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M. 60 Zweites Blatt Dienstag den 13. März
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Die Zukunft der beiden südafrikanische« Republiken.
Anknünfend an die Ausführungen einer eben erschienenen enMchen Monatsrevue widmet die „Morning- Post" der Frage der künftigen Regierungs- iorm des Transvaals und des Oranje-Frei- st a a t e s eine eingehende Betrachtung, in der sie ausführt:
„Nur eine einzige Auffassung des Zweckes, zu dem Großbritannien den gegenwärtigen Krieg unternahm, kann einer logischen Erwägung der Thatsachen stand halten; nur eine Lösung der Frage kann von allen, die diesen Jweck begriffen haben, als das Resultat des Krieges in Betracht kommen. Der Streit zwischen Großbritannien und der Südafrikanischen Republik ergab sich aus zwei Punkten, die auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen. Die südafrikanische Regierung betonte ihr Recht, die britischen Unterthanen innerhalb ihres Territoriums als Fremdlinge zu behandeln, und stellte gleichzeitig die Forderung »uf, ein souveräner Staat sein zu wollen, über den die Regierung von Großbritannien keinerlei Vormundschaft »usüben sollte. Keiner dieser beiden Punkte konnte von der britischen Regierung in seiner Berechtigung anerkannt werden. Ein Zustand der Dinge, bei dem britische Unter» l Hanen, die mindestens die Absicht haben, sich dauernd in Südafrika niederzulassen, in einem Teile des Landes alle Rechte freier Bürger genießen und in einem anderen Teil »on diesen Rechten ausgeschlossen werden konnten, mußte -ils ein förmlicher gesellschaftlicher Belagerungskrieg dazu führen, daß entweder die britische oder die holländische Bevölkerung in soziale und politische Knechtschaft versank. Die Absicht der britischen Regierung und der Wille des britischen Volkes war von allem Anfang an der, daß die britischen und holländischen Kolonisten, politisch und sozial gleichberechtigt, Seite an Seite leben sollten, und Laß eine eventuelle Abweichung von dieser Gleichberechtigung nicht zum Nachteil der Briten aus- juHen dürfte. Die Forderung des Transvaals nach vollständiger Unabhängigkeit war und ist mit der Großbritannien durch seine südafrikanischen Besitzungen auferlegten Verpflichtung unvereinbar, den Frieden, die Ordnung und Gesetzmäßigkeit innerhalb seines eigenen Machtgebiets aufrecht zu erhalten. Zwei Staatsideale sind in Südafrika neben einander aufgewachsen. Das eine haben die britischen Kolonisten mit sich gebracht: das Ideal einer Regierung unter demokratischen Institutionen, die der freien Entwickelung eines jeden einzelnen nichts in den Weg stellen. Dieses Ideal hat in den letzten Jahren durch das wachsende Einheitsbewußtsein des britischen Volkes, durch das den südafrikanischen Kolonisten zum Bewußtsein gebracht wurde, daß ihr Staat nur ein Teil eines größeren Staates ist, eine große Wirkung erfahren. Neben diesem
Ideal hat sich das Buren-Ideal erhoben, das in der Abneigung gegen alle Regiernngsformen wurzelt. Das „Trekken" der Buren war eine Auflehnung gegen jene Fesseln, die mit einer systematischen und zivilisierten Regierung untrennbar verbunden sind. Nachdem die Trekker sich über die Gegenden, die jetzt als Oranje-Freistaat und Transvaal bekannt sind, ausgebreitet hatten, zwang sie die Notwendigkeit einer Verteidigung gegen die Wilden zur Schaffung einer Art von Regierung. Aber ihre Regierungen brachen wiederholt zusammen, und die britische Annexion des Transvaals wurde durch die Unfähigkeit der Buren, ihre eigenen Angelegenheiten zu verwalten, direkt herausgefordert (?). Würden Transvaal ober der Oranje-Freistaat eine vollständige geographische Einheit bilden, dann hätten die beiden Staaten ihre absolute Unabhängigkeit ohne Schaden für Großbritannien genießen können. Aber die Territorien, die diese Staaten inne haben, sind Teile eines größeren geographischen Ganzen, das alle britisch-südafrikanischen Kolonien einschließt, und es ist so unmöglich, in diesen Territorien zwei einander befehdende Regierungssysteme walten zu lassen, wie es für einen und denselben Menschen unmöglich ist, zwei von einander unabhängige rivalisierende Gehirne zu haben. Der Krieg muß entweder zur Zerstörung der Burenrepubliken oder zur Zerstörung der britischen Herrschaft in Südafrika führen. Das ist die harte unerbittliche Logik oder — wenn der Ausdruck besser gefällt — die Moral der Situation. Großbritannien hat einmal — ob nun im vollen Bewußtsein der Natur seines Unternehmens oder nicht — die Herrschaft über sich selbst, über Indien und seine Kolonien übernommen. Der Ausführung dieser Mission muß seine Existenz gewidmet fein und die Außerachtlassung irgend eiitt^ Teiles dieser Mission — sei es infolge freiwilligen Verzichtes oder unter Zwangsumständen — würde ein sichtbares Zeichen seines Niederganges sein."
Cynischer kann das Recht des Stärkeren wohl kaum in Anspruch genommen werden, als es in diesen Ausführungen geschieht. Was würde, sagen die „Berl. N. N.", die „Mormng Post" sagen, wenn etwa die New-Porker Blätter mit geringen Abänderungen dieselben Grundsätze aus das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu Kanada anwenden wollten. Diese Logik des Cynismus ist von der Auffassung, mit der man in Deutschland staatsrechtliche Fragen zu beurteilen gewohnt ist, durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt. Das in unserem Volk lebende Rechtsbewußtsein wird sich niemals Mit einer staatsrechtlichen Theorie befreunden können, die es nicht nur als entschuldbar, sondern als notwendig und selbstverständlich hinstellt, daß der Größere dem Kleineren die Unabhängigkeit, Freiheit und Selbständigkeit wegnimmt. Jedenfalls enthalten die Ausführungen der „Morning Post" eine ernste Warnung an alle Staaten, die sich in der Nachbarschaft britischer Ko
lonien befinden und Gegenstand britischer Einwanderung sind. Eines Tages wird diese englische Einwanderung auf Befehl der englischen Regierung die Beteiligung an der Verwaltung und Gesetzgebung verlangen, namentlich wenn es sich um Goldfelder oder andere für England nützliche Dinge handelt; in der weiteren Entwickelung des Stückes werden dann ein Mr. Jameson und hinter ihm eine englische Armee in Szene treten. Wenn heute Transvaal den Engländern zur Einverleibung reis erscheint, so wird in 10 Jahren, je nach dem Fortschritt der wirtschaftlichen Entwickelung, englischerseits eine gleiche Forderung in Bezug auf Teutsch-Südwestasrika erhoben werden können, der einzige Rechtstitel, den England geltend macht. Das englische Staatsinteresse würde sich aus jedes Gebiet auf dem Erdenrund anwenden lassen, zu dessen Unterwerfung die Kräfte Englands ausreichen. Angesichts solcher Grundsätze, denen gegenüber die von England so hartnäckig bekämpfte Politik Napoleons I. von geradezu beispielloser Schüchternheit war, wird man sich in London nicht wundern dürfen, wenn, wie vom Schatzkanzler jüngst im Unterhaufe ausgesprochen wurde, die anderen Nationen England „nicht eben mit freundlichen Blicken betrachten".
Males Md Vroomffeltes.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhalte», werden grundsätzlich nicht ausgenommen«)
Gießen, 12. März 1900.
** GeschichtSkalender. (Nachdruck verboten,) Bor 119 Jibren, am 13. März 1781, wurde zu Neu-Ruppin der berühmte Architekt Gottfried Schinkel geboren. Durch seine genialen Bauten, mit denen er die Stadt Berlin und ihre Umgebung schmückte, machte er Epoche in der neueren Kunstgeschichte. Auch hat er tn vielen Zweigen der Industrie höheren Kunstsinn heimisch gemacht. Der Meister starb am 9. Oktober 1841 zu Berlin
** Auszeichnungen. Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin haben Allergnädigst geruht, am 11. März, als am Geburtstage Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Elisabeth, folgende Ehrenzeichen für langjährige treue Dienste in einundderselben Familie an folgende Dienstboten zu verleihen:
A. das Goldene Kreuz mit Brillanten:
1) Lisette Hebbel von Ortenberg, 41 Jahre bei der Familie des Gastwirts Daniel Hebbel IV. in Ortenberg. 2) Elisabeth« Holdefehr von Gundersheim, 54 Jahre bei der Familie des Landwirts Leonhard Flörsch zu Gundersheim. 3) Babette Stephan von Erbach i. O., 43 Jahre bei Seiner Erlaucht dem Grasen Georg Albrecht zu Erbach-Erbach. 4) Katharina Elisabetha Zöller aus Kwch-Göns, 43 Jahre bei der Familie des Herrn Anton Volk III. in Pohl-Göns.
Feuilleton.
Der verbotene Cy linder Hut. Ein etwas eigenartiger Brauch herrschte bisher in Elbing bei den Abiturienten. Wenn die Prüfung vorüber, und ihr Verlauf ein glücklicher gewesen war, so setzten die jungen Leute beim Verlassen der Schule einem aus ihrer Mitte einen Cylinderhut von ungewöhnlichen Dimensionen auf und zogen dann unter seiner Führung durch die Stadt nach £>aufe und gaben ihrem Wonnegefühl darüber, daß die Büffelei der letzten Wochen nun abgethan sei, einen etwas überschäumendeu Ausdruck. Diesem Scherz hat jetzt die Polizei ein Ende bereitet. Als dieser Tage die Prüflinge das königliche Gymnasium verließen, trat ihnen ein Schutzmann entgegen, welcher den Mann mit dem Hute aus der Schar herausgriff und nach der Wache brachte. Alles Sträuben und Reden half nichts, weshalb auch seine Kameraden, die ihn nicht im Stich lassen wollten, den Weg zur Wache antraten. Auf der Polizei wurde dem Uebelthäter bedeutet, daß der hohe Hut übel vermerkt worden sei. Damit war zwar einer allen Sitte, nicht aber der Fröhlichkeit der jungen Leute der Garaus gemacht.
Zu welcher Tageszeit halten sich Geburten iinb Todesfälle das Gleichgewicht? Es ist bekannt, daß in den meisten europäischen Ländern die Zahl der täglichen Geburten jene der Sterbefälle überwiegt, so daß die Bevölkerung der betreffenden Staaten sich beständig vermehrt. Statistische Aufnahmen haben ferner ergeben, daß die meisten Geburten in den Vormittagsstunden erfolge», die meisten Todesfälle zwischen 2 und 6 Uhr nach mittags. „Semaine medieale“ bringt eine Zusammenstellung des statistischen Bureaus der Stadt Cremona bezüglich dieses Gegenstandes, die die intereffante Thatsache
ergiebt, daß das Maximum der Todesfälle mit dem Mini mum der Geburten zusammenfällt und umgekehrt, und daß es ferner eine Periode im Tage giebt, während welcher die Ziffer der Todesfälle jener der Geburten annähernd gleich- tommt, die Bevölkerungszahl eines Landes während dieser Zeit daher unverändert bleibt. Die Statistik zeigt, daß dies während der Abendstunden von sieben bis neun Uhr der Fall ist. Diese Zeiten dürften für alle Länder Mitteleuropas ziemlich allgemein gelten, für andere Länder findet selbstverständlich eine Verschiebung nach der Lage statt.'
Das Auge im hypnotischen Schlummer. Im hypnotischen Schlummer erleidet das Auge eine Reihe von Veränderungen. Diese Erscheinungen, die bisher noch nicht genauer beobachtet worden sind, hat Neuschüler untersucht und das Ergebnis in der „Rivista sperimentale di freniatria“ veröffentlicht. Er glaubt darin ein Mittel der Kontrolle gefunden zu haben, das von der gerichtlichen Medizin nutzbar gemacht werden kann. Als objektive Symptome bezeichnet der Forscher vor allem das Zittern des Augenlids im Moment, wo das Auge anfängt, bü Wirkungen des hypnotischen Schlummers zu empfinben. Während des Schlummers zittert es fortwährend. Die Bindehaut ist während des Schlummers unempfindlich. Bei manchen tritt die Anästhesie nur schwer ein und manchmal gar nicht. Wenn aber bas Auge in Thätigkeit tritt, nimmt bie Anästhesie wieber ab ober verschwinbet ganz. Die Empfinblichkeit bet Bindehaut kommt auch wieder, wenn in dem Hypnotisierten eine Halluzination erweckt wird. Die Iris ist manchmal erweitert, seltener eingezogen. Sie bleibt für Lichtreize empfindlich. Die Augäpfel ändern die Lage derart, daß sie oft, sich nach oben drehend, die Pupille unter dem oberen Lid verbergen. Die Sehschärfe und die Weite der Akkomodation erfuhren während des hypnotischen Schlummers bei den von Neuschüler untersuchten Personen oft Veränderungen.
Neuschüler hat auch die Beziehung der Sehschärfe und Akkomodation zu der suggerierten Blindheit untersucht und feftfteCen wollen, ob es möglich ist, eine vollkommene Aushebung der Sehkraft durch Suggestion hervorzubringen. Natürlich hat er sich dabei nicht auf die Aussagen der Hypnotisierten verlassen. Eine wirkliche körperliche Blindheit war aber niemals festzustellen, denn wenn er den schwarzen Star z. B. des rechten Auges suggeriert hatte und die Versuchsperson mit dem linken Auge einen Gegenstand durch ein Prisma betrachten ließ, so zeigte sich Doppelfichtigkeit. Das aber wäre sicher nicht möglich, wenn eins der Augen völlig blind gewesen wäre. Das rechte Auge folgte in normaler Weise den Bewegungen des andern Auges, das in Funktion geblieben war. Der Farbensinn erfährt im hypnotischen Schlummer kaum merkliche Veränderungen. Bei den suggerierten Halluzinationen hat der Gelehrte den Grad der Festigkeit halluzinatorischer Bilder untersucht und gefunden, daß das fuggerierte Bild denselben optischen Gesetzen folgt, wie das wirkliche.
Humoristisches.
* Verzeihlicher Irrtum. Baron (bei einer Abendunterhaltung, zu einem NeichstagS-Abgeordneten): „Apropos, dieser Heinze, nach dem die lex heißt, ist doch also der Kerl, der zuerst solch dolle Bilder ausstellte, nicht wahr?"
* Aus der Kindheit berühmter Frauen. Eine kleine Prinzessin mußte viel Geschichte lernen. Eines Tages las sie von Tiberius, daß ihm die mageren Menschen Mißtrauen, die dicken dagegen Vertrauen einstößten „Out/ sagte sie, „ich will, daß meine Unterthanen zu mir Vertrauen haben." Aus der kleinen Prinzessin wurde später die bekannte KSMgin Viktoria. („Münch. Jugend.")
* Glaube, Hoffnung, Liebe. Student: „Sin merkwürdiger Tag! Erhalte da drei Briese. In dem ersten glaubt mfin Schneide^ ich werde ihn bezahlen; im zweiten hofft mein Later, ich werde das Examen bestehen, und im dritten versichert mir meine Braut, daß sie mich über alles liebt I*


