1900
150. Jahrgang
Mittwoch den 12. Dezember
Rr. Z9 E Zweites Blatt
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-4»kßr«t- Nr. 7.
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den Geschmack deS Würdigen. Frl. Fischer als Therese war von liebenswürdiger Lebendigkeit im Spiel und gesanglich von sicherster Grazie. Herrn M a n t l e r s prächtiger Bramarbas Bombardon zeigte den Sänger im Vollbesitz seines reichen Materials und war darstellerisch eine Leistung von hervorragender Charakterisierungskraft. Herrn Pichlers Spiel und Gesang sind voll entwickelt; er wie Herr Brinkmann fügten sich annehmbar dem Gesamtbilde an, das unter vorzüglicher Regie außerordentlich belebt war. Auch der Chor machte gesanglich und namentlich im guten und leicht und frei bewegten Zusammenspiel den allerbesten Eindruck. — Als kleine pikante Vorgabe, wie man sie zu einem guten Mahle gern hat, gelangte Offenbachs „Der Ehemann vor der Thür" zur Aufführung, ein graziöses Satirspiel, durchströmt von musikalischem Humor, so elegant, so liebenswürdig und neckisch, wie nur irgend eine der älteren Arbeiten des großen musikalischen Karikaturenzeichners. Hier hat sich der burleske Zug seines Schaffens noch nicht zur treibenden Kraft der Komödie ausgewachsen, den Uebermut halten noch die Grazien im Zügel. Das Textbuch ist freilich auf einer Handlung aufgebaut, die nach unseren modernen Anschauungen ein wenig lahm erscheint, eine Pikant pointierte Anekdote,- die als parodierende Parallele
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Fernsprecher Nr. 51.
Der Krieg in China.
Die Verzögerung in der Unterzeichnung und Zustellung der Kollektivnote der Mächte ist auf den Umstand zurückzuführen, daß der englische Gesandte noch keine Instruktion von seiner Regierung erhalten hat. Di« andern Mächte haben sich bezüglich der Friedenspräliminarien und bezüglich der Abfassung der an die chinesische Regierung zu richtenden Note verständigt. Sobald der englische Gesandte im Besitz der von ,hm er- bettncn Instruktion sein wird, treten die Gesandten von neuem zusammen, England müßte denn eine Aenderung verlangen oder eine andere Macht eine vollständig neue Forderung aufstellen. In dieser S'tzung wird gegebenenfalls die Note unterzeichnet und dann sofort den chinesischen Bevollmächtigten zugestellt werden. In dieser Beziehung hat sich ein Zweifel erhoben, ob die Vollmachten der Vertreter der chinesischen Regierung ausreichend sind. LiHung-Tschang und Prinz Tsching haben nicht etwa eine schriftliche Ausfertigung des Ediktes erhalten, durch das sie zu Bevollmächtigten ernannt worden sind. Man zweifelt nicht an der Dichtigkeit ihrer Bestellung, aber sie sind nicht in der Lage, einen amtlichen Ausweis vorzulegen. Sie geben an, daß sie telegraphisch mit ihrem Mandat betraut worden find. Die Gesandten behaupten, daß die Art und Weise ihrer Ernennung unzulänglich ist, während Li Hung Tschang nnb Prinz Tsching behaupten, daß es in China nicht Gepflogenheit ist, einem Regierungs-Kommiffar genau definierte Edikte zuzustellen. Die Ernennung an und für sich müßte als genügende Garantie betrachtet werden. Li Hung-Tschang nbot fich, eine amtliche Bescheinigung darüber auszustellen, daß
Ohm Krüger.
Haag, 10. Dezember.
Eine Abordnung des Alldeutschen Verbandes inbcr Führung der Abg. Dr. Hasse und Lehr, die zur Begrüßung des Präsidenten Krüger hier eingetroffen waren, wurden von Krüger empfangen. Dr. Haffe erklärte, daß der Alldeutsche Verband und das gesamte deutsche Volk von de» gleichen Gefühlen der Trauer und der Bitterkeit wegen der Unterbrechung der Reise des Präsidenten Krüger in Deutschland erfüllt sei.
Aus Petersburg ist Krüger mitgeteilt worden, man sehe fich zu seinem lebhaftesten Bedauern nicht in der Lage, ihn jetzt zu empfangen. Krüger beabfichtigte im Januar nach Petersburg zu kommen. Als er nach dieser Antwort anfragte, ob er vielleicht später werde empfangen werden, wurde noch energischer abgewinkt.
Telegramme deS Gietzener Anzeiger-.
Haag, 11. Dezember. Krüger hatte gestern eine 20 Minuten dauernde Unterredung mit dem Minister des «uswärtigen, de Beaufort, und dem Finanzminister Pierson.
Haag, 11. Dezember. Nach dem Empfang bei dem Präsidenten Krüger begab sich die Abordnung deS All- dentschen Verbandes vor das königliche Palais, wo nach einer Ansprache des ReichStagsabg. Dr. Hasse ein Hoch auf die Königin Wilhelmine ausgebracht wurde.
A. Reinig Optische Waaren i Giesser i
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Prinz Tsching wirklich zum Bevollwächttigten ernannt worden ist, dann sollte Prinz Tsching seinerseits die gleiche Bescheinigung inbetreff Li-Hung Tschang ausstellen. Dieses Anerbieten wurde selbstverständlich ohne weiteres von den Gesandten abgelehut. Schließlich erklärte sich Li-Hung-Tschang bereit, Beglaubigungsschreiben vom Hofe zu verlangen. Er erklärte aber zugleich, daß bei der Flucht des chinesischen Hofes aus Peking das große kaiserliche Siegel in der heiligen Stadt zurückgelassen worden sei und daß dieses Siegel dem Hofe wieder zugestellt werden müßte, um gültige Vollmachten ausstellen zu können. Die Entscheidung über diese Frage wurde Vorbehalten, da es zweifelhaft erscheint, ob das kaiserliche Siegel in der heiligen Stadt noch aufgefunden werden kann und nicht vielleicht bei den Plünderungen verloren gegangen ist. Diese Unregelmäßigkeit in der Ausstellung der Vollmachten kann eine Verzögerung in der Anknüpfung der offiziellen Friedensverhandlungen zur Folge haben, nicht aber eine solche in der Zustellung der Präliminar-Bedingungen, die dem Hofe in etwa 18 Tagen durch einen Kurier zugestellt werden können.
Die Entfernung Tungfuhsiangs vom Oberbefehl über die Truppen, die die Umgebung des Hofes bilden, wird von den Gesandten als ein bedeutungsvoller Schritt angesehen, der den Wunsch der Regierung beweist, sich mit den Gesandten zu verständigen. Was die Frage der Gesandtschaftsgebäude angeht, so ist geplant, daß sie alle auf einem etwa eine englische Quadratmeile großen Gebiet westlich der Tartarenstadt entrichtet werden sollen, jedes Gebäude soll Eigentum der Regierung sein, die es benutzt. Das Ganze soll von einem Wallgraben mit Zugbrücken umgeben und von einer internationalen Wachmannschaft besetzt sein, die ausreicht, um grgen eine Wiederkehr der Angriffe .Schutz zu gewähren. Außer den Clubs der Ausländer sollen sonst keine Gebäude innerhalb dieser Umwallung zugelassen werden.
Eine Depesche der „Daily News" aus Schanghai meldet, in einem Artikel über die letzte Aangtsereise des Admirals Seymour sage der Ostasiatische Lloyd, Admiral Seymour habe Tschangtschitung keinen Zweifel darüber gelassen, daß England und Deutschland in dieser Frage zusammenwirkten und hier ihre Interessen in allen Punkten dieselben seien. Das Blatt, das früher den Bewegungen Seymours auf dem Jangtse mißtrauisch gegenüberstand, sei jetzt überzeugt, daß dies Mißtrauen unbegründet sei.
Der bisherige deutsche Militäratachö in Petersburg, Major L a u e n st e i n, ist zum Stabe des Oberkommandierenden in China, Feldmarschalls Grafen Waldersee, kommandiert worden und reist am ll.ds. von Genua nach Ostasieu ab.
Der Musketier Frese aus Helsen in Waldeck vom 2. ostasiatischen Jnf.-Regiment ist laut Mitteilung der Militärbehörde in Peking von einem Kameraden in fahrlässiger Weise erschossen worden.
Aus Sh angai wird gemeldet: Auf Befehl des Grafen Waldersee wurde der Sekretär Lihungtschangs, namens Jiko, ein Mandschu, unter dec Beschuldigung verhaftet, daß er mit den Boxern in Verbindung stehe.
Die von den englischen Soldaten in Paotingfu er
Ausland.
London, 10.Dezember. Unterhaus. Bartley (kons.) bringt einen Antrag ein, worin dem Bedauer» darüber Ausdruck gegeben wird, daß so viele Mitglieder der Familie Salisbury in dem jetzigen Ministerinm Aemter erhalten haben, da dies sich mit den Interessen des öffentlichen Dienstes nicht vereinbaren laffe. Der erste Lord des Schatzes, Balfour, erwidert, es sei nur ein Mitglied der Familie Salisbury im jetzigen Ministerium, das nicht in dem vorhergehenden war. Das Land habe viermal Salisbury mit der Aufgabe betraut, die Regierung zusammenzusetzen. Dies zeige, daß das Land Vertrauen zu den Fähigkeiten Salisburys habe, die verantwortungsvolle Aufgabe durchzuführen. Der Antrag wurde sodann mit 220 gegen 128 Stimmen verworfen.
Marseille, 10. Dezember. Meyerbach, der Adju-
Erschein 1»«N4 eit lulnabme dcS
BlentagS.
Dir Gießener »a*tH<»irätt;r ■erben dem Anzeiger t« »echfel mit „Hrfi. lanbteirt* u. „Slotter Hi tzeff. Volkskunde" »Hchtl. 4 »al beigelegt.
beutete Summe von 65000 Taels wurde von dem englischen Gesandten Wohlthätigkeits-Anstalten überwiesen. — In Peking ist der erste Eisenbahnzug von Tientsin am 6. Dezember eingetroffen. Für daS Publikum wird die Linie wieder vom 15. Dezember ab benutzt werden können.
In den südlichen Teilen Chinas werden in der letzten Zeit bedeutende Vorräte von Waffen und Munition für Rechnung der chinesischen Regierung namentlich von deutscher und englischer Seite eingeführt.
Die Russen haben den chinesischen Behörden mitgeteilt, daß die Empörung in den drei östlichen Provinzen der Mandschurei durch die russischen Truppen unterdrückt worden ist. Die russische Note besagt dann weiter, daß Rußland alle seine Truppen aus dieser Gegend zurückziehen werde mit Ausnahme von etwa 5000 Mann, die zur Bewachung der Eisenbahnlinie erforderlich erscheinen.
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Telegramm deS Gießener Anzeigers.
Wilhelmshaven, 11. Dezember. Generalmajor von Hopfner meldet: Gefreiter Bessemeyer und Seesoldrt Winkler vom 2. See-Bataillon sind gestorben.
Washington, 11. Dezember. Das Kriegsministerium erklärt, daß die Haltung, die General Chaffee zurzeit dem Feldmarschall von Waldersee gegenüber beobachtet, genau den Instruktionen entspricht, die ihm unter dem 30. Juni und 19. Juli ds. Js. gegeben worden sind. In diesen Instruktionen ist gesagt, daß Chaffee keinen Anordnungen desOberbefehlshabers der verbündeten Truppen Folge zu leisten habe, welche die Unabhängigkeit der amerikanischen Truppen in Frage st'llen können. Das amerikanische Kriegsministerium hat weiter erklärt, daß es dem Grafen Waldersee die Eigenschaft eines Oberbefehlshabers zwar zuerkennen wolle, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß der Feldmarschall nur im Falle einer gemeinsamen Expedition eine Kontrolle über die amerikanischen Truppen ausübe. Mithin ist Chaffee für die Maßregel gedeckt, die er aus eigener Initiative gegen die Plünderer ergriffen hat, welche in dem von den Amerikanern bewohnten Teil von Peking ihr Unwesen trieben.
Unterhosen Hemden Strümpfe Socken Handschuhe
Feuilleton.
Frankfurter Opernhaus. Die 1876 erschienene Oper „Das goldene Kreuz" von dem Wiener Ignaz Brüll, dessen letz!es Werk, „Gringoire", 1892 einiges Aufsehen »achte, besitzt viel sentimentale Lyrik, namentlich im ersten Akt, ist aber trotz der etwas simpeln Handlung eine lebensvolle nette Spieloper. Und da die jüngste Zeit an erfolgreichen, durchschlagenden Opernnovitäten herzlich wenig ge- schaffen hat, so ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die neue Intendanz nach älteren Schätzen gräbt und die musikalisch wertvolleren aufs neue ans Lampenlicht zieht. — Brülls Oper wird erst im zweiten Akte recht dramatisch; neben Weinen Schwächen, zu denen namentlich einzelne Längen gehören, die wohl hätten ausgemerzt werden können, besitzt ic nicht geringe Schönheiten in musikalischer Hinsicht, die m der SamStag Aufführung voll zur Geltung gebracht wurden. Die Darstellung befriedigte durchaus. Frl. Bossen- benger, die Vertreterin der Christine, hatte mit ihrer idjUncn ernsten Stimme, die an den Klang eines Cello er- itm.ert, ihren Part sehr sauber herausgearbeitet. Sie befer rschte ihre Aufgabe vollkommen. Ihre Gesangsart hat
Meßmer Anzeiger
Heneral-Anzeiger
zum „Goldenen Kreuz", in dem der junge Ehemann am Tage seiner Hochzeit zum Militär ausgehoben werden soll, aufgefaßt werden könnte und wohl aus diesem Grunde auch mit dem Brüll'schen Werke für diesen Abend vereint wurde. Der Ehemann ist bei Offenbach am Abend seiner Hochzeit vor die verschlossene Thür seiner jungen Frau placiert, während diese auf dem noch immer recht ungewöhnlichen Wege durch den Kamin der Besuch eines sich vor seinen Gläubigern flüchtenden jungen Mannes von höchst unglaublicher Harmlosigkeit erhält. Die tausend Nöten, die aus dieser Situation von den Textbüchlern geschaffen wurden, hat Offenbach mit entzückender Schadenfreude so lustig in Musik gesetzt, daß wohl alle Zeit ihr helles Vergnügen an ihnen haben wird. Ungemein komisch war der im blendend hellen Anzuge aus dem russigen Kamin herausrutschende Herr Hauck, ein höchst kuriöses männliches Gegenstück zur Venus Anadyomene. Frl. Navarra war eine sehr anmutige, darstellerisch und gesanglich feine Vertreterin der jungen Frau, und Frl. Jenny Fischer als Susette von bekannter Munterkeit, wenn auch vielleicht nicht ganz von rechtem Geschick. Den unglücklichen „Ehemann vor der Thür" sang Herr Brinkmann bestens. -o.
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Bettstelle
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