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13.7.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 16t Zweites Blatt Freitag dm 13. Juli

1900

Gießener Anzeiger

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Die Wirren in China.

Die immer stärker werdende Ueberzeugung, daß unser Gesandter in China, Freiherr v. Ketteler, das Opfer einer revolutionären Bewegung geworden ist, die sich nicht nur gegen die Fremden, sondern gegen jede Ordnung überhaupt »nd auch gegen die eigene Regierung richtete, hat eS erklärt, daß die diplomatischen Bsziehungen nicht abgebrochen wurden, und daß wir uns den anderen Mächten anschließen konnten, die von einer Kriegserklärung an China absahen. Logisch folgt hieraus, daß wir auch der Frage der Neubesetzung der durch die Ermordung deS Gesandten v. Ketteler frei gewordenen Stellung nähertreten mußten, da gerade in Zu­kunst die Vertretung des Deutschen Reiches in China von der allergrößten Wichtigkeit sein wird. Handelt es sich doch nicht nur darum, die Reichsregierung über das auf dem Laufenden zu halten, was in China geschieht, sondern auch an Ort und Stelle den deutschen Einfluß zum vollen Aus­druck zu bringen. Unter diesen Umständen ist die Stellung des neuen deutschen Gesandten außerordentlich ehrenvoll, aber auch sehr schwierig und reich an Verantwortung. Die revolutionäre Bewegung, ob sie nun sehr rasch oder erst in einiger Zeit unterdrückt wird, muß China im Zustande halber Anarchie zurücklassen, und außer der Bestrafung der schuldigen Verbrecher wird den Mächten auch die Aufgabe zufallen, für die Neuregelung der Dinge zu sorgen, und in China eine möglichst starke Regierung einzusetzen und diese nötigenfalls zu schützen. An der Bewältigung dieser Pro­bleme mitzuarbeiten denn es find wirkliche Probleme wird die Aufgabe des neuen deutschen Gesandten sein, als den das Vertrauen des Kaisers den bisherigen Gesandten in Luxemburg, Frhrn. Mumm v. Schwarzen­stein, ausersehen hat. Die bloße Thatsache seiner Be­rufung unter den heutigen Verhältnisien zeigt, daß ihn seine Vorgesetzten als einen ungewöhnlich befähigten Diplomaten betrachten, in dessen Thalkraft und Takt man das vollste Vertrauen setzen kann. v. Mumm gehört seit fast zwanzig Jahren dem diplomatischen Dienste an, der ihn zuerst auf verschiedene Posten im Auslände berief, so unter anderen auch nach Washington. Von Washington wurde v. Mumm ins Auswärtige Amt berufen, wo er außer einem wichtigen politischen Decernat auch vielfach mit der Bearbeitung be­sonderer und schwieriger wirtschaftlicher Fragen betraut wurde. Nach sechsjähriger Thätigkeit im Auswärtigen Amt wurde v. Mumm als Gesandter nach Luxemburg versetzt, wo ihm aber nicht viel Muße gewährt worden ist. Während einer längeren Abwesenheit des deutschen Botschafters in Washington wurde er in außerordentlicher Mission als Stellvertreter des Botschafters dorthin berufen, gerade als die samoanischen Wirren die Vertretung der deutschen In­teressen in Amerika besonders schwierig machten. Hier ge­lang eS Herrn v. Mumm, die Amerikaner zu einer rich­tigeren Auffassung der deutschen Politik zu bringen und sich Verdienste um das Zustandekommen des Vertrages zu er­werben, durch den dann die Samoafrage endgiltig aus der Welt geschafft wurde. Herr v. Mumm ist noch nicht in China gewesen, und die ostasiatischen Länder sind ihm aus eigener Anschauung nicht bekannt. Das ist ein Nachteil, der aber bei der großen Anpaffungsfähigkeit deS neuen Ge­sandten schnell ausgeglichen sein wird.

Den Freiherrn Mumm von Schwarzenstein wird der erst vor kurzem auf Urlaub eingetroffene Secretaire-Jnter- pröte der Gesandtschaft in Peking, Frhr. von der Goltz, nach Ostasien begleiten.

Die chinesischen Provinzialbeamten fahren fort, die Hoffnung zu nähren, daß die Gesandten und Aus­länder in Pekrng noch leben, und wenn auch Un­aufrichtigkeit ein hervorragender Zug des chinesischen Volksch^rrakters ist, so ist doch nicht abzusehen, welchen Zweck eine so nachhaltige und wie auf Verabredung be­ruhende Verlogenheit haben sollte. Dazu kommt, daß zwei dieser Beamten, Tschantschitung und Yuanschikai, ehrliche und redliche Männer sind, die sich in China der höchsten Achtung der Eingeborenen und der Fremden erfreuen. Nehmen wir daher zu ihrer Ehre, bis das Gegenteil be­wiesen ist, an, daß sie die Wahrheit sagen. Die bereits er­wähnte Meldung Yuanschikais, des Gouverneurs von Schantung, wird jetzt auch von dem deutschen Konsul in Tschifu weiter gegeben. Danach sollen laut Nachrichten vom 4. ds. die Gesandten! in Peking außer Gefahr und der Aufruhr im A b n e h m e n sein. Alle katholi­schen und evangelischen Missionare in Schantung, so fügt der deutsche Konsul erfreulicherweise hinzu, sind nach Tschi'suoderTsingtau gebracht worden. Fer­ner ift in Berlin in der chinesischen Gesandtschaft von Vize­

könig Lihungtschang eine Nachricht eingetroffen, die besagt, daß Prinz Tsching mit den kaiserlichen Truppen (bie Europäer in Peking vor einem Massakre zu schützen wußte. Uird der Pariser chinesische Gesandte erhielt die offizielle Nachricht, daß sich die Aufrührer und Soldaten, welche die Gesandtschaften belagerten, zerstreut haben. Eine neue Meldung des Gouverneurs von Schantung ge­sagt, daß alle Gesandten mit Ausnahme des ermordeten von Ketteler wohlbehalten und daß der AufstaNd in der Abnahme begriffen fei. Alle Missionare saus Schantung sind an der Küste eingetroffen.

Eine Shanghaier Depesche derDaily Mail" meldet, der Vizekönig von Nanking empfing eine Botschaftdes Kaisers Kwangsü, datiert vom 2. Juli. Dieselbe soll auch an die Regierungen von Rußland, England, Japan gerichtet sein. Der Kaiser beklage darin (Die jüngsten Vorgänge. Die fremden Regierunaen seien im Irrtum, wenn sie glaubten, daß die chinesische Regierung die Boxerbewegung gegen die Christen begünstige; er er­bitte den B e i st a n d d e v M ä ch t e zurckl nterdrückung des Ausstandes und zur Aufrechterhaltung der gegen­wärtigen Regierung. In einer besonderen Depesche be­dauert der Kaiser die Ermordung des Kanzlers der japan­ischen Gesandtschaft.

Mittlerweile wird, nach einem Telegramm aus London, bei Tientsin Wetter heftig gekämpft. Die Haupt­schwierigkeit für die vereinigten Truppen liegt in empfind­lichem Wassermangel. Der Korrespondent derDail Mail" in Tientsin bezeichnet die Geschicklichkeit der Chinesen bei der Bedienung der Artillerie als staunenerregend. Schwer habe die friedliche Bevölkerung in Tientsin zu leiden; suche sie Zuflucht in der Chinesenstadt, so werde sie von den Boxern niedergemacht; in die Fremdenstadt aber laffe man sie nicht hinein. Vom 10. d. Mts. wird englischen Blättern aus Shanghai telegraphiert:Der Kampf in Tientsin am 6. Juli war bisher der heftigste. Die Russen allein begruben 200 Tote. Die Chinesen beschießen die Stadt vom Nordwestwall des Stadtforts aus. (Im Nordwesten der Stadt liegt das Sinhofort am Peiho, etwa 5 Kilometer von der Fremdenstadt entfernt.) Der Taotai (Regierungspräsident) und die Mitglieder seines Damens bezweifeln, ob die vorhandene fremde Streitmacht imstande sein wird, auszuhalten, falls nicht bald große Verstärkungen eintreffen. Die Verbündeten sind durch die beständigen Kämpfe ermüdet, und es ist nur dem glänzenden Kund­schafterdienst der Kosacken zu verdanken, daß die Stellungen der Verbündeten nicht schon längst erstürmt sind." Trotzdem haben die Truppen ausgeharrt, wie das folgende Telegramm des deutschen Konsuls in Tientsin, das die Dinge bis zum 8. Juli schildert, beweist; er meldet:Die Fremdennieder- laffungen wurden in der Zeit vom 5. bis 8. Juli von den Chinesen wiederholt bombardiert. Am 6. Juli wurden 2000 Boxer, welche die französische Niederlassung angriffen, von den Russen zurückgeschlagen. Am 7. Juli bombardierten die Engländer und Japaner die chinesischen Batterieen. Abends schlugen chinesische Granasten in das Dach des deutschen Konsulats und zündeten, das Feuer wurde aber sofort gelöscht, und cs ist nur unerheblicher Schaden entstanden. Der Dampfer Peiping ging am 6. Juli mit einem deutschen Verwundetentransport nach Taku ab. Die Wasserstraße Tientsin-Taku ist nach Besetzung eines auf halbem Wege gelegenen Forts sicher, auch die Eisenbahn nach Tongku ist bis aus 5 Kilo­meter vor Tientsin wiederhergestellt. Fast alle Familien der hier ansässigen Fremden sind schon am 4. Juli nach Taku abgereist". Diese Nachrichten aus deutscher Quelle lauten erheblich beruhigender und zuversichtlicher. Unterdessen werden vermutlich Verstärkungen in Tientsin eingetroffen sein, und wenn in Peking thatsächlich ein Umschwung sich vollzogen hat, so sollte man meinen, daß er sich auch bald in Tientsin als eine Erleichterung des Druckes geltend machen müßte. Außerordentlich wichtig für Tientsin nicht nur, sondern auch für einen etwaigen Vormarsch auf Peking ist es auch, daß die Verbindung aus dem Peiho zwischen Tientsin und der Küste jetzt gesichert und die Bahn nach Tongku bis kurz vor Tientsin wieder hergestellt ist.

Was aber werden die Mächte thun, wenn sich um Tientsin der Schwarm der Boxer und Soldaten verlaufen, wenn in Peking die Ruhe und der status quo ante wieder hergestellt sein wird und die Kaiserin alle nur mögliche Genugthuung für die Verletzung des Völkerrechts und Ent­schädigung für das zerstörte Eigentum anbietet ? Werden dann auch die Mächte und ihre Truppen wieder nach Hause gehen und alles beim alten laffen, auf die Gefahr hin, daß in einigen Jahren ein neuer Ausbruch neue Opfer fordert? Es mag schwierig sein, in das vielköpfige Konzert vor der

Peihomündung Einklang zu bringen, aber das liegt auf der Hand, daß eine so geeignete Gelegenheit, die heikle chinesische Frage friedlich und schiedlich zu lösen, wie sie dieser Ueber- fall auf die Fremden aller Nationalitäten bietet, nickt so­bald wierderkehren wird. Eine Lösung kann nur in Peking erfolgen und nur unter dem zwingenden Drucke der Macht­kundgebung, die sich auf die Bajonette der siegreichen Sol­daten der Zivilisation stützt. Es ist deshalb immer noch das wahrscheinlichste, daß neben den deutschen Fahnen in absehbarer Zeit auch die der übrigen Kulturstaaten von den Zinnen Pekings wehen werden. Wie dann das Straf­gericht ausfallen wird und worauf es sein Augenmerk zu richten hat, ist heute verfrüht zu untersuchen, dazu gehört vor allem genaue Kenntnis der Dinge, die sich in Peking ereignet haben. Der' nicht sehr glückliche Gedanke, die Ahnengräber der kaiserlichen Familie zu zerstören cs ist die Strafe, die die Kaiserin an dem verbannten Reformer KangyUwei vollziehen ließ scheint endgültig aufgegeben zu sein, und es wird viel Takt und genaue Kenntnis der Landesbräuche erfordern, um eine Sühne zu ersinnen, die zugleich wirksam ist und doch nicht in aller Zukunft die Beziehungen der Ausländer zu den Chinesen aufs neue gefährdet.

In Shanghai ist die Lage unverändert. In der Gegend von Mukden sind ein französischer Bischof und zwei Nonnen ermordet worden.

Aus Petersburg wird telegraphiert, Li-Hung-Tschang habe einem dortigen Freunde telegraphiert, daß seine Reise nach Peking unterbleibe, da sie augenblicklich doch voll­kommen nutzlos sei. Er bedauert sodann, daß Europa sich in die Interna Chinas gemischt habe,, die infolgedessen eine so furchtbare Gestalt angenommen hätten.

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Der Ausschuß des deutschen Bundesrats für auswärtige Angelegenheiten trat gestern vormittag unter dem Vorsitz des bayerischen Ministers v. Crailsheim zu einer Sitzung zusammen. Nachdem den anwesenden Herren mitgeteilt war, welche Schritte Deutschland zur Wahrung seiner Interessen in China unternommen habe, erklärten die Vertreter der Einzelregierungen einmütig ihre Zustimmung zu diesen Maßnahmen. DiePost" bemerkt gegenüber der an die Einberufung des Bundesratsausschusses vielfach geknüpften Vermutungen, daß nun auch über Einberufung des Reichstags Beschluß gefaßt werde, daß derartige Beschlüsse gar nicht im Rahmen seiner Ausgabe liegen. Die Nachricht sei also eine freie Erfindung.

Demselben Blatte zufolge ist der Kommandeur deS Thorner Schießplatzes und Vorsitzender der dortigen Schieß­platzverwaltung telegraphisch nach Berlin berufen worden. Oberst Richter, der mehrere Jahre in der chinesischen Armee als Instrukteur thätig war, dürfte eine Führerstelle beim dortigen Expeditionskorps erhalten.

Tie Land streit kr äste, die Deutschland demnächst nach Ostasien entsenden wird, sind zahlreicher als seit­her allgemein angenommen wurde. Es handelt sich nicht um eine sogenannte gemischte Brigade in der sonst üblichen Zusammensetzung, sondern um ein Truppenkorps, welches, wie dieNat.-Ztg." berichtet, etwas über 10000 Mann stark sein wird. Die Hauptmasse des Expeditionskorps wird naturgemäß aus Infanterie bestehen. Es ist indessen ins Auge gefaßt, Regimentsverbände zu organisieren, und zwar in der Weise, daß zwei Bataillone eines Infanterie­regiments zur Ausreise bestimmt werden, während das dritte als Ersatzbataillon in der Heimat verbleibt. Die Kopfstärke der einzelnen Bataillone soll 800 Köpfe nicht überschreiten. An Kavallerie werden gegen 1000 Pferde vorgesehen. An Feldartillerie werden drei Feldbatterien und eine Mörserbatterie gestellt werden. Besondere Be­rücksichtigung erfährt das Bedürfnis nach technischen Truppen. Infolge der schwierigen Geländeverhältnisse in China sind verhältnismäßig starke Entsendungen von Pionieren nötig geworden. Auch Abteilungen der Eisen­bahnregimenter begleiten das Expeditionskorps. Rechnet man die 3300 Mann Land truppen zu demselben, so würden in absehbarer Zeit über 15 000 Mann deutscher Landtruppen aller Waffengattungen in Ostasien zur Stelle sein.

Nach! einer Meldung aus Wilhelmshaven hat das deutsche China-Geschwader nach kurzem Aufent­halt auf der Rhede zur Uebernahme von Munition und Kohlen zur Weiterreise die Anker gelichtet. Die in Wil­helmshaven domizilierten Mannschaften hatten vorgestern abend zur Abschiednahme von ihren Freunden Urlaub er­halten. /T,

Unter dem Vorsitz des bayrischen Gesandten Grafen Lerchenfeld fand am 10. d. M. in Berlin die Konstituierung des deutschen Hilfs-Comites für Ostasien ftatt. Das Comite wird in engster Anlehnung an das