M. 187 Zweites Blatt. Sonntag den 12. August
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Chinas wirtschaftliche nnb finanzielle Zukunft.
Paul Lsroy'Beaulieu beschäftigt sich im „Journal des DebatS" mit obigem Thema in ausführlicher Darlegung, worin es besonders betont, eS sei falsch, China für ein Kolonisationsgebiet zu halten. Die Umgestaltung werde vom Lande selbst ausgehen, aus seinen technischen Industrie- Mitteln resultieren, aber jedenfalls von der finanziellen Lage abhängig bleiben. In letzter Hinsicht hebt der berühmte französische Nationalökonom folgende Daten hervor:
Seit 1894 hat China bei Europa acht Anlechen in Höhe von 1500 Mill. Franken gemacht. Mit Ausnahme der Anleche von 400 Mill. (1895), deren 4 prozenttgen Zins Rußland garantiert, welches sich dadurch in einer besonderen Lage befindet, wurden alle diese Anleihen zu 5 Prozent bis 7 Prozent angebracht. Daraus erwächst China eine jährliche Last von ungefähr 80 Millionen Franken, die durch das Erträgnis der Chinesischen Zölle beinahe gedeckt wird. Gewiß werden die Mächte von der chinesischen Regierung einen reichlichen Ersatz für ben Schaden fordern, der ihnen an Personen und Eigentum »uge- fügt worden ist. Wahrscheinlich werden sie aber nicht so viel fordern, wie Japan, das auf einem Schadenersätze von 230 Millionen TaelS, d t nach dem heutigen Kurse 760 bis 770 Millionen Franken besieht. Wenn Europa sich mit 550 Millionen begnügte, was sehr Leschetden wäre, so würde die äußere Schuld Chinas zwei Milliarden betragen und eine jährliche Zinslast von 100 Millionen auferlegen. Das Erträgnis der Zölle würde hierfür nicht aufkommen, eS fei ^enn, daß China ermächtigt würde, sie um die Hälfte zu erhöhen. Das wäre billig, da der jetzige Tarif 5 Prozent nicht übersteigt. Allein die Mächte verfahren gegen die Völker, die für schwach gelten, <n despotischer und nicht zu rechtfertigender Weise. So bestreiten Frankreich, Deutschland, Rußland, Oesterreich, berat Zolltabellen Tarife von 20 Prozent bis 50 Prozent ja 60 Prozent beS Wertes der Waren aufweisen, ber Türket schon lange das Recht, ihre Zölle von 8 Prozent auf 10 Prozent ober 12 Prozent zu erhöhen, und ähnlich werden sie ohne Zweifel mit China verfahren wollen.
Wenn die Bahnstrecke von Peking nach Hankau und die Nordbahn vollendet sein werden — was rasch geschehen muß, — wird die Lage der chinesischen Finanzen sich etwas bessern, denn es ist unzweifelhaft, daß diese Bahn soviel Einträgen wird, um die Zinsen der Baukosten und des Betriebskapitals reichlich zu decken. Doch wird es China nicht leicht sein, bald wieder eine Anleihe in Europa zu machen. „Verzichtet man", schließt der Artikel, „unserem Rate gemäß darauf, China als Kolonie zu behandeln, so sollte man für die neuen Unternehmungen das chinesische Kapital mit dem europäischen zu verbinden suchen und vor allem die Mandarinen für
diese Methode gewinnen. Wenn der Erfolg obiger Bahnlinie sich dem der Strecke von Tientsin nach Peking anschließt, so ist es möglich, daß die obere Klaffe der Söhne des Himmels sich für Eisenbahnen und Bergwerke interessiert. So wird die Ausbeutung des Naturreichtums in China einen viel langsameren Weg, als geplant ist, einschlagen; aber warum wollte man die Chinesen wider ihren Willen mit Wohlthaten überhäufen; ist eS denn so sicher, daß die rasche Erschließung Chinas der zivisierten Welt Nutzen brächte? Nach dem neuen System würde China nicht vor Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, ja vielleicht erst im einundzwanzigsten, ein gefährlicher Konkurrent Europas und Amerikas. Diese Gnadenfrist müßten wir klüglich ausnutzen."
Die Wirre« i« China.
Die chinesische Regierung wird in ihrem Wunsche, die Gesandten in Peking abzuschieben und dadurch, wie sie meint, dem Bormarsch auf die Hauptstadt Einhalt zu thun, von Tag zu Tag liebenswürdiger. Sie soll den Belagerten, nachdem sie sie drei Wochen lang hatte bombardieren lassen, am 28. Juli vier Wagenladungen mit Lebensmitteln zugeführt haben, sie hat dann den telegraphischen Verkehr der Gesandten mit ihren Regierungen erst in offener zrüd dann auch in Ehisfreschrist freigegeben und läßt jetzt noch durch ihren Mittelsmann und Briefträger, den Gouverneur von Schantung, mitteiten, es würden fortan nicht nur Chiffredepeschen von den Gesandten befördert werden, sondern es würden sogar die Originale der Telegramme den Konsuln übersandt werden, um dadurch die fremden Regierungen instand zu setzen, sich von der Echtheit der Telegramme zu überzeugen. Aber alle idiese Liebenswürdigkeiten werden ihr nicht helfen; die Gesandten erklären, sie würden Peking nur unter dem Geleit der Truppen der Vervündeten verlassen. Diese Truppen werden also nach Peking marschieren und sie werden, nachdem ihnen auf dem Wege dahin die chinesische Armee so erbitterten Widerstand geleistet hat, nicht grade von freundlichen Gefühlen gegen eine Regierung beseelt sein, die ihnen jene Armee entgegengeschickt hat. Unter diesen Umständen werden auch Friedensverhandlungen, mit denen angeblich Li-Hung-Tschang beauftragt sein soll, nicht viel Aussicht auf Erfolg haben. Ein chinesischer Beamter in Shanghai behauptet, wie Reuter meldet, neuerdings sei Lipingheng mit 15000 gut ausgebildeten Soldaten nach Nangtsun marschiert, um den Verbündeten dort entgegen
zutreten. Auch das wäre, wenn es sich bestätigt, eine eigen artige Illustration der Friedfertigkeit der chinesischen Regierung. In Shanghai und am Aangtsc ist augenblicklich die Tagesfrage, wer Schutztruppen landen soll. Die Engländer erklären, der Vizekönig Liukunyi wolle zu dem Zwecke nur Engländer zulassen, weshalb wird nicht gesagt und bleibt deshalb unverständlich. Die Franzosen scheinen denn auck) nicht willens zu sein, dieses Mandat der Enländer anzuerkennen und wie Reuter vom 10. aus Shanghai meldet, hat der französische Konsul erklärt, in der nächsten Woche würden zum Schutze der französischen Niederlassung 3000 Mann anamitischer Truppen gelandet werden. Dabei ist daran zu erinnern, daß die Franzosen insofern eine Sonderstellung einnehmen, als sie ihre eigene Niederlassung suntep getrennter Verwaltung haben, während die Settlements der Engländer und Amerikaner sich zu der sogenannten internationalen Niederlassung verschmolzen haben. Nach der am 26. Mai dieses Jahres vorgenommenen Volkszählung wohnen in Shanghai: 2691 Briten, 978 Portugiesen, 736 Japaner, 562 Amerikaner, 525 Deutsche (gegen 138 im Jahre 1870), 296 Indier, 176 Franzosen, 15 Malayen und Philippiner, 111 Spanier, 83 Oesterreicher und Ungarn, 76 Dänen, 63 Schweden, 60 Italiener, 47 Russen, 45 Norweger, 41 Türken, 40 Holländer, 37 Schweizer, 23 Belgier und 28 andere Staatsangehörige, zusammen 6774 Fremde. Schon aus diesen Zahlen der fremden Bewohner geht hervor, welch beträchtliche Interessen in Shanghai zu schützen haben. Die chinesischen Kaufleute sind wenig erbaut von der Aussicht, daß Truppen'gelandet werden, sie'richteten, wie Reuters Büreau vom 9. Augusts-»legraphiert, eine Petition an die ausländischen Vertreter, worin sie bitten, keine europäischen Truppen landen zu lassen, da ein solches Vorgehen unter den Chinesen eine Panik Hervorrüfen würde. Trotzdem verlautet, es würden Vorkehrungen zur Landung von 2500 Mann getroffen. In Kanton sind am 8. ds. 17 Piraten und Räuber hingerichtet worden; in der Stadt herrscht Ruhe.
Aus Lyon wird gemeldet: Die katholischen Missionen veröffentlichen zwei Telegramme. Das erste, vom 5. August, besagt, daß die Missionare Georgon und fieret in der nördlichen Mandschurei, das zweite, vom 9. August, daß die Missionare Demi aus Cambrai und Maugin aus Metz mit 3000 Christen in Petschili ermordet worderk seien.
Nach einer Meldung aus Brüssel erhielt der Minister des Aeußern vom belgischen Konsul in Shanghai
Münchener Ausstessungsörief.
Originalbericht für ben „Gießener Anzeiger".
Nachdruck verboten.
II.
VomGlaspalastzurSezession.
Der Uebergang ist kein so gewaltsamer mehr wie vor Einigen Jahren. Es haben Annäherungen stattgefunden, und die Vertreter der verschiedenen Richtungen haben von einander gelernt. Nicht gerade immer ist die Anpassungsfähigkeit oer ursprünglichen Begabung zum Vorteil aus- gesckstagen, was sich namentlich bei einigen Porträtisten Aeigt, welchen die herbe, realistische, der verschönernden Atelierbeleuchtung ängstlich aus dem Wege gehende Art lange nicht so gut läßt wie die frühere glatte Manier.
In Landschaft und Symbol steckt die Hauptanziehungskraft der diesjährigen Sezessionisten - Ausstellung.
Wer Walter Leistikows (Berlin) „Grunewald-Mo- tiv" oder Hans v. Bartels (München) „Dampfer im Rtorgengrauen" schaut, der kommt vom Begriff eines Bildes, das rm schon geschnitzten Rahmen in einem Prunksalon hängen soll, zur Auffassung eines wirklich erlebten Naturvorganges.
Einige der feinsten Naturstudien und Stimmungen vermitteln uns auch die Ausländer, wie z. B. Auguste B r i a l (Paris) mit seinem „Novemberabend" und D. F. Cameron (London) mit seinem Fluß-Bilde.
Ersterer versteigt sich in einem Figurenbilde mit landschaftlichem Hintergründe auch in die naive Welt der Legende: „St. Franziskus, den Vögeln predigend". Wenn wir derartige Kompositionen mit Murilloschen Behandlungen ähnlicher Motive vergleichen, so wird uns das Eine sofort klar: Die Pietät für diese Stoffe kann nur noch aus künstlerischem Vermögen, nicht mehr aus religiösem vom Maler aufgebracht werden, und das bestimmt auch die Grenze seiner Wirkung auf den Beschauer.
Wer z. B. den Hergang des Gleichnisses vom „Verlorenen Sohn" nicht kennt, wird ihn aus Slevogts (München) „Triptychon" schwerlich erraten können.. Mag sein, daß diese flotte, nonchalante Art, die Farben wie mit dem Spachtel hinzusetzen, noch immer als Kühnheit bewundert wird (daß Slevogt über ein tüchtiges Können verfügt, hat er übrigens bei anderen Gelegenheiten glaub
würdig dargethan), aber diese Manier hat in beregtem Falle nichts unmittelbar Packendes geleistet. Warum mußte der biblische Vorgang mit dem Auge des Kriminalisten gesehen werden? Warum macht der in das Vaterhaus Zurückkehrende den Eindruck eines entlaufenen Galeerensträflings, der nur zurückkommt, um neue Schande über die Seinen zu bringen? Und der im geblümten Kattunschlafrock dastehende Vater, der einem galizischen Geldwechsler ähnlich schaut und so garnichts patriarchalisches an sich hat) wirkt auch nicht einnehmend. Auf den Seitenfeldern muß ein buntes Durcheinander für „Gruppen" gelten.
Max Liebermann (Berlin) ist in seinem „Altmännerhaus" seiner festen, starken Art, die ihm einenj Ehrenplatz in der Geschichte der modernen Malerei sichert, treu geblieben. Wie er es mit der schlichten Einfachheit hält, so Franz Stuck mit dem Pathos, das auch sein großes „Furienbild" beherrscht. Wenn man vor dieser Komposition steht, die ein Aeschyleischer Chor in Farben übersetzt heißen kann, so fragt man unwillkürlich: „Wo sind die Zeiten der Salon- und Boudoirmythologie geblieben, die an den Wänden der zierlichen Rokokkoschlösser auf die Gesellschaft der arteten regime herablächelte? Was ist aus diesen Göttern, Nymphen und Faunen, die einer Spielschachtel entstiegen schienen, geworden? Die Zuckerware hat sich in spröden Granit verwandelt. Aber auch über die kühl-akademische Art sind wir hinausgekommen, unsere Maler haben sie zum mindesten abgestreift. Ich wage nicht zu untersuchen, hier wäre auch kein Raum dafür, in welchem Grade Litteratur und Philosophie diesen Zug in der modernen Malerei mit vorbereitet haben. Stucks „Furien" sind ebenso wie seine „Centauren" und sein „Sisyphos" vom vergangenen Jahre mehr aus dem Geiste Nietzsches äls aus dem Winkelmanns geboren.
Unter den Porträtisten treten die Maler vornehmer Eleganz und berückender Weiblichkeit ganz zurück vor ben Charakteristikern. Leo Samberg er, der mit fünf ausgeführten Porträts und einer Bildnisstudie vertreten ist, streift die Lenbachsche Schule mehr und mehr ab.
Otto Hierl-Deronco (München) hat das Porträt einer Münchener Schönheit im Kostüm des Künstlerhausfestspiels ausgestellt. Die Dame ist, auch im Glaspalast einige Male vertreten. Wer die Auffassung des sezessio- nistischen Malers weicht ganz erheblich von der des Kolle
gen in der Sopb-ienstraße ab. Erstere läßt uns die Heldin eines Prevost'scyen Romans vermuten. Da wir mit dem Original keine persönliche Fühlung haben, können wir nicht sagen, auf welcher Seite die stärkere psychologische Begabung liegt.
In den Räumen für Plastik zeigt sich nichts Außergewöhnliches, obschon in ihnen Adolf Hildebrand (Florenz) und Max Klinger (Leipzig) vertreten sind und zwar;wie das nicht anders sein kann, mit tüchtigen Talentproben. Der getönte Marmor, die polychrome Behandlungsweise kommt wieder zur Geltung, wird sich aber wohl nur vereinzelt durchsetzen können, für Genre und Porträt, schwerer für die Idealfigur.
Jedenfalls bieten die Sezessionisten in diesem Jahre auf dem Gebiete der Skulptur kein Werk, das sich mit des Italieners La Spina bronzenem „Satyr" messen könnte. Das ist der Waldmensch der von Dionysos Bezauberte, nicht wie er im Buche, wohl aber wie er in der griechischen Phantasie gelebt haben mag. M.
Dumoristisches.
— Dora: Mr. Spooner sagt, er komme sich immer wie ein Fisch im Trockenen vor, wenn er mit mir beisammen ist.
Cora: Du hast ihn wohl geangelt, nicht wahr?
— Der kleine Charlie, den die Mutter durchprügeln wollte, war ihr entschlüpft und auf den Kastanienbaum im Garten geklettert. Als der Vater nach Hause kam, machte er sich anheischig, Charlie sehr bald vom Baum herunterzuholen. Er lief in den Garten und erklomm de« Baum mit überraschender Schnelligkeit, als die Stimme des kleinen Charlie aus den Zweigen erscholl: „Hallo, Papa — is Mutter auch hinter Dir her?"
— Konkurrenten. Der Herr Oberförster schimpfte im Wirts« haus weidlich über die bösen Chinesen.
„Aus Ihnen spricht nur der Neid!* sagte Einer.
„Der Neid? Warum sollte ich den Kerls neidisch sein?"
„Weil die Chinesen die ganze Welt anlügen können und Sie nur unfern Stammtisch!'"
— Neues von Serenissimus. Serenissimus geht mit Kindermann in der Stadt spazieren. Sie bleiben unwillkürlich bei einer Sarg- niederlage stehen. Es entspinnt sich zwischen beiden ein Gespräch über die Vorteile der Metall- und Holzsärge. Als Kindermann für die Metallsärge sehr eintritt, sagt Serenissimus:
„Aeh, lieber Kindermann, äb, haben ja ganz recht, gewiß »tete Vorteile, aber äh, halte doch Holzsärge für, äh, gesünder.
• („Münchner Jugend/)


