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12.8.1900 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 12. August

Drittes Blatt.

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Nochmals Hessische Hochschule.

Zu dem Artikel derFranks. Ztg.", mit dem wir uns bereits in Nr. 182, 2. Bl., beschäftigten, nimmt jetzt auch derMainz. Anz." Stellung und tritt t r o tz der Errichtung «einer Handelshochschule in Frankfurt nochmals für eine -hessische Handelshochschule ein.

Bor allem schöpft er neuen Mut aus der Behauptung derFranks. Ztg.", daß die enge Nachbarschaft der Universitäten Heidelberg, Gießen, Marburg sich nicht allzu nachteilig erwiesen habe, und knüpft daran nach­stehende Ausführungen:

Wenn das genannte Blatt trotzdem für das Groß- herzogtum Hessen die Bedürfnisfrage verneinen zu sollen glaubt, so hat hierbei wohl der Wunsch mitgewirkt, für die eben in Frankfurt im Entstehen begriffeneAkademie für Sozial- und Handelswissenschaften" in einerhessi­schen Handelshochschule" keine Konkurrenz erstehen zu sehen. Den Lokalpatuiotismus, den es bei dieser Gelegen­heit beweist, nehmen wir ihm durchaus nicht übel, sondern halten denselben für andere Blätter für vorbildlich. und nachahmenswert. Unsererseits sind wir jedoch der An­sicht, daß die Errichtung eines derartigen Instituts in Frankfurt für die hessische Regierung, welche, wie wir durch den Bericht der Mainzer Handelskammer er­fahren haben, eine Handelshochschule in Er­wägung gezogen hat und derselben Interesse ent­gegenbringt, kein Grund sein dürfte, der sie die Absicht ihrem Kaufmannsstande ein geistiges Zentrum zu schaffen, wieder aufzugeben veranlaßt. Zudem scheint uns die FrankfurterAkademie für Sozial- und Handelswissen­schaften" auch das nicht zu werden, was uns als das Ideal einer Handelshochschule vorschwebt. Die Frankfurter An­stalt soll nach den einleitenden Worten ihrer Denkschrift inersterLiniefürstaatlicheund kommu nale Beamte, für Industrielle und Techniker aller Art bestimmt sein, soweit als möglich aber auch Kaufleuten dienen". In erster Linie erstreckt sie sich also auf das Qkfciet der Sozialwissenschaften, und der Kaufmann tritt dabei ziemlich in den Hintergrund. In der Denkschrift heißt es weiter:Es giebt auch für den Kaufmann eine Reihe von Fächern, die teils für ihn als Kaufmann, teils für ihn als Staats- und Kommunalbürger von Bedeutung sind" und:Es wird kaum nötig sein, außer den speziellen F-ächern der Handelsgeschichte und Handelsgeographie zu den schon erwähnten Lehrgegenständen der Akademie weitere hinzuzufügen".

In diesem Programm können wir das Vorbild einer Handelshochschule nicht erblicken. Dieselbe soll und muß in erster Linie dem praktischen Kauf­mann dienen und wir glauben, daß dieses Ziel viel eher durch einen Lehrplan erreicht wird, wie ihn die Kölner Handelshochschule, die im nächsten Frühjahr ins Leben tritt, aufweist. Dort ist neben dem allgemeinen Teil,

welcher Volkswirtschaftslehre, juristische Fächer, Handels­geschichte und Geographie umfaßt, ein speziell kaufmänni­scher Teil vorgesehen, in welchem Handelslehre, Buch­führung, kaufmännisches Rechnen, Warenkunde und fremde Sprachen gelehrt werden. Es soll ein Musterkontor ein­gerichtet und zwischen den einzelnen Abteilungen sollen ideelle Geschäfte gemacht werden. Der Vormittag ist den Vorlesungen gewidmet, während nachinittags nur praktische Hebungen im Musterkontor und in fremden Sprachen vor­genommen werden sollen. Neben Französisch und Englisch soll Spanisch, Portugiesisch und Ita­lienisch gelehrt werden. Kurse im Holländischen und in den nordischen Sprachen, besonders im R u s fi­sch e n, werden ins Auge gefaßt. Welch ein großer Unter­schied ergiebt sich also zwischen dem Frankfurter Lehrplan und demjenigen, wie er in Köln vorgesehen ist und wie wir ihn für Mainz anstreben. In Frankfurt tritt das Sozialwissenschaftliche in den Vordergrund, hier das Kom­merzielle, die speziellen kaufmännischen Fächer und die fremden Sprachen. Unter diesen Umständen würden sich die beiden Anstalten in Frankfurt und Mainz wohl kaum, wie dieFrankfurter Zeitung" befürchtet, den Raum ver­sperren, beide würden wohl friedlich neben einander ge­deihen können und die Mainzer Handelshochschule ihre Anziehungskraft nicht allein auf die hessischen, sondern auch auf diejenigen jungen Leute des übrigen Süddeutschlanp ausüben, die sich zum praktischen Kaufmann heranbilden und es bis zum Leiter großer kaufmännischer und indu­strieller Unternehmungen bringen wollen. Es ist ein cha­rakteristisches Merkmal unserer Zeit, daß sich immer stärker der Zug zu kapitalistischen Unternehmungsformen geltend macht, das Zeichen zunehmender kaufmännischer und indu­strieller Association ist unserer Zeit deutlich aufgedrückt. Die Leitung dieser Unternehmungen sowie einer großen Reihe von Privatbetrieben, erfordert eine gewaltige Zahl von hervorragenden kaufmännischen Kräften, die sich bei den stets wachsenden Ansprüchen, die an das Wissen und Können des Kaufmanns gestellt werden, für die Zukunft in erster Linie aus Zöglingen von Handelshochschulen re­krutieren dürften. Die Leipziger Handelshochschule, die vor zwei Jahren mit einer Schülerzahl von 110 eröffnet wurde, zählt deren jetzt schon 300. Möge deshalb die hessische Regierung die Verwirklichung des Gedankens nicht zu lange hinausschieben und mögen die in Betracht kom­menden Mainzer Kreise, Körperschaften und Behörden mit uns dafür eintreten, daß die hessische Handels­hochschule in Mainz errichtet wird."

Die maßgebenden Ansichten aus Universitätskreisen haben wir ja, als wir zu jenem Artikel derFr. Ztg." Stellung nahmen, unfern Lesern bereits mitgeteilt. Es sollte uns ja freuen, wenn derMainz. Anz." mit seinen Ausführungen, daß die Frankfurter Handelshochschule keine Handelshochschule im wahren Sinne

des Wortes sei, recht behielte. Dann hieße es natür­lich auch für Gießen, sich der Frage wieder anzuneh- men. Indessen vermögen wir kaum zu glauben, daß Frankfurt eine so untergeordnete und einseitige Bildungs­stätte, wie sie das genannte Blatt hinzustellen beliebt, schaffen will, sondern, wenn einmal, auch seinem Rang als Zentrale des Handels Westdeutschlands entsprechend, min­destens eine der Kölner Handelshochschule gleichwertige Schöpfung ins Leben rufen wird. Sich also an die Hoff­nung zu klammern, dürfte ein schwacher Anker sein.

StttWge durch die Puristr Wellausstkltuog.

Bon PaulLindenberg.

(Nachdruck verboten.)

XX.

Auf dem Marsfelde. Der Palast der Waldungen, der Zagd und des Fischfangs. 3m Schatten des Eiffelturms. Leib­liche und geistige Genuffe. Tas Gespenst des Krachs-

Nette Zahlen. Marocco und Tirol

Nun haben wir es auf unseren Streifzügen erreicht, das erinnerungsvolle M a r s f e l d, das viele Wandlungenr erlebt und mit manchem Blatte der Geschichte von Paris wie jener von Frankreich eng verbunden ist: sah es doch im Juli 1790 die letzte Verherrlichung des Königtums, da hier unter dem Jubel Hunderttausender Ludwig XVI. den Eid auf die Verfassung leistete, nahm hier doch im Dezember 1804 der erste Napoleon, dem die Ruhmesgöttin in üppiger Frische den vollen Siegeslorbeer gewunden, am Tage nach seiner Krönung den Treueschwur der Abgeord­neten und der Armee entgegen, aus diesem, nach dem Kriegsgott benannten Felde, auf dem er als junger Mili­tärschüler oft in Reih und Glied gestanden, ohne zu ahnen, daß sich hier einst die adlergekrönten Fahnen huldigend vor ihm tieigen würden, zum letzten Male am 1. Juni 1815, wenige Wochen vor seiner zweiten Abdankung und vor seiner Verbannung nach dem meerumbrandeten Felsen­eiland im Atlantischen Ozean.

Später sah dieses Feld die Völker zum friedlichen Wett­bewerb vereinigt, die Weltausstellungen von 1867, 1878 und 1889 fanden hier statt, und auch jetzt wieder bildet dieser Teil den Brennpunkt der Jahrhundertausstellung mit der Fülle seiner schönheitsreichen Bauten, stolz über­ragt von dem wolkenemporskrebenden Eiffelturm, mit den herrlichen Blicken nach dem Trocadero hier und dem Elek- trttitätspalast dort, mit seinen erfrischenden Garten anlagen, und rauschenden Springbrunnen, mit seinem buntfarbigen von Minute zu Minute sich verändernden Leben und Trei­ben, das sich fesselnd abhebt von diesem weitgezogenen, prächtigen Rahmen, den nur die Weltstadt Paris in dieser Größe und Mannigfaltigkeit zu bieten vermag.

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Vom alten und neuen botanischen Garten. Strohwitwer- geschichteu.

Die Tage des alten botanischen Gartens sind gezählt. Der schöne ausgedehnte Parkmit seinen Palmen und fremd­ländischen Coniferen, mit den stachlichten Cakteen auf künst­lich errichteten Steinhügeln, mit den anmutigen Blumen­gruppen, den langgestreckten Gewächshäusern, die eine un­endliche Fülle des Seltsamen und Seltenen beherbergen, wird eines häßlichen Tages geschlossen werden und wahr­scheinlich dem Zwecke der Bebauung anheimfallen. Zwar lamentieren die Schöneberger, an deren Stadtgrenze der herrliche Park liegt; aber es wird ihnen kaum etwas helfen. Der Grundwert des mächtigen Geländes ist mit den Jahren enorm gestiegen, denn die Straßenzüge von Berlin W. und Schöneberg laufen rings um ihn herum und wo vor 20 Jahren noch Schöneberger Bauern ihren Kohl und ihre Kartoffeln bauten, erhebt sich ein Mietspalast neben dem andern. Es ist der Krone nicht zu verdenken, daß sie es redlich den berühmten Millionenbauem nachmacht und das kostbare Stück Erde zu verwerten trachtet. Freilich schwindet damit eine Stätte der Erinnerung für manchen * alten Berliner, dem der ruhige, saubere Garten inmitten des Rasselns und Lärmens der Potsdamer Straße eine liebe Zufluchtsstätte war. Hier hat auch Chamisso gewandelt und manchen seiner herrlichen Verse gedichtet. Er war bekanntlich Eustos des Gartens und eine damals neu ent­deckte Pflanze trägt seinen Namen. Ebenso schmerzlich werden die Mütter den Schluß der schlichten eisernen Pforte empfinden. Es giebt im Westen Berlins kaum einen Platz, zu dem man die Kinder lieber schicken möchte. Denn sie sind hier so gut aufgehoben, wie sonst nirgends. Natürlich finden sie pur in Begleitung Erwachsener Zutritt und ]

dürfen keinerlei Pflückgelüsten nachgehen. Aber durch zahl­reiche Ruhebänke und einen Spielplatz ist nach anderer Seite für sie gesorgt, und man ist daher gar nicht erstaunt, wenn abends um sieben Uhr bei Schluß der Pforte ein ganzes Heer von Kindern mit ihren Bonnen oder Müttern dem Garten entströmt. Daß dazwischen auch, ein wenig zweierlei Tuch auftaucht, ist selbstverständlich. Weshalb soll ein wißbegieriger Gardegrenadier nicht auch- botanische Studien machen?

Freilich im neuen botanischen Garten werden die strammen Marssöhne nicht allzu zahlreich erscheinen. Denn der neue liegt weit, weit draußen zwischen Steglitz und dem Grünewald, auf dem Gebiete einer alten Domäne, Dahlem mit Namen, die durch die Anlage dieses Studien­gartens aus dem Jahrhundertschlaf erwacht ist und nun bald wie ihre Nachbarn Schmargendorf, Steglitz :c. zur Bedeutung eines Berliner Vororts heranwachsen wird. Denn neben den Wohnhäusern für die zahlreichen Be­amten des Gartens werden andere Häuser wie Pilze aus der Erde wachsen, da eine Straßenbahn das abseits ge­legene Dahlem schnell in das Riesennetz großstädtischen Verkehrs ziehen wird und der nahe Grünewald für Natur­schwärmer eine große Anziehungskraft bei der Wahl einer neuen Wohnung ausübt. Hoffentlich giebt der Staat das verfügbare Gelände nicht in Spekulantenhände, sondern ermöglicht es gut bürgerlichen Leuten, die ein Eigentum haben möchten, sich hier anzusiedeln. Die Wege dazu wird man finden, wenn man den ernstlichen Willen hat! Vom neuenbotanifdjen Garten sind inzwischen schon die Wohnhäuser für den Direktor, die Obergärtner, Gehilfen und Pförtner unter Dach gebracht; ebenso hat man die Kulturhäuser ziemlich fertig und den Bau des Winter- Hauses und der Schauhauser nimmt man tapfer in Angriff. An Erdarbeiten ist gleichfalls eine Menge geleistet. Auf dem mageren Sandboden der Mark hat man in weitaus­gedehnten Anlagen alle deutschen Waldformationen, sowie Haide- und Wiesenmoore angelegt. Künstliche Vorgebirgs­

gruppen mit smaragdgrünen Matten und Buchen und Tannenbestand grüßen das erstaunte Auge. Noch weiter oben auf dem künstlichen Gebirge sprudelt eine Quelle hervor, die sich lustig zum Bach erweitert und munter wie ein echtes Harzkind den Abhang hinabsturzt in das finstere Wiefenmoorland hinein. Auf dem Gipfel endlich ist die Hochgebirgswelt wunderbar täuschend nachgebildet. Die Formationen der Alpen treten uns entgegen und die pitto­resken Seltsamkeiten der Dolomiten ziehen die Blicke auf sich. Auch ein idyllisches Alpenthal mit herrlich blühenden Alpenrosen fehlt nicht und ich wette zehn gegen eins: der richtige Berliner fängt an zu jodeln, wenn er dieses Stim­mungsbild in seinem köstlichen Zauber erschaut, seufzt nach einer schönen Sennerin, die leider nicht erscheint und be­dauert zuletzt unendlich, daß nicht eine Kneipe in all der Pracht und Herrlichkeit angelegt ist!

Derrichtige Berliner", der die Gattin, dieteure", für Juli und August nach Göhren oder Binz gebracht hat, jodelt übrigens auch, ohne die Wunder der Dahlemer Hoch­gebirge zu sehen; vor Freude über sein Strohwitwer- tuM nämlich. Er genießt das aus dem Vollen. Den Trauring hat er der Westentasche anvertraut, den Schnurr­bart a la Haby aufgedreht und die chikste Kravatte Unter den Linden gekauft. So geht er auf Eroberungen aus und schwimmt im Strome großstädtischen Vergnügens, oft bis spät, spät nach Mitternacht. Leider dämmern manchem der flotten Strohwitwer in all der Luft auch trübe Stunden herauf. Denn die weibliche Nachbarschaft führt kopfschüt­telnd Buch über die Heimkunft des alten Schwerenöters? Uni) wo nimmt er Ersatz für den verloren gegangenen Trauring her? 26 Verlierer hatten sich unlängst um einen als gefunden annoncierten braven Goldreifen eingefunden und doch gehörte er keinem von ihnen! Was wird die^ge­strenge Gattin sagen, obgleich sie selbst die allem <-chulmge ist? Denn wer hat die Löcher in den Westentaschen auszu­bessern? ... *