Ne 23S Zweites Blatt. Keitag den 12 October 15V. Jahrgang i9O<b
Gießener Anzeiger
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Die Wirren in China.
Eine in New-York eingetroffene Depesche aus Peking vom 7. Oktober meldet aus angeblich glaubwürdiger chinesischer Quelle, die K a i s e r i n sei in Taiyuenfu ernstlich erkrankt, der Kaiser habe daher in der letzten Zeit freie Hand in den Staatsgeschäften. Eine zusagende Antwort auf die deutschen Forderungen sei durch Li-Hung-Tschang übermittelt worden. Danach sollen Yinghien (vielleicht eine Entstellung aus Tschinhsin), Kangyi und Tschaoschutschiao enthauptet, Prinz Tschwang, der Herzog Tsailan und Prinz MH zu l e b e n s - länglichem Kerker verurteilt und Prinz Tu an nach den kaiserlichen militärischen Postsbraßen an der sibirischen! Grenze verbannt sein als weitere Strafe für die Unterstützung, die er den Boxern angedeihen ließ. Aus dem Wortlaut dieser Depesche geht zunächst nicht klar hervor, ob die Hinrichtungen und Bestrafungen nur an- geordnet oder bereits vollzogen sind. Da man in chinesischen Dingen noch mehr als bei anderen Vorsicht walten lassens muß, so sind vorläufig auf diese Nachricht nicht allzugroße Hoffnungen zu setzen. Es ist in China durchaus nichts seltenes, daß ein Großwürdenträger, dem ein ungnädiger kaiserlicher Erlaß Amt und Würden abspricht, einige Tage nachher wieder zu seiner alten Stellung erhoben wird.
Die Aussichten auf chinesische Nachgiebigkeit vermehren sich oder nehmen ab, genau in demselben Verhältnis, wie die Einigkeit unter den europäischen Mächten stärker und schwächer zutage tritt. Von diesem Standpunkte aus ist es erfreulich, daß England sein langdauerndes Schweigen gebrochen und sein Einverständnis mit der deutschen Note erklärt hat. Die Verzögerung dieser Antwort war auf die Einholung eines Gutachtens zurückzuführen, das von Sir Claude Macdonald eingefordert worden war. Wenn uns jetzt aus London berichtet wird, daß, Macdonald sich durchaus im Sinne der deutschen Vorschläge ausgesprochen und als Vorbedingung und Grundlage einer gedeihlichen Entwickelung "die exemplarische Bestrafung der Hauptschuldigen verlangt habe, so kann dies nicht überraschen. Wir wissen seit langem, daß alle diejenigen Personen, die die Brutalität des chinesischen Vorgehens an sich selbst erfahren oder ihm in der Nähe beigewohnt haben, in dieser Beziehung einer Ansicht sind und eine rücksichtslose Bestrafung der Hauptschuldigen für unumgänglich halten. Wenn sich den Chinesen die Ueber- zeugung aufdrängte, daß auch die Mächte unerschütterlich auf dieser Ansicht bestehen, so würde das Friedenswerk einen großen Schritt vorwärts gemacht haben.
Nach einer Meldung des „Standard" aus Tientsin vom 7. ds. sammeln die Chinesen sich am Hwanglupaß, durch! den die Straße nach Schensi führt. Es würden dort große Vorräte an Getreide, Silber und Waffen zusammengebracht, und augenscheinlich bestehe die Absicht, irgendwelchen Versuchen, den kaiserlichen Hof zu verfolgen, entgegenzutreten. Sie werden jedoch, wie gesagt, kaum Gelegenheit finden, diese Absicht auszuführen. Inzwischen ist in Shanghai am 8. ein Telegramm des Sekretärs Li- Hung-Tschangs eingetroffen, worin behauptet wird, die mehrfach erwähnte Expedition nach Paotingfu sei bereits in dieser Stadt eingetroffen, während ein anderes Telegramm behauptet, in Paotingfu ständen 12 000 Mann chinesischer Truppen und eine ebenso starke stehe zwischen Paotingfu und Peking. Angesichts *A?^^echenden Gerüchte bleiben amtliche Nacht- blcfe' in der Hauptsache von deutschen Trup- pen unternommene Expedition abzuwarten.
mittlerweile, wie Reuter von dort
b »«4 Schriften des kaiserlichen Er- lasses, der Kangyr imb die Prinzen Tsaitien und Ts.aiying ihrer Titel und Würde^7Lidet den Mtt- gludern des diplomatischen Korps nunmehr zuaestellt wor- den. Danach verliert Prinz Tuan atle feine Remter" nb seine Pension und wird dem Ministerium des kaiserlichen Haushalts zur Bestrafung übergeben. Kangyi und Tschaoschutschiao werden, wie schon bekannt, dem Zensoramt überantwortet. Der Kaiser legt Wert darauf, zu betonen, daß er nicht gezögert habe, mit den Mitgliedern seiner eigenen Familie, denen er schlechte Führung der Staatsangelegenheiten vorwirft, streng zu verfahren.
General Gaselee, der nach Peking zurückgekehrt ist, erklärt, die Engländer werden ihre zurzeit in Peking stehenden Truppen während des Winters dort belassen.
1 Ein neues Bataillon eines deutschen o st a s i a t i s ch e n Infanterie-Regiments ist mit zwei Geschützen in Peking eingetroffen. — Der amerikanische General Chaffee hat nach Washington berichtet, alle Amerikaner mit Ausnahme der für die Gesandtschaften nötigen Schutzwache würden China binnen 14 Tagen verlassen haben. Die Amerikaner würden sich an den weiteren militärischen Operationen nicht beteiligen, es sei denn, daß sie angegriffen würden. — In Weihaiwei, dem englischen Hafen an
der Küste von Schantung, sind die neu errichteten Baracken zur Hälfte durch Feuer zerstört worden.
Reuters Bureau erfährt aus Peking unterm 6. ds.: Prinz Ts ch in g hat vom Kaiser einen vom 1. ds. datierten Erlaß erhalten als Antwort auf die Denkschrift Tschings, worin dieser im Namen der Gesandtschaften den Rat erteilt, der kaiserliche Hof solle nach Peking zurückkehren. Der Kaiser erklärte in dem Erlaß, er werde nach Peking zurückkehren, sobald die Verhandlungen eine günstige Wendung nehmen. In dem Erlaß heißt es ferner, es bedürfe chinesischer Machthaber, um der vielen gesetzlosen Handlungen von Chinesen in Peking Herr zu werden. Viele Chinesen in den Provinzen kommen dem Aufruf zu den Waffen, der in dem Aufruf vom Juni erlassen war, nach. Wie von Chinesen berichtet wird, sollen sich 50 000 Mann im Südwesten sammeln. — Reuters Bureau meldet aus Shanghai von gestern: Heute vor Tagesanbruch wurden die Freiwilligen alarmiert. Wie General Reagh erklärt, geschah dies nicht, weil irgendwelche Gefahr drohte, sondern um die Mannschaften auf ihre Bereitschaft zu prüfen. Das Gerücht, daß die Boxer über den Großen; Kanal nahen, findet keine Bestätigung.
Der „Times" wird aus Pe kin g vorst 4. Oktober gemeldet: Rußland verfolgt seine Politik weiter, die darin besteht, sich den Anschein zu geben, als sei es der einzige Freund Chinas. Es hat heute den chinesischen Behörden den Palast des Tsungliyamens wieder ausge- liesert. Man wird ja erfahren, was die Haltung Rußs- lands seiner Regierung in der Mandschurei, in der Moru- golei und später in Jli und in der Kaschgarei eintragen wird. Die Thatsache, daß Graf Waldersee als Oberbefehlshaber der Truppen in Tschili Rußland die Verwaltung und die Kontrolle der Eisenbahn von Tientsin nachYang- tsun, während er Deutschland die Verwaltung und Kontrolle der Eisenbahn von Yangtsun nach Peking überlassen hat, obgleich diese Linie von englischem Kapital gebaut worden ist, beweist hinlänglich, welch nebensächliche Stellung die englische Regierung in Nordchina einzunehmen sich begnügt. Der Entschluß Waldersees gereicht Rußland und Deutschland au großem Nutzen, den Engländern zu großem Nachteil, die sich noch dazu angeboten hatten, die Eisenbahn wieder auszubessern und sofort wieder in Betrieb zu setzen.
Aus Newyork wird gemeldet: Die chinesischen Würdenträger Dinghien, Kangyi und Tschaoschutschiao sind nicht bereits enthauptet worden, sondern sollen enthauptet werden. — Die Vizekönige des Aangtse- gebietes sollen nach Meldungen Londoner Blätter aus Schanghai den Hof nachdrücklich aufgefordert haben, nach Peking zurückzukehren und sogar angekündigt haben, daß sie sich andernfalls gezwungen sähen, ihre Aemter niederzulegen.
In Pariser diplomatischen Kreisen verlautet, daß die Nachrichten aus China besser seien, als die Meldungen aus englischer Quelle glauben machen könnten; es bestätige sich, daß Li -Hung-Tschang in Peking eingetroffen und daß Prinz Tuan degradiert sei.
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Aus Berlin wird gemeldet: Durch Kabinetsordre vom 8. Oktober sind sämtliche Mannschaften des Marinedetachements in Peking vom Feldwebel bis zum Gemeinen wegen heldenmütigen Verhaltens bei der Belagerung der Gesandtschaften mit dem Militärehrenzeichen erster Klasse ausgezeichnet worden.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
London, 11. Oktober. „Daily Mail" meldet aus Rom: Der italienische Vertreter in Peking hat seine Regierung telegraphisch davon benachrichtigt, daß die Meldung von dem Tode der Kaiserin sich bis in die Hauptstadt fortgepflanzt habe. Die Kaiserin soll bereits gestern beigesetzt worden sein. Die chinesischen Behörden weigern sich, die Nachricht zu dementieren oder zu bestätigen.
London, 11. Oktober. Lord Salisbury hat, wie es heißt, am Mittwoch gleichzeitig seine Antwort auf die Note Bülows und Delcasses abgesandt.
London, 11. Oktober. „Daily Mail" meldet aus Hongkong, man befürchtet immer mehr den Ausbruch ernster Unruhen in den südlichen Provinzen.
Loudon, 11. Oktober. Aus Tientsin wird gemeldet: 800 Franzosen mit Geschützen sind von hier abgegangen, um die französischen Missionare, die als Gefangene in Tschenchuang 60 Meilen südlich von Tientsin zurückgehalten werden, zu befreien. Am vergangenen Samstag gingen wettere 300 Franzosen in der Richtung auf Paotingfu ab. Man nimmt an, daß diese Abteilung denselben Zweck
verfolgt, wie die aus 400 Mann bestehende französische Expedition, die Peking verlassen hat.
Der Krieg in Südafrika.
Die „Times" meldet aus Vredefort Road, 9. Oktober: Die Division der Kolonialtruppen und die Truppen des Oberst Delisle kämpften 3 Tage lang vom 5. bis 7. ds. mit De Wet und warfen die Buren aus ihren Stellungen. Sie zersprengten das Kommando, welches vollkommen demoralisiert die Flucht ergriff. De Wet hatte fünf Geschütze und 1000 Mann zur Verfügung. Die Gefechte fanden angesichts der Berge von Vredefort statt. Die britischen Verluste sind sehr unbedeutend.
Aus Bloemfontein wird ebenfalls vom 9. gemeldet: Die Engländer haben Smithfield, Rouxville, We- pener und DewetSdorp wieder besetzt.
Aus Badfontein telegraphiert vom 9. „Reuters Bureau": Buller verließ am 6. d. M. Lydenburg,um nach Süden zu gehen.
* M *
Aus Brüssel wird vom 10. gemeldelt: DaS hiesige zum Empfang Krügers gebildete Komitee fordert sämtliche Vereine zu einer festlichen Begrüßung auf, und beantragt bei der Stadtverwaltung, einem hiesigen Platz oder einer Straße den Namen Krügers oder Transvaals beizulegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Oktober. Aus Homburg v. d. H. wird gemeldet: Das Kaiserpaar ist heute Vormittag hier eingetroffen und nahm im Schlöffe Wohnung. Der Kaiser fuhr um 11 Uhr in Begleitung des Generalmajors ä la suite Generalmajor v. Scholl nach der Saalburg, wo er einer Probe zu der morgigen Feier beiwohnte. Um 1 Uhr kehrte der Kaiser hierher zurück. — Mit dem Kaiser sind hier eingetroffen: General v. Pleffen, Generalmajor v. Scholl, Kapitän v. Grumme, Generalarzt Leuthold, Chef des Zivilkabinelts v. Lucanus.
— Vom Aufenthalte des Kaiserpaares in Hubertus stock wird mitgeteilt, daß die Umgebung des kaiserlichen Jagdschlosses in der Schorsheide auf eine weite Entfernung durch eine starke Postenkette für den öffentlichen Verkehr völlig abgesperrt war. Die Abreise des Kaiser- paares von Hubertusstock erfolgte über Station Werbellinsee; die Fahrt ging, ohne Berlin oder Potsdam zu berühren, nach Homburg v. d. H.
— Die Kaiserin Friedrich wird, wie verkantet, nächstens dem griechischen Hofe einen Besuch abftatten, um in dem neu erbauten kronprinzlichen Palais den Winter zu verbringen. Die Kaiserin wird von einer englischen Prinzessin begleitet sein. Im Frühling wird sich die Kaiserin Friedrich nach Nizza begeben und dort eine Zusammenkunft mit ihrer Mutter, der Königin von England, haben.
— Kronprinz Wilhelm wird, neueren Dispositionen zufolge, bereits am Samstag seinen Jagdaufenthalt in Bad Kreuth beenden und nach Potsdam zurückfahren.
— In Homburg trafen Prinz und Prinzessin von Preußen ein.
— Der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Vize- Admiral v. Tirpitz, ist gestern Abend von Kiel nach Berlin zurückgekehrt und hat die Dienstgeschäfte wieder übernommen.
— In Hofkreisen verlautet, daß der ReichstagSabg. Graf Dönhosf-Friedrichstein demnächst in den Fürstenstand erhoben werden soll.
— Die Nat. Ztg. bestätigt, daß über den Termin der Einberufung des Reichstages noch nichts beschlossen worden ist. Es werde angenommen, daß der Reichstag in der Woche vom 11. bis 17. November zusammentreten wird.
— Aus Kiel wird geschrieben, daß die einmaligen Ausgaben im diesjährigen Marineetat von neun auf 18 Millionen gesteigert werden sollen. Staatssekretär v. Tirpitz hat mit dem Ober.Werftdirektor die Dorfschaft Ellerbeck und die Nachbarorte besucht, deren Ufergelände für die Erweiterung der kaiserlichen Werft in Betracht kommen.
— Dem Kolonialrat wird, wie alljährlich, in seiner Herbsttagung als Hauptberatungsgegenstand der Etat der Schutzgebiete zugehen. Daneben werden auch noch andere Vorlagen seiner Begutachtung unterliegen. So ist, den „Berl. N. N." zufolge, ein Zolltarif für Neu Guinea und Mikronesien in Vorbereitung. Hinsichtlich Samoa's ist man


