Ausgabe 
12.8.1900 Viertes Blatt
 
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'das Heranwachsende Geschlecht setzte er sich durch den Bau geräumiger und praktisch eingerichteter Schulhäuser. Aber nicht allein durch seinen regen Arbeitseifer, sondern auch durch sein allezeit freundtA)es, liebenswürdiges Entgegen­kommen .wußte sich der Jubilar viele Freunde in allen Schichten der Bevölkerung zu erwerben, die sich ganz sicher die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen werden, bei gedachter Feier ihren dankbaren Gesinnungen Ausdruck zu verleihen. Aus den verschiedenen Korporationen von Stadt und Land hat sich bereits ein Komitee gebildet, das die nötigen Vorbereitungen zum Jubiläum getroffen hat und schon jetzt Anmeldungen zum Festmahle im Hotel Trapp in Friedberg entgegennimmt.

m. Burkhardsfelden, 10. August. Die Veteranen von 1870/71 aus Burkhardsfelden und Oppenrod gedenken den dreißigsten Tag der Wiederkehr der großen Schlacht bei Gravelotte, den 18. August, in Gemeinschaft in der Hoff- mann'schen Wirtschaft hier zu feiern.

§! Schotten, 9. August. Am SamStag dem 25. d. M. findet, wie alljährlich, aus dem nahegelegenen Lehrer­heim Familienkonferenz der umliegenden Bezirks- Lehrervereine statt. Mehrere Vorträge versprechen hoch- intereffant zu werden, sodaß die Beteiligung an der Ver­sammlung eine recht zahlreiche werden dürfte.

! Ober-Seemen, 9. August. Am Sonntag dem 19. d. M. findet hier ein Kriegersest, verbunden mit der Fahnen­weihe des hiesigen Kriegervereins, statt. Die Vorbereitungen haben bereits begonnen und schon zahlreiche Vereine ihr Erscheinen in Aussicht gestellt.

§ Merkenfritz, 8. August. Dec Schulverwalter Koch, der seit kurzer Zeit die Schulstelle zu Herchenhain ver­waltete, ist zum Gehilfen des hiesigen erkrankten Lehrers Sinn ernannt worden und wird morgen den Unterricht beginnen.

-v. Eifa, 10. August. Gegenwärtig macht sich hier und in der Umgegend ein sehr lebhafter Handel mit Heidelbeeren bemerkbar. Seither waren die Leute auf das Hausieren mit den Heidelbeeren in dem nahe­liegender: Städtchen Alsfeld angewiesen, wo sie oft eine recht geringe Bezahlung erhielten. In den letzten Tagen nun sind fremde Händler hier angekomwen, die sämtliche gepflückte Beeren in den Ortschaften aufkaufen und das Pfund mit 810 Pfg. bezahlen. Auf diese Weise bietet sich armer: Leuten in hiesiger Gegend eine sehr lohnende Erwerbsquelle. Wurderr doch schon in den Vorjahren von Familien hier bis 60 Mk. mit Beerenpflücken verdient, so dürfte sich das Verdienst dieser arbeitsamen Leute in diesem Jahre wegen des erhöhten Preises und günstigen Absatzes noch erheblich! steigern.

Mainz, 10. August. Der Kaiser kommt morgen früh 5 Uhr 50 Min. in Kastel an und steigt bei der Wagen­fabrik aus, woselbst er vom Großherzog, der Gene­ralität und den Spitzen der Behörden begrüßt werden wird. Der Kaiser begiebt sich dann zu Pferde mit dem Groß- Herzog und der Generalität nach dem Großen Sand. Dort findet zuerst Brigade-Exerzieren, dann Exerzieren der 13. Husaren statt. Hieran reiht sich die Kais er- Parade, an der sich 19 Bataillone, 10 ESkadrons und 12 Batterien beteiligen. Nach her Parade wird der Kaiser, wie bereits gemeldet, an der Spitze der Fahnen- kompagnie zum Gouvernementsgebäude reiten und hierauf zum Großherzoglichen Palais, wo das Frühstück ein­genommen wird, zu dem die Spitzen der Behörden besohlen find. Nach dem Frühstück fährt der Kaiser vom Zentral­bahnhof nach Homburg zurück.

Das 60jährige Stiftungsfest des Korps Starkenburgia zu Gießen.

Gießen, 10. August 1900.

In den Tagen vom 7. bis 10. August l. I. feierte das KorpsStarkenburgia,dahier, eine,der ältesten,hiesigen studentischen Verbindungen sein 60jähriges Stiftungsfest.

Anläßlich dieses Festes fanden sich sehr zahlreiche, frühere Mitglieder und Freunde des Korps in der alten Musenstadt, mit der sie so manche Erinnerungen an schöne, längst entschwundene Zeiten verbinden, zusammen, um den Stistungstag festlich zu begehen.

Naelchem schpn in der Nacht vom 6. aus den 7. August l. I. verschiedene alte Herren angekommen waren und sich einem verspäteten Abendschoppen mit den aktiven und inaktiven Studenten vereinigt hatten, sammelten sich am 7. August l. I. allmählich die Festteilnehmer.

Schon bei dem um 11 Uhr vormittags im S. E.-Lokal (Zum Perkeo) stattgehabten Frühschoppen hatten siel) sehr viele alte Herren und Gäste des Korps, speziell Vertreter her K ar teil korps Saxoborussia (Heidelberg), Gucstphalia (Bonn), Saxonia (Göttingen), Gueftphalia (Jena) und Suesla (Breslau), des befreundeten Korps Rhenauia (Frei­burg) der Korps Teutonia (Marburg) und Palatia (Straß­burg) emgefunden; während die Vertreter der ebenfalls zum Fest eingeladenen Palatia zu Bonn am Erscheinen ver­hindert waren. 1

Im Laufe des Tags vermehrten sich in den Hotels und den Straßen der Stadt immer mehr die mit roten und rot-wech-goldenen Bändern geschmückten Alten- ^selben in Verbindung mit den bunten Mützen, der Vertreter der auswärtigen Korps und den zahl- ^i^ Fahnen und Gmrlanden, mit denen die Häuser KKKSÄL--- «« sssera Starkenburam aus in drei Abteilungen, jede mit 4wei Fahnen und drei weiteren Studenten in vollem Wicbs und voran em Musikkorps, durch die .Hauptstraßen der Stadt mich dem eigentlickien Festlokal (Steins Garten) beweate und auf die massenhaften Zuschauer in aller, Straßen einen überwältige,iden Eindruck machte.

In Steins Garten fand dann in dem mit Fahnen Guirlanden und allen möglichen studentischen Emblemen reichgeschmückten Saale, in welchem sich inzwischen von den Ungeladenen Ehrengästen die Herren Geh. Rat v. Bechtold, Landgerichtsdirektor Jöckel und Polizeiamtn,ann Hechler sowie die Vertreter der hiesigen Korps Hassia und Teutonia

eingefunden hatten, in Gegenwart zahlreicher Damen (An­gehörige der jetzigen und früheren Korpsmitglieder), für welche im Anbau eine Tribüne errichtet war, der Fesfi- kommerS statt.

Derselbe wurde von dem ersten Chargierten des Korps, stud. jur. Rahn aus Worms präsidiert, während als Prä­sident des Festausschusses an Stelle des leider am Er­scheinen verhinderten ersten Präsidenten, des hochver­dienten früheren Korpsmitgliedes Geh. Medizinalrat L u d - w i g (Heppenheim) Rechtsanwalt und Notar Metz von hier fungierte.

Der Kommers begann mit einem einfachen Abendessen bei einem Glas Wein. Während dieses Essens begrüßte Rechtsanwalt Metz namens des Festausschusses die er­schienenen Korpsbrüder und Freunde mit folgender An­sprache :

»Festgenossen, liebe Korpsbrüder und Freunde, hochgeehrte Gäste! Zwölf Lustren, zwei volle Menschenalter sind dahingegangen, seit dem Tage, an welchem gerade heute vor 60 Jahren sieben Gießener Studenten, von welchen, gewiß eine gütige Gabe des Schicksals, drei heute noch am Leben sind, und wir einen, den ersten 1. Chargierten des Korps, heute unter uns zu sehen die Ehre haben, das Korps Starkenburgia, unser Korps, gegründet oder richtiger gesagt den damals bereits bestandenen Freundschaftsbund durch eine neue Konstitution fester gefügt und aus­gebaut haben. Ist uns doch allen bekannt, daß schon seit den 20er Jahren eine Starkenburgia hier bestand, als deren Rechtsnachfolgerin wir unser jetziges Korps mit Recht ansehen; und steht doch ebenso fest, daß seit dem 19. Februar 1839 bis heute ununterbrochen unsere Starken­burgia mit ihren jetzigen Farben und ihrem Wahlspruch besteht, deren Konstitution in erster Linie von dem damaligen ersten Chargierten, dem Leibburschen unseres heute anwesenden Stifters und Ehrenmitgliedes, meinem nun schon lange dahingeschiedenen Vater, garantiert noch heute im Archiv unseres Korps aufbewahrt wird. In diesem langen Zeit­raum, in welchem sich die Geschicke der Einzelnen und Nationen so viel­fach geändert haben, hat unsere Starkenburgia in Krieg und Frieden, in Gunst und Ungunst der Verhältnisse ihr Panier stets aufrecht und ihren edlen Wahlspruch,Treue und Bruderliebe", hochgehalten. Und so ist e5 denn kein Wunder, daß Ihr, liebe Korpsbrüdk», aus allen Gauen unseres Vaterlandes, aus Süd und Nord, aus Ost und West, über die Alpen, aus Ländern französischer Zunge, aus Rußlands Schnee- gefildeu gekommen seid, um Eure unverbrüchliche Anhänglichkeit an das Korps von neuem zu bethätigen, zu dem Korps, dem wir alle für unser ganzes Leben so viel verdanken. Mancher von unseren Korpsbrüdern, auch von denen, welche heute hier erschienen sind, hätten ja lieber das heutige Fest im trauten Heppenheim gefeiert, am Fuß der Starkenburg, von der unser Korps seinen Namen trägt. Ja, es gab sogar ganz ver­einzelte zaghafte Gemüter, die meinten, in Gießen sei eine rege Be­teiligung an dem Fest seitens der alten Herren nicht zu erwarten. Der Anblick dieses Saales zeigt das Gegenteil. Derselbe liefert ein glänzendes Zeugnis dafür, daß ein alter Korvsstudent und speziell ein alter Starken­burger nie säumt zu erscheinen, sei es in Heppenheim, sei es in Gießen, sei es an jedem dritten Ort, auf den ihn die Majorität der Korpsbrüder ruft, um darzuthun, daß er heute noch stolz ist, die Farben zu tragen, für die er einst die Klinge gekreuzt, und daß er heute noch mit seiner ganzen Kraft eintritt für das korpsstudentische Prinzip. In diesem Sinne wollen wir denn, liebe Korpsbrüder und Freunde, mit unseren verehrten Gästen den heutigen Ehrentag unseres Korps begehen. Indem wir uns hierzu rüsten, ziemt es uns aber vor allem, wie es überall Sitte ist, wo sich deutsche Männer zu ernsten Thaten und fröhlichen Festen vereinigen, zu gedenken Sr. Majestät des Kaisers, des that« kräftigen Herrschers und Regenten, der gleich seinen Vorfahren als erster Diener des Staates uns allen voranleuchtet in unermüdlicher Thäiigkeit für die Allgemeinheit, für das Wohl des Reiches und seiner Glieder. Wir alten Korpsstudenten sehen aber in Seiner Majestät dem deutschen Kaiser nicht nur den ersten Schutzherrn des Reiches, den Monarchen, den Bundesoberfeldherrn, sondern wir nennen mit Stolz den Kaiser den unfern insofern, als er in seiner erhabenen Person vor allem be- thätigt, was wir alten und jungen Korpsstudenten für unsere erste Pflicht erachten, nämlich unter Hintenansetzung persönlichen Wohlbehagens und persönlicher Interessen jederzeit auf dem Posten, auf den wir durch das Geschick berufen sind, unsere volle Schuldigkeit zu thun und mit aller Entschiedenheit und, wenn es sein muß, mit Rücksichtslosigkeit für die Durchführung desjenigen einzutreten, was wir nach sorgfältiger Prüfung für richtig erkannt haben. Wir Korpsstudenten nennen aber Se. Majestät insofern mit Stolz den unfern, als derselbe, während er als Prinz an der schönen Universität am Rhein studierte, von welcher wir heute ebenfalls Vertreter hier zu sehen die Ehre haben, durch seine Zugehörigkeit zu einem hochangesehenen Korps am besten zu erkennen gab, wie er die Bedeutung der Korps für die Erziehung tüchtiger Männer, die im Staat, Kirche und Gemeinde an hervorragender Stelle zu wirken berufen sind, würdigt. Neben dem Kaiser gedenken wir so­dann unseres Landesfürsten, des treuen Verbündeten Sr. Majestät, des erhabenen und eifrigen Protektors und Förderers von Wissenschaft und Kunst, dessen zu gedenken, wir als akademische Körperschaft doppelt Veranlassung haben, als wir in ihm nicht nur unserem gütigen und gerechten Landessürsten huldigen, sondern auch als dem Rektor Magni- fizentissimus unserer Landesuniversität, und so glaube ich, daß wir unser Fest nicht würdiger beginnen können als mit dem begeisterten Ruf: Seine Majestät der Kaiser Wilhelm II. und Seine König!. Hoheit der Großherzog von Hessen und bei Rhein leben Hoch und nochmals Hoch und abermals Hochl"

In. dieses Hoch stimmte die gesamte Versammlung begeistert ein, und wurde darauf die Nationalhymne unter Begleitung Her Musik von sämtlichen Festteilnehmern, die sich von ihren Sitzen erhoben, gesungen.

Nach dem Essen begann etwa um 10 Uhr der eigent­liche Bierkommers mit der Begrüßung sämtlicher Fest­teilnehmer, insbesondere der Gäste durch den ersten Char­gierten Rahn, der folgendes ausführte:

Liebe Korpsbrüder! Hochverehrte Gäste!

Im Namen des aktiven Korps habe ich die Ehre, Sie zu be­grüßen, Ihnen zu danken für Ihr Erscheinen, Ihre freundliche Bereit­willigkeit, unser Fest durch Ihre Gegenwart zu verherrlichen.

Nach lOjähriger Pause ist es uns heute wieder vergönnt, in statt­licher Zahl zum Stiftungsfest zusammenzukommen, und wie in früheren Jahren, so hat uns auch heute zusammengeführt die unverbrüchliche Liebe und Treue zu unferm Korps.

Wir haben die hohe Freude, zu sehen, daß der Senior vom 7. August 1840, unser ältestes Ehrenmitglied, Herr Baurat Dr. D ie ff en- bach, nach vollendetem 80. Lebensjahr in voller Frische an unserem Feste teilnimmt, umgeben von zahlreichen alten Herren, die fast gleich­altrig sind. c

Viele freilich, die in früheren Jahren froh und gern dem Rufe zum Stiftungsfest gefolgt, sind nicht mehr. Mit Trauer gedenken wir ihrer am heutigen Tage. Ihr Andenken aber lebt bei uns fort, und mahnt uns, festzuhalten an der alten Tradition, hochzuhalten die Fahne, die sie ihr Leben lang hochgehalten.

Denjenigen aber, welchen es vergönnt war, heute hierher zu kommen, danken wir für ihr Erscheinen, für diesen neuen Beweis ihrer Liebe und ihres Interesses. Ganz besonders danken wir allen, die in selbstloser Hingabe an die Sache dazu beigetragen haben, unser Fest zu einer wür­digen Feier zu gestalten.

In stattlicher Zahl sind die Vertreter unseres Kartells und be­freundeten Korps erschienen. Mit dem Gruße, den wir ihnen barbringen, verbinden wir den Wunsch, daß das Verhältnis gegenteiliger Treue und Anhänglichkeit fortbestehen möge für alle Zeiten.

Auch dem Gießener 8.-0. danken wir für seine Anteilnahme an unserem Ehrentag, die er durch Entsendung seiner Vertreter, sowie durch seine Glückwünsche dargethan hat

Vorzüglich Dank schulden wir den Spitzen der Behörden, welche in liebenswürdigster Weise unserer Einladung Folge geleistet haben.

D/rehrte Festgenoffen! Alle die Wünsche, die uns heute, im Hin­blick auf unser Fest beseelen, lassen Sic uns darin-um Ausdruck bringen, daß wir auf einen frohen, fröhlichen Verlauf unseres 60. Stiftungsfestes einen donnernden Salamander reiben.

Das um das Korps nach verschiedenen Richtungen, insbesondere durch die Herausgabe einer gelegentlich des rrOjährrgen Stiftungsfestes erschienenen Festschrift (Korps- Geschichte) verdiente Ehrenmitglied Sanitätsrat Dr. Scharfenberg (Michelstadt) hielt sodann die eigentliche Festtede mit folgenden Worten:

Liebe Korpsbrüder! Verehrte Festgenossen!

Man rechnet im bürgerlichen Leben auf 60 Jahre zwei Generationen mm Menschen; im akademischen Leben umschließen sie mindestens zwanzig Generationen von Studenten, die unser Korps heute durchlaufen haben» Sie alle sind heute geladen, um diesen denkwürdigen Zeitabschnitt zu­sammen festlich zu begehen. Wohl mag dabei manchem dem Korpsleben ßemstehenden Laien, der Gedanke aussteigen: wie kommen diese vielen Männer, die zu den verschiedensten Zeiten studiert haben, jetzt in den verschiedensten Lebensaltern stehen, unter den verschiedensten Verhältnissen « L den verschiedensten Interessen leben, dazu, gemeinsam ein solches Fest zu begehen? Mag es die Mitglieder einer Generation drängen, jemeinfam bie Erinnerung an ihre Studienzeit wachzurufen, die ver- chiedenen Generationen unter sich haben doch kaum etwas Gemeinsames iU feiern. Diese Ansicht kann man oft vertreten hören von dem Philister, der in einem studentischen Korps nichts anderes sieht, als eine Gesell­schaft mehr ober weniger gut situierter junger Leute, bie sich lebiglich zu dem Zweck zusammengefunben haben, ihre stubentische Freiheit zu möglichst ausgelassenem Lebensgenuß zu benutzen. Es ist freilich nicht zu verwundern, baß solche Anschauungen Platz gegriffen unb sich fest­gesetzt haben, wenn man erwägt, baß von ber Zeit von 100 Jahren, während welcher jetzt Korps auf beutschen Hochschulen bestehen, ziemlich genau bie Hälfte verlief, bis bie Korps offiziell anerkannt wurden. Während der ganzen ersten Hälfte des nun abgelaufenen Jahrhunderts wurden seitens der Regierungsorgane die Korps als politisch gefährlich verdächtigt und verfolgt ; es war ihnen dadurch die Möglichkeit genommen, sich öffentlich zu erkennen zu geben oder sich gegen öffentliche Angriffe öffentlich zu verteidigen, und als sie schließlich im Jahre 1848 öffentliche Duldung und Anerkennung erlangten, erfolgte dieselbe ebenfalls nur auf Grund der Annahme, daß sie ausschließlich gesellige Zwecke verfolgten. Wie ganz anders stellt sich dagegen dasKorpsleben dem dar, der selbst die korps- studentische Laufbahn durchmessen hat. Wohl ist dem jugendlichen Frohsinn darin ein weiter Spielraum gelassen, sodaß auch der alte Herr sich "och mancher frohen Stunden und Tage gern erinnert; aber neben Frohsinn unb Jugenblust hat bas Korpsleben auch seine ernsten Seiten, seine ethischen Ziele, die nur zu lange von der breiten Oeffentlichkeit übersehen und gering geschätzt wurden, weil der Korpsstudent es ver­schmähte, die Alarmtrommel der Reklame zu rühren, während andere studentische Korporationen Vaterlandsliebe und Moral als Aushänge­schild benutzten.

Es ist doch gewiß weder wunderbar, noch als Zeichen der Ueber- hebung aufzufassen, wenn die zum großen Teil aus Beamten- ober sonstigen angesehenen Familien hervorgegangenen, mit guter häuslicher Erziehung versehenen Jünglinge, bie nach Abstreifung beS Schulzwangs zu ber viel gerühmten akademischen Freiheit gelangt waren, nunmehr das Bedürfnis fühlten nach einem geeigneten Verkehr, wenn sie an die Personen ihres Umgangs gewisse Anforderungen stellten, und nach Garantien suchten, die geeignet erschienen, sich vor späteren Enttäuschungen zu bewahren. Ebenso natürlich ist es, daß sie diese Anforderungen an die ihren näheren Umgang bildenden Kommilitonen nach ihren eigenen Anschauungen und Idealen formulierten unb sich Gesetze gaben, die da einsetzten, wo andere Erziehungseinflüffe versagten. Die Prinzipien und Gesetze der deutschen Korps, wie sie in den Komments unb den Kon­stitutionen niedergelegt sind, haben sich so aus den praktischen Bedürf­nissen ber akademischen Jugend entwickelt und nunmehr über ein halbes Jahrhundert bewährt. Sie sind deshalb auch gerade in den letzten 30 Jahren für verschiedene andere Gruppen von Eorpo- rationen mustergiltig geworden, wenn diese es auch vielleicht nicht zugestehen, um mit ihren Traditionen nicht brechen zu muffen. Diese be­währten Prinzipien und Gesetze verlangen von jedem Mitglied des Korps zunächst Unterordnung unter ein gemeinsames Ganze, die.Vertretung und Leitung desselben; sie verlangen unter dem Begriff Ehrenhaftigkeit, unbedingte Zuverlässigkeit sowie das Bewußtsein der Pflicht, für jede Aeußerung und Handlung persönlich einzustehen, nötigenfalls mit Blut und Leben; sie beanspruchen deshalb auch persönlichen Mut und That- kraft unb suchen diese Eigenschaften zu erwecken und zu stärken bura, Waffenübungen unb zwar nicht nur mit geschützten Körper zur Erlangung ber nötigen Kraft unb Gewandtheit, sondern auch blutige, wenn auch nicht lebensgefährliche Messungen mit Gegnern aus anderen Korps zur Bestätigung der Fähigkeit die Waffen zu führen und der Fähigkeit einer Gefahr ruhig unb sicher entgegentreten zu können. Hierin liegt zweifel­los eine sichere Garantie gegenüber ber Renommage unb bem hohlen Phrasentum unb biefe erweckt unb stärket zugleich bas Bewußtsein ber Achtungswür bigkei t, bas bie edelste Triebfeber, bet beste Leitstern eines ehrenhaften Mannes bilbet.

Dafür aber, daß dem Korpsleben wirklich ein solcher Einfluß zu­gesprochen werden muß, haben wir zwei unwiderlegbare Beweise. Der erste liegt darin, daß, als im Jahre 1870 plötzlich das Vaterland seine Söhne zu den Waffen rief, gerade aus den Reihen der Korps, welchen man doch bis dahin stets den Vorwurf des Jndifferentismus der Vaterlandsliebe gegenüber gemacht hatte, eine auffallend große Zahl zu beit Waffen eilte. Auch von unserem Korps folgte eine große Anzahl Mitglieder bem Rufe bes Vaterlanbes. Einer von ihnen, unser unver­geßlicher Korpsbruber, L. von Riebesel, starb ben Helbentod in der Schlacht bei Gravelotte beim Sturm auf St. Privat; zwei andere, bie Korpsbrüder Gutheim und Heyd, erlagen den Strapazen deö Feld­zuges; 24 KotPSbrüder kehrten mit dem eisernen Kreuz ober sonstigen Auszeichnungen geehrt in bie Heimat zurück. Der anbere Beweis liegt barin, baß, wenn wir bie Liste unserer KorpSbrüber burchgehen, wir unter ben Sebenben wie unter ben Verstorbenen eine verhältnismäßig große Anzahl Männer in hohen Staatsstellungen ober in angesehenen Lebensstellungen im Privatleben finden. Wenn aber so erwiesen ist, daß die Korpserziehung thatsächlich eine zuverlässige Garantie für per­sönliche Tüchtigkeit bietet, so kann es nicht ausbleibeu, daß nicht nur die Mitglieder der einzelnen Generationen sich in treuer und fester Freundschaft aneinanberfchließen, fonbern baß auch bie verschobenen Generationen ancinanbcr bas lebhafteste Interesse nehmen unb sich als zusammengehörig betrachten, ba sie sich zu ben gleichen Pünzipien be­kennen unb von gleichen Jugendidealen beseelt wissen; unb beShalb wird gerade die gemeinsame Feier des Tages, der in uns Allen frohe und begeisternde Erinnerungen wachruft, von Seiten aller Generationen wesentlich zur Erhöhung derselben beitragen.

In diesem Sinne und in dem Wunsche, daß es auch fernerhin dem KorpS stets vergönnt fein möge, mit gleich erhebenden Gefühlen auf feine Mitglieder blicken zu können, fordere ich Sic auf zu einem kräftigen Salamander auf unser Korps und bie KorpSbrüber! ad exercitium salamandris eins, zwei brci!

Nach dieser sehr beifällig aufgenommenen Rede nahm Herr Geh. Schulrat D o sch (Worms), welcher wie im Jahr 1890 gelegentlich des 50 jährigen Stiftungsfestes so auch dieses Mal durch die Komposition einer sehr melodischen^ fein durchgearbeiteten Ouvertüre sich um das Stiftungsfest verdient gemacht hat, das Wort zu folgender humoristische Ansprache:

Sehr verehrte KorpSbrüber!

Es ist heute schon so oft von «ns alten und ältesten Herren geredet und rühmend anerkannt worden, daß so viele trotz threS hohen Alters zu unserem F.ste gekommen find. Wenn man aber von Alter spricht, so darf man doch nicht bloS die GeburtSmatrikrl zu Rate ziehen, sondern eS find ganz andere Dinge, welche hier den Ausschlag geben.

Wie ich das meine, habe ich vor zwei Jahren einem Jagdherrn nach einer fröhlichen und fidelen Jagd in fein Jagdbuch geschrieben,, und damit der Frage, wie alt ich sei, plötzlich ein Ziel gesetzt. ES