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150. Jahrgang
Mittwoch dm 12. Dezember
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Darmstadt, 8. Dezember. Schwurgericht. Der erste der beideu schwersten Fälle dieser Schwurgerichtstagung gelangte heute gegen den Hausburschen Johann Georg Schock zur Verhandlung. Der in vollem Umfang geständige Angeklagte war beschuldigt, in der Nacht auf den 4. Oktober zu Michelstadt an dem Gastwirt Joseph Specht einen Raub mit den Erschwerungsmomenten des Waffengebrauchs und Einschleichens, bezw. Verbergens zur Nachtzeit, sowie durch dieselbe Handlung einen Mord versucht zu haben. Der Angeklagte wurde zu 6 Jahren Zuchthaus, abzüglich 2 Monate Untersuchungshaft, nebst fünfjährigem Ehrverlust und Zulässigkeit von Polizeiaufsicht verurteilt.
Maiuz, 9. Dezember. Der Rhein wächst hier noch fortgesetzt. Von gestern Abend bis heute ist eine Zunahme von 38 (Zentimeter zu verzeichnen. Der gegenwärtige Stand hier ist, 3.30 Meter. Vom Oberrhein wird Fallen gemeldet, wogegen der Main noch stark steigend ist. — Auf dem Kohlenmarkt scheint sich langsam eine Wendung zum Bessern zu vollziehen. — Der hiesigen städtischen Verwaltung ist es gelungen, direkt mit einer Syndikatsfirma einen Abschluß für ihren Bedarf an Steinkohlenbriquetts für das nächste Rechnungsjahr zu machen, bei dem sich der Preis ganz wesentlich billigerstellt, als im Vorjahre.
FC. Worms, 9. Dezember. Gestern feierte das Offizierkorps des hiesigen 118. Infanterieregiments die Wiederkehr des Tages von Chambord, jenes TageS, an dem Hauptmann Kattrein mit drei Offizier en und 54 Mann seiner (8.) Kompagnie das von 3000 Franzosen besetzt gehaltene Schloß Chambord stürmte und eroberte. 5 Geschütze und 250 Gefangene fielen den tapferen Hessen in die Hände. Die Heldenthat, eine der kühnsten des ganzen Feldzugs — nach dem Bericht des französischen Generals hatten 15 000 Mann mit 8 Geschützen das Schloß angegriffen — brachte Hauptmann Kattrein das eiserne Kreuz erster Klaffe ein. Am 2. Juli 1886 schied Kattrein freiwillig aus dem Leben. An der gestrigen Feier (die Wiederkehr des Tages ist heute, am 9.) nahmen u. a. die Generalmajore v. Buddenbrock, v. Weicher, Stieber, Oberst a. D. Stieber Und die Ober- leutnannts a. D. Schneider und Weber teil. Die beiden letzteren haben den Sturm auf das Schloß mitgemacht. Auch der 3. Offizier, der dabei war, Oberleutnant Stab, ist noch am Leben, war aber nicht anwesend.
VoMischr Tagesschau.
Die „Südd. Tabakztg.^ schreibt:
Agrarische Gegner allein vermögen nicht viel Unheil zu ■toten, selbst wenn sie sich auf die Finanzminister Preußens und Bayerns berufen können, denn auch der erstere agrarische Finanzmann thut mr mit, wenn für die Finanzverwaltung bei dem HerauSholen der Manien aus dem Feuer für die Agrarier etwas übrig bleibt. Bei r-m i^doch, was die Bündler beim Tabak fordern, müßte außer der ^abaNndustrie die Finanzverwaltung mitbluten, und da überlegt Fiskus "bm Fall noch einmal.
Das Fachblatt glaubt deswegen, kaltes Blut bewahren md feinen Lesern empfehlen zu dürfen, sich nicht vorzeitig msregen zu kaffen:
Aom Tabak leben in Deutschland außer den 160 000 Tabak- «kieltern zahlreiche Fabrikanten Angestellte, viele Landgemeinden, große Msiudustrien, ein mächtiges Kunstgewerbe und schließlich viele hundert- teuferi) Verschleißer. Man hat es hier also nicht mit einem Rudel Hanas, mit einer' quantitß negligeable zu thun, über welche Politiker md Volkswirte selbst von der Spezies des Herrn Lederfabrikanten von tzeyl mir nichts — dir nichts zur Tagesordnung übergehen können.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 10, Dezember.
* Vorlesung. Herr Albert Goetschy, Lektor an der Universität, wird am Mittwoch dem 12. dsS. Mts. über yMaclame de SevignG“ vorlesen.
** Der Gießener Radfahrer-Verein 1885 feierte am Samstag in Steins dichtbesetztem Saale sein 15. Winterfest. Gegen 9 Uhr wurde — so schreibt man uns — das Zrst durch den Vorsitzenden eröffnet, dem ein von 8 Herren n schneidiger Weise gefahrener Eröffnungsreigen sich an- crihte. Nach einigen Konzertstücken folgte eine Szene von geei Damen, die durchschlagenden Erfolg erzielte. Den Ganzpunkt des Festes bildete ein „Blumenreigen". Dieser üjn der Reigenmannschast des G. R.-B. in vollendeter Weise gefahrene Reigen war originell in Dekoration wie Übungen und besonders geeignet, den Saalfahrsport zu »^anschaulichen. Er brachte den Fahrern den vollen Bei- fml der Festversammlung. Der nunmehr zur Aufführung gdaitgenbe Einakter „Alles für's Kind" wurde in natürlicher Weise von seinen Darstellern -gegeben, und erntete Malischen Beifall; ebenso eine zum Schluffe gegebene humoristische Szene von 2 Herren des Vereins. Was die Abwickelung des Programms besonders auszeichnete, war öit, jede unnötige Pause vermindernde exakte Durchführung. Ett Ball verlief in mustergiltiger Ordnung, und hielt die Mnehmer bis zum Morgengrauen zusammen. Am gest- lßzkir Sonntage vereinigten sich diese nochmals zu einem Qnzchen auf dem „Windhof" und auch hier herrschte bald h gehobener Stimmung. Alles in Allem genommen kann btt G. R.-V. stolz auf das Gelingen seines Festes fein, M den Teilnehmern wird es noch lange in freudiger Er- innccung bleiben.
!. k. Grünberg, 9. Dezember. Der Lehrer an der hie- jbjtn Sonntagszeichenschule, Grünig aus Gießen, sprach gtflern abend im Gasthaus „zum Rappen" hier über: ,%riö u. die Weltausstellung", indem gleichzeitig viele SehenS- »iibigfeiten mittelst eines Projektionsapparates vor Augen ^sichet wurden. Reicher Beifall der sehr zahlreicherschienenen Zohocer lohnte den Redner, und namens der Versammlung Ißnach ihm der Vorsitzende des Ortsgewerbevereins, Spengler Mfter Kaiser, Dank aus. — Wie feit Jahren, wird hier od) diesmal eine Christbescherung für arme Kinder ütunstaltet, wozu die Kosten durch freiwillige Spenden auf- zckacht werden. Außerdem findet eine Bescherung für die Zöglinge der Kleinkinderschule statt.
Bad Nauheim, 9. Dezember. Die Win ter kur nimmt >inen guten Anfang; so zeigt es sich, daß bereits im Monat November 1291 Bäder im Konitzkystist Badehause abgegeben Md en. Nach den zahlreichen Anfragen zu urteilen, dürfte ii die Winterkur noch weit mehr ausdehnen. — In allen Men der Bevölkerung herrscht eine rege Agitation, daß des geplanten Umbaues des hiesigen Bahnhofes ein ituer Bahnhof errichtet werde. Der Bahnhof wurde U8 L. Dezember 1850 bei Eröffnung der Strecke Frank. sHltt—Nauheim—Butzbach in Benutzung genommen. Da- hatte Nauheim 1500 Einwohner und 1080 Kurgäste, ■Ifctnb jetzt 23,000 Kurgäste Nauheim iu der Saison be- sichnl. Die Räumlichkeiten des Bahnhofs sind vollständig vnpr.aktisch, das ganze Gebäude scheint nur da zu sein, um die steile, lange und dunkle Treppe zu verdecken, resp. zu überdachen. Der Bürgerverein hofft durch Eingaben an b'tn VEisenbahnminister u. s. w. endlich eine Besserung in bei, Mauheimer Eisenbahnverhältniffen herbeizusühren.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
iLgNch rU Ausnahme de- eientag».
Bit Gießener |U*tttt*ßmUr irndeu Ntm Anzeiger t» Wechsel mit „Hess. Cwkmitr u. „Blätter ftr peff. BvlkSkunde" tzlchtt. peigelegt.
Vermischtes.
* Eisenbahnunfälle. Die Nerobergbahn (Zahnrad-Drahtseilkombination) bei Wiesbaden stand in den letzten Wochen wegen Wasserrohrverstopfung still. Am 8. d. M. gegen Abend, sollte das Bergreservoir entleert werden. In halber Hohe gerieten die Wagen infolge des Defekts der Wasserbalance in rasende Fahrt — das Bremsen war machtlos — und rannten auf der Berg- und Thalstation auf. Die Führerstände wurden zusammengedrückt. Die übrigen Wagenteile hielten ziemlich Stand. Ein Führer wurde schwer, der andere leicht verletzt. — Man meldet aus Disserdingen (Luxemburg): Aus dem hiesigen Hüttenwerke stürzte eine sieben Meter hohe Eisenbahnbrücke ein, als sie ein Zug passierte. Der Maschinist und ein Heizer sprangen rechtzeitig ab. DreiPersonen wurden sofort getötet. Von den verschütteten zehn Personen sind zwei gestorben. — Durch den Zusam mensto ß zweier Eisenbahnzüge auf der Strecke Cordova— Belmez in Spanien wurden sieben Personen getötet und zwölf verwundet.
• Paris, 9. Dezember. Der Vertreter Japans bei der Ausstellung, Logations-Sekretär Sakai, beging Selbstmord, indem er sich aus dem Fenster der dritten Etage des Louxembourg-Hotel auf die Straße stürzte. Er trug einen Schädelbruch sowie schwere innere Verletzungen davon und verstarb eine Stunde nach dem Eintreffen im Hospital, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben. Er war 35 Jahre alt und sollte in den nächsten Tagen nach Aokohama zurückkehren.
* Marseille, 9. Dezember. Zwei Offiziere der Garnison von Nizza sind heute nach 1 lftünbigem Ritt hier eingetroffen. Sie hatten während dieser Zeit 200 Kilometer zurückgelegt.
♦ Wien, 8. Dezember. Seit drei Tagen herrscht auch hier großer Sturm, der nachts zum Orkan' ausartete und viel Schaden anrichtete. Infolge des andauernden Regenwetters ist in ganz Oesterreich Hochwasser eingetreten. Die Donau ist rapide gestiegen und an vielen Stellen aus den Usern getreten.
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rt. 891 Drittes Blatt.
• „Australische Havannas." Eine wichtige Nachricht für Raucher kommt aus Melbourne: Der Versuch, Havanna- und Virginia-Tabak in Viktoria anzu- pflanzen, der vor einiger Zeit von Sonburanf, bem Tabak- sachverständigen ber Regierung Viktorias gemacht wurde, hat sich als völlig erfolgreich erwiesen. Der Boden Viktorias scheint für die Tabakkultur sehr günstig zu sein. Ein schönes, samtartiges Blatt war gewachsen, von dem jetzt unter ber Anleitung des Ackerbauministers Probezigarren angefertigt worden sind. Ein Komitee von Mitgliedern der Legislaturversammlung prüfte diese in der australischen Heimat gewachsenen „Havannas" und erklärte sie für tadellos. Der Versuch wird im nächsten Jahre in größerem Maßstab fortgesetzt werden, und wenn er so erfolgreich auS- fällt wie ber erste, werden „Australische Havannas" im nächsten Jahre bereits auf den europäischen Markt kommen.
* Gegen das Duellwesen in Ungarn, fa schreibt der Pester Korrespondent des nationalliberalen „Hann. Courier", macht sich hier in den letzten Sagen eine recht lebhafte Bewegung bemerkbar. Wenn die Duellmanie, so wie gegenwärtig, mal wieder aufs höchste gestiegen ist, wenn kein Tag ohne Säbelgerassel und Pistolen- getnatter vergeht, so pflegt zwar regelmäßig eine gewisse antiduellistische Reaktion einzutreten, aber gewöhnlich hält die so lange nicht vor, die Gegner des Zweikampfes werden schließlich überzeugt, daß das Duell, zumal im „freien Ungarlande", eine durchaus notwendige ritterliche Sache sei, und alles bleibt beim alten. Diesmal soll es aber anders werden! Das Duell kann natürlich nicht ganz abgeschafft werden, benn so lange es Menschen auf der Welt geben wird, werden sich diese auch stets in irgend einer Form zu duellieren, d. h. umzubringen suchen. Aber man will hier wenigstens den Zweikampf zu „mildern"" versuchen. Es handelt sich vorläufig nur um die Studentenduelle, die hier in letzter Zeit in erschreckendem Maße überhand genommen haben, zumal sie fast immer aus die „blutigste Art", nämlich mit zum Glück sehr selten treffenden Pistolen ausgetragen werden. Dieser studentischen Blutgier will mau also ernstlich entgegentreten, und zwar durch Schaffung von ständigen „Ehrengerichten", die aus Professoren und Studenten zusammengesetzt sein sollen und darüber zu entscheiden haben werden, ob Studiosus X. den Studiosus Y. wegen eines „dummen Jungen", wegen einer Tänzerin, wegen eines nicht bewilligten Pumpes rc. rc. niederknallen darf, soll, muff oder nicht. Diese Ehrengerichte sollen über den recht weiten Begriff „Ehre" entscheiden, ob die Ehre des Beleidigten in dem einen oder andern Falle wirklich einen. Riß bekommen hat und ob es sich verlohnt, diesen ^Riß durch Pulver und Blei wieder gut zu machen, zumal die Duellkugeln zumeist die merkwürdige Gewohnheit haben, wenn sie überhaupt treffen, dann gerade — dem Beleidigten den Garaus zu machen. Wir werden also in Zukunft nur noch „ehrengerichtlich bewilligte" Duelle haben, Duelle, die gewiß um so schärfer und ernster sein werden, weil bann die Ehre wirklich mißhandelt worden ist. Nun bleibt es nur noch unserem 20. Jahrhundert Vorbehalten, daß endlich eine Pistole erfunben werde, die stets nur — den Beleidiger treffen möge!
* Ein jüdisches Fürstengeschlecht in Rußland. Der Tod des Fürsten Alexander Konstantinowitsch Jrneretinsky, Generalgouverneurs von Warschau, erweckt die Erinnerung an eine interessante genealogische Legende, die in dem Geschlechte der Jrneretinsky gleichsam als Familiensage sortlebte und noch heute gewahrt wird. Die Familie Jrneretinsky.bildet nämlich einen Zweig des russischen Fürstengeschlechts Bagration, das seine A b - stammungbis aus denKönigDavid zurückführt. Auch der byzantinische Kaiser Konstantin Porphyrogenata bezeugt in seinen Annalen, daß die Sagratiben von König David abstammen. Bezeichnend für die ernste Auffassung dieser Tradition in dem Geschlechte derer von Sagration erscheint der Umstand, daß der russische „Gotha" gedruckt in der kaiserlichen Druckerei zu Petersburg, sich auf das ausführlichste mit der jüdischen Abstammung des Fürsten- geschlechts Bagration-Jmeretinsky befaßt und nachdrücklich betont, daß die Fürsten Jrneretinsky an ihre Abstammung vom König David glauben, und daß keine andere souveräne Dynastie einen so alten Ursprung historisch nachweifen könne. In ber That kommt in der Genealogie der Bagra- tiben des öftern der Name David vor. So gab es einen David I., der im Jahre 881 starb, bann einen Davib H.r genannt „le Reparatur", u. s. f. Diese Träger ber Fürstenkrone von Bagration bekannten sich, so heißt es in bem „Annuaire be la,Noblesse de Russie" zlum jübischen Glauben und seien erst burch Verfolgungen aller Art genötigt worben, ihren alten Glauben abzuschwören und Christen zu werden. Um welche Zeit die Bagratiben bas Christentum angenommen haben, steht nicht fest. Es ist nur bekannt, daß einzelne Mitglieder des begratidischen Fürstenstammes im fünfzehnten Jahrhundert Mönche gewesen find.
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