufsteigen lassen, die die Kunde von dem Besuch des Kaiserpaares in weitere Kreise tragen. Die Stadtverordneten-Versammlung bewilligte der Reisevereinigung zu der Kundgebung gestern in geheimer Sitzung eine Beihilfe und beschloß, jedem beteiligten Verein ein Diplom zu übermitteln. Reichskanzler F ü r st H o h e n- lohe, der ursprünglich seine Teilnahme an der Kaiser­feier zugesagt hatte, hat nachträglich abgesagt, weil er aus dienstlichen Gründen verhindert fei.

Der Kronprinz wird nächsten Samstag von Bad Kreuth wieder in München eintreffen und nach zwei­stündigem Aufenthalt mit dem Süd-Nord-Expreßzug kurz nach 10 Uhr abends nach Berlin Weiterreisen.

Militäroffiziös wird bestätigt, daß die nächst­jährigen Kaisermanöver im sächsischen Voigtlande zwischen Bayern und Sachsen stattfinden. Die Hebungen sollen sich auf die Gegend zwisck>en Zwickau und Hof er­strecken.

Stuttgart, 11. Oktober. DemDeutschen Volks­blatt" zufolge wird das Zentrum im Wahlkreise Mergentheim dem!Ministerpräsidenten Freiherrn v. Mitt­nacht eine Gegen kau didatur gegenüberstellen. DaH Blatt polemisiert heftig gegen das namenlose Komitee für Mittnacht, das ohne Auftrag dem Wahlkreise einen Kandidaten aufdrängen wolle.