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13.4.1900 Erstes Blatt
 
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Freitag den 13. April

Gießener Anzeiger

Hmeral-Unzeiger

Amts- unb Zlnzeigeblott füt? den Ttveis Gietzen

Bekanntmachung

Politische Tagesschau.

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Herr geworden, er fließt zwischen Avenuen von roten Schorn­steinen und Hochöfen dahin. Mannheim zählte vor 30 Jahren 25 000 Seelen, heute umfaßt es mit Ludwigshafen mehr als 150 000 Einwohner. Der Hafen von Ludwigs­hafen bietet den Anblick und die Lebhaftigkeit eines See- Hafens. Ueberall, in den Städten und in den Dörfern ist eine glückliche Energie die Mutter des Reichtums geworden. Unser verletzter Stolz kann sich nicht mehr dadurch rächen, daß er über die legendäre Armut Deutschlands spottet.« Der Verfasser bespricht sodann den Eindruck, den die Luther­stadt Worms und Speyer auf ihn gemacht haben, und fährt sehr bezeichnend fort: Sagen wir es ohne knabenhafte Zurückhaltung: Der Franzose, der die Pfalz durchwandert, ift auf seinen Ludwig XIV. wenig stolz. Man muß diese Gegend besuchen, um den Abscheu zu verstehen, den die Erinnerung an dieunsühnbaren Tage" vom 31. Mai biS 2. Juni 1689 in den Herzen der Deutschen hervorrust. Die Deutschen sprechen von den Soldaten Mslacs wie die Stadtbewohner Galliens oder Italiens von den Horden

I Attilas. Archäologen, Bibliothekare, Kirchen- und Museums- J Hüter, alle antworteten, wenn man sie nach Altertümern = I ihrer Stadt fragt, gleichermaßen: alles wurde von den

Franzosen' im Jahre 1689 zerstört! Dieses Datum be­deutet hier dasselbe, wie für unsere Provinzen das Jahr 1793, wo die revolutionäre Wut am grausamsten entfesselt war. Noch scheint es auf den Ruinen der beiden Heidel­berger Schlösier, Meisterwerken der deutschen Renaissance, zu flammen und den Zorn der eingeäscherten Stadt zu wecken, wenn das Feuer der untergehenden Sonne durch die klaffenden Fensterhöhlen auf den roten Sandstein der Mauern trifft. Ein Jahrhundert später erschienen die Truppen Custines fast als Waisenknaben im Vergleich mit den Mordbrennern Mölacs, und dabei führten diese Sansculotten nur ihre Nolle durch, wenn sie die Kirchen entweihten, aber die Soldaten desallerchristlichsten Königs"? Diese verbrannten die heiligen Jungfrauen, brachen die Gräber auf und verstreuten die kaiserliche Asche m die Winde. LouvoiS und die, welche seine Befehle ausführten, tragen vor der Geschichte eine schwere Verantwortung, sie haben Haß gesät, wir haben die Früchte geerntet!" Das sind Worte, die den französischen Geschichtsschreibern ver­nehmlich in die Ohren klingen sollten. Am Schluß semeS Artikels kündigt Vogüe an, daß er nach Elsaß-Lothrmgen gehen und vielleicht berichten werde, was man in den Städten sieht,wo der wißbegierige Reisende ein trauernder Pilger

loakidien Bürgermeisterei Steinbach b. Gießen anzubringen. Friedberg, 7. April 1900.

Der Großherzogliche Bereinigungskomnnssär:

S ü f f e r t, Regierungsrat.

betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Stein­bach bei Gießen.

Zn der Zeit vom Donnerstag, dem 19. April bis Mitt­woch, den 2. Mai l. Js. einschließlich liegt bezüglich der

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Eindrücke aus Deutschland ist ein Artikel des fr an- j zösischen Akademikers E. M. de Vogüö imGau- lois" betitelt. Der Verfasser hat einige Tage am Rhein zugebracht, und erzählt darüber folgendes :Man unter­richtet sich über ein Land am besten, wenn man die Aus- lagen seiner Buchhändlerläden betrachtet. In Rom und Petersburg fühlt sich der Franzose vor einem Buch­händlerladen nur halb aus der Heimat entfernt, ganz an­ders in Deutschland! In WormS, in Mannheim, m Heidelberg ist unsere litterarische Produktion nur durch einige Uebersetzungen von Zola und Ohnet vertreten. Der deutsche Geist genügt sich selbst. Seine geistige Nahrung läßt auf ein ganz anderes Vertieftsein, und auf einen ganz andern Geschmack als bei uns schließen. Die ganze Aus- läge ist von wiffenschaftlichen Werken eingenommen, von philosophisch-geschichtlichen, kurzum, die Nachfrage m Deutsch­land geht auf seriöse, Nachdenken erfordernde Schriften. Daneben liegen Plaidoyers für die Vergrößerung der Flotte, Monoqraphieen von neuen Ländern in Afrika und Asien, Karten, billige Atlanten, die trotzdem bewunderungswürdig ausqeführt, und den unsrigen etwa derart überlegen sind, wie eine Kriegswaffe der Holzflinte eines Knaben. Eine i kolossale und geordnete Entwicklung industriellen Reichtums ist der Eindruck, der alle andern überwiegt. Der Rhein

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Karfreitagsgedanken.

W. Gießen, 12. April 1900.

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck derboten.)

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Dagegen nun erhob der Synodal Wahl aus Langen seine I ist nicht mehr der Fluß, der unter seinen alten romantisch Stimme und meinte, eine Katzenausstellung passe nicht I Burgen träumerisch dahmfloß, er ist Kaufmann und Favru zum Karfreitag.Wir Evangelische", so sagte er,wollen - -------* - 'hs{*4" """ rnfpn <^*nrns

uns nicht unseren Karfreitag antasten lassen, der Tag soll ein Gemeingut unseres Volkes sein." !

> Das sagen auch wir: Der Karfreitag ist für uns etwas [ Unantastbares. Er ist unfraglich im Zusammenhang nut

I Ostern die älteste Festverordnung der katholischen Kirche. I Im Laufe der Jahrhunderte können sich , ja Meinungen I verändern, man kann eine Distinktion zwischen ^.rauertag I und Freudentag einführen. Aber der Begriff Feiertag um- I schließt dock) wohl beides, die heilige Freude und den tiefen " I Ernst, und wenn man zugiebt, daß der Karfreitag em

I heiliger Tag sei, so wird man auch wünschen, daß er ge- I heiligt werde, d. h. daß an ihm das Profane und Profa- I nierende fern bleibe. Aber eine Katzenausstellung ist schttetz-

I lich wohl kaum etwas Profanierendes, umsoweniger, als 5 1 ihre Eröffnung erst nach dem Gottesdienst stattfinden soll.

In der Landessynode wurden aus den Katzen Löwen ge­macht, man schoß mit Kanonen auf sie. .

Dem preußischen Landtage ging vor ewiger Zeit eme Regierungsvorlage zu, die die Innehaltung jener äilßeren Ruhe an Karfreitagen verlangte, wie sie an jedem Sonn­tage Gesetz ist. Tas dünkt uns das Richtige und dem evan­gelischen Religionsbedürfnis Genügende.

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,ir, 87 Erstes Blatt

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nicht teurer ist als die andere, kann man Mit diesem Farbenwechsel zufrieden sein. Etwas böser stellt sich der Tausch beim Briefporto, das von drei auf fünf Pfennig gegangen ist und bei den Tausenden von Stadtbriefen in Berlin ein ganz nettes Sümmchen ergiebt! Jedenfalls! wird der Berliner Paketpost in ihrer billigen und zuver­lässigen Briefbestellung, der wir schließlich ja auch die; heutigen billigeren Sätze der Reichspost verdanken, bei allen Berlinern ein gutes Andenken bewahrt bleiben.

Für die scheidende rückt nun bald ein neuer in Berlins Mauern ein, vorausgesetzt, daß er nicht das berühmte! Kirschner'sche Pech hat, auf seine Bestätigung warten zu müssen. TieWartburg", die sich plötzlich in Berlin befand, würde dann sogar noch weiter nach dem Osten, bis nach Königsberg verlegt werden, woher sich die Berliner Stadtväter diesmal ihr Oberhaupt Nr. 2 holen wollen^ Vielleicht hat Herr Brinkmawn, dem trotz des heitzen Wahlkampfes, der um seine Persönlichkeit entbrannt war, ein guter Ruf vorausgeht, mehr Glück als der arme, viel­bespöttelte Kirschner und der Kaiser schenkt ihm und der Stadt Berlin die Bestätigung als Osterei.

Wie eine Art Osterei mutete mich auch die Broche an, die ich gestern bei einer alten Dame zu sehen bekam. Es war ein kleines Prachtstück und zeigte in der Mitte ine Zahl 32. Der Hauswirt hatte sie ihr und in ähnlicher Weise anderen seiner bisherigen Mieterinnen geschenkt, die 2o, 28, 34 Jahre bei ihm gewohnt hatten. Außerdem hatte er alle seine Mieter zu einem solennen Abschiedsfest ein- geladen. Das Haus wird nämlich niedergerissen und zur Deutschen Bank" geschlagen. . riebeB

Ist das nicht eine Perle von emem.Hauswirt, lievev Leser? Und einen solchen wünsche ich Dirauch,f nicht gar selber einer bist, mit meinen besten ©lußin^um Osterfeste!

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geworden ist, überall gekauft wird? Zehn Mark, zwanzig, Mark . eine Lappalie! Unsere Goldschmiede haben Osterfteuden, die mehr als einen blauen Schein kosten, auf Laaer: und wenn's so weiter geht, werden unsere Grandseigneurs und solche, die es sein mochten, bald wio in England schon heute, statt der blauen die braunen Zettelchen anlegen müssen; denn so em englisches Osterei für eine verwöhnte Lady soll mit fünftausend'Mark ohne Sträubens bezahlt werden! Das teuerste Produkt des größenwahnsinnig gewordenen Osterhasen, der übrigens von Kennern als listiger Oster f u ck s bezeichnet wird hat im vorigen Jahre der Papst erhalten Ev besteht auv Elfenbein, ist als Etui eingerichtet und enthalt einen großen, funkelnden Rubin, der von emem Kranze von Diamanten eingefaßt ist. Da es die Kleinigkeit von 40 000 Mark gekostet hat, so kann man's dem Papst auf feinen Fall verdenken, wenn er etwa gedacht haben sollte:^zch wollt', ich wär der Schweppermann!" Zweifellos hebt diese Steigerung derOsterfteuden" eine ganze Reche von Ge­schäftszweigen, und es soll den Blumenhändlern wie all den anderen Beteiligten von Herzen gegönnt werden, emen goldenen Tag mehr int Jahre zu haben mit dessen Ertrag sie die vielleicht noch rückständige April-Miete zu begleichen imstande sind; aber es ist doch schade um die schone An-i spruchslosigkeit entschwundener Ostertage; die Begehrlich­keit der Jugend von heute wird immer unangenehmer, und man fragt sich zu manchen Zeiten schaudernd: Was wird die nächste Generation alles verlangen?

Mit dem Beginn des April hat sich auch eine Ein­richtung auf Nimmerwiedersehn empfohlen, die den Ber­linern sehr ans Herz gewachsen war, nämlich die Privat- Post. Die roten Briefkästen der Berliner Packetfahrt- Aktten-Gesellschaft sind verschwunden, Meister Stephans Nachfolger hat die blauen um ein beträchtliches vermehren, lassen, und die rosa Paket-Postkarte ist von der blauen Reichspost-Stadtkarte endgiltig abgelöst worden. Da sie

Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und Auslaiidcs nrhmcn Anzügen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

i Derliuer Osterfteuden. Eine, die war und einer der kommen wird. Hauswirtperleu.

Der Berliner Familienvater, sofern er mitzählen will, bei omni t jetzt in der Vorosterzeit fast dasselbe Gruseln, wie früher nur, wenn per liebe Weihnachtsmann bei ihm an- llopfte und das nötige Kleingeld für die Spenden unterm mtinenbaum verlangte. Man kann in diesem Spree-Babal nicht anders: es muß alles Geld kosten, tüchtig Geld, wenn s etwas sein soll! Und so haben die Konditoren und Luxus- ivaren-Händler, die bescheidenen Juweliere nicht zu ver- aejisen, so lange am Osterhasen herumgefüttert, und ex- perimentiert, bis er die fabelhaftesten Ostereier an^ Tages­licht gefördert hat, Ostereier, zum Teil von einer Große^ daß selbst der Vogel Straub feinen Schnabel verwundert au-fsverren würde, wenn er diese Leistungen emer ihn elend vernichtenden Konkurrenz.zu sehen bettirne! Da prangen iie in den lockenden Schaufenstern der O-riedrickPratze hier

Cbokolade und Marzipan, rntt ,enen köstlichen Füll­ungen, denen die Unzahl der Berliner ^urzelgraber eu vhernistisch Zahnärzte geheißen die Möglichkeit ihrer Existenz verdankt! Tort erfreuen sie Dem Auge, aus ^neeweißern Porzellan geformt, von rosigen Amoretten rboec niedlichen Vögelchen umflattert und angefulll.nutben dürftigsten und liebsten Andern Floras Aber.sie. wmken Diir auch aus den Fenstern der Delikatessen-Geschafte> dort find sie aus Bast geflochten und weisen emen halt auf, brr an und für sich eine naturgeschichttiche Tollheit ist, aboer allen Schlemmern und Schleckern das Waf er Mi Munde zusammenlaufen läßt. Und es ist merkwürdig, wie vi'.el von diesem unsinnig übertriebenen -urus, der a » dem harmlosen, buntgefärbten Hühnereiern unserer ^ug n

Lag trschrinendrr. Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen fpänstens abend- vorher.

Bekanntmachung.

In Obbornhofen ist die Maul- und Klauenseuche «loschen und die Aufhebung aller Sperrmaßregeln verfügt . norden. ___

Gießen, den 12. April 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

^stt-tt um,tim.

LstM Moch7 den 27 Mai l. Js. einschließlich liegt bezuglrck) oer obengenannten Gemarkung das Verzeichnis derfemgen lpstlMMHi tzruindstücke, welche infolge der Feldbereinigung an Stelle »MM'A | der verpfändeten Grundstücke getreten sind, auf dem Bureau 5^7777737 der Großherzoglichen Bürgermeisterei Steinbach bei Gießen MM W ,lir Einsichtnahme der Beteiligten offen.

Einwendungen sind binnen der angegebenen Ofsen- ngsftist schriftlüh oder zu Protokoll bei der Großher-

Kaiserhki.f

Die Gießener ifl ßSS ,.»ikie«vlLtt-r der Ildm dem Anzeiger

KbUtfl i Wechsel mitHess.

\ ' kadwirt" u.Blätter e:8ub Set^ ? ir Hess. Volkskunde" SXi ' lM.4mal beige.egt.

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Der Karfreitag hat sich im evangelischen Bewußtsein ------- ih',; vis das Hochfest unserer Kirche herausgebildet; er hat sich kW' gewissermaßen im evangelischen Bewußtsein erhoben über I »atMstlü alle anderen Feiertage des ^ahres, anschließend an' reuen

#7-77** Npo-stel, dem unter allen Symbolen des Ehristentums keins fh so hoch stand als das Kreuz, und der in die Kormther^

'6cnieinbe hineintrat mit dem Vorsatz, darin nichts zu .-> l.i on in-- ' Ehristuin den Gekreuzigten. Aus dieseni Grunde

iik der'Karfteitag dem evangelischen Volke heilig und teuer 'gLden^und wie es der Begriff einesevangelisch^ Lölkes, eines christlichen Volkslebens mit sich brmgt, neftf fidi diese Heilighaltung nicht nur auf das, was m dm vier Wänden der Kirch? vorgeht, sondern der evan-

--- aeliiche Christ möchte an diesem Tage auch m semem Hause unb seiner Stadt ungestört sein in der Stille, Sammlung Md Andacht, die ihn vor dem'Kruzifixus durchdringft

- - 11 Unsere Leser werden sich erinnern, daß in der Sitzung

der 6. ordentlichen evangelischen Landessynode,lrnr ftttbt eine Karfreitags-Debatte entstand aus zweifellos un- j<j>,uldigem und harmlosem Anlaß. Man wollte in,^arm- smdt eine Katzenausstellung am Karftettag veranftalten.