Ausgabe 
13.5.1900 Viertes Blatt
 
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gebracht. Der landwirtschaftliche Kreis-Ver­ein Ziegenhain wird am 30. Mai auf dem Bunten Bock eine Rindvieh-Ausstellung mit Preisverteilung statt­finden lassen. Die Landwirtschaftskammer hat zur Hebung der Geflügelzucht in jedem Kreise des Bezirkes eine Hühnerzuchtanstalt errichtet, die Bruteier zum Preise von 10 Pfennig abgeben. In Neukirchen befindet sich beim Gasthofbesitzer Roh eine Station für rebhuhn­farbige Italiener.

Vermischtes.

* Doppel selb st mord eines Liebespaares. In Giersdorf im Riesengebirge wurde dieser Tage ein Berliner Liebespaar erschossen aufgefunden. Das in blühendster Jugend freiwillig aus dem Leben geschiedene Mädchen ist die 23 jährige Tochter Sidonie Theresia des Porträt- und Kunstmalers Fischer in Berlin und der junge Mann, ihr Bräutigam, der 24 Jahre alte Kolonialbeamte oder Schutztruppenoffizier Bruno Alexander Pietsch aus Berlin. Dieser war längere Zeit in Deutsch-Südwestafrika thätig gewesen, dort schwer an Malaria erkrankt und vor ungefähr einem Vierteljahr nach Deutschland beurlaubt. Hier erhielt er die Gewißheit, daß seine Gesundheit völlig ruiniert war und er nach Ansicht der Aerzte nur noch anderthalb Jahre zu leben hätte. Sein Gemütszustand, der ohnehin schon durch die Zerrüttung seines Nerven­systems eine Folge seines längeren Tropenaufenthalts gelitten hatte, verschlimmerte sich infolgedessen immer mehr. Dazu mögen, um die Selbstmordgedanken in ihm reifen zu lassen, nun wohl noch Geldsorgen gekommen sein. Sein nicht unbedeutendes Vermögen von einigen dreißig­tausend Mark hatte er bei seinem Vater deponiert, mochte es aber, da dieser in schwierige geschäftliche Verhältnisse geraten war, nicht zurückziehen. Er selbst aber war er­werbsunfähig und sah somit auch einer pekuniär keineswegs sorgenfreien Zukunft entgegen. Aus all diesen Gründen scheint Pietsch verzweifelt zu sein und den Gedanken, frei­willig aus dem Leben zu scheiden, gefaßt zu haben. Tas junge Mädchen, das von ihrem Bräutigam nicht lassen wollte, ihm aber im Leben nicht angehören konnte, hat daraufhin, wie sie ihren Angehörigen in den hinterlassenen Briefen mitteilt, beschlossen, gemeinsam mit ihrem Bräu­tigam den Tod zu suchen. In dieser Absicht scheint das Paar den Ausflug in das Riesengebirge unternommen zu haben. Am Donnerstag nahm das Paar in Erdmanns­dorf Abschied, um angeblich nach Hause zu reisen. Sie nahmen noch eine halbe Flasche Wein zur Reise mit, und wanderten Arm in Arm, freundlichen Gruß für den ab­wesenden Wirt hinterlassend, fröhlich wie immer die Straße nach Giersdorf hinab. Seitdem waren sie verschwunden, bis sie am Samstag im Fiebigthal als Leichen gefunden wurden. Sonntagabend traf ein Bruder des unglücklichen jungen Mädchens in Giersdorf ein. Die Anverwandten des Mannes hielten sich dagegen fern, doch hatten sie durch Ueberweisung eines ansehnlichen Geldbetrags für ein würdiges Begräbnis Sorge getragen. Montagnach.- tnittag 6 Uhr wurde das Paar, seinem letzten Wunsche

gemäß, gemeinsam auf dem Friedhöfe zu Giersdorf der letzten Ruhestätte übergeben.

* Straßburg, 10. Mai. Ein schauerliches Familiendrama ereignete sich in Lemberg bei Bitsch. Der 28 jährige verheiratete Zimmermann Schubert aus Niederbronn drang in einem Anfall von Wahnsinn nachts zwischen 12 und 1 Uhr mit einem Revolver und einem kleinen Säbel bewaffnet in das Haus seines in Lemberg wohnenden Schwiegervaters, des Hufschmied Faber ein, tötete zunächst mit dem Säbel im Stalle einige Stück Vieh und steckte sodann das Haus in Brand. Als Faber aus dem brennenden Hause stürzte, versetzte ihm Schubert mit seinem Säbel einen Stich in die Brust, sodaß Faber nach einigen Minuten verschied. Unmittelbar darauf brachte er dem Sohne Fabers zwei schwere Stichwunden bei. Das Haus Fabers sowie das Nachbarhaus wurden ein Raub der Flammen. Schubert machte nunmehr einen Versuck), über die Grenze zu entkommen, wurde jedoch in Philippsburg in einem Eisenbahnzuge von einigen Gendarmen festge­nommen. Er leistete bei seiner Verhaftung heftigen Wider­stand, verioundete einen der Gendarmen mit seinem Säbel und verübte einen erfolglosen Selbstmordversuch, indem er sich mit dem Säbel einen Stich beibrachte. In das Ge­fängnis zu Bitsch verbracht, machte Schubert abends seinem Lebert durch Erhängen ein Ende.

* Paris, 10. Mai. Wie bereits gemeldet, hat sich am Sonntag ein schweres Eisenbahnunglück auf der Westbahnlinie zwischen den Stationen Sevres u nd Chaville ereignet, und zwar unter folgenden Umständen: Um 9 Uhr 2 Minuten hielt ein Lokalzug, der vom Pariser Bahnhof Montparnasse kam, an der Station Chaville. Gleich dahinter kamen in Zwisck)enräumen von ungefähr 5 Minuten der Expreßzug nach Saint-Malo und ein Per­sonenzug. Die vordere Signalstange des Bahnhofs zeigte an, da«; der Schienenweg nicht frei sei. Trotzdem gab ein Weichensteller in unverzeihlick)er Leichtfertigkeit dem zuletzt kommenden Personenzuge das Zeichen zum Weiterfahren, ohne dasselbe dem Saint-Maloer Expreßzuge gegeben zu haben. So mußte natürlich der erstere auf den letzteren mit Gewalt losfahren. Der Zusammenstoß erfolgte un­gefähr 600 Meter vor dem Bahnhofe von Chaville. Die Lokomotive des Personenzuges zertrümmerte buchstäblich den Gepäck- und die letzten beiden Personenwagen dritter Klasse des Expreßzuges. Die Abteile waren mit Passa­gieren, besonders Soldaten, gefüllt, die einen Sonntags­urlaub zum Besuche der Weltausstellung erhalten hatten. Der Anprall war so stark, daß der Krach auf eine weite Entfernung hin vernommen wurde; gleichzeitig erschollen gellende Hilferufe und Schmerzensschreie. Der Beistand ließ aber ziemlich lange auf sich warten. Erst nach mehr als einer halben Stunde erschienen die Löschmannschaften von Sevres auf der Unglücksstelle, denen bald darauf die von Chaville und den umliegenden Ortschaften folgten. Es kostete große Mühe, die Passagiere aus den wirr zu­sammengehäuften Trümmern hervorzuziehen und sie nach dem nicht allzuweit belegenen Schulgebäude von Chaville zu schaffen, wo sie die erste Pflege erhielten. Ein Marine- Infanterist und ein unbekannter 40 jähriger Mann wurden

tot zu Tage gefördert, drei andere Passagiere so sckmrrr verletzt, daß sie unverzüglich in das Hospital von Sevrer überführt werden mußten. Außerdem wurden über zwanzig Personen stark verletzt und trugen Bein- und Schädelbrücke schwere Quetschungen an Brust und Gliedern u. s w. davon' Die Untersuchung konnte wegen der eingebrochenen Dunkel­heit und des strömenden Gewitterregens nicht sofort mit der nötigen Gründlichkeit betrieben werden; aber scheu die ersten oberflächlichen Feststellungen genügten, um außer der frevelhaften Leichtfertigkeit des Weichenstellers auch sehr bedenkliche Unterlassungssünden der höheren Beamte und der Westbahngesellschaft selbst zu entdecken.

Kmdwirtschast.

Das Programm der landwirtschaftlichen Laude-aus, stelluug, welche vom 14. bis 17. September d. I in Darmstadt stattfindnr wird, ist dieser Tage erschienen. Dasselbe sieht folgende Abteilungen und Gruppen vor: Abteilung 1: Tiere. Gruppet: Pferde. Gruppe B: Rinder. Gruppe C: Schweine. Gruppe D: Schafe. Gruppe E: Ziegen. Gruppe F: Geflügel- Gruppe 6: Bienen. Abteilung 2: Erzeugnisse deS Pflanzenbaues. Gruppe A: Ackerbau. Gruppe B: Obstbau. Gruppe C: Weinbau. Gruppe D: Gemüsebau. Gruppe E: Gartenbau. Abteilung 3: Forstwirtschaft und Jagd. Abteilung 4: Landwirt­schaftliche Hilfsstoffe. Abteilung 5: Landwirtschaftliche Nebengewerbe einschließlich Molkereiwesen. AbteilungS: Land­wirtschaftliche Maschinen und Geräte. Abteilung 7: Wissen schaftliche Abteilung. An Preisen sind im ganzen ausgesetzt bezn. gelangen zur Verteilung: 24,639 Mk. Geldpreise, mehrere goldene Medaillen, 165 große silberne Medaillen, 209 Heine silberne Medaillen, 229 Diplome und 3 Ehrenpreise. Näheres hierüber ist aus dem Pro­gramm ersichtlich, welches ebenso wie die bezüglichen Anmeldebogen bei der Geschäftsstelle des hessischen Landwirtschastsrats Offenbach a. M., Löwenstraße 2 von Interessenten umsonst zu beziehen ist. M allgemeiner Anmeldeschlußtermin ist der 1. Juli festgesetzt; für die Gruppen Ackerbau, Obstbau, Gemüsebau und Geflügel ist der Anmelde, schlußtermin 1. August.

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